Der Herbst ist in vollem Gange. Die Tage werden kürzer und kälter, die Freizeit verlagert sich langsam wieder von draußen nach drinnen, wo gemütlichere Bedingungen für Abenteuerlustige herrschen. Die Publisher wissen das und rüsten ihre Propagandamaschinerie langsam für die dunkle Jahreszeit. Und wie in jedem Jahr fallen wir Spieler gerne darauf rein.

Ein Jahr hat Chris Roberts noch Zeit, bevor es für ihn beginnt ungemütlich zu werden. Denn im Winter 2015, so erzählen mit Fans von Star Citizen immer wieder, werde das größte Crowdfunding-Projekt aller Zeiten garantiert erscheinen. “Garantiert nicht”, entgegne ich dann und werde stets mit leicht angesäuertem Blick bedacht. Wie kann man nur so beharrlich zweifeln - sind nicht die genialen Videos und der Arena-Commander Beweis genug?

Willkommen im Wunderland

“Nö, sind sie nicht.”, entgegne ich dann, merke aber gleichzeitig, dass auch ich mich überwinden muss, so etwas Frevelhaftes zu sagen. Irgendetwas in mir will einfach glauben, dass die Videos recht haben, dass die Welt genau so wird, wir sie es uns vorführen, dass wir eine hollywoodreife Space-Saga geliefert bekommen. Wir brauchen dann nur noch das Oculus Rift aufsetzen, schlüpfen in die Haut von Han Solo, Captain Kirk oder Darth Vader und uns liegt die Galaxis zu Füßen.

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Es ist die Macht der bewegten Bilder, derer ich mich kaum erwehren kann. Bilder, die meinen Verstand aus- und meine Fantasie anschalten, deren Musik ins Ohr geht und im Kopf bleibt, wo sie sich mit den optischen Eindrücken zu etwas vermischt, was ich als bedingungslos genial empfinde. Etwas, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich es zocken will und zocken werde.

Wer glaubt im Schlaf schon an ein böses Erwachen?

“Wach auf - du bist Profi!”, flüstert derweil diese andere, nervige Stimme in mir. Doch es sind nur Brocken, die während meiner Schwärmerei zu mir durchdringen. Problembehaftete Vokabeln wie - CryEngine, Bugs, Immersion, Instanzierung, Exploits, Übelkeit, Lag, Balancing, Endgame - sinnlos aufgereiht, ohne Zusammenhang und Bedeutung. Ich kann sie kaum verstehen, mag sie auch gar nicht hören.

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Ich mache Chris Roberts und seinem Team auch gar keinen Vorwurf, dass sie so virtuos auf der Klaviatur moderner Filmbearbeitungsprogramme zu spielen wissen. Im Gegenteil: Gespannt warte ich auf jedes neue Video - auf dass ich wieder in diese wundervolle Schwärmerei verfalle. Natürlich hebe ich die Links zu den Filmen gut auf, ziehe sie mir regelmäßig rein und präsentiere sie Freunden, wann immer sich eine passende Gelegenheit ergibt.

“Shut up and take my money!”

Und so passiert, was sich gerade kaum einer erklären kann: Obwohl es nun schon fast zwei Jahre her ist, dass Star Citizen auf Kickstarter aufgeschlagen ist und man meinen möchte, dass nun auch der letzte Wing-Commander-Fan in die Finanzierung eingestiegen ist, scheint der Zähler des Crowdfunding-Projekts mittlerweile komplett außer Kontrolle geraten zu sein.

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Zur Erinnerung: 500.000 Dollar erhoffte sich Chris Roberts vor zwei Jahren, mit denen er seine Idee einer zeitgemäßen Version alter Space-Sims Wirklichkeit werden lassen wollte. Zwei Millionen Dollar hatte er am Ende der Kickstarter-Aktion zusammen. Ein stolzer Betrag und genug, um dem Spiel sogar einen Online-Koop-Modus zu verpassen.

Gruseliger Erfolg

Ich war einer der ersten, die Roberts damals unterstützten. Roberts Space Industries machte ich zu meiner Startseite, verfolgte mehrmals täglich, wie es um die Finanzierung bestellt war, wie der Betrag langsam, aber stetig wuchs. Mittlerweile gruselt es mich, wenn ich die Webseite öffne und die Finanzierung verfolge. Allein am 11. Oktober gingen 1,3 Millionen Dollar auf Roberts Konto ein.

Der Grund ist offensichtlich: Am 10. Oktober wurde das jüngste Commercial-Video veröffentlicht und mit der Drake Cutlass eine High-Tech-Versuchung vorgestellt, der kaum ein Sci-Fi-Nerd widerstehen kann. Man will das Schiffchen, das entfernt an eine Heuschrecke erinnert, schon mal im Hangar haben - auch wenn das Spiel, in dem es einmal fliegen soll, noch immer Zukunftsmusik ist.

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Schlagzeile von 2018: RSI kauft EA

Bis zur nächsten Wiped-Ausgabe dürfte Chris Roberts dann die 60-Millionen-Grenze überschreiten und damit doppelt so viel Budget haben, wie ihm jeder große Publisher für eine Triple-A-Produktion zugestanden hätte. Oder anders ausgedrückt: Aus dem Indie-Studio, das unbedingt Träume erfüllen wollte, ohne sich von kommerzorientierten Branchegiganten abhängig zu machen, ist mittlerweile selbst ein solcher Gigant geworden, dessen Finanzmittel das komplette Konzept derart weit übersteigen, dass die Gelder zur Gefahr geworden sind.

Aus RSI ist ein Gigant geworden, dessen Media-Teams gezwungenermaßen auf Hochtouren arbeiten, um wirklich jedes noch so kleine Ergebnis der Entwickler so in Szene zu setzen, dass die Gelder weiter fließen und sich der Hype weiter steigert. Ein Gigant, der uns immer fantastischere Träume verschafft, ohne auch nur ansatzweise deren zeitnahe Erfüllung bieten zu können.

Opfer des Systems

Roberts Space Industries ist, so wage ich zu behaupten, zum Opfer seines cleveren Funding-Konzepts geworden. Solange die epischen Videos kommen, werden die Fans dazu tanzen und ihre Münzen nachwerfen, immer weiter euphorisiert. Bleiben die Videos jedoch aus, bleibt vom großen Traum nicht mehr übrig als der Arena Commander - ein Dogfighting-Modul, das in seinem derzeitigen Zustand wenig bis keine gute Unterhaltung bietet.

Und weil Roberts das nicht zulassen kann und darf, werden seine Media-Artisten auch weiterhin Hollywood-Kino vom Feinsten abliefern, während den Entwicklerteams vermutlich schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen, weil sie kommen sehen, dass das abgelieferte Resultat, wie gut es auch immer sein mag, zwangsläufig zu einem bösen Erwachen führen muss.

Die dunkle Seite des Erfolgs

Problematisch ist das vor allem deshalb, weil industrienahe Analysten bereits den Rückgang des Crowdfunding-Zuspruchs feiern. Herrschte in den vergangenen Jahren noch Goldgräberstimmung bei den kleinen Teams, haben viele kreative Köpfe nun oftmals sogar Probleme damit, einen fünfstelligen Betrag innerhalb der Frist zusammenzukratzen.

Der Geldstrom, der vor zwei Jahren noch seinen Weg in die Kassen der Kleinen fand, ist allerdings nicht versiegt - im Gegenteil. Er wird nun jedoch - freiwillig oder nicht - von Chris Roberts und Konsorten aufgesogen. Und so sehr wir alle darauf warten: Star Citizen ist damit schon lange vor Release zu einem schwarzen Loch geworden, das der Branche langfristig ähnlich schweren Schaden zufügen kann wie jene Publisher, die Chris Roberts einst just dafür kritisierte.

Destiny - Koticks Plan scheint aufzugehen

Wie mächtig die cineastische Propaganda im Social-Media-Zeitalter ist, zeigt auch der aktuelle Erfolg von Activisions Destiny. Von Bobby Kotick wurde es vor Release als teuerstes Spiel aller Zeiten gefeiert, wobei die Entwickler schon kurz darauf verlauten ließen, dass die genannte Summe von einer halben Millarde Dollar nicht einmal zur Hälfte in die Entwicklung geflossen sind.

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Doch die Viertelmilliarde, die Kotick demnach in die Vermarktung zu stecken bereit war, hat sich offensichtlich ausgezahlt. Obwohl Destiny allenfalls als “ganz nett” einzustufen ist und wenig in Richtung Endgame-Inhalte bietet, finden sich dort, nach aktuellen Messungen des Publishers, mittlerweile 3,2 Millionen Spieler ein - und zwar täglich.

War Thunder - schrecklich schöne Propaganda

So viele Spieler hat War Thunder zwar nicht, jedoch dürfte es dem russischen Publisher finanziell besser gehen, als man vorab hätte erwarten können. Eine waschechte Simulation zu Lande, in der Luft und später auch zu Wasser würde wohl kaum ein ausreichend großes Publikum begeistern, hieß es vor einigen Jahren noch aus Fachkreisen.

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Doch War Thunder schlug ein wie eine Bombe und ist mittlerweile wahrscheinlich die beste Weltkriegssimulation am Markt. Und was macht Gaijin mit dem überschüssigen Geld? Genau das Richtige: Man setzt die vielleicht genialsten Media-Artisten daran, die Essenz aus War Thunder in einem mittlerweile zweiten Video so gut in Szene zu setzen, dass man sich dem Charme des Titels kaum noch entziehen kann - auch wenn die ordentliche Portion Propaganda, die darin steckt, offensichtlich ist.

Ausblick

Und das ist wahrscheinlich erst der Anfang, denn je weiter es auf Weihnachten zugeht, desto mehr Motivation haben die Publisher, unsere Aufmerksamkeit auf sich und ihre Produkte zu lenken. Wir können es uns also gemütlich machen, das Popcorn rausholen und genießen, was uns da in hoher Auflösung und Hollywoodreife über den Bildschirm flimmert.

Bevor wir jedoch Hype und Propaganda erliegen, zum Geldbeutel greifen und “Shut up and take my money!” brüllen, sollten wir noch einmal in uns gehen und uns fragen, ob es wirklich die Filmerlebnisse sind, in die wir unser Erspartes stecken wollen - oder ob da draußen nicht doch ein kleines, aber ungemein kreatives Team an einem neuen Traum arbeitet, für dessen Verwirklichung man wirklich jeden Cent gebrauchen kann. In diesem Sinne - bis zum nächsten Wochenende.