Die größten Überraschungen erfährt man bekanntlich, wenn man die geringsten Erwartungen hat. Und die geringsten Erwartungen hat man dann, wenn man von einer Sache bislang kaum etwas mitbekommen hat. In unserer Videospielwelt, in der wir tagtäglich mit News, Trailern und Ankündigungen konfrontiert (sprich: bombardiert) werden, schon eine kleine Rarität. Und doch hatte ich keine Ahnung, was sich hinter diesem Download-Code für SteamWorld Heist verbergen würde. Zum Glück.

SteamWorld Heist - Rundenstrategie mit ordentlich Dampf

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Keine Sorge, in Bewegung und vor allem auf dem kleinen 3DS-Bildschirm sieht das alles eine ganze Ecke knackiger aus.
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Dabei kam mir der Name „SteamWorld“ durchaus bekannt vor. Nicht grundlos, wie eine kurze Recherche offenbarte: In meiner eigenen PlayStation-Plus-Bibliothek liegt tief versteckt, und damals wohl zwischen größeren Blockbustern untergegangen, ein ominöses kleines Spielchen namens SteamWorld Dig. Ich habe es nie gespielt, mich nie genauer damit beschäftigt – bis heute. Denn nach SteamWorld Heist bin ich neugierig geworden auf das, womit Image & Form angefangen hat.

Packshot zu SteamWorld HeistSteamWorld HeistErschienen für 3DS kaufen: Jetzt kaufen:

Image & Form nennt sich das kleine Entwicklerstudio aus Schweden, das gerade mit ebenjenem SteamWorld Heist eines der kreativsten Taktik-Strategie-Abenteuer jüngerer Zeit produziert hat. Wie schon bei XCOM bewegt man ein kleines Squad auf dem Spielfeld, nimmt Platz hinter hohen und tiefen Deckungen, feuert in Runden auf seine Gegner – nur ist das Spielfeld hier zweidimensional und die Figuren sind keine Menschen, sondern mit Wasserdampf arbeitende Steambots, die sich unter Leitung der tapferen Piper gegen raubende „Scrapper“ und andere Fieslinge des interstellaren Raums auflehnen. Klingt bizarr und ist erzählerisch natürlich nicht sonderlich spannend, aber durch und durch sympathisch in Szene gesetzt. Außerdem gibt es Bonuspunkte für die coolen Charaktere.

XCOM für die Hosentasche

Für den Einfaltspinsel Seabrass etwa, der partout keine Sprichwörter versteht, oder für den älteren Ivanansky, der stets eine Hantel bei sich trägt, um seine metallenen Muskeln zu trainieren. Klar, dass damit auch in den Dialogen gespielt wird. Und ebenso klar ist, dass Englischkenntnisse zum Verstehen dieser dringend notwendig sind – eine deutsche Version gibt es nämlich nicht, auch keine Untertitel.

Auf dem Schlachtfeld selbst braucht man diese allerdings nicht, denn dort kommt Heist nahezu ohne Sprache aus. Im Gegensatz zu XCOM, Fire Emblem und Konsorten ist dieses kleine Juwel nämlich herrlich simpel: Der Reihe nach bewegt man Piper und ihr Team auf dem infiltrierten Raumschiff von links nach rechts, nach oben und unten, und wählt zwischen einer Handvoll an Aktionen diejenige aus, die gerade taktisch den besten Vorteil bringt: den klassischen Schuss oder eine Spezialaktion etwa oder eines der beiden Items, die man vor jeder Mission mit in den „Loadout“, also die Ausrüstung, packen kann.

Ein kleines eShop-Juwel: SteamWorld Heist verbindet Taktik-Strategie und Arcade-Flair zu einem interessanten Hybrid mit Suchtfaktor.Fazit lesen

Eines der coolsten, wenngleich natürlich nicht neuen Elemente von Heist ist das Schießen selbst, bei dem man mit dem Steuerkreuz den Winkel der Waffe und damit die Zielrichtung anpassen kann. Erinnert nicht von ungefähr an Code Name: STEAM (das im Test leider weniger überzeugend war) und funktioniert genauso gut – zumal die Projektile von den Wänden abprallen und damit taktisch noch gewieftere Manöver erlauben. Daher ist es auch unheimlich wichtig, immer einen Scharfschützen dabeizuhaben, da er der einzige ist, der die Flugbahn seiner Kugeln punktgenau prognostizieren kann. Sehr praktisch, um Feinde in Deckung zu treffen.

SteamWorld Heist - EntwicklervideoEin weiteres Video

Stellt euch SteamWorld Heist wie ein auf das Minimalste reduziertes XCOM: Enemy Unknown vor, auf das ihr seitlich draufschaut – nur ohne Permadeath und ohne unnötig komplizierten Ballast.

Und doch, seiner vereinfachten Spielmechanik zum Trotz, ist Heist ganz und gar nicht simpel. Ein falscher Zug kann je nach Situation und Schwierigkeit die Zerstörung eines Team-Steambots zur Folge haben – durch einen verfehlten Schuss womöglich, durch einen nicht beachteten Alarm oder eine übersehene Selbstschussanlage. Gerade den Alarm und die damit einhergehende Verstärkung habe ich auf meinen Raubzügen durch feindliche Raumschiffe viel zu oft unterschätzt: Plötzlich standen zwei gepanzerte Scrapper vor mir, die ich mit meinem ungeschützten Seabrass nicht auf einmal erledigen konnte. Zwar ist sein Verlust kein K.O.-Kriterium für die Mission. Aber jedes verlorene Team-Mitglied wirkt sich auf die Bewertung aus. Und wer nicht genug Sterne sammelt, kann später eventuell nicht alle potentiellen Rekruten in die Crew aufnehmen. Denn nur wer siegt, ist vertrauenswürdig.

SteamWorld Heist - Rundenstrategie mit ordentlich Dampf

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Die schwedischen Entwickler holen so gut wie alles aus dem Konzept raus.
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Es entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit ein angenehmer Flow in SteamWorld Heist, ein regelrechter Suchteffekt. Diesen einen Frachter noch erobern, diese eine seltene Waffe noch kaufen, diesen letzten Roboter aus der Bar noch rekrutieren – bis man schließlich beim Bosskampf landet, den man natürlich ebenfalls noch mitnimmt, verbergen sich dahinter doch die cleversten und facettenreichsten Gefechte der gesamten extraterrestrischen Missionskarte. Schon der erste Ober-Fiesling wähnte sich sicher hinter seinem kugelabfangenden Plasmaschild in Deckung, bis Piper mit einem punktgenau platzierten, von drei Wänden und der Decke abprallenden Projektil den Schalter am Rücken umkippte und ihn deaktivierte.

SteamWorld Heist holt nahezu alles heraus, was es am Handheld aus dem Spielkonzept nur herauszuholen gibt, inklusive verschiedener Trefferzonen, zerstörbarer Deckung, Nah- und Fernkampf-Specials, unterschiedlicher Waffentypen und Charakterklassen. Obendrein sieht es mit seinem coolen Comic-Stil und den butterweichen Animationen auch richtig schick aus – selbst auf dem kleinen Bildschirm des Nintendo 3DS. Zu kritisieren gäbe es maximal die harten Bestrafungen für gescheiterte Missionen und das vor allem zu Beginn viel zu kleine Inventar. Doch konnte weder das eine noch das andere meinen Spaß am Taktieren nennenswert beeinträchtigen.