Keine Liebe auf den ersten Blick, das nun wirklich nicht, was für eine zwischen türkisfarbenen Plastikdeckeln eingebettete Disk mit Nintendo Seal of Quality bereits unüblich genug ist. Kaum plug and play, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, dafür jede Menge Klickibunti und innere Hürden, die der ein oder andere von euch anfänglich vielleicht überwinden muss. Mir jedenfalls ging es so, vom ersten skeptischen Abnicken der Ankündigung bis zum Drücken auf den knuffigen Startknopf-Tintenfisch im Wii-U-Menü und die ersten Erfahrungen darüber hinaus. Lohnt sich, dranzubleiben. Ihr könntet etwas Großes verpassen.

Nichts Umstürzlerisches und kein lautes Poltern, das war ihre Sache ohnehin noch nie. Eher ein paar Oktaven tiefer, eine Spur subtiler und bodenständiger ist das, was mit „Nintendos erster Shooter“ nur unzureichend beschrieben ist.

Und schon hier beginnen die Missverständnisse.

Ignoriert die staubtrockenen Genre-Trampelpfade, ruft nicht „Call of Duty“, wenn ich „Shooter“ sage. Das hier ist eine andere, dem Spielspaß, nicht den Aktionären verpflichtete Sache. Wo andernorts denglische BWL-Termini und Zielgruppenanalysen auf Whiteboards gekritzelt werden, bevor auch nur die erste Zeile Code geschrieben wird, steckt bereits in der Konzeption von Splatoon mehr Aufbruchsstimmung als in den aktuellen Top 10 der Amazon-Verkaufscharts.

Splatoon - Nachts sind alle Shooter grau

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Seit Jahren bekommen wir immer dieselben Shooter vorgesetzt. Diese Zeiten sind vorerst vorbei.
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Splatoon wurde spielbare Realität, weil man beim wilden Herumexperimentieren auf ein zentrales Element gestoßen ist, das sich auszureizen lohnt. Weil man eine Idee, eine vage Vorstellung einer neuen Art Shooter hatte - nicht, weil es wieder an der Zeit war, die 16-Jährigen scharenweise ans Sparschwein zu bitten.

Ich will und kann gar nicht abstreiten, dass sich Nintendo dem Druck der Geldgeber nach jahrelangen roten Zahlen hierbei nicht zumindest ein wenig gebeugt hat. Gut möglich, dass Shooter-Konzepte sonst nicht zwangsläufig ganz oben auf ihrer Agenda gestanden hätten. Spielt aber ohnehin keine große Rolle, ist ja schließlich nicht so, als hätte man diesem groben Fingerzeig (wenn es ihn denn gab) keinen eigenen Stempel aufgedrückt – nicht nur im übertragenen Sinn.

Packshot zu SplatoonSplatoonErschienen für Wii U kaufen: Jetzt kaufen:

Warum ist da noch niemand früher drauf gekommen?

Ihr verspritzt Farbe, bekleckst dabei möglichst mehr Fläche als eure Gegner, das war’s im Wesentlichen. Was habt ihr auch erwartet? Die einfachen Ideen sind stets die besten und Nintendo war schon immer große Klasse darin, augenscheinlich simple, fast stumpfsinnige Mechaniken mit spielerischem Leben zu füllen. Splatoon ist da keine Ausnahme, lediglich der jüngste Spross dieser Sippe.

Es beginnt alles etwas unvermittelt; man wirft euch eben so rein in diesen Farbeimer. Keine staubtrockenen Textboxwüsten, niemand nimmt euch länger an die Hand als unbedingt nötig (womit ich nach dem Fünf-Stunden-Tutorial von Skyward Sword und anderen Nintendo-Spielen beinahe am wenigsten gerechnet hätte). Splatoon lässt nichts anbrennen, nicht jetzt und auch nicht später.

Knallbunter Gute-Laune-Spaß mit einzigartigem Konzept und dem Herz am rechten Fleck. Nur am Drumherum fehlt es ein wenig.Fazit lesen

Fünf Minuten, viel länger sollte es kaum dauern, bis ihr einem Kerlchen der Marke „Kann nur eine Mutter lieben“ das virtuelle Leben erst schenkt, nur um es ihm wenig später wieder durch eigene Unfähigkeit zu entreißen. Fünf Minuten vom Charaktereditor bis zum ersten Online-Match, nichts anbrennen lassen, wie gesagt. Hängt noch zwei Nullen ran, dann habt ihr vielleicht eine vage Vorstellung davon, was Splatoon so alles zu bieten hat.

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Eine dicke Katze kürt am Ende jeder Runde den Sieger, Instant-Gold-Award.
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Bis dahin seid ihr ganz gut damit beschäftigt, im Kopf mit ein paar Shooter-Begrifflichkeiten und -Standards zu jonglieren, die dort seit Jahren ihren angestammten Platz haben. Auf alles feuern, was nicht bei drei auf den Bäumen ist? Bringt euch hier höchstens ein anerkennendes Nicken der Kollegen, keine handfesten Punkte ein. Killstreaks gibt es keine, sinnvolle Möglichkeiten zum Campen schon gar nicht.

Noch kein Call-of-Duty-Heimweh? Sehr gut.

Splatoon ist ein Umerziehungscamp für jeden, der Shooter in der Vergangenheit auch nur am Rande gestreift hat, ohne dass es sich damit profilieren wollen würde. Mit Standards wird lediglich gebrochen, weil sie in diesem Universum schlicht wenig sinnvoll sind, nicht um die Konkurrenz zu foppen. Insofern werdet ihr hier durchaus ein paar Traditionen wiederfinden, wenn sie das Spielprinzip denn sinnvoll ergänzen. Killstreaks zählen wie gesagt nicht dazu bei einem Spiel, in dem ihr primär auf den Boden, weniger auf eure Mitspieler schießt. Bei verschiedenen Knarren, Granaten und Extrawaffen sieht das schon anders aus und auch unterschiedliche Klamotten mit ganz eigenen Spezialfähigkeiten könnt ihr euch über den ulkigen Körper streifen.

Einen etwas hüftsteifen, insgesamt aber sehr wandelbaren Körper. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ihr hüpft auf zwei Beinen durch die Walachei oder werdet auf Knopfdruck zum Tintenfisch, der auf vertikalen und horizontalen Ebenen entlangschwimmt, sofern sie nur in der Farbe des eigenen Teams getränkt sind. Buchstäblich zwei Herzen schlagen in eurer Brust und ihr solltet schleunigst lernen, im richtigen Augenblick zwischen ihnen zu wechseln. Als humanes Kerlchen mit der Knarre im Anschlag der Mann fürs Grobe, als Tintenfisch einer, der schnell abtaucht, sich vor Feindbeschuss wegduckt und blitzschnell die Position wechselt.

Hallo, ich bin ein Shooter – und ein Pazifist
Die ersten behutsamen Schritte macht ihr noch mit den üblichen Kanonen, was für den Anfang allemal ausreicht, da ihr ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt seid. Mit der Steuerung etwa, um den vielleicht fiesesten Stolperstein zu nennen, der den Unterschied zwischen „Nett, aber nichts für mich“ und dutzenden versenkten Stunden ausmachen kann. Hey, nach deutlich mehr miss- als geglückten Wii-Fuchtelexperimenten habe ich vollstes Verständnis für jeden von euch, der beim Begriff „Bewegungssteuerung“ sofort abschaltet. Aber: Zeiten ändern sich.

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Da ihr durch das Einfärben des Bodens bedeutend mehr in der Vertikalen arbeitet als in einem normalen Shooter (der euren Blick normalerweise eher „nach vorn“ auf den nächsten Gegner richtet), hat Splatoon ein hausgemachtes Bewegungsproblem und wäre mit 08/15-Konsolensteuerung Wasser auf die Mühlen der dauerkrakeelenden „Shooter gehören auf den PC“-Fraktion, #pcmasterrace. Ganz Unrecht haben sie ja nicht; einer Maus ist die GamePad-Bewegungssteuerung in Sachen Geschwindigkeit und Präzision auch weiterhin unterlegen, machen wir uns nichts vor. Auf der anderen Seite kommt Nintendos Ansatz dem Vorbild näher als alles, was es bislang auf Konsolen gab – eine mehrstündige Eingewöhnungszeit vorausgesetzt. Um die kommt ihr kaum herum, was Splatoon einiges vom unkomplizierten „Ein- und loslegen“-Charakter anderer Nintendo-Produktionen nimmt. Geht den anderen Spielern allerdings auch nicht anders, mit denen ihr als Anfänger in der Lobby zusammengeworfen werdet, geteiltes Leid und so.

Bleibt dran, es flutscht schnell genug, buchstäblich: wenn ihr euch die Grundlagen raufgeschaufelt habt, in eurer eigenen Farbe als wendiger Tintenfisch auf dem Boden entlang- und auf Wenden emporschwimmt, die ersten Level aufgestiegen seid und das Wii U GamePad plötzlich schon wieder geladen werden will. Was, schon wieder vier Stunden rum?

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Nintendo hat noch ein paar Baustellen, an denen es arbeiten muss. Mit den richtigen Updates könnte Splatoon nochmals eine ganze Ecke besser werden.
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Nach einem zugegeben etwas holprigen Start lässt euch Splatoon schnell genug endgültig von der Leine und schließlich kaum noch los. Dafür passiert zu viel, ständig und überall. Während der Wartezeit in der Lobby spielt ihr ein Minispiel auf dem GamePad-Bildschirm, innerhalb der Kämpfe könnt ihr jederzeit zu anderen Spielern hüpfen, um ja keine drei Sekunden ohne Action auskommen zu müssen. Jeder Quadratmeter eingefärbter Boden bringt euch Punkte und damit Geld, noch mehr, wenn ihr die gegnerische Farbe überpinselt, es gibt also immer was zu tun – und wenn es nur das Ausprobieren neuer Waffen ist. Stillstand ist Rückschritt, runterkommen könnt ihr in einem anderen Spiel, drückt schon auf A, noch eine neue Runde, los jetzt, und nicht wieder hinter den Mitspielern verstecken, vorwärts, marsch. Kann man sich stundenlang geben, diesen Spirale aus Erfolg, Belohnung und schneller Befriedigung. Haben die Moorhühner damals auch nicht besser hinbekommen.

Splatoon tut allerdings auch nicht mehr als unbedingt nötig, um euch bei Laune zu halten. Schön und gut, Nintendo hat bereits hoch und heilig versprochen, den Shooter langfristig mit weiteren Inhalten zu füttern, großes Mario-Ehrenwort. Ändert aber nur wenig am überschaubaren Angebot, das ihr euch ab jetzt für entgegenkommende 40 Euro nach Hause holen könnt. Drei verschiedene Spielmodi sind arg überschaubar, zumal ihr ohnehin fast nur Revierkampf spielen werdet: den Online-Standard-Modus, bei dem jenes Team gewinnt, das am meisten Fläche der jeweiligen Karte eingefärbt hat. Mit einem Kumpel auf der Couch könnt ihr lokal noch piefige Ballons abknallen, euch in Ranglisten-Kämpfen zudem in einem „King of the Hill“-artigen Modus austoben.

Nintendos Shooter schleppt überhaupt so seine unnötigen Wehwehchen mit sich herum. Die wenigen Modi sind eines davon, auch eine Handvoll Karten sind nicht die Welt, der Fünfte-Rad-am-Wagen-Solomodus sogar völlig vernachlässigbar. Es sind Kleinigkeiten, nitpicking, wenn ihr so wollt, nur gibt es ein paar Dinge, die ich von einem Online-Spiel im Jahr 2015 erwarte: Sprach-Chat wäre eine davon oder auch die Möglichkeit, die Lobby jederzeit verlassen zu können, bevor ein zum Teil mehrminütiger (!) Zähler abgelaufen ist. Typische Nintendo-Gängelungen eben, außerdem wert- und anspruchslose amiibo-Integration, keinerlei Auswahlmöglichkeiten in der Lobby, you name it.

Andererseits: Keine Mikrotransaktionen, kein Free-to-play-Gelöt oder anderer Schnickschnack, dafür der Blick fürs Wesentliche. Splatoon schlägt keine großen Haken wie es andere Spiele dieser Art tun, es versucht erst gar nicht, euch mit Taschenspielertricks bei Laune zu halten. Das ist keine Rechtfertigung für die offensichtlichen Schwächen; mit der Veröffentlichung ist das Projekt Splatoon für Nintendo noch längst nicht ad acta gelegt. Es zeigt aber auch, wie blind sich die Japaner auf ihren spielerischen Kern verlassen können, der – und darauf kommt es letzten Endes an – nahezu perfekt funktioniert.

Am Ende bleibt es eure Entscheidung: Shooter-Einheitsbrei (so hochwertig er auch sein mag) oder ehrlicher Spielspaß, ohne Gewalt und überflüssigen Schnickschnack? Meine Wahl ist längst getroffen – auch wenn es keine Liebe auf den ersten Blick war.