Eigentlich sind wir Spieler ja selber schuld: Da schreien wir ständig nach neuen Ideen, fordern Innovationen und meckern über Spiele, die uns das ständig Gleiche vorsetzen, doch erscheint dann mal ein Spiel, das genau diese Punkte erfüllt, kreativ ist, ungewöhnlich, einfallsreich, abgedreht, schlicht und ergreifend anders, dann strafen wir es mit Missachtung und greifen im Händlerregal lieber zum x-ten Call of Duty oder FIFA anstatt zu Psychonauts oder Brütal Legend.

Dies scheint das Schicksal des Tim Schafer zu sein: Der letzte richtige Hit des vielleicht kreativsten Kopf der Spieleszene liegt schon eine lange Zeit zurück. Doch die Zeiten ändern sich: Indie-Games wie Braid und Limbo schießen dank neuer Online-Distributionswege à la Steam und Xbox Live wie Pilze aus dem Boden und erreichen durch Mund-zu-Mund-Propaganda in kürzester Zeit Kultstatus – für Tim Schafer genau das richtige Experimentierfeld, um sich auszutoben und seinen schrägen Ideen freien Lauf zu lassen.

Mit Stacking liefert er nun sein erstes Adventure seit dem genialen Grim Fandango ab. In New York trafen wir den Meister zum Interview und durften eine Stunde lang probespielen.

Stacking - Der offizielle Trailer

Master of Puppets

Stacking als Adventure zu bezeichnen, weckt vermutlich falsche Vorstellungen. Statt Gegenstände einzusammeln und an geeigneter Stelle einzusetzen, geht es in Schafers neuestem Geniestreich darum, in die Rolle verschiedener Matroschka-Puppen zu schlüpfen und deren unterschiedliche Fähigkeiten einzusetzen, um die diversen Aufgaben im Spiel zu lösen.

Stacking - Der Meister ist zurück: Tim Schafers erstes Adventure seit Grim Fandango

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Grimm und Mr. Grim Fandango: Matthias traf Tim Schafer in New York.
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Matroschkas – das sind diese russischen Holzpuppen, in deren Inneren sich eine weitere, kleinere Puppe verbirgt. Und darin noch eine. Und noch eine… Spätestens hier dürfte klar sein: Stacking ist kein Spiel wie jedes andere.

Die Welt von Stacking ist eine Miniaturausgabe der unseren, in der die Kreativität der Designer schier überzusprudeln scheint: Der Bildaufbau der an alte Stummfilme angelehnten Zwischensequenzen gleicht dem eines Dioramas und gewährt so einen Blick auf das Geschehen, als sehe man direkt in die Kinderstube der Augsburger Puppenkiste. Hier sieht alles irgendwie so aus wie bei uns, nur dass es aus Gegenständen nachgebildet ist, die ein paar Nummern kleiner sind: Cocktailschirmchen werden zu extragroßen Sonnenschirmen, Hosenknöpfe zum Lenkrad, und die riesigen Schornsteine eines Dampfschiffes bestehen aus rauchenden Zigarren.

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Steampunk: Das Design von Stacking ist einzigartig.
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Da fragt man sich unweigerlich: Was nimmt dieser Typ eigentlich für Zeug? Und wo zur Hölle kriegen wir es? Im Interview erhalten wir darauf die Antwort, wir sollten diese Frage lieber an seinen Kollegen Lee Patty richten. Tim selbst ist nämlich lediglich als Produzent an Stacking beteiligt – für die Idee und ihre Umsetzung zeichnet besagter Patty verantwortlich, der schon als Art Director für Brütal Legend mit Schafer zusammenarbeitete.

Den Einfall hätte er gehabt, erklärt Patty, als er seine Tochter mit einer Matroschka-Puppe spielen sah. „Es sind die idealen Protagonisten für ein Adventure. Sie besitzen vielfältige Designs und Eigenschaften, sind Charakter und Inventar in einem.“ So wie Charlie Blackmore, der kleine große Held von Stacking…

Kleiner großer Planet

Der junge Charlie Blackmore ist die kleinste Person auf dem „Little Big Planet“ von Stacking. Seine Schwestern wurden von bösen Industriebossen geraubt und zur Zwangsarbeit verdonnert. Unsere Aufgabe besteht darin, sie wiederzufinden und aus der Knechtschaft zu befreien.

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Die Zwischensequenzen sind wie alte Stummfilme aufgemacht.
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Die Töne, die Stacking hier anschlägt, sind ungewohnt ernst für die ansonsten eher heitere Schminke an seiner Oberfläche. Armut, die auseinander driftende Schere zwischen Arm und Reich, der Mensch, der im Zeitalter voranschreitender Industrialisierung mehr und mehr entmenschlicht zum Rädchen einer unkontrollierbaren Maschinerie wird - Entwickler Double Fine sockelt seinen putzigen Spaß im Vorbeigehen auf einem gesellschaftskritischen Fundament.

Ein Tim-Schafer-Spiel durch und durch: witzig, kreativ, skurril, liebevoll, einzigartig. Bitte diesmal kaufen!Ausblick lesen

Passend dazu das Setting im Stile der 20er-Jahre: dampfende Loks, wuchtige Maschinen und der feine Zwirn eines nur vermeintlich goldenen Jahrzehnts, in dem Kinderarbeit, Armut und Ausbeutung den Lebensstandard der herrschenden Klasse sicherten.

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Unter der heiteren Fassade verbergen sich ernsthafte Untertöne.
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Doch keine Sorge: Trotz seiner nachdenklichen Zwischentöne wird Stacking kein Spiel des Trübsinns. Vielmehr herrschen skurriles Design und originelles Rätseldesign vor. Der Kniff dahinter: Als Winzling Charlie könnt ihr andere Matroschka-Puppen kurzzeitig „übernehmen“, indem ihr euch einfach deren Hülle überstülpt. Jede Puppe verfügt über eine einzigartige Fähigkeit – mal banal, mal witzig, mal sinnlos, mal mächtig – die ihr einsetzen müsst, um die Rätsel und Aufgaben zu meistern.

Die eine Matroschka kann beispielsweise den Zug steuern, eine andere lediglich einen Sonnenschirm auf und zu spannen, die eine spielt mit sich selbst Ping Pong, die dicke Lady ist hervorragend zum Anschnauzen unfreundlicher Personen, ein pikierter Herr watscht seine Zeitgenossen mit dem Handschuh ab, die adrette Blondine betört das männliche Geschlecht usw. usf…

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Kernelement von Stacking ist das Übernehmen anderer Matroschka-Figuren.
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Für jedes Rätsel gibt es mehrere Lösungswege, die zum Ziel führen: Gleich zu Beginn müssen wir beispielsweise die Bahnhofsvorsteher aus ihrem VIP-Bereich locken. Doch leider ist der Wächter davor einer der Marke Gandalf: „Du kommst nicht vorbei.“ Eine Möglichkeit: Wir „stacken“ die hübsche Blondine und lenken mit ihr den Wächter für einen Moment ab, um uns Zugang zu verschaffen. Alternativ schnappen wir uns den Herren mit ausdünstenden Darmbeschwerden, lassen ihn einmal in die Lüftungsanlage flatulieren und locken so die Vorsteher aus ihrem Refugium.

Zum Meistern des Spiels genügt es, einen der bis zu fünf Lösungswege herauszufinden. Beim Anspielen spürten wir aber schon die sonst nur aus Rollenspielen bekannte „Sammelwut“ in uns aufkeimen, auch die übrigen aufzudecken und dadurch Achievements zu gewinnen. „Bei Lucas Arts haben wir es immer geliebt, unterschiedliche Lösungen für die Rätsel zu ersinnen“, erklärt Schafer, „doch aus Zeitgründen und wegen des hierfür nötigen Aufwandes ist diese Tugend etwas aus der Mode gekommen.“ Stacking mit seinem etwas anderen Spieldesign biete aber die perfekte Plattform dafür.

Damit räumt Stacking mit einer Adventure-Altlast auf, die das Genre im Vergleich zu aktuell populäreren Spielegattungen so unzeitgemäß erscheinen lässt: Anstatt ständig zu frustrieren, weil einem mal wieder die Lösung für die nächste Kopfnuss nicht einfallen will, wird man laufend vom Spiel belohnt: so etwa für das Finden seltener oder einzigartiger Matroschka-Puppen, für das Stacken ganzer Puppenfamilien, z.B. das Zauberer-Set bestehend aus Papa und Mama Magier sowie ihren kleinen Zauberlehrlingen, oder witzige Nebenaufgaben wie „Schlage zehn Personen mit dem Fehdehandschuh“.