Nazisymbole haben in Computerspielen eigentlich nichts zu suchen. Trotzdem will ein deutscher Entwickler vor Gericht dafür kämpfen, Hakenkreuzdarstellungen in sein Spiel integrieren zu dürfen. Und die Chancen stehen nicht schlecht.

Hakenkreuze zu zeigen, das geht schon in Ordnung - wenn sie denn richtig verwendet werden. Etwa eingebettet in einem Umfeld, in dem sie eine Funktion erfüllen, die nicht der Propaganda dient oder sonstiger gefährlicher Glorifizierung kleingeistiger Ideen. Sondern der Kunst, der Wissenschaft und der Aufklärung im demokratischen Sinne. Das sagt unser Strafgesetzbuch. Der Paragraph 86, Absatz 1, Nummer 4 des Strafgesetzbuches sorgt für die Einhaltung des Verbots. Wer dagegen verstößt, kann sich saftige Geldstrafen und bis zu drei Jahren Haft einhandeln. Und das ist gut so.

Deswegen dürfen Dokumentarfilme Hakenkreuze zeigen, die Plattencover von Deutsch-Rockbands aber nicht. In einem Museum darf eine Reichskriegsflagge hängen, jedoch nicht auf einer Parteiversammlung. Die Hitlergrußparodie in einer TV-Werbung für mehr Toleranz geht klar, der ernstgemeinte von den Schwachsinnigen in der Nordkurve oder auf der Provinzbahnhofstoilette nicht.

Spielekultur - Zensuralarm: Das Kreuz mit dem Kreuz

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Nach zwei Jahren des freien Verkaufs indiziert: Wolfenstein 3D.
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Deswegen war es auch nie ein großes Thema, als im Januar 1994 der Ego-Shooter „Wolfenstein 3D“ in Deutschland indiziert wurde, und das, nachdem er immerhin zwei Jahre lang verkauft werden durfte. Es war eine richtungsweisende Entscheidung, an dem Publisher von Computerspielen sich nicht vorbeigetraut haben, auch weil sie die Nazisymbole immer nur als schmückende Erkennungszeichen der Bösen gezeigt haben.

Da war halt nichts mit Kunst, Wissenschaft und demokratischer Aufklärung. Doch eventuell könnte diese eherne Gesetzmäßigkeit bald aufgelockert werden. Oder zumindest einen Ausnahmefall erfahren. Und schuld daran sind die Straßenkinder.

Reality Twist ist ein eher unbekannter Entwickler aus München. 2010 gab es den zweiten Platz beim Newcomer-Award für eine iPad-Anwendung namens „daWindci“. Viel mehr hat das junge Unternehmen noch nicht für seinen Briefkopf vorzuweisen. Ansonsten bastelt man in der bayerischen Landeshauptstadt seit einiger Zeit an „Generation Zero“, einem klassischen Point-and-Click-Adventure, das im Berlin der ersten Monate nach der Kapitulation des Dritten Reichs spielt.

Vom Zweiten Weltkrieg zum Nachkriegs-Adventure

Jugendbanden streiften damals durch die Trümmerwüste, machten den Schutt der Naziherrschaft zu ihrem Abenteuerspielplatz, auf dem sie tagtäglich ums Überleben kämpften mussten. Es sind die ersten Monate der Entnazifizierung, als man den groben Keil ansetzte, um Statuen zu entfernen und Adolf-Hitler-Plätze umzubenennen. In der Zeit wurden die Hakenkreuzfahnen abgehängt, aber das dauerte.

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Generation Zero spielt in der Nachkriegszeit.
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Denn das faschistische Deutschland pflegte nicht nur einen Führerkult, sondern auch einen um das Symbol, das seine kranke Idee repräsentierte. „In der Nachkriegszeit waren am Anhalter Bahnhof in Berlin noch Hakenkreuze, denn das Naziregime wurde erst nach und nach abgeschafft“, erklärt Sebastian Grünwald vom Publisher Reality Twist. Und benennt damit zugleich ein Dilemma des Spiels: die authentische Darstellung der Nachkriegszeit, in der die Entnazifizierung eine große Rolle spielte.

„Das Spiel will auch zeigen, welche Bedeutung es für die Leute damals hatte, mit einer Symbolik aufzuwachsen, die dann plötzlich verboten wird“, sagt Grünwald. Deswegen möchte man auf die Symbolik nur ungern verzichten, will aber natürlich auch keine Straftat begehen. Ein Dilemma. Aber genau dieser Anspruch - in sechs bis acht Episoden zu zeigen, wie es wirklich war - macht das Vorhaben von Reality Twist nicht ganz aussichtslos.

Spiel und Ernsthaftigkeit in einem qualitativ hochwertigen Adventure zeigt zuletzt auch schon das Daedelic-Spiel „A New Beginning“, allerdings in einer Umweltthematik. „Generation Zero“ erzählt hingegen das Schicksal der Kriegswaisen, eingerahmt in einer Abenteuergeschichte. Grünwald nennt die Geschichte „Oliver-Twist-mäßig“, und genau das fällt einem auch ein, wenn man sich die Screenshots und das Artwork anschaut: zerlumpte Kinder mit Schlägermützen, die klauen, um nicht zu verhungern.

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Und es soll die harten Lebensbedingungen dieser Zeit aufzeigen.
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Aber das Abenteuer wird garniert mit einem Einblick in die harten Lebensbedingungen, den Verlust der Eltern und Nachbarn, vielleicht der ganzen Kindheit. „Wir verfolgen ein höheres Ziel, nicht bloß Entertainment“, sagt Grünwald. Die Gewalt, die Zerstörung, die Vermissten, die Erinnerungen, aber auch die nationale Demütigung, die ein verlorener Krieg nach sich zieht, egal wie sehr er auch gleichzeitig eine Befreiung war. So viel sozialer Realismus und dann keine Hakenkreuze, weil Computerspiele immer noch nicht als Mittel angesehen werden, um wirkliche Aufklärungsarbeit zu leisten? Das ist weder zeitgemäß noch logisch.

Das dachte sich wohl auch Jimmy Schulz, als Reality Twist vor einiger Zeit auf ihn zuging, um politische Rückendeckung zu erbitten. Schulz ist Bundestagsabgeordneter für die FDP und, was vielleicht noch wichtiger ist, Mitglied der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“. Er ist also einer der wenigen Politiker auf Bundesebene, die wissen, wovon sie sprechen, wenn es um Computerspiele geht.

Der Rest vom Fest

Schulz holte eine juristische Fachmeinung ein und befand dann, dass „Generation Zero“ sowohl aufklärt als auch eine Förderung im Sinne der Kunst und Wissenschaft erhalten könnte. In einer Pressemitteilung sagt er weiterhin: „Da ein Spiel urheberrechtlich als filmisches Werk gewertet wird, sollte man von einer Gleichbehandlung ausgehen können“. Sprich: „Generation Zero“ eignet sich hervorragend, um einen Präzedenzfall zu schaffen und die Tür weit aufzustoßen für andere Spiele, die sich Kunst, Wissenschaft und Demokratie auf die Fahnen schreiben und deswegen auch Hakenkreuze auf den Fahnen haben dürfen.

Allerdings muss die Sache erst einmal vor einem Gericht verhandelt werden. Ein Urteilsspruch zugunsten des Spiels wäre eigentlich folgerichtig und überfällig. Aber: „Das Thema ist noch nicht in den parlamentarischen Gremien behandelt worden“, schrieb Schulz an den Entwickler. Für eine positive Entwicklung in Richtung Bewilligung sprechen aber auch die angekündigte Förderung des Projekts durch die Bayerische Staatskanzlei und den FilmFernsehFonds Bayern.

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Das Team von Generation Zero in verschworener Gemeinschaft.
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78.000 Euro will man von staatlicher Seite dazuschießen, eine Investition, die sicherlich nicht leichtfertig in ein x-beliebiges Spiel getätigt wird. „Wir hätten keine Förderung bekommen, wenn der Staat keine pädagogische Schaffenshöhe dafür gesehen hätte“, deutet es Grünwald an. Aber natürlich ist das keine Garantie für einen Erfolg. Denn Deutschland ist ein gebranntes Kind. Und auch wenn der Umgang mit verfassungsfeindlichen Symbolen nicht immer glücklich war. Wir erinnern uns an das richterliche Urteil aus Stuttgart, in dem 2006 der Punk-Versandhandel Nix-Gut Records zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil er Gegenstände mit durchgestrichenen Hakenkreuzen vertrieb (das Urteil wurde ein Jahr darauf vom Bundesgericht kassiert).

Oder der Kabarettist Serdar Somuncu, der aus „Mein Kampf“ vorgelesen und damit gezeigt hat, was Hitler da eigentlich für einen unleserlichen Schwachsinn geschrieben hat. Somuncus rechtliches Schlupfloch bestand darin, dass er nur Auszüge des Pamphlets vortrug. Und es einzuordnen wusste, historisch wie moralisch. Behördlich veranlasste Absagen in letzter Sekunde gab es auf seiner Lesereise trotzdem immer wieder. Stets mit der Begründung, so etwas mache man nicht. Der Hitler, der ist tabu.

Dabei stellt sich hier ohnehin die Frage, wie man sich mit den Fehlern der Vergangenheit auseinandersetzen will, wenn man nicht in der Lage ist, sie aus erster Hand zu studieren. Das gilt auch für Hakenkreuze. Denn mehr als 65 Jahre nach ihrem Verschwinden, nachdem sie für das gestanden haben, was die Welt in den Abgrund stürzte, könnten sie eigentlich mal was für uns tun. Und sei es nur, damit in einem Computerspiel gezeigt wird, wie sie von Masten gerissen, mit Füßen getreten, bespuckt und verbrannt werden.