Irgendwas trifft immer. Kugel in den Kopf. Red Dead Redemption auf Dead Rising. Charme ins Herz. Geniale Spielregeln auf schmerzhaft fehlende Kantenglättung. Etwas Fauliges auf etwas Schreiendes. Ihr auf die anderen. Wollen auf Müssen.

State of Decay - Lifeline DLC TrailerEin weiteres Video

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie viel von all dem und in welchem Mischverhältnis, und ich kann nicht behaupten, alles sofort verstanden zu haben, was in State of Decay passiert ist. Schon gar nicht das Warum oder wieso das hier solchen Spaß machte. Holt es euch oder nicht. Kostet zwanzig Euro auf dem Xbox-Live-Marktplatz. Lohnt sich.

Hm, deswegen kamt ihr wahrscheinlich nicht hierher. Sofern ihr nicht ohnehin schon zu den glücklichen 500.000 zählt, solltet ihr zumindest einmal von State of Decay gehört haben. Es ist etwas, das heute gern mit zerbindestrichten Wortmonstern wie "Open-World-Survival-Zombie-Splatter-Actionspiel" umschrieben wird (mittlere Teile beliebig austauschbar).

Ein Spiel im Zeitgeist, ein bisschen was von allem, das von DayZ bis Dead Rising hängen blieb, nicht ohne den Salut in Richtung Rockstars Western, ein sonderbares Kind aus dem Hause Undead Labs. Etwas sehr Schönes, das in eurer Hand reift, je länger man es spielt.

Schlagwort Nummer 1 wäre "Open-World", und damit hätten wir Aufbau sowie Landfläche grob umrissen. Es ist eine spendabel bemessene, nach allen Seiten kilometerweit offenstehende, mit Karte und zig Symbolen lockende Welt, wie sie in dieser Generation dutzendfach für landschaftliche Schöpferkraft stand und Konsolen-Arbeitsspeicher an seine Grenzen trieb.

State of Decay - Zombies, Sandbox, Bratpfanne

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Lärm lockt mehr und mehr Untote an. Und ehe man sich versieht, erdrückt euch die Übermacht. Stirbt ein Überlebender, spielt ihr einen anderen weiter und könnt die Hinterlassenschaften plündern.
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Deutlich gröber als millionenschwere Großproduktionen zwar, ausgefranst in ihren Details, viel rumpeliger in ihrem Aufbau, aber beachtlich für ein kleines Indie-Team aus Seattle. Erinnert ein wenig an die Landschaften Nebraskas oder Kansas', irgendwas dazwischen, mit endlosen Maisfeldern, Farmland und klapprigen Holzmühlen, versoffener Country-Romantik zwischen Dinoparks mit kitschigen T-Rex-Figuren und rotbrauner Prärie. Alles frei begehbar, vom Umspannwerk bis zur Tankstelle, jederzeit offen für Erkundung, aber nicht ohne einen fauligen Haken, und zwar Schlagwort Nummer 2.

Packshot zu State of DecayState of DecayErschienen für Xbox 360 und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Zombies!! Zieht und hinkt immer gut und dazu muss man nicht viele Worte verlieren. State of Decay wirft euch – besser gesagt: euren anfänglichen Charakter Marcus – mit seinem Kumpel Ed mitten hinein ins Gammelfischbecken. Ohne Intro, nur mit der vagen Ahnung, dass aus dem geplanten Angelausflug nicht mehr viel werden wird, es sei denn, ihr zählt das Fischen in liegengelassenen Vorräten oder Gedärmen dazu, das ihr in den folgenden Stunden zigfach auf euch nehmen werdet.

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Eure erste Unterkunft ist eine alte Kirche. Mit Upgrades schafft ihr mehr Platz, verbessert dies und das, rüstet euch fürs Ende der Welt.
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Als ihr in diesem auf den ersten Blick sehr idyllischen Fleckchen Erde ankommt, sind die Exkremente bereits gesprengt und spritzen in alle Richtungen wie der Zombie-Schädel, den Ed vor einer Sekunde verzweifelt schreiend zertrümmert hat. State of Decay zeigt, wie unwichtig Details sind, wenn die Welt gerade vor die Hunde geht. Egal, wann es anfing oder wo, ihr seid im Hier und Jetzt an einer Bootsanlegestelle und es macht absolut keinen Unterschied. Wichtig ist ab sofort Schlagwort Nummer 3, womit wir bei "Survival" angekommen wären.

Ihr steuert keinen einzelnen Menschen, zumindest nicht von Anfang bis Ende, sondern ein kleines, (hoffentlich) wachsendes Ökosystem aus Überlebenden, die ihr Möglichstes dafür tun, diesen Status zu halten. Ihr seid ein wenig der Verwalter, Strippenzieher, Sammler, Jäger, Mädchen für alles, das hin und her springt, mit den Zuständen der Geretteten jongliert wie ein Zirkusartist.

Ein Spiel ums Überleben, das weiß, wohin es will. Wunderbare Beschäftigung für viele Stunden.Fazit lesen

Jemand, der nie eine Minute Zeit hat, ohne dass es irgendwo brennt, zwickt oder drängt. Jemand auch, der Ausdauer einbüßt, vor Erschöpfung keucht und stöhnt, wenn er zu lange unterwegs ist oder fliehen muss, und sich seine Kraftreserven gut einteilen sollte. Immer dann wechselt man besser zu einem anderen Überlebenden – falls sie nicht verletzt in der Basis auf Medizin warten. Und macht sich Gedanken, wie man die Stimmung in der Gemeinde heben, die Aussichten verbessern kann.

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Nirgendwo ist man komplett sicher. Nicht mal wenn man die Fenster mit Brettern und Nägeln absichert.
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Ausgangspunkt für die Erkundung der wilden Lande ist eine Basis mit Vorratslager, Unterkünften, Werkstatt, Parkplatz und was man so alles braucht. Hierher kommt ihr zurück, beladen mit Rucksäcken voller Medikamente oder Nahrung, wenn ihr in kleinen Bauernhäusern etwas gefunden habt, oder mit Überlebenden, denen ihr nicht das letzte, sondern ein sicheres Geleit gebt.

Hier treffen sich eure und die Wege von Plünderern, die ihr losschickt, um Nachschublinien einzurichten und Baumaterialien zu beschaffen. Weil man irgendwann mehr Quartiere errichten, die Küche verbessern oder Aussichtsplattformen ausbauen will. Weil das Rüsten gegen die Apokalypse vielleicht aussichtslos sein mag, aber verdammt spaßig ist. Weil man im Angesicht einer sterbenden Welt wenigstens eine Richtung verfolgt.

Immer alle Hände voll

Am Ende des Tages seid ihr hier zwar nicht sicher – überrannt werden kann man trotzdem –, aber es gibt ein Bett, ein Vorratslager, ein paar warme Worte der Lagerleitung am Funkgerät und das halbwegs aufmunternde Gefühl, zu Leuten zurückzukehren, die euch immerhin nicht sofort an den Hals springen und zerfleischen wollen.

Und irgendwo hier, ganz verquer, zwängt sich Dead Rising hinein mit seinen vielen unvorhersehbaren Events in einer Welt, die sich auch ohne euch weiterzudrehen scheint. Niemand kann genau vorhersagen, ob und wann ein Campbewohner schlotternde Knie bekommt wegen eines tobsüchtigen Infizierten, wann ein schwelender Infektionsherd oder eine Rotte Zombies gesichtet wird, die der Basis bedrohlich nah kommt – all das kann die Moral in den Keller fallen lassen. Und ihr wollt unter Garantie nicht, dass es so weit kommt.

Zwar ist die zeitliche Komponente nicht immer das größte Problem hier, ihr könnt das Zeug zur Not auch liegen lassen, die Kartensymbole ignorieren, euch später drum kümmern, um einiges zumindest. Aber Frank West, Chuck Green und ihre Sippen sind in Gedanken bestimmt bei euch, so angenehm hektisch und planlos erinnert State of Decay stellenweise an das Treiben in den knallbunten, überfrachteten Einkaufsmeilen. Hüben wie drüben sind To-do-Listen ein dehnbares Stück Papier. Es passiert ständig so vieles.

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Tag-Nacht-Wechsel ist ebenfalls ein Thema.
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Schlagwort Nummer 4 wäre "Action" und wo wir gerade Dead Rising hatten: Nope, keine Elchgeweihschläge oder Kettensägenpaddel. Nur die guten alten Bekannten wie Baseballschläger, Bratpfanne, Beil oder Jätkralle haben die Einladung zur Untotenparty erhalten. Nehmt, was ihr kriegt, und macht etwas draus. Aber übernehmt euch nicht, denn umringt von mehr als vier, fünf Gegnern stehen eure Chancen mit einem blöden Stock sehr schlecht. "Survival" heißt in State of Decay auch, mit Blick auf die Ausdauer kluge Entscheidungen zu treffen, den Rückzug falschem Stolz vorzuziehen und sich auf den Knochen zum rettenden Fahrzeug zu schleppen. Sehr intensive Momente.

Wie gut, dass ein Auto mehr sein kann als nur der sichere Weg von A nach B und die Action auch das Schleichen umfasst – spannend, sehr zu empfehlen. Hauptsache, ihr macht nicht zu viel Krach. Und zwar wirklich. Neben diesen grob skizzierten Spielregeln aus Nachschubbeschaffung, Campausbau, Planung, Abwehr, Außenposten errichten und Moral heben mischen sich Kleinigkeiten unter die spröde Oberfläche. Sie machen State of Decay zu etwas sehr Wundervollem.

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Für schnelle Fortbewegung gibt es reichlich Autos. Leider haben Untote das Bedürfnis mitzufahren, wenn ihr nicht aufpasst.
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Kramen in Schubladen oder Schränken ist unangenehm langsam und mühselig, aber halbwegs sicher. Legt ihr einen Zahn zu, könnt ihr schnell darin wühlen, macht aber Krach, und der lockt mit ein wenig Pech die Untoten ringsum an. Bevor man "Scheiße, das war so nicht geplant!" brüllen kann, hämmern sie gegen die Tür der kleinen Kaschemme, in der ihr eben noch die Beute der Woche erhofft habt, drängen hinein und euch zurück. Zum Glück kann man sich mit der Schulter voran aus dem Fenster stürzen. Es gibt kaum etwas Deprimierenderes als eine Flucht unverrichteter Dinge. Noch schlimmer, wenn in der Kommode tatsächlich medizinische Vorräte für die nächsten Tage lagen. Bittere Momente sind das.

Aber so lauten die Regeln, und ihr könnt euch je nach Beschaffenheit des Spielbrettes sanft dagegenstemmen. Rein ins Auto, falls eins in der Nähe ist, und die Rotte über den Haufen fahren, vielleicht könnt ihr so noch etwas mitschleppen und müsst nicht mit leeren Händen heimkehren. Oder ihr sterbt an Ort und Stelle nach einem minutenlangen Kampf gegen sie und eure Ausdauer.

Woanders lenkt man Zombies mit Böllern oder Weckern ab oder rammt ihnen die Fahrertür in den Körper, wenn sie euer Fahrzeug entern wollen. Man unternimmt mit labilen Campbewohnern einen Ausflug, redet in aller Ruhe, zermatscht zur Zerstreuung ein paar Untotenköpfe. Danach fühlt man sich gut.

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Schleichen ist eine gute Sache, um sich größeren Ärger zu ersparen. Wenn man es richtig macht und seine Augen überall hat...
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Man fährt im locker cruisenden Tempo durch Geisterstraßen, hält hier an, durchsucht dort einen Schuppen, schlägt sich durch Vorgärten, nimmt Überlebende mit, hilft ein paar Versprengten beim Vernageln ihrer Fenster. State of Decay ist Tun und Lassen, wie es euch gerade in den Sinn kommt. Nicht ohne den Blick aufs Tagebuch, das den mentalen und körperlichen Zustand eurer Überlebendengruppe ebenso festhält wie die Charakterwerte der spielbaren Figuren, die nach dem Learning-by-Doing-Prinzip steigen. Alles ein wenig kryptisch und verschachtelt abgebildet. Ihr müsst die Apokalypse so nehmen, wie sie kommt, und das kann man schwer voraussagen. State of Decay ist ein wunderbares kleines Energiebündel, eine Open-World-Vision, die noch nicht selbst zum Zombie verkam.

Es ist selten blitzsauber in der Ausführung, hat aber mehr Charakter als so viele vor ihm, die ähnliches versuchten. Auch wenn - und vor allem: weil - man im ersten Durchgang vielleicht nicht immer so genau versteht, was hier gerade passiert oder warum.