In der Unterhaltungsbranche gilt Deutschland nicht gerade als Eldorado. Mieten, Lohnnebenkosten und Steuern zu hoch, die staatliche Förderung ebenso schwach wie das Internet - von ständigen Kommunikationsproblemen und fehlendem Fachpersonal mal ganz zu schweigen. Umso erstaunlicher, was da aktuell in Frankfurt vor sich geht.

Wann immer ich mit internationalen Entwicklerteams spreche, bekomme ich zu hören, wie großartig doch Deutschland sei, wie riesig der Absatzmarkt, wie wichtig die Community. Deutschland liege in der westlichen Welt auf Platz zwei, gleich hinter den USA und bei manchen Titeln hätte es sogar die Nase vorn.

So auch bei den alten Wing-Commander-Titeln. Für die legte sich die Jugend in den 1990er Jahren einen fetten 386er-PC samt Soundblaster-Soundkarte und Joystick zu. Wing Commander I und II waren damals dafür verantwortlich, dass sich in Deutschland der PC als Spieleplattform etablierte und Konsolenherstellern, anders als in anderen Teilen der Welt, das Leben zumindest ein wenig schwerer machte.

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Für Origin waren die deutschen Spieler, wie Richard Garriott mir kürzlich versicherte, extrem wichtig. Und sie sind es noch heute. Ohne den wesentlichen Anteil der deutschen Community hätte es Shroud of the Avatar auf Kickstarter kaum geschafft - auch auch nicht Star Citizen, dessen Einnahmen erst nach Abschluss der Kickstarter-Kampagne explodierten.

Hausaufgaben für die Politik

Umso bedauerlicher, dass die deutsche Wirtschaft kaum von dieser Entwicklung profitiert. Die Gelder, die wir in die Games-Industrie stecken, landen in Konzernen in den Vereinigten Staaten, in Kanada oder Irland. Dort wachsen neue Büros wie Pilze aus dem Boden, während man die Studios, die in Deutschland ein Mindestmaß an Qualität abliefern, noch immer an einer Hand abzählen kann. Hier ist die Politik gefragt, sich endlich mal von alten Vorurteilen zu verabschieden und das Neuland zu bestellen.

Ein neues Studio gesellt sich jetzt allerdings dazu - und zwar in Neulands Mitte - der hessischen Bürometropole Frankfurt. Das Studio mit dem Namen Foundry 42 ist eine weitere Außenstelle von Cloud Imperium und damit eine jener Spieleschmieden, in denen das erfolgreichste Crowdfunding-Projekt aller Zeiten entstehen soll: Star Citizen.

Cry me a river!

Allein der alten Zeiten wegen oder der Nähe zur neuen EZB wird sich Chris Roberts allerdings kaum für das überaus teure Frankfurt als Standort entschieden haben. Was also ist der Grund für den unerwarteten Schritt? Ein Blick auf die Namen der Mitarbeiter, die in dem neuen Studio zu Werke gehen, lässt es erahnen.

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Bis vor kurzem arbeiteten die allermeisten davon noch für das ins Wanken geratene Frankfurter Unternehmen Crytek. Sie sind begnadete Techniker und so hochgradig spezialisiert, dass sich manch großer Publisher um sie reißen würde. Ihre Arbeit gleicht einer Operation am offenen Herzen, denn sie verändern keine Spiele oder deren Inhalte. Sie sind die Jungs, die einst die Cryengine mit schufen, die sie verstehen und verändern können wie Neo dereinst die Matrix.

Ein cleverer Schritt

Für Laien mag das wenig beeindruckend klingen, wer sich allerdings mit der Entwicklung von Computerspielen im Allgemeinen und mit Star Citizen im Besonderen beschäftig hat, weiß, dass der Erfolg eines Spiels nicht allein von dessen Entwicklern abhängig ist, sondern vor allem auch von den Möglichkeiten der Engine dahinter. Und wenn eine Engine Probleme hat, hat auch das damit entwickelte Spiel Probleme.

Die Cryengine hat gewaltige Probleme, da große Teile des Teams den Rettungsmaßnahmen von Crytek zum Opfer gefallen sind. Die Fans von Star Citizen, das unter der neusten Cryengine laufen soll, hat das mit großer Sorge erfüllt. Wo nämlich technische Probleme ungelöst bleiben und versprochene Features nicht angegangen werden, sind den Entwicklern von Cloud Imperium die Hände gebunden.

Tränen inklusive

So ist man in der Vergangenheit bereits eine Kooperation mit den Warhorse Studios eingegangen, wo ehemalige Crytek-Mitarbeiter an der Mittelalter-RPG-Simulation Kingdom Come: Deliverance werkeln und zum Beispiel daran, mehrere Lagen Kleidung übereinander physikalisch korrekt zu simulieren - was die Cryengine nach wie vor nicht bewerkstelligen kann.

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Mit dem Team in Frankfurt allerdings bekommt Chris Roberts selber Zugriff auf das Herz der Engine. Man kann endlich Veränderungen und Optimierungen vornehmen, Fehler reparieren und Features hinzufügen, an die bislang nicht einmal zu denken war - darunter beispielsweise das Simulieren von Rauch und Flüssigkeiten, an dem der frisch gebackene Senior Physics Programmer Christopher Raine arbeitet.

Eine Sorge weniger

Und man kann Handel treiben - mit Informationen und Dienstleistungen. Für Chris Roberts,der über gute Kontakte und immerhin fast 80 Millionen Dollar Kapital verfügt, war das von Anfang an ein wesentlicher Teil seiner Strategie. Warum immer wieder für teuer Geld ein Motion-Capturing-Studio mieten, wenn man sich ein eines nach eigenen Vorstellungen aufbauen kann, dessen Dienste sich zudem noch prima vermarkten lassen?

Auch im Falle der beinahe verlorenen Cry-Techniker hat Chris Roberts einen Geniestreich vollzogen. Statt einige davon in die USA zu holen und auf einen Großteil der Experten zu verzichten, hat er ihnen kurzerhand ein eigenes Studio in ihrer Heimatstadt Frankfurt angeboten. Damit hält er nun den vielleicht einzigen Schlüssel zur Cryengine in der Hand und ein Stück Zukunftstechnologie. Die Fans von Star Citizen haben nun zumindest eine Sorge weniger.

Project Genom - noch ein Sci-Fi-Shooter

Die Entwickler von Project Genom wird das allerdings wenig beeindrucken, setzen sie doch lieber gleich auf die Unreal Engine 4, die derzeit wohl beliebteste Engine, wenn es um actionreiche Onlinekost geht. Der Grund wird deutlich, wenn man einen Blick auf die Titel wirft, die derzeit in Enwicklung sind. Obwohl sich die meisten davon noch in einer frühen Phase der Entwicklung befindet, sehen manche schon verflixt gut aus.

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So auch der Online-Shooter Project Genom, der gerade in die geschlossene Alphaphase geschickt wurde. In dem Spiel kämpfen menschliche Siedler gegen eine außerirdische Rasse um den Planeten Avalon. Neben den spannenden Gefechten, soll Project Genom auch ein flexibles Klassensystem bieten und erstaunlicherweise eine tiefgreifende Wirtschaft. Wie tief, das werden wir spätestens erfahren, wenn das Spiel im Juni auf Steam aufschlägt - aller Voraussicht nach erst einmal im Early Access.

Destiny - gierige Wölfe

Dabei hat Project Genom sicherlich einen schweren Stand, knüpft es doch offensichtlich an Spiele an, denen vor einigen Jahren noch eine große Chance eingeräumt wurde, die sich mittlerweile jedoch als mehr oder weniger beeindruckende Flops erwiesen haben - allen voran Activisions Destiny, das zwar vom Hersteller als umsatzstark gefeiert, jedoch von den Spielern äußerst schnell wieder ad acta gelegt wurde, weil sich der Langzeitspielwert in Grenzen hält.

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Entsprechend ist absehbar, dass sich auch die nächste Erweiterung längst nicht mehr so gut verkaufen wird wie das Spiel selbst. Doch wer weiß - bis zum Start am 19. Mai sind es noch vier Wochen. Genügend Zeit für Activision, die Marketing-Maschinerie noch einmal anzuwerfen und die Spieler, die nicht bereits den Expansion-Pass gekauft hatten, davon zu überzeugen, noch einmal knapp 20 Euro für Destiny auf den Tisch zu blättern.

Defiance - ab in den Knast!

Noch schlechter ist es um Trions Defiance bestellt, wobei das zumindest preislich bedeutend kundenfreundlicher daherkommt als Activisions Genrebeitrag. Auch hier soll eine Erweiterung neues Leben in die Ödlande bringen. Konkret ist es die Gefängnisinsel Alcatraz, die jetzt “endlose Expeditionen” und “grenzenlose Herausforderungen” befürchten lässt.

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Ähnlich wie Destiny oder auch Genre-Kollege Firefall bietet auch Defiance noch immer zu wenig spielerische Tiefe und damit zu wenig Abwechslung. Und wäre da nicht der Sender Syfy mit der gleichnamigen TV-Serie, die bald in die dritte Staffe geht und bei uns kaum bekannt ist - Defiance wäre als Spiel mit Sicherheit längst eingestellt worden.

H1Z1 - Honig ums Maul

Die gut zehnfache Anzahl Spieler zieht da derzeit schon H1Z1 an, das anscheinend kaum unter den Entlassungswellen der vergangenen Wochen bei Daybreak gelitten zu haben scheint. Zumindest wird das Spiel, das sich noch immer offiziell in der Alpha-Phase befindet, nach wie vor rege gepatcht. Und so langsam scheint Daybreak sogar einer der größten Baustellen - die Spawnrate der Zombies - in den Griff zu bekommen. So stimmig wie aktuell war sie auf jeden Fall noch nie.

Dazu wurden noch Bienen in der postapokalyptischen Welt angesiedelt und damit die Imkerei möglich gemacht, die neben Honig auch noch Wachs als Nebenprodukt abwirft. Und ab dem 23. April sollen von H1Z1 infizierte Spieler auch zum Zombie werden können - samt Nachtsicht und der Möglichkeit, andere Spieler - ganz im Sinne angesagter RTL-Dokus - zu riechen.

Guild Wars 2 - bald mit MOBA-Modus

Und wo wir gerade beim Thema Patches und Erweiterungen sind, dürfen wir natürlich auch Guild Wars 2 nicht unerwähnt lassen, das derzeit auf Heart of Thorns vorbereitet wird. Die erste kostenpflichtige Erweiterung wird hoffentlich alte Probleme beseitigen und das Spiel für Vielspieler wieder etwas interessanter machen.

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Eines der vielversprechendsten neuen Elemente dürfte wohl der neue Stronghold-Spielmodus werden, das in der vergangenen Woche von den Spielern getestet werden durfte. Leider war der Test zeitlich befristet und nicht jeder Interessierte hat es zur vorgegebenen Zeit ins Spiel geschafft. Doch wozu gibt es denn emsige YouTuber wie UnityJebro, der in seinem aktuellen Video nicht nur Szenen des MOBA-Modus zeigt, sondern auch noch eine komplette Spielanleitung dazu liefert?

Final Fantasy XIV - das dürft ihr auf keinen Fall sehen!

Etwas offizieller, aber nicht minder aufschlussreich ist derweil der aktuelle Story-Trailer zur Heavensward-Erweiterung von Final Fantasy XIV, die uns im Juni erwartet. Den Film sollte man sich allerdings keinesfalls reinziehen, wenn man die Story-Quests von Patch 2.55 noch nicht erledigt hat, denn es besteht massive Spoiler-Gefahr. Wir haben euch gewarnt!

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Aber wahrscheinlich habt ihr für all diese Dinge momentan eh keine Zeit, weil ihr allesamt GTA V in feinster Auflösung auf dem PC zockt und davon träumt, dass ein solches Spiel auch irgendwann mal als waschechtes MMORPG erscheinen könnte. Der neuerliche Erfolg des beinahe schon wieder alten Rockstar-Titels dürfte auf jeden Fall so manchen Entwickler dazu motivieren, einen Versuch auf Kickstarter zu wagen. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.