Still Life (PC-Test)
von Patrick Streppel

Das kanadische Entwicklungsstudio von Publisher MC2 ist den Meisten sicherlich durch die Adventure-Reihe Syberia ein Begriff. Doch neben den fantasievollen Abenteuern der Kate Walker entstand in Montreal auch

das Krimi-Abenteuer Post Mortem. Angespornt vom Erfolg der CSI-Spiele ist Still Life quasi ein Mix aus beiden Titeln - und überzeugt mit sympathischen Charakteren sowie einer spannenden Krimigeschichte.

Zuletzt standen krimibegeisterte Adventure-Spieler vor der Qual der Wahl: Sie freuten sich bei den CSI- oder Law & Order-Serien zwar über detailliert ausgearbeitete Mordfälle, vermissten aber die Charakterentwicklung und Rahmenhandlung eines richtigen Adventures. Mit Still Life versucht sich MC2 am ersehnten Spagat: Auf der einen Seite suchen wir sorgfältig den Tatort ab, sammeln Hinweise und lösen Rätsel, auf der anderen führen wir ausführliche Gespräche mit unseren Kameraden und folgen der spannenden Geschichte. Das erinnert zweifellos an das jüngste Sherlock Holmes - ist aber deutlich ansprechender umgesetzt, was vor allem an den sympathischen Charakteren liegt.

Mordserie
Die Handlung von Still Life springt zwischen zwei Epochen: Beginnend im Chicago der Gegenwart untersuchen wir als junge Polizistin Victoria McPherson eine brutale Mordserie. Bereits das fünfte Opfer - wieder eine junge Frau - hat der offensichtlich geistesgestörte

Killer in einer alten Kaschemme übelst zugerichtet. Die Polizei findet die im Brustbereich mehrfach aufgeschlitzte Leiche in einer gefrorenen Badewanne wieder - kein schöner Anblick, so dass Victorias Kollege Miller gleich das Mittagessen wieder hoch kommt.

Als wir den Tatort erreichen, ist das wiederholte Missgeschick sofort Gesprächsthema - der Streifenpolizist amüsiert sich heftig und auch Victoria kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Miller finden wir schließlich ein Stockwerk höher über den Kühlschrank gekrümmt - und drücken ihm erst mal ein paar markige Sprüche rein.

Im Vergleich zu Gerichtsmedizinerin Claire ist das freilich noch harmlos: Während Sie in seinem Mittagessen wühlt, droht sie Miller hinter dem Jeep durch die Stadt zu schleifen. Nach ein paar warmen Worten mit Victoria bittet sie uns jedoch schließlich, ihr bei der Untersuchung des Tatorts zu helfen. Wir schnappen uns also eine Kamera, Luminol-Spray, Tupfer und Pinzette, um eventuellen Spuren auf

Still Life - CSI meets Syberia

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den Grund zu gehen. An den Wänden wurde etwas mit Blut geschrieben und dann wieder weggewischt - schnell ein Foto machen. Das gilt auch für einzusammelnde Gegenstände wie den Stofffetzen, den wir an der Garderobe finden. Wer sich an CSI erinnert fühlt, der sei beruhigt: Zwar erinnert das Prinzip nicht unwesentlich an Ubisofts Kriminalspiele, der Komplexitätsgrad ist jedoch merklich zurückgefahren. Pixelgenaues Absuchen der Tatorte und das richtige Anwenden der Tools sind zwar unumgänglich, es gibt jedoch weitaus weniger Interaktions- und Kombinationsmöglichkeiten. Ein wenig Umständlich ist die Benutzung von Objekten ausgefallen: Anstatt Drag&Drop aus einer Inventarleiste, müssen wir in einen separaten Bildschirm wechseln, dort das Objekt markieren und dann den Benutzen-Button drücken - ist in der Nähe eine Aktion möglich, wird diese folglich automatisch durchgeführt.

Packshot zu Still LifeStill LifeErschienen für XBox und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Detailverliebt
Die Stärken des Spiels, die es zugleich von Konkurrent Holmes abheben, sind die sympathischen, detailliert ausgearbeiteten Charaktere: Wie in einem guten Film hat jeder der Figuren seine eigene Persönlichkeit und ein klares Profil mit Motiven und Geheimnissen. Egal ob der zart besaitete Kollege, der dafür von allen aufgezogen wird und

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regelmäßig mit seiner eifersüchtigen Freundin streitet oder die Gerichtsmedizinerin, die sich vor einem wichtigen Gespräch drückt.

Wie schon Syberia-Heldin Kate Walker bekommt auch Victoria regelmäßig Anrufe von ihrem Vater oder Freund - diese kurzen Gespräche sind nicht nur spielrelevant, sondern tragen auch ungemein zur Atmosphäre bei.

Wem zu viel Gelaber auf den Keks geht, den wird freuen, dass wichtige Dialoge gekennzeichnet sind: Für relevante Fragen drücken wir die linke Maustaste, Smalltalk und Privatgespräche gibt es dagegen mit rechts.

Die Entwickler haben bei Still Life unglaublich viel Liebe in Details gesteckt. Beispiel: Wir betreten den ersten Tatort mit einem Tablett Kaffee, wovon wir den ersten Becher dem frierenden Streifenpolizisten geben. Auch Miller kriegt einen Becher, stellt diesen aber keuchend zur Seite, doch Kollegin Claire freut sich ebenfalls über die wärmende Flüssigkeit.

Klicken wir nun auf die Kiste mit der Ausrüstung, trinkt Victoria zunächst den verbleibenden Becher aus und stellt dann das Tablett ab - jeder Schritt mit einer eigenen Animation bedacht. Besprühen wir eine Wand, so streckt sich Victoria nach der richtigen Stelle und in Dialogen werden Objekte auch optisch übergeben. Auch die im Genre üblichen (Grafik-) Logikfehler findet man bei Still Life kaum: Schalten wir in einem Raum das Schwarzlicht an, scheint es auch in den nahen Korridor. Gegenstände tauchen nicht plötzlich aus dem Nichts auf wenn sie für ein Rätsel benötigt werden, sondern sind bereits länger am rechten Fleck.

Zeitsprung
Während Victoria über ihrem Fall brütet, erhält sie die Einladung ihres Vaters, für ein wenig Entspannung nach Hause zurückzukehren. Der Ausflug ist jedoch mehr als nettes Drumherum, denn auf dem Speicher vertiefen wir uns in die Aufzeichnungen von VictoriasGroßvater - und das ist durchaus wörtlich gemeint. Denn Gus McPherson, seines Zeichens Privatdetektiv, untersuchte mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor eine ganz ähnliche Mordserie in Budapest, bei der ausschließlich Prostituierte aufgeschlitzt wurden - ein ähnliches Vorgehen wie bei Victorias Fall. Anstatt uns jedoch durch Textaufzeichnungen zu wühlen, spielen wir Gus' Ermittlungen einfach selbst nach. Wir interviewen die Mädels nach Hinweisen, schlagen uns mit einem widerspenstigen Inspektor herum, quetschen den schrägen Gerichtsmediziner aus und erhalten wertvolle Hinweise von einem mysteriösen Vogelmenschen.

Auch in der vergangenen Zeitepisode haben die Entwickler auf Charaktertiefe und Nebenhandlungen Wert gelegt. So sind die Ermittlungen nicht nur ein gewöhnlicher Job für Gus, er ist vielmehr in seine Auftraggeberin, die junge Prostituierte Ida verschossen. Die Motivation ist dadurch eine ganz andere: Er muss den Täter fassen, um seine Liebe zu beschützen - aber wird ihm das

gelingen? Still Life wechselt gekonnt zwischen den parallelen Handlungssträngen: Wer in der Gegenwart gut aufpasst, der erhält wichtige Hinweise auf die damaligen Ereignisse. Eingeschlossen eine wilde Theorie, die Gus selbst zum Täter macht…

Atmosphäre pur
Still Life richtet sich eher an Krimifans und Gelegenheitsspieler als an Puzzle-Experten: Rätseldichte und Schwierigkeitsgrad sind deutlich geringer als bei anderen Genre-Kollegen, die meisten Puzzles sind mit ein wenig Aufmerksamkeitsgabe und gesundem Menschenverstand zu lösen - wer gerne über Logik-Rätseln brütet oder haufenweise Gegenstände kombiniert, der wird hier ein wenig enttäuscht.

Still Life setzt vielmehr auf eine spannende Geschichte, durch die man sich entspannt hindurchklickt - in dieser Hinsicht haben die Designer ganze Arbeit geleistet. Das exzellente Storytelling steht The Moment of Silence in nichts nach und ist ein Highlight des Genres.

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Viel Atmosphäre versprüht auch die Optik, die auf der Syberia-Engine beruht. Die vorgerenderten Hintergrundgrafiken sind äußerst detailliert und stilistisch perfekt an das Szenario angeglichen - alles wirkt kühl und künstlerisch.

Auch die Technik kann sich mit Kantenglättung und Echtzeit-Schatten durchaus sehen lassen. Hinzu kommen die zahlreichen Zwischensequenzen, die spannend inszeniert sind, auch wenn der Detailgrad der 3D-Figuren hier doch etwas zu wünschen übrig lässt. Die Soundkulisse punktet mit einem atmosphärischen, extrem stimmigen Orchester-Soundtrack und gut synchronisierter Sprachausgabe - auch wenn die geringe Anzahl der Sprecher auffällige Widerholungen der Stimmen zur Folge hat.Die Abenteuerspiele von MC2

Der französische Publisher MC2 ist die Nachfolgegesellschaft der insolventen Microids und hat von seinem Vorgänger die beiden Studios in Frankreich und Kanada, den Vertrieb in Frankreich und Italien sowie die meisten Titel übernommen. Schade: Das kanadische Studio wurde kürzlich an Ubisoft verkauft - ob dort weiterhin Adventures entstehen, ist nicht bekannt.

Syberia 1&2:
Mit Hilfe des französischen Comic-Zeichners Benoit Sokal entstanden mit den beiden Syberia-Titeln waschechte Point'n'Click-Adventures. Die Reaktionen sind geteilt: Die einen loben das phantasievolle Szenario und die spannende Geschichte, die anderen beklagen die langen Dialoge und kruden Logikrätsel.

Post Mortem:
Zwischen den Syberia-Teilen arbeitete das kanadische Studio an dem 1st-Person Adventure, das mit seinen drehbaren Standbildern stark an Myst erinnert. Die Kriminalgeschichte ist durchaus spannend, die Rätsel logisch - nur die arg sterilen Hintergründe fallen negativ ins Gewicht.

Obscure:
Im letzten Jahr erschien bei MC2 mit Obscure ein Survival Horror Adventure im Stil von Resident Evil, das vor allem durch seinen Mehrspielermodus und das frische Szenario begeisterte - man ist mit einer Gruppe Jugendlicher in einer Zombie-befallenen Schule unterwegs. Für Genre-Fans durchaus empfehlenswert, wenn auch nicht von Microids-Kanada entwickelt.Pro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ sympathische Charaktere mit Tiefgang + zwei spannende Handlungsstränge + humorvolle, gut synchronisierte Dialoge + atmosphärische, detaillierte Grafik + erstklassiger Soundtrack + zahlreiche Zwischensequenzen

Contra:
- geringe Rätseldichte - relativ leichtPro&Contra

Wertung im Schnellüberblick:

Pro:
+ sympathische Charaktere mit Tiefgang + zwei spannende Handlungsstränge + humorvolle, gut synchronisierte Dialoge + atmosphärische, detaillierte Grafik + erstklassiger Soundtrack + zahlreiche Zwischensequenzen

Contra:
- geringe Rätseldichte - relativ leicht