Es ist mal wieder soweit: Viel zu üppiger Sonnenschein brät auf dem Asphalt Baumsamen oder plattgefahrenes Getier, dralle Menschen zwängen sich in viel zu enge Outfits und ich liefere mir mithilfe einer Spraydose epische Schlachten mit ganzen Schwärmen von Insekten, sobald ich zwei Sekunden lang das Fenster offen habe. Kurzum: Der Sommer ist da.

Natürlich ist es ein besonderer Sommer, denn es läuft die Fußball-Weltmeisterschaft, sodass sich gröhlende Schalträger mit desinteressierten Kulturfrettchen darüber streiten dürfen, wo in dieser schwarz-rot-goldenen Pampe aus zusammengeschmolzenen Vaterlandsgefühlen vielleicht ursprünglich mal die Grenzen zwischen Patriotismus, Nationalismus und Chauvinismus verliefen. Wer sich allerdings nicht so sehr für Fußball interessiert und stattdessen oder vielleicht zusätzlich einen PC und Lust auf Zocken hat, der stößt derzeit ein ganz anderes Geheul aus: Der Steam Summer Sale hat wieder zugeschlagen.

Wie jedes Jahr ist es ein Jammerspiel in fünf äußerst verschwitzten Akten, deren erster eine unerfreuliche und leicht widerwärtige Mischung aus Vorfreude und weinerlichem Wehklagen ist. Denn wenn Gamer nichts können, aber heulen können sie super, wahlweise Krokodils- oder Freudentränen. Gerade noch von einer eher schwachen E3 im Stich gelassen, ist es nun also Zeit, in die nächste Kapelle zu rennen und sich dort von Wunderheiler Gabe in eine Art ekstatischen Vollrausch bringen zu lassen, der aber, so ist das bei Wunderheilern immer, natürlich nur temporär den Schmerz vergessen macht und schon bald ein leeres Gefühl und eine allzu reale Arthritis oder Krebserkrankung im Gläubigen zurücklässt.

Steam Summer Sale - Dampfablass: Der Steam Summer Sale ist da, Jesus noch nicht

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Gabe Newell - Erlöser aller Teufelskreise und Spender von Angeboten?
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Denn wenn Vergötzung eines nicht kann, dann ist es, echte Gottheiten und Wunder zu schaffen. Ich komme just tatsächlich von einer Seite, auf welcher der Steam Summer Sale als „holy event“ bezeichnet wurde. Konsum-Fetischismus ist nun natürlich von hause aus herzlich meschugge, die geradezu fanatische Verbissenheit, mit der Leute sich an bestimmte Marken, Produzenten oder Produkte klammern, ist beispielsweise auf unappetitliche Weise verrückt. Es gibt einen großen Unterschied zwischen demjenigen, der sich in Alpha-Industries-Klamotten kleidet, und demjenigen, der denkt, es sei eine Leistung – so auch, wie bei dem, der sein iPhone wirklich gern und gut nutzt, und demjenigen, der gar nicht mehr weiß, warum genau er eigentlich das neueste Produkt von Apple haben will.

Besser noch als der Konsum-Fetisch ist aber die Konsum-Ohnmacht. Allerorten kann man derzeit Videos, Image-Macros oder Gifs bestaunen, in denen allzu kaufbereite Steam-Kunden ihre eigene Willenlosigkeit zelebrieren. Da tritt Gabe Newell als geldfressender Titan in „Attack on Titan“ auf, die Angebotsschilder werden zu den unaufhaltsamen Truppen von Mordor oder Steam selbst erscheint personifiziert mal als Jesus oder, in Anlehnung an das „Goofy Time“ Meme, als brutaler Eindringling, der sich mit gezogenem Gürtel über unsere Brieftasche hermacht.

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Das Internet hat für den Steam-Protagonisten mittlerweile eine eigene Bildsprache erschaffen.
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Der schiere Fatalismus, mit dem vor Valves wahnsinnig spektakulärem „Für uns ändert sich nichts, gebt uns euer Geld“-Event die Schultern gezuckt werden, erinnert immer an Leute, die solche Formulierungen benutzen wie „Ein Krieg bricht aus.“ - wir können weder etwas dafür noch etwas daran drehen, es ist quasi ein natürliches Ereignis. Nur der Frieden, der bricht komischerweise nie aus.

Die ganze Arie mit Ikonen-Bildern, Lobpreisungen und andererseits Gnadengesuchen ist halb im Spaß gemeint und wäre auch recht unterhaltsam. Es gibt da nur ein Problem: die andere Hälfte. Denn all diese spaßhafte Vergötzung, alle gespielte Ohnmacht vor den tollen Angeboten, alle Parallelen zu Titanen und Orks und Naturgewalten und dergleichen mehr? Sie sind alle wahr. Man ist machtlos. Wäre es nicht Valve, dann wäre es wer anders, denn es gibt bekanntlich kein richtiges Leben im falschen, keine Konsumkritik in der Konsumkirche. Das kann man mit einem gewissen Recht ekelhaft finden.

Kulturgut Konsum

Letztendlich ist es scheißegal, ob Konsum bewusst und gezielt öffentlich verkultet wird, denn das passiert von ganz allein. Die perfide Erfindung und Benennung des Black Friday beispielsweise, des Freitags nach Thanksgiving, bei dem US-Amerikaner herdenweise in die Geschäfte trampeln und ganz automatisch noch und nöcher Ramsch anschaffen, musste passieren, ganz ohne jede Frage. Und man kann nicht zuhause bleiben. Wäre das möglich, würde man es tun.

Es geht auch gar nicht darum, den Steam Summer Sale nicht zu nutzen. Was für ein Quatsch wäre das denn? Es sind tolle Angebote und wer schon immer mal ein Spiel haben wollte, der wäre herzlich blöd, es nicht mit einem Rabatt von 75% und äußerst bequem auf die eigene Festplatte zu hieven. Aber Stampeden funktionieren eben so, dass jedes einzelne Rindvieh rennt. Newells Stampede hat bislang etwa 1,5 Millarden US-Dollar in seine Taschen gespült. Nur seine, Valve ist nochmal ein ganz anderes Thema.

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Wer kann sich der Angebotsflut schon entziehen?
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Kritisches Hinterfragen ist Arbeit und keine Sau will sich mehr Arbeit als nötig aufhalsen, erst recht nicht, wenn es um das Thema zocken und abschalten geht. Kritisch werden die Gamer gegenüber marktwirtschaftlichen Prinzipien immer erst dann, wenn etwas nicht in ihrem Interesse läuft. EA sind die Bösen, weil sie Räuber sind. Activision, weil sie keine Innovation zulassen. Gabe Newell ist Jesus. Kapitalismus ist super, solange er nicht gegen mich geht. Solange ich eine Seite der Medaille putze, muss ich mir die andere nicht ansehen.

Aber wir wissen es. Wir haben ein schönes Wort für die Unmengen an ungenutzten und nichtmal angerührten Spielen, die sich wie selbstverständlich in unserer Sammlung stapeln und Staub fangen: Pile of Shame. Irgendwo in unserem Hinterkopf dämmert, dass man, wenn man es könnte, ablehnen müsste. Es ist dasselbe Gefühl, als wenn man darüber nachdenkt, unter welchen Bedingungen das eigene Smartphone zusammengebaut wurde. Das Gefühl, dass man vielleicht lieber doch nicht in ein großes Franchise-Restaurant gehen sollte. Das Wissen oder Ahnen, zu welchem Preis die Mineralien für unsere Geräte und Spielekonsolen abgebaut wurden. Wer Wurst isst, will nicht sehen, wie sie gemacht wird. Was kaum einer realisiert: Wer eine Banane isst, will es genausowenig. Valves Geschäftspraxis mag die glänzendere, hübscher anzusehende Seite der Medaille sein, aber wer denkt, sie sei deshalb nicht mehr Teil der Medaille, ist ganz kindisch.

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Karikatur oder treffende Einschätzung?
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Man kann ja nicht raus. Man kann nicht aufhören zu leben oder zu konsumieren. Und schön blöd, wer es macht – selbst, wenn der Verzicht etwas brächte, wäre eine Massenkonvertierung zu einem spartanischem Lebensstil weder möglich noch sinnvoll. Wir wollen nunmal leben. Ich habe gegenüber meinen vegetarischen Freunden kein Argument dafür, die oben angesprochene Wurst zu essen. Ich will es einfach. Ich rechtfertige mich nicht für meinen Pile of Shame, ich wollte all das nunmal. Aber ich vergesse nicht, woher er kam, wohin mein Geld ging, und den Teufel werde ich tun, ihn umzubenennen. Er hat den perfekten Namen.

Vielleicht klicke ich diesen Sommer doch auf einen oder zwei der grünen Buttons in Steam weniger. Es bringt ja vielleicht nichts. Vielleicht esse ich auch mal eine Wurst weniger. Wer weiß.

Gabe Newell tut etwas, das allen gefällt. Man kann sagen: etwas menschliches. Oscar Wilde sagt: Damit ist er einer der schlimmsten Menschen überhaupt. Amen.

Steam - SUMMER SALE!11elfEin weiteres Video