Stan Lee darf man mit Sicherheit zu den einflussreichsten, schillerndsten und bekanntesten Persönlichkeiten der Comic-Welt zählen. Nun ist er im Alter von 95 Jahren in Los Angeles gestorben.

Links Stan Lees allererstes Cameo in Der unheimliche Hulk vor Gericht, dann im PS4-Titel Spider-Man sowie in seinem bislang letztem MCU-Auftritt in Ant-Man And The Wasp

"Comics sind Geschichten, sie sind wie Romane. Das erste, was man also tun muss, ist ein guter Geschichtenerzähler werden" - Stan Lee.

Und Stan Lee war am Ende mehr als das. Zunächst als Assistent, dann als Autor und Schöpfer sowie als Redakteur und später als Verleger sorgte er unter anderem gemeinsam mit Jack Kirby und Steve Ditko vor allem in den 1960er-Jahren - das silberne Zeitalter der Comics - dafür, dass diese endgültig Einzug in die Popkultur hielten. Der phänomenale Siegeszug der heutigen Superheldenstreifen, die die Kinocharts weltweit dominieren, wäre ohne Stan Lees Arbeit so nicht denkbar.

Dabei begann das Leben des 1922 in Manhattan, New York, geborenen Stanley Martin Lieber als Sohn rumänischer Einwanderer unter ärmlichsten Bedingungen. Sein Onkel Robbie Solomon verschaffte dem damals 17-Jährigen 1939 einen Job beim Marvel-Vorgänger Timeley Comics unter Martin Goodman als Assistent für acht Dollar die Woche. Seine Arbeit beschränkte sich auf einfache Tätigkeiten wie das Auffüllen der Tinte, Essensbeschaffung und Korrekturlesen. Unter dem Pseudonym Stan Lee veröffentlichte er 1941 in Captain America Comics #3 seine erste eigene Geschichte als Aushilfsredakteur. Doch richtig Fahrt nahm seine Karriere erst nach dem zweiten Weltkrieg und einer Durststrecke während der 1950er-Jahre auf: Die späten 50er- und 60er-Jahre sollten als das silberne Zeitalter der Comics in die Geschichte eingehen. Gemeinsam mit Jack Kirby, Steve Ditko, Gene Colan und Don Heck erschuf Stan Lee zunächst die Fantastischen Vier, dann folgten weitere und bis heute beliebte Superheldencharaktere wie Iron Man, die X-Men, der Unglaubliche Hulk, Daredevil, Black Panther, Thor, Doctor Strange, die Avengers und den bis heute erfolgreichsten Superhelden des Marvel-Universums Spider-Man. Dabei revolutionierte er die Geschwindigkeit der Produktion und ermöglichte so zahlreiche Comics in kurzer Zeit.

Lee führte die kreative Truppe als Chefredakteur und Chef-Autor sowie Art-Director bis 1972 an, bevor er die Nachfolge von Goodman als Verleger antrat. Ab da war er auch das Gesicht des Unternehmens. Und blieb es auch selbst dann, als er sich schon längst aus dem Unternehmen zurückgezogen hatte. Zahlreiche Cameos in allen möglichen Marvel-Produktionen sorgten dafür, dass Stan Lee die wohl bekannteste Person hinter den Kulissen des Comic-Imperiums bleiben wird. Keine Frage, Stan Lee war unheimlich stolz auf seine Arbeit und seine Errungenschaften in der Unterhaltungsbranche, was er in einem Interview mit Chicago Tribune 2014 betonte: "Ich dachte mal, dass das, was ich mache, nicht von Bedeutung ist. Menschen bauen Brücken und betätigen sich in der medizinischen Forschung, während ich hier bloß Geschichten über fiktive Leute schrieb, die außergewöhnliche und verrückte Dinge tun und Kostüme tragen. Aber ich schätze, ich habe erkannt, dass man Unterhaltung nicht einfach unterschätzen darf."

Seine letzten Jahre waren leider von einigen turbulenten Ereignissen und unschönen Anschuldigungen gezeichnet: Zum ständigen Streit mit ehemaligen Kollegen darüber, wer welche Figur erschaffen hat, und einer Klage gegen sein eigenes Unternehmen POW! Entertainment kamen auch private Probleme hinzu. Es gab Berichte, seine Familie und seine Freunde würden ihn ausnutzen, woraufhin Lee drohte, Medien zu verklagen, die diese "Lügen" verbreiteten. Wiederum gab es Meldungen, er habe Pflegerinnen sexuell belästigt. "Mein Vater liebte all seine Fans", so seine Tochter Joan Celia Lee. "Er war der großartigste und anständigste Mann."

Eines kann man ganz sicher sagen: Stan Lee war ein Visionär, einer, der an ein Medium glaubte, als es von allen verteufelt wurde. Einer, der wusste, dass die Macht der Fantasie Welten bewegen kann, nicht nur auf dem Papier. Er erschuf seine Helden so, wie man sie sich vorstellen würde: Stark, mutig, couragiert und aufopferungsvoll, aber auch mit Schwächen. Schwächen, die sie menschlich machten, um ihre Superkräfte zu erden. Und damit traf er direkt ins Herz der Fans. Denn sie wollten keine aalglatten Figuren ohne Makel, sondern den netten Helden von nebenan. Eben jemanden wie Spider-Man. Das Prinzip machte Schule. Heute kann sich keiner mehr vorstellen, Superhelden ohne Makel zu sehen. Das wäre ja dann sonst so wie mit Steven Seagal in seinen Filmen. "Ich wollte sie immer unterschiedlich und vielschichtig haben", so Stan Lee etwa über seine X-Men. "Das Prinzip hinter den X-Men war es, mit der anti-bigotten Geschichte zu zeigen, dass es Gutes in jeder Person gibt."

Von den ganzen Beileidsbekundungen, die innerhalb der Community, aber auch in sozialen Netzwerken ausgesprochen wurden, dürfte die von Kevin Feige, seines Zeichens Präsident von Marvel Studios und maßgeblich am Erfolg des Marvel Cinematic Universe beteiligt, herausstechen:

"Niemand hatte so einen starken Einfluss auf meine Karriere und alles, was wir bei Marvel Studios tun, wie Stan Lee. Stan hinterlässt ein außergewöhnliches Erbe, das uns alle überleben wird. Unsere Gedanken sind bei seiner Tochter, seiner Familie und seinen Abermillionen Fans."