Mitte Juni wurde in Kassel die documenta 12 eröffnet, eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Diesmal verschreibt sie sich dem »durchaus verwegenen Anspruch, das Potenzial des Ausstellungsmachens neu auszuloten und ihr Publikum (ästhetisch) zu bilden«. Und während der diesjährige Leiter Roger Buergel noch "leitlich" motiviert herumorakelt, inwieweit die Moderne unsere Antike sei, prägen das Formempfinden der jüngeren Generation ganz Andere.

Zugegeben, Gruppen wie jodi.org existieren schon seit langem. Das heißt natürlich, seit langem nach Computermaßstäben, nämlich über zehn Jahre. Sie rangieren primär im Bereich »Video Art« und stellen bizarre, (nur) scheinbar sinnlose Webpages, Screenshots alter Games oder optisch aufbereitete Codesegmente in den Vordergrund ihrer Arbeit. Die Werke schafften es bereits 1997 auf die documenta X. Dabei zerpflücken ihre Macher Spiele wie Wolfenstein 3D, Quake oder Max Payne, um sie dann auf eigenwillige Weise wieder zusammenzubasteln. Die Ergebnisse lassen sich dann als Mods spielen.

Spielekunst - Documenta VIII bit – Wenn die Postmoderne zweimal klingelt

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Mario's lament: Muse in rot, der dicke Klempner inspiriert viele Digitalkünstler. Hier Reuben Rude
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Der in Schweden geborene Tobias Bernstrup hat etwa zusammen mit Palle Torsson in seinen Computer-»Installationen« namens » Museum Meltdown I-III« diverse Spielengines genutzt, um die Architektur der jeweiligen Ausstellungsräume nachzubauen. So konnten dann die Kunstbegeisterten am Computer durch die gerade besuchten Räumlichkeiten hetzen und im klassischen 3D-Shootersinne Monster jagen (und natürlich Kunstwerke verwüsten, wozu geht man schließlich ins Museum).

Andere, wie Cory Arcangel, haben es dagegen tatsächlich ins New Yorker Museum of Modern Art und ins Guggenheim Museum geschafft. Noch viel erstaunlicher: ihre Werke auch. Arcangel kooperierte etwa mit dem Kollektiv »Paper Rad«, hackte ein Super Mario Cartridge und verkaufte den Klempner auf LSD erfolgreich als »Kunst«.

Allerdings handelt es sich bei all den genannten im Grunde eher um die Fortführung von Performance-, bzw Popartbewegungen mit digitalen Mitteln. Nur konsequent daher das Werk » Thank you Andy Warhol« von Miltos Manetas. Derartiges dürfte trotz Verwendung uns sehr vertrauter Bildelemente den meisten Spielern ähnlich schwer im Magen liegen wie Beuys Fettecke (nach tatsächlichem Verzehr).

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Wizard of Mario World: Misha widmet ebenfalls die meisten ihrer Bilder Mario und Co.
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Andererseits finden sich im Netz zahlreiche Talente, die ebenfalls Charaktere oder Szenen aus dem Spielesektor in den Fokus ihrer Arbeiten rücken, dabei jedoch gegenständlicher arbeiten und somit einem wesentlich breiteren Publikum einen Zugang eröffnen. Hier ist der Übergang zwischen Konzept-Art und klassischer Kunst fließend, nicht zuletzt, weil es das Tätigkeitsfeld der jeweiligen Künstler ebenfalls ist. Ausgestellt werden die Bilder, neben den klassischen Galerien im Netz, einmal jährlich in Los Angeles auf der »I am 8 bit«.

Insbesondere Mario ist ein beliebtes Opfer der videospielbegeisterten Pinselschwinger. Sowohl in Mishas »The Wizard of Marioworld« (Acryl auf Leinwand) taucht er auf, als auch in »Mario's Lament« (Collage und Acryl auf Leinwand) von Reuben Rude oder in Gabe Swarrs »Mario Block« (ebenfalls in Acryl). Dicht an seiner Seite oder zumindest in seinem näheren Umfeld findet sich selbstverständlich immer Zeldas Link. Der ist jedoch nicht nur gemalt, wie von Ryan Bubnis zu haben, sondern auch in dreidimensionaler Form.

Der Deutsche Jan Ruoff hat etwa 1.000 Stunden seiner Zeit geopfert, um aus einem Stück Holz den spitzohrigen Grünkittel zu schnitzen. Als Vorlage diente ihm die Statue von Link aus dem Gamecube-Spiel »Super Smash Bros. Melee«. Das Ergebnis samt Schwert, Schild und Bogen ist auf Jans Seite zu bewundern. Trotz p0rnverdächtigen Nachname ging mit dem Elfling Anna Chambers weniger hart zur Sache in »Legend of the Plushed«: Sie kreierte einen leicht abstrakten Plüschlink.

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»Mario Block«: Und noch einmal der dicke Italiener. Hier protraitiert von Gabe Swarr
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Viele Anklänge bzgl. Videospielen, Cartoons oder Sciencefictionfilmen finden sich weiter bei Carlos Ramos (was nicht weiter überrascht, zeichnete er doch Storyboards für »Dexter's Laboratory«, entwarf Charaktere für Disney und hat eine eigene Show auf Nickelodeon). Star Wars Drohnen oder die Flintstones sind beispielsweise seine klassischen Motive.

Da aber unsere Generation bekanntermaßen als Werte nur anerkennt, was sich auf ein T-Shirt packen lässt (etwa Che Guevara), sei an dieser Stelle noch auf das Angebot von panic.com hingewiesen. Größen der Spielebranche, wie »Katamari« sind hier als ansprechender Aufdruck zu haben. Die sind zwar langfristig jedenfalls eine schlechtere Geldanlage als die oben genannten Werke. Dafür seht ihr aber verdammt gut damit aus.