Das virtuelle Hollywood:
Die Lizenz zum Spielen
(von Nina Ernst)
Einmal wie Indiana Jones die Peitsche knallen, das Lichtschwert schwingen wie in »Star Wars« oder Aliens bekämpfen wie die »Men in Black«. Kein Problem für Computer- und Videospieler, denn in den

Ladenregalen wimmelt es nur so von Games zu Kinofilmen.
Kaum ein Hersteller verzichtet auf das lukrative Lizenzgeschäft. Fast jeden Monat erscheinen gleich mehrere Spiele, die an Filme angelehnt sind.

Sehen wir uns zum Beispiel die Neuerscheinungen der letzten Wochen an, so finden wir darunter Games zu aktuellen Kassen-schlagern wie »Hulk« oder »Drei Engel für Charlie«. Und die Spiele-Releaselisten für die nächsten Monate lesen sich wie ein Kinopro-gramm mit einem Mix aus neuen und alten Titeln: »Gesprengte Ketten«, »Terminator 3«, »Spiderman 2«, »Mission Impossible« oder »Crouching Tiger, Hidden Dragon«.

Fast jeder Hollywoodfilm lässt sich als Computerspiel umsetzen, solange er keine Liebeskomödie inszeniert oder ein Drama ist. Allein von den 30 erfolgreichsten Filmen aller Zeiten haben mehr als 20 ihren Weg auf PC und Konsole gefunden.

Die Lizenz und der Zeitdruck
Eigentlich eine tolle Sache, dass Kinogänger die Abenteuer ihres Lieblingshelden nachspielen können. Bislang entlockte die Ankündigung von neuer Lizenzware den meisten Zockern aber nur ein müdes Lächeln. Denn viele Umsetz-

ungen waren lieblos gestaltet. Hier setzten nicht wenige Hersteller meist nur auf den großen Namen und somit die Massentauglichkeit. Qualität stand erst an zweiter Stelle. Als Resultat kamen oft Film-Spiele mit einer langweilig inszenierten Story, veralteter Grafik und unausgereifter Steuerung in die Läden.

Manche Entscheidungsträger in der Spieleindustrie waren sich wohl auch nicht darüber im Klaren, dass ein Hollywoodfilm weniger Produktionszeit benötigt als ein ausgereiftes Gameplay.
Die Spielefirmen stehen nach dem Erwerb einer Lizenz enorm unter Zeitdruck, wenn sie das Game passend zum Filmstart herausbringen wollen. Da muss schon ein großes Team her, um in der kurzen Zeit ein zufrieden stellendes Produkt abzuliefern.

Auf Bond ist Verlass
Doch es gibt auch unterhaltsame Film-Spiele, die aus dem Lizenz-Einheitsbrei hervorstechen. Zu ihnen zählen beispielsweise die Action-Games der James-Bond-Reihe. Hier wird einiges an Aufwand betrieben, um Authentizität zu vermitteln. Der im Herbst erscheinende neue Teil »Alles oder Nichts« wartet mit allerhand Hollywoodstars auf. Schauspieler wie Bond-Darsteller Pierce Brosnan, Q-Mime John Cleese und Judi Dench als Bond-Chefin M leihen den Spielfiguren Aussehen und Stimme.

Electronic Arts, Hersteller des Bond-Spektakels, hat kürzlich sogar ein Studio in der Nähe Hollywoods gegründet, das sich hauptsächlich dem Thema Spezialeffekte widmen soll. Zur Freude der Käufer erkennen immer mehr Firmen, dass die Lizenz alleine nicht genügt.
Die Anfänge
Zu den ersten populären und mittlerweile legendären Filmumsetzungen zählen »Ghostbusters« und die Adventure-Titel der Indiana-Jones-Serie aus den späten 80er- und frühen 90er-Jahren. Beim Thema Indiana Jones gingen Hollywood und eine Spielefirma übrigens erstmals buchstäblich Hand in Hand. George Lucas, Produzent und Drehbuchautor der drei bislang erschienenen Indy-Filme, ist nämlich gleichzeitig Chef der Software-Schmiede LucasArts. Letztere ließ er 1989 den Kinofilm »Indiana Jones und der letzte Kreuzzug« nacherzählen, drei Jahre später erfanden seine Programmierer »Indiana Jones and the Fate of Atlantis«.

Lange Zeit hofften Cineasten, dass dieses Spiel den Grundstock für ein weiteres Abenteuer mit dem von Harrison Ford dargestellten Archäologie-Professor darstellen könnte.

Doch »Fate of Atlantis« schrieb »nur« Computerspiel-Geschichte. Heute gilt es als eines der besten Grafik-Adventures aller Zeiten, bei dem der Spieler drei unterschiedliche Lösungswege zum Ziel festlegen durfte.

Egal ob er sich dabei für die Rätsel-, Action- oder die gemischte Variante entschied, Film-Feeling war in jedem Fall garantiert.

Die Gegenwart
Mit fortschreitender Technik wurde es dann immer einfacher, virtuelle Kino-Atmosphäre zu schaffen. Ständig verbesserte Grafik ließ Helden und Umgebungen realistischer aussehen. Mit der Zeit konnten Filmsequenzen wie bei »Herr der Ringe - Die zwei Türme« immer spektakulärer ins Spielgeschehen eingefügt werden.

Auch angehängte Filmpassagen - als freischaltbares Bonusmaterial - sind mittlerweile ein beliebtes Extra, um Kinofans zum Kauf eines Games zu bewegen.

Die Matrix-Affäre
Nicht nur im Bemühen um realistische Optik wachsen Spiel und Kino immer mehr zusammen. Das neueste Paradebeispiel für die Verschmelzung beider Branchen ist das im Mai erschienene Action-Spiel »Enter The Matrix«. Statt die Filmgeschichte noch einmal zu erleben, steuert der Spieler seine Figur durch eine Handlung, die parallel zur Leinwandinszenierung verläuft.

So sollen cineastisches und virtuelles Erlebnis ineinander greifen und sich gegenseitig ergänzen. Möglich wurde diese Verzahnung durch die intensive Zusammenarbeit der Matrix-Filmemacher Larry und Andy Wachowsky und dem Entwicklerstudio Shiny. Über eine Stunde reale Filmsequenzen hatten die Regisseure extra für das Spiel gedreht.

Und auch wenn die Fachpresse nicht gerade begeistert von der Qualität des Games war, das Rezept von Hersteller Atari ging auf: Weltweit wurden etwa 2,5 Millionen Exemplare von »Enter The Matrix« allein im ersten Monat verkauft. Eine Fortsetzung ist bereits in Planung. Und Konkurrent Ubi Soft will sich den bekannten Namen ebenfalls für sein im Herbst erscheinendes Game »Matrix Online« zu Nutze machen.

Die Dauerbrenner
Regelmäßig finden Spiele zu älteren Filmen wie »Jurassic Park« oder Klassikern wie »Godzilla« den Weg in die Ladenregale.

Und zu den ganz großen Dauerbrennern zählen seit vielen Jahren die Umsetzungen zu den Themen »Star Trek« und »Star Wars«.

Jedes Jahr erscheinen gleich mehrere Games rund um die berühmten Science-Fiction-Welten.



Hier spielt der Zocker meist keinen bestimmten Film nach, sondern bewegt sich mit einer neuen Story durch die Welt der Lizenzvorlagen. So auch beim Rollenspiel »Fluch der Karibik«, das Ende August, also kurz vor Kinostart, erscheinen soll.

Der Titel greift die Atmosphäre, nicht aber die Handlung des gleichnamigen Films auf. Auch »Tron 2.0« verzichtet auf eine Nacherzählung des Science-Fiction-Klassikers.

Es kommt als eine interaktive Fortsetzung des »Tron«-Films daher und könnte sogar einen neuen Trend anschubsen, denn die Geschichte ist nach der Filmhandlung angesiedelt.TV-Umsetzungen
In der Top Ten der meistverkauften Konsolenspiele 2002 finden sich gleich drei Filmumsetzungen. Ganz schön viel, bei der Menge an verschiedenen Themen. Und ein Ende ist nicht abzusehen. In den letzten sieben Jahren hat sich der Anteil an Spielen mit Filmlizenz im Videospielemarkt ungefähr verzehnfacht. Was kommt danach?

Künftig werden sich die Firmen wahrscheinlich verstärkt auf Lizenzen zu erfolgreichen TV-Serien stürzen. Hier gibt es noch einiges aufzuholen. Der Großteil der bisher erschienenen Titel sind lieblose Schnellschüsse. Und auch das kürzlich veröffentlichte Adventure »C.S.I.« - einen ausführlichen Test finden Sie in dieser gamona-Ausgabe - ist nicht der Weisheit letzter Schluss.

Die gelungene Umsetzung von »Buffy - Im Bann der Dämonen« zeigt, dass es aber auch hier anders geht. Weitere Serienumsetzungen wie »Futurama« und »Alias« erwarten uns in Kürze.

Film-Feeling ohne Lizenz
Während massenweise Hollywood-Schlager und TV-Serien auf PC und Konsole gebannt werden, machen sich auch Entwickler ohne Lizenz die Filmwelt zu eigen und kreieren filmisch inszenierte Games. Sie engagieren professionelle Sprecher, untermalen das Geschehen mit Filmmusik und arrangieren cineastische Kamerafahrten.

Garniert wird das Ganze meist noch mit einer spannenden Story. Auf diese Mischung setzte auch Illusion Softworks beim Actionhit »Mafia«. Hier ist die Kino-Atmosphäre so gelungen, dass der Titel wie eine inoffizielle Umsetzung von »Der Pate« wirkt. Auch filmreife Vorspänne mit dramatischer Musik und eingeblendeten Namen der Mitwirkenden, wie in Hideo Kojimas »Metal Gear Solid«, finden immer häufiger Einzug in Games.

Spielehelden auf der Leinwand
Seit einiger Zeit beruht die Beziehung von Games und Filmen auf Gegenseitigkeit. Spielehelden tummeln sich immer häufiger und

vor allem professioneller auf der Leinwand. Während Klempner Mario und die Mortal-Kombat-Kämpfer sich noch recht unsicher durch den Filmplot bewegten, wirkt die Umsetzung von »Resident Evil« mit Milla Jovivich in der Hauptrolle richtig professionell.

Auch die Tomb-Raider-Filme sind zwar nicht intellektuell anspruchsvoll, bieten aber saubere Hollywood-Action. Schließlich sind nicht nur an PC und Konsole, sondern auch im Kino billige Umsetzungen out.
Wir dürfen also gespannt sein, was beide Branchen in Zukunft gemeinsam noch so alles aushecken.