Zwei Veröffentlichungen binnen kürzester Zeit – und all die unglücklichen letzten Jahre sind passé. Pokémon Go und das NES-Mini haben vollbracht, was ursprünglich Zelda und der kommenden NX-Konsole zugedacht war: Nintendos Rehabilitation. Zwei Produkte fernab moderner Videospieltugenden, die vor allem mit einem Profit machen: unseren Erinnerungen.

Für Pokémon mag das tendenziell weniger zutreffen, zugegeben, speist sich der durchschlagende Erfolg auch aus einer Mischung aus Neugier, irrwitzigem Hype und wegweisender (Augmented-Reality-)Technik. Andererseits: Wenn dies der alleinige Grund für die klingelnden Kassen bei allen Beteiligten sein sollte, warum verpuffte der geistige Vorgänger Ingress dann vergleichsweise im Nichts, der den kleinen Taschenmonstern in seinen Grundlagen bisweilen wie ein Poké-Ei dem anderen glich? Genauso wenig ist es Zufall, dass sich Nintendo in Zusammenarbeit mit Niantic ausgerechnet für die ersten 150 Pokémon entschieden hat. Obwohl jeder Videospieljahrgang seine eigenen Editionen und damit ganz „persönlichen“ Pikachus hatte, ist diese buchstäblich erste Garde emotional am stärksten aufgeladen. Zumal jene Spielergeneration, die vor knapp 20 Jahren erstmals mit dem Pokémon-Virus infiziert wurde, gerade irgendwo in ihren Mittzwanzigern herumtigert, auf Facebook mit „Nur ein Kind der 90er kennt das!“-unterschriebene Tamagotchi-Bilder teilt und allgemein unheimlich empfänglich ist für alles, was an die eigene Kindheit erinnert. Glaubt mir, als 26-Jähriger weiß ich, wovon ich rede.

Der Retrofaktor ist ein wesentlicher Bestandteil von Nintendo aufgestellter Pokémon-Go-Rechnung und fand kürzlich mit dem NES-Mini einen neuerlichen Höhepunkt. Die handtellergroße Version eines 30 Jahre alten Daddelkastens mit ebenso vielen vorinstallierten Spielen erscheint im November für ca. 70 Euro – und war nach ihrer Vorstellung erst auf Platz 1 der Amazon-Games-Charts und wenig später konsequenterweise vergriffen. Oder anders formuliert: Ein Stück graues Plastik sowie eine Handvoll Spiele, die jeder von uns längst dutzendfach im Regal und auf diversen Plattformen installiert hat, wird den Japanern geradezu aus der Hand gerissen, als wäre es the next big thing. Würde sich tatsächlich jemand am Kopf kratzen, fielen die Verkaufszahlen des geschrumpften NES höher aus als die des Ladenhüters Wii U? Eben.

Das Retro-Problem - Wie Konzerne unsere Erinnerungen zu Geld machen – und welche Folgen das hat

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Bei Nintendo klingeln aktuell ordentlich die Kassen.
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Auch wenn selbst Nintendo nicht mit diesem Erfolg gerechnet haben dürfte, steckt hinter diesem Konzept natürlich Kalkül. Gerade Big N versteht sich wie kaum eine andere Firma darauf, unsere Erinnerungen zu konservieren und muss sich (nicht immer zu Unrecht) den Vorwurf gefallen lassen, alte Erfolge lediglich zu verwalten statt gezielt voranzutreiben. Die Erfolgswelle der Amiibo-Sammelfigürchen beruht etwa keineswegs auf den völlig vernachlässigbaren Mini-DLCs, die sich mit den Staubfängern in verschiedenen Spielen freischalten lassen.Vielmehr appellieren Mario und Co. an unsere kindliche Sammelwut, sie erinnern uns daran, wie wir im Sandkasten mit ähnlichen Plastikfigurinen spielten – Erinnerungen zum Anfassen.

Freilich ist dieses Erfolgsmodell längst kein Geheimnis mehr. Andere Unternehmen vermarkten ihre angestaubten Helden ebenfalls im großen Stil, ganz vorn dabei: Square Enix. Die Anzahl der Cameo-Auftritte bekannter Final-Fantasy-Helden spottete zuletzt jeglicher Beschreibung. In Lightning Returns: Final Fantasy XIII schlüpfte die titelgebende Protagonistin in einen exklusiven Cloud-Strife-Dress, in Explorers und Brave Exvius wimmelte es nur so vor Gastauftritten und demnächst erscheint mit World of Final Fantasy gar ein eigenes Spiel, das ein einziges Déjà-vu zu werden verspricht.

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Ghostbusters ist weniger schlimm geworden als erwartet und trotzdem eine kreative Bankrotterklärung seitens Hollywood.
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Das sieht drüben bei unseren Filmkollegen kaum besser aus. Gefühlt täglich bekommen wir neue Reboots und Remakes alter Klassiker vorgesetzt – selbst mittelmäßige Schinken werden inzwischen durch Hollywoods Aus-alt-mach-nicht-mehr-ganz-so-alt-Maschine gejagt (ich schaue in deine Richtung, Die Mumie). Das aktuellste Beispiel dieser kreativen Tiefflieger lief jüngst mit dem aktuellen Ghostbusters-Film in deutschen Lichtspielhäusern an.

„Dann spielt/seht/kauft es halt nicht“, bekommt man bei solchen Diskussionen oft als Totschlagargument zu hören und oberflächlich betrachtet scheint das größte Problem hierbei tatsächlich das unserer eigenen Wahrnehmung zu sein. Was spielt es schon für eine Rolle, wenn wir persönlich nichts (mehr) mit Pokémon anfangen können? Neuauflagen sind stets nur ein mögliches Angebot der Unternehmen – niemand zwingt uns, es wahrzunehmen. Letztlich entscheiden wir mit unserem Portemonnaie immer noch selbst, oder?

Und genau deshalb läuft die ganze Sache eben doch nicht so einfach ab. Selbstredend ist die Nachricht, dass wir mit unseren Kaufentscheidungen über Wohl und Wehe unternehmerischer Tätigkeiten entscheiden, per se eine außerordentlich gute. Nur setzt sie ein gewisses Reflexionsvermögen darüber voraus, was wir mit unserem sauer verdienten Geld unterstützen wollen und, viel wichtiger, was nicht. Oder um es mit Spideys Onkel Ben zu sagen: Aus großer Macht folgt große Verantwortung.

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