Alfred Hitchcock soll gesagt haben, dass ein Thriller nur so gut sei wie sein Bösewicht. Das klingt plausibel, da der Antagonist meistens einen großen Teil der Handlung trägt und dem Helden überhaupt erst einen Grund gibt, sein Helden-Ding durchzuziehen. Irgendjemand muss ja schließlich die Welt vernichten, ein skrupelloses Experiment durchführen oder einen geliebten Menschen entführen wollen. Ohne Konflikte würde nur Frieden herrschen, was in der Realität zwar wunderbar, in der Kunst aber furchtbar langweilig wäre.

Hinter einem guten Antagonisten verbergen sich mehr als nur böse Taten:

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Besonders das kürzlich erschienene Far Cry 5 (das ich auch getestet habe) bewegte mich noch einmal dazu, mich allgemeiner mit Gaming-Bösewichten auseinanderzusetzen. Während wir in den meisten Spielen nur gegen irgendwelche klischeehaften Monster, Könige oder Kriminelle in den Kampf ziehen, präsentieren uns bestimmte Spiele wie Wolfenstein 2: The New Colossus und Batman: Arkham Knight ganz faszinierende Zeitgenossen aus ihren Schurken-Laboren. Es sind idealerweise Antagonisten, die in uns eine zwiespältige Lust nach Masochismus und Sadismus erzeugen.

Far Cry 5: Joseph Seed legt im Spiele eine grandiose Performance hin

Masochismus, weil wir wollen, dass die Bösen uns richtig weh tun, uns erzürnen und uns dazu antreiben, sie aufhalten wollen. Was dann in den Sadismus mündet, ihnen alles hundertfach heimzuzahlen, Muhahaha! Eine persönliche Note bildet den wichtigsten Faktor für eine funktionierende Helden-Schurken-Beziehung. Während wir einem Klischee-Bösewicht nach der Vereitelung seines Plans theoretisch noch aus Mitleid die Hand reichen könnten, würden wir dem außerordentlichen Bösewicht nur zusätzlich ins Gesicht schlagen wollen. Aber diesen Schlag muss er sich erst verdienen.

Far Cry 5: Der Teufel in Person

Joseph Seed ist ein selbsternannte Prophet und der Anführer der Project of Eden’s Gate-Sekte. Der Tattoo- und Brillenfan brachte an sich alle Voraussetzungen mit, um nicht nur ein guter Far Cry-Schurke zu werden, sondern auch seine Vorgänger Vaas aus Teil 3 und Pagan Min aus Teil 4 weit zu übertrumpfen. Am Ende hat er zwar eine gute Performance abgegeben, aber sie hätte noch viel besser ausfallen können.

Zunächst liegt seine Macht nicht in einer plumpen Waffengewalt wie bei seinen Vorgängern begründet, sondern in seiner mystischen Erscheinung und seinem Charisma. Besonders der Spielanfang gibt uns eine Kostprobe davon, wozu Joseph fähig ist. Auf seinen Befehl hin hätten seine Anhänger das Team zerfleischen können, das ihn verhaften soll. Aber er unterlässt es, was sie nicht davon abhält, sich für seine Rettung in einen Helikopter-Rotor zu werfen.

Joseph Seed prophezeit den Untergang

Wenn er den Spieler im abgestürzten Wrack anstarrt, ihm prophezeit, dass niemand zur Hilfe kommen wird und ihn anschließend seinen Jüngern zum Fraß vorwirft, ist der erste Auftritt gelungen. Die Message ist angekommen: So einfach wird er sich nicht schnappen lassen, dafür ist er zu mächtig. Und da er absolut keine Angst vor uns hat, haben wir umso mehr Angst vor ihm. Es war fast schon respektlos, ihm mit Handschellen zu begegnen. Für einen Moment glauben wir, dass nicht er, sondern Gott uns für diese Blasphemie bestraft hat.

An einer anderen Stelle im Spiel, in der wir Joseph persönlich in die Finger geraten, gewährt er uns Einblicke in seine persönliche Entwicklung. Hier bekommt er eine emotionale, fast tragische Seite. Dass er zu seiner Bestimmung gefunden hat, als seine Frau bei einem Autounfall verstarb. Dass Gott ihm anschließend aufgetragen hat, seine überlebende Tochter im Krankenhaus zu töten. Hier eröffnet sich ein Pfad, den zwar leider das Spiel selbst nicht, aber der Trailer zu Joseph Seed etwas weiter verfolgt hat. Wie ist Joseph zum Vater geworden? Wie hat Wahnsinn oder göttliche Fügung ihn zu dem gemacht, was er heute ist?

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Diese Transformation zu sehen, wäre einerseits aufschlussreich und faszinierend gewesen, andererseits – und das ist viel entscheidender – hätte sie dem Spieler eine dunkle Vorahnung von dem geboten, was ihn erwartet, wenn er weiter gegen die Sekte kämpft und weiter von ihr manipuliert wird. Die Stärke von Joseph Seed liegt in seiner Unfassbarkeit. Ist er ein Mensch, ein göttlicher Prophet oder ein mentaler Virus, der alle Menschen befällt? Sich mit ihm anzulegen, bedeutet gleichzeitig, sich zu infizieren. Es wird dem Spieler vermittelt, dass er hier niemals heil rauskommen wird, vor allem aber, dass er am meisten Angst davor haben sollte, am Ende Joseph Seed ebenfalls zu glauben.

Der Prophet befriedigt unseren Masochismus kaum, auch wenn er reichlich Appetit schafft. Abgesehen vom Endkampf redet und spaziert er mit dem Spieler nur. Wenn uns jemand etwas antut, dann höchstens seine Herolde, die zwar interessant wirken, aber letztendlich flache Charaktere bleiben. Joseph erweckt keinen Sadismus, höchstens einen geistigen, wenn wir uns wünschen, ihm auf vernichtende Art zu beweisen, dass er unrecht hat. Dass er nur ein verrückter Mensch ist und kein göttliches Medium. Damit wären nicht nur Hope County wieder in Sicherheit, sondern auch vor allem wir.

Batman Arkham Knight: Joker

Die Ruhmeshalle der Albträume

Furchteinflößend, unfassbar und ansteckend - das sind vermutlich die drei Kerneigenschaften von Joseph Seed. Aber wie schlägt sich unser dunkler Prophet im Vergleich zu seinen anderen Kollegen? Der Joker aus dem Batman-Universum bleibt bis heute einer der originellsten Schurken aller Zeiten. Ebenfalls mit einer tragischen und faszinierenden Hintergrundgeschichte gezeichnet, verwickelt der durchgedrehte Clown die Fledermaus immer wieder in moralische Zwickmühlen und hat dabei stets einen witzigen Spruch auf den Lippen. Sowohl der Joker als auch Joseph sind vom Wahnsinn befallen, wobei wir den Clown wegen seiner sympathischen Art noch zum Essen einladen würden, während wir mit dem Propheten höchstens stillschweigend Schach spielen könnten.

Dagegen kann Frau Engel aus Wolfenstein: The New Colossus sich für ihren Unbeliebtheitsgrad die Schwäche von Blazkowicz zu Nutze machen: vor seinen Augen Verbündete hinrichten, sich über seine Lähmung lustig machen oder ihm den Verlobungsring für seine Frau stehlen und selber tragen. Oh ja, das ist Stoff, aus dem guter Hass gebraut werden kann. Etwas, was Bösewichte nicht nutzen können, wenn sie sich – wie im Falle Joker und Batman – nicht persönlich kennen oder daran scheitert – wie im Falle Far Cry 5 –, dass der Protagonist nicht einmal eine Persönlichkeit besitzt, weil er weder über eine Stimme noch eine Hintergrundgeschichte verfügt. Im anderen Falle hätte Joseph sogar auf die Religiosität des Protagonisten eingehen können, um ihn darüber für seine Sekte gefügig machen zu können.

Wolfenstein 2: The New Colossus - Frau Engel

Fallen euch ansonsten noch herausragende Bösewichte aus dem Videospiel-Universum ein? Vielleicht Silent Hill, wenn eine Stadt auch als Bösewicht gelten kann. GlaDOS aus den Portal-Spielen ist durch ihre passiv-aggressive Art eher sympathisch als wirklich böse. In den God of War-Spielen stellt sich Kratos als das eigentliche Monster heraus. In Videospielen haben wir die meiste Zeit mit Handlangern und Kanonenfutter zu tun, weil es ja auch langweilig wäre, nur einen einzigen Gegner zum Abschießen zu haben. Auf viele gute Bösewichte treffen wir derzeit immer noch im Film-Bereich: Hannibal Lecter, Hans Landa, Darth Vader, Jigsaw, Mr. Smith, um nur ein paar zu nennen. Prinzipiell könnten sich Videospiel-Entwickler auch intensiver von diesen inspirieren lassen. Aber nicht von allen, weil hier auch viele hohle Nüsse unterwegs sind.

Joseph Seed ist ein gutes Beispiel dafür, dass es noch etliche vielversprechende Schurken-Variationen gibt, denen wir noch nicht ausgesetzt worden sind, vielleicht noch nicht einmal im Film. Es wäre zu diskutieren, ob das Videospiel uns über die Identifikation mit der Spielfigur den Kampf persönlicher erleben lässt als der Film, wo wir nur mit dem Helden mitfiebern können anstatt er selbst zu sein.

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Ein guter Schurke entsteht ähnlich wie unser Held bei einer Charaktererstellung. Idealerweise muss er vielschichtig und außergewöhnlich sein. Er soll die Gegenfront zu uns aufmachen und uns im besten Fall immer wieder dazu bringen, zu hinterfragen, wer hier eigentlich für das Richtige kämpft beziehungsweise uns glaubwürdig vermitteln, warum er für seine Sache kämpft. Oder zumindest krank genug sein. Er ist unser dunkler Bruder und auch ein dunkler Lehrer, der uns durch Schmerz lehrt, was Stärke bedeutet. Er erweckt in uns ein mitreißendes Gefühlsbad, das versiegt, sobald er besiegt ist. Während wir leer und erschöpft aus der brennenden Ruine humpeln.