Die Konstellation ist irgendwie irre. Sie ist so nerdig, dass sie selbst die Autoren der Sitcom „Big Bang Theory“ nicht grotesker hätten schreiben können: Vier Star Trek Fans sitzen mit umgeschnallten VR-Brillen in einem Zimmer und tun so, als wären sie Besatzungsmitglieder des Raumschiffs Enterprise, schreien Befehle, fuchteln panisch in der Luft umher und tauchen voll in ihre Rolle ein. Das ist der Stoff, aus dem Parodien bestehen. Andererseits kann man den Jungs von Ubisoft und Red Storm nur gratulieren. Sie haben mit Star Trek: Bridge Crew VR eine Stelle gekratzt, die Star Trek Fans schon sehr lange juckt.

Zu allererst ein paar ernüchternde Worte: So witzig und zugleich spannend der Aufbau der E3-Vorschau auch gewesen sein mag, diese Konstellation wird wohl extrem selten im realen Leben vorkommen. Vier Nerds in einem Raum würde vier separate Rechner oder Spielkonsolen im Netzwerk voraussetzen. Eine teure Angelegenheit, sofern die Protagonisten ihre Daddelkisten nicht eigenhändig ankarren. Deutlich wahrscheinlicher und bereits von Ubisoft bestätigt, ist eine Anbindung über das Internet. Angesichts der virtuellen Welt mit voll umschließenden Headsets macht das spielintern nicht allzu viel Unterschied, wohl aber im Geselligkeitsfaktor jenseits der vierten Wand.

Um den Bruch möglichst unauffällig zu gestalten, verfügt jeder Spieler über einen eigenen, voll ausmodellierten Avatar, der sowohl Handlungen über die Bewegungscontoller nachvollzieht, als auch bei Spracheingabe lippensynchron mitspricht. Da darf man freilich keine Wunder erwarten, aber der Mund der Protagonisten wird sich bewegen, um den Eindruck einer lebensechten Crew zu simulieren.

Star Trek: Bridge Crew VR - E3 2016 Trailer

Grafisch sollten Trekkies keine Höchstleistungen erwarten, Wie bei Virtual Reality-Games üblich genießt die Framerate bei Bild und Sensoren höchste Priorität, um einen Anfall von Reisekrankheit bei den Spielern zu vermeiden. Das Ideal liegt nach wie vor bei 90 FPS, was aber auf der PS4 nicht möglich sein wird. Dort dürften stabile 60 FPS als ausreichend empfunden werden. Auf der teureren PS4 Neo, wohlgemerkt. Wie so vieles im VR-Segment keine günstige Angelegenheit. Auch nicht auf dem PC. Nur zur Erinnerung: HTC Vive und Occulus Rift werden mit der Empfehlung einer Geforce 980 Grafikkarte angepriesen. Trotzdem wirken Schaltpulte, Brückeneinrichtung und Ausblick in den Weltraum vergleichsweise grob.

Davon abgesehen könnte nur noch ein Umstand die Freude trüben: Es geht bisher ausschließlich um ein Abenteuer im J.J. Abrams-Universum der letzten beiden Kinofilme, das bei vielen harten Fans sowohl aus handlungsrelevanten als auch aus ästhetischen Gründen relativ wenig Unterstützung genießt. Zumal man sich auch nicht auf der Enterprise befindet, sondern auf einem ähnlich gestalteten Raumschiff mit dem Namen U.S.S. Aegis.

Star Trek: Bridge Crew VR - Faszinierend, Captain.

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LeVar, Karl und Jeri sehen schon so doof aus - was soll das erst werden, wenn wir blasse Nerds dran sind?!
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Dies könnte insofern problematisch sein, als dass das JJ-Verse zwar bei der breiten Masse der Casual- Kinobesucher viel Aufmerksamkeit einheimste, diese Zielgruppe aber sehr weit gefächert ist und kaum Star Wars von Star Trek unterscheiden möchte. Diesem Publikum geht es nur um optisch ansprechendes Sci-Fi-Sommerkino. Das Klientel, das sich Rift, Vive oder PlayStation-VR zulegt, dürfte erheblich höhere Ansprüche und ein feinfühligeres Fan-Gewissen an den Tag legen. Somit bleibt es spannend abzuwarten, ob allein das immersive Erlebnis auf der Brücke genug Überredungskunst mitbringt, um JJ-Verse-Verächter mit ins Boot zu holen. Andererseits war Ubisoft noch nie um DLC verlegen. Add-Ons mit Next-Generation- oder TOS-Thematik könnten womöglich folgen. Aber es hat noch keinen Sinn, darüber zu spekulieren.

Das Spiel, das im Herbst 2016 alle gängigen VR-Headsets unterstützen wird, setzt jedenfalls ausschließlich auf die Abenteuer der U.S.S. Aeris, das sich auf einer wichtigen Mission befindet. Es sucht eine neue Heimat für die Vulkanier, die im ersten Reboot-Film ihren Planeten verloren. Innerhalb dieses Handlungsbogens soll es diverse Submissionen geben, welche die vierköpfige Hauptcrew vor allerlei Herausforderungen stellt. Dank der Ausrichting im JJ-Verse geht es dabei vornehmlich um Kampfmissionen und gelegentlich um Forschungsarbeit. Ob im Plot auch humanistische Themen angeschnitten werden, ist bislang nicht bekannt.

Star Trek: Bridge Crew VR - Faszinierend, Captain.

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Die Optik ist eher zweckmäßig, doch das Potential gewaltig.
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Knöpfchendrücken auf Pulten wird einen großen Teil der Spielzeit ausmachen, aber keineswegs den Ablauf dominieren. Jedes Brückenmitglied kommt spezifischen Aufgaben nach und muss ein wenig Köpfchen mitbringen, um den Aufgaben selbsttätig nachzukommen, sprich: ohne vorgekaute Befehle des Kapitäns. Letzterer muss die Übersicht behalten und einen groben Plan für die Mission anlegen. Der Steuermann bestimmt den Kurs bei Forschung und Schlachtmanövern. Der Ingenieur hat‘s wie immer schwör – er muss die Systeme fit halten, indem er notfalls Energie umleitet und Reparaturen veranlasst. Die Station für Waffen und Taktik erklärt sich beinahe von selbst. Phaser, Torpedos und Schutzschilde unterliegen dieser Station.

Ob Ausflüge in den Rest des Schiffes anstehen, ganz zu schweigen von Bodenmissionen, ist noch nicht bekannt. Wäre jedenfalls eine tolle Möglichkeit, Abwechslung zu schaffen, könnte aber an der geringen Bewegungsfreiheit von Rift und PS-VR scheitern. Es bleibt abzuwarten, was Ubisoft und Red Storm uns bis zur Veröffentlichung im Herbst an Feinheiten offenbaren.