Es gibt sie noch, diese kleinen Wunder. In der gleichen Woche, in der mit den Lionhead Studios ein Urgestein der Videospielbranche seine Auflösung mit ansehen muss, spielen im Schnitt 40.000 Spieler die Indie-Überraschung Stardew Valley auf Steam. In einer dunklen Stunde der Branche, die einmal mehr bewiesen hat, was für ein Haifischbecken sie auf der Jagd nach den richtigen Zahlen sein kann, setzt sich das Projekt eines einzelnen Mannes vor solch gigantische Namen wie Fallout 4 und GTA 5. Kann ein Spiel so abliefern? Vielleicht einfach reines Glück? Oder doch ein wenig Beihilfe von höheren Mächten? Womöglich von allem ein bisschen. Eric Barone mag mit seinem Projekt zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen sein, aber er ist dabei stets authentisch geblieben. Stardew Valley ist ehrlich, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe.

Stardew Valley lässt sich ein bisschen als Symptom unserer heutigen Spielegemeinschaft lesen. Das Medium ist noch sehr jung; was ‚Spacewar!‘ da in den frühen 60ern angestoßen hat, ist gerade einmal fünfzig Jahre her. Viel ist seitdem passiert. Der Videospielmarkt ist eine riesige, chaotische Goldgrube geworden, in der ein kurzweiliger Hype den nächsten jagt. Stardew Valley wird genauso Opfer des Hypes werden. Wenn der große Erfolg nach ein paar Wochen verflogen ist, wir nicht mehr darüber schreiben und die Spieler langsam aber sicher zu anderen Titeln abwandern. Hey, immerhin steht Dark Souls 3 vor der Tür, wenn das nichts ist!

Jetzt aber ist die Zeit von Eric Barone und Stardew Valley. Nicht ganz zufällig. Das Spiel liefert Sicherheit, Ruhe, Nostalgie; die Rückkehr in die ‚gute Stube‘ von damals, wo die schwersten Entscheidungen noch in der qualvollen Wahl zwischen Helixfossil und Domfossil bestanden. Pokémon Rot, Blau und Gelb sind vor just zwei Wochen mit immensem Erfolg auf den 3DS zurückgekehrt. Am 27., einen Tag nach dem Erscheinen von Stardew Valley. Sag hallo, Pikachu! Es gibt hier einen alten Freund, den du sicher gerne wiedersehen würdest…

Ein alter Bekannter

Stardew Valley ist Harvest Moon. Was es so sympathisch macht, ist, dass es keinen Hehl daraus macht.

Stardew Valley - Ehrlich währt am längsten

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Da will man einmal ein schickes Foto von seiner Farm machen und dann so 'ne Grütze…
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Es ist alles an seinem Platz. Der erste, zaghafte Blick in den strahlenden Himmel. Der morgendliche Gruß des Hahnes. Der verwüstete Acker, dem man in schweißtreibender Arbeit Stück für Stück mehr Land abgewinnt. Der erste Gang zur Wasserstelle, den Durst der Gießkanne stillen. Die Hektik, wenn ein verlaufener Fisch den Haken der Angelroute gefunden hat. Die großen Augen beim Ausflug ins benachbarte Örtchen. Das zarte Lächeln der Mädchen beim Übergeben des ersten Geschenks. Der erste große Fund im Steinbruch.

Stardew Valley katapultiert euch unvermittelt ins glorreiche Goldene Zeitalter von Nintendo zurück. Genau wie in der Vorlage – anders kann man das Verhältnis von Harvest Moon und Stardew Valley einfach nicht beschreiben – ruft der Großvater ans Sterbebett und legt sein Vermächtnis, die unscheinbare kleine Farm, in eure Hände. Ihr nehmt den Ruf aufs Land dankend an, nicht nur als Spielfigur, sondern auch als Spieler, denn die sanfte, ungezwungene Arbeit auf der Farm ist wie Balsam, der die Hektik aus dem Alltag einfach wegwischt. Stardew Valley macht das groß, was auch schon Harvest Moon groß gemacht hat – seine gemächliche, ruhige Art. Hat man heute viel zu selten, wenn man drüber nachdenkt.

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Erwähnte ich, dass mir das Angeln gut gefällt?
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Nach den ersten beackerten Metern und den ersten ausgestreuten Samen weitet sich der Blick langsam und stetig. Während der säuselige Soundtrack und die satte Retro-Optik euer Herz gewinnen, stattet ihr dem aus der Zeit gefallenen Dörfchen Pelican Town euren ersten Besuch ab, lernt Bürgermeister Lewis kennen, die zierliche Haley, den windigen Morris, Großmutter Evelyn. Ihr bestaunt den Einfallsreichtum der verschiedenen Einrichtungen und fragt euch, wie ein einzelner Mann das alles in Eigenregie hat hochziehen können. Vier lange Jahre Crunch-Time, hab ich mir sagen lassen. Aber genug davon.

Schon bald beglückt euch der kauzige Willy mit seiner ausgedienten Angelroute und ihr verliert euch tagelang im ertragreichen Fischfang, während sich die ersten Rüben zu Hause vor der Tür in den Boden graben. Dieses Angeln! Ich hatte lange nicht mehr so eine reine Freude an einem derart simplen Minispiel, das vielfach besser ist als die simplen Reaktionsspielereien, die man sonst so kennt.

Stardew Valley - Trailer

So viel Spiel in gerade einmal 422 Megabytes

Aber zurück zum Thema. Nachdem ihr eure ersten Zöglinge an den Mann gebracht, euch im Dorf bekannt gemacht habt und den erstaunlich organischen Tagesabläufen der Bewohner gefolgt seid, habt ihr nach den ersten paar Tagen etwas Luft, um euren Horizont zu erweitern. Ihr späht die Ecken der Karte aus, gewinnt der Umgebung abseits der Farm etwas Ertrag in Form wilder Beeren und Blumen ab (heißer Tipp übrigens: Immer mal einen Blick in die Mülleimer werfen, fesches Zeug dabei!) und wagt euch möglicherweise das erste Mal unter Tage, wo ihr wertvolles Gestein für Museumswart Gunther fördert und euch dabei lästiger Blobs erwehrt. Ja, Kämpfen ist neu in Stardew Valley, sogar eine eigene Jägergilde gibt es, aber die Monsterhatz tritt letztlich doch immer hinter der ertragreicheren Arbeit am eigenen Grund und Boden zurück.

Ein Harvest-Moon-Klon im bestmöglichen Sinne.Fazit lesen

Mittlerweile ist das Wetter umgeschlagen und der blühende Frühling ist einem brütenden Sommer gewichen. Und es gibt immer was zu tun, immer was Neues zu entdecken. Neuartige Samen im heimischen Kaufmannsladen. Die Badestelle im Norden. Ihr nehmt an Dorffesten teil. Fragt euch, wann Gunther endlich den Schlüssel für die ominöse Kanalisation rausrückt. Oder was östlich des Strands hinter der kaputten Brücke auf euch wartet. Investiert die 300 Holz lieber früher als später. Lohnt sich. Die ersten Tiere wollen gefüttert und gepflegt werden. Vielleicht datet ihr schon euren ersten Liebling, gerne auch gleichgeschlechtlich. Ein bisschen was muss Stardew Valley ja schon tun, um sein Dasein als Harvest-Moon-Klon zu rechtfertigen.

Es geht immer weiter. Nach etwas weniger als zwanzig Stunden kann ich noch nicht mal ansatzweise davon sprechen, dass hier Langeweile einkehrt. Ein Ende ist noch lange nicht in sich, hab ja noch nicht mal das erste Jahr und den harten Winter vollkommen hinter mir. Ich weiß noch nichts mit dem Feld im Nordosten anzufangen, und wie tief die Mine ist, kann ich immer noch nicht erahnen. Will mal schwer hoffen, dass bei 99 Stockwerken Schluss ist. Aber dafür ist meine Farm nicht länger ein funktionaler Schandfleck, sondern kennt bereits gepflasterte Pfade, sauber abgesteckte Beete. Sogar für ein paar zierende Blumenfelder hat’s gereicht.

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Tja, das ist garantiert kein Pressebild, sondern meine ei…gene Farm! Todschick, was?
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Stille Wasser sind tief

Stardew Valley teilt ehrlich und brüderlich mit Harvest Moon, dazu gehört eben auch die heftige Suchtspirale, die sich hinter dem handgemachten, harmlosen Charme verbirgt. Mein erster Kontakt mit dem Spiel artete in eine sechseinhalbstündige Session bis nachts um drei aus, einfach weil man so sehr die Zeit vergisst. „Nur noch ein weiterer Tag, nur noch mal schnell nach meinen Fischfallen sehen, noch kurz rüber zu Clint und schauen, was ich diesmal so Wertvolles ausgebuddelt habe. Und wenn ich schon mal in der Stadt bin…“ Auf seine Art ist Stardew Valley sein eigenes Feindbild, sein eigenes Farmville oder was weiß ich, aber es kaschiert diese Ader einfach so herzallerliebst, dass man selbst noch mit müden Augen und hämmerndem Pflichtbewusstsein im Hinterkopf das Gefühl hat, hier etwas wahrlich Gutes zu tun.

Woran ich mich nur störe – und ja, angreifbar ist das aus gegebenen Umständen natürlich schon – ist, dass Stardew Valley dem wiederbelebten Spielgefühl so gar nichts Neues hinzuzufügen hat. Die Kämpfe im Dungeon, ja, das übersichtliche Craftingmenü, sicherlich, und allerlei kleinerer Schnickschnack nebenbei sowieso, aber das sind nicht wirklich Dinge, die das bekannte Spielgefühl um wirklich frische, überraschende Erfahrungen bereichern. Stardew Valley ist Harvest Moon, aber es ist eben auch nicht mehr als das.

Muss es auch nicht. Die 400.000 Spieler neben mir scheint es jedenfalls nicht so zu beunruhigen.