Nur allzu gerne regt man sich heutzutage über ausgelutschte Spielideen und immer wiederkehrende Game-Mechanismen auf. Obwohl die Budgets teils gigantisch ausfallen, wird dem geneigten Zocker fast immer wieder das gleiche aufgetischt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine Independent-Szene etabliert, die frei vom wirtschaftlichen Joch der Innovation freien Lauf lässt und somit das Potential auffährt, frischen Wind in unserem monotonen Gamer-Alltag zu bringen. Was diese Szene ausmacht, welche Top-Titel ihr euch nicht entgehen lassen dürft und welchen Einfluss sie auf die Spielebranche ausübt - auf den folgenden Seiten erfahrt ihr mehr.

Des schnöden Mammons willen?

Wirft man mal einen Blick auf die eigene Gameothek fällt einem zwangsläufig auf, dass diese von Nachahmungen, Nachfolgern, Prequels oder Lizenzspielen dominiert wird. Nur selten finden heutzutage noch originelle oder kreative Spielideen den Weg auf unsere Monitore - dafür sind innovative Projekte mit zu viel Risiko behaftet. Und diese Risiken werden aufgrund wirtschaftlicher Zwänge in der Spielbranche kaum eingegangen.

Independent Games - Von Portal bis Braid: Sind Independent-Spiele die Rettung für die Branche?

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Die Entwicklung von GTA 4 kostete 100 Mio. Dollar und beschäftigte 1000 Mitarbeiter.
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Zweistellige Millionenbudgets für die Entwicklung eines Titels sind keine Seltenheit mehr. Vorbei sind die Zeiten als kleine Entwicklerteams noch zuhause an ihrem Heimcomputer mit einem kreativen Kopf und genügend Zeit kommerziell erfolgreiche Videospiel-Hits produzieren konnten. So waren an der Entwicklung des Blockbusters GTA IV rund 1000 Mitarbeiter beteiligt und die Produktion verschlang um die 100 Millionen Dollar.

Der immense Aufwand hat sich für Rockstar gelohnt: Bereits in der ersten Woche wurden sechs Millionen Einheiten des Spiels an den Gamer bzw. die Gamerin gebracht, wodurch ein Umsatz von einer halben Milliarde Dollar generiert wurde. In die Entwicklung von Metal Gear Solid 4 pumpte Konami zwischen 50 und 70 Millionen Dollar und konnte im letzten Geschäftsjahr 4,75 Millionen Einheiten des Stealth-Shooters absetzen.

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Beyond Good & Evil ist nur eines der vielen unkonventionellen Meisterwerke, die kommerziell gefloppt sind.
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Auch wenn diese Beispiele extrem sind, zeigt sich doch, dass die Investitionen in der Spielbranche schwindelerregende Höhen erreicht haben. Die Umsatzzahlen verdeutlichen darüber hinaus, dass das ehemalige Nerd- und Kindermedium zu einem Massenmedium mit einem Milliardenmarkt im Schlepptau mutiert ist. In der Games-Branche lockt also das große Geld.

Auf der anderen Seite kann ein gescheitertes Projekt den Ruin eines ganzen Unternehmens bedeuten und den Arbeitsplatz zahlreicher Mitarbeiter kosten. Die Folgen dieser wirtschaftlichen Zwänge sind nicht zu übersehen: Es erscheint ein Nachfolger nach dem anderen und ein Großteil der Spiele ist ein müder Abklatsch anderer. Letztlich wird also - wen wundert’s - lieber auf bekannten und ausgelutschten Pfaden gewandelt, um so das wirtschaftliche Risiko zu minimieren, den gewünschten Umsatz zu erzielen und Arbeitsplätze zu sichern.

Abseits bekannter Wege

Entwickler und Publisher, die sich diesem Trend entgegensetzen, bewegen sich auf sehr dünnem Eis und werden dafür in aller Regel vom Massenmarkt in die Schranken verwiesen. Frei nach dem Motto „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht“, werden diese Titel von der Mehrheit der Spieler ignoriert. So erging es z.B. dem Meisterwerk „Beyond Good & Evil“ von Ubisoft (2003), dem brutal-avantgardistischen „Killer7“ von Capcom (2005) oder dem traumartigen „ICO“ von SCE (2002) – nur um hier einige erstklassige und innovative Titel zu nennen, die kommerziell gefloppt sind.

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Von Studenten umgesetzt entwickelte sich Narbacular Drop mit Hilfe von Valve weiter zu...
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Auch wenn die wirtschaftlichen Zwänge der kreativen Freiheit der Entwickler oft einen Riegel vorschieben, bedeutet dies noch lange nicht, dass niemand neue Wege beschreitet. So brodelt es seit langem in der Independent-Szene, deren Entwickler von Publishern und Marktzwängen abstand halten und unabhängig ihre Titel produzieren und vermarkten.

Als Gegenbewegung zum Mainstream vergrößern diese Spielentwickler permanent das Spektrum, in dem sich das Medium Computerspiel bewegt. Frei von wirtschaftlichen Zwängen und abseits des weit verbreiteten Technik-Fetischismus laden diese Spiele uns dazu ein, virtuelle Spielwelten mit anderen Augen zu sehen, alte Spielprinzipien neu kennen zu lernen, und konfrontieren uns mit neuen Gameplay-Ideen.

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...Portal - dem Puzzle-Shooter Spiel, das von Kritikern und Fans gleichermaßen hochgelobt wurde.
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War diese Welt der unabhängigen Entwickler seit jeher ein Quell von Originalität und Innovation, hielt sich deren Einfluss auf den Massenmarkt in sehr engen Grenzen, fehlte den Produzenten doch die Möglichkeit, ihre Titel einem größeren und heterogenen Publikum präsentieren zu können.

So beklagte im Mai 2006 Jason Della Rocca, Geschäftsführer der „International Game Developers Association“, den minimalen Einfluss der Indie-Spiele: „Die Publisher suchen nicht nach Inspiration; sie wollen lediglich das wiederholen, was sich voriges Jahr gut verkauft hat. Sie fürchten das Risiko und lehnen es ab, von Spielen aus der Indie-Szene wiederbelebt zu werden“.

Der Durchbruch für unabhängige Spiele

2008 brachte Veränderung. Erstmals wurden Indie-Games auch abseits einschlägiger Kreise vom Massenmarkt und von großen Publishern wahrgenommen. Animiert durch den Erfolg von Titeln wie Portal – ursprünglicher Name Narbacular Drop, von Studenten auf der Game-Design Schule „DigiPen Institute of Technology“ entwickelt und von Valve Software entdeckt, gefördert und veröffentlicht – öffneten sich neue Wege für unabhängige Spielentwickler.

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Digitale Distributionssysteme wie Steam, Xbox Live oder das PlaysationNetwork sind ein Segen für unabhängige Spieleentwickler.
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Nach und nach hielten auch die großen Drei – BigN, Sony und MS - preiswerte, downloadbare Spiele für das nächste große Ding. „Die Kunden haben uns gezeigt, dass sie ins Kaufhaus gehen und 60 $ für ein Spiel ausgeben, aber sie interessieren sich auch für downloadbare Titel, die nur 10 $ kosten. Diese Downloads sind wie Hors d'œuvres“ – so John Hight, Direktor der Produktentwicklung bei Sony.

Mit der Forcierung der digitalen Distribution über Online-Vertriebssysteme wie Steam, XBox-Live, WiiWare oder das PlaystationNetwork konnten nun auch kleine Teams ihre Titel an den Gamer bringen. Dies bestätigt auch Tom Arundel von Introversion Software: „Wenn du ein unabhängiger Entwickler sein willst, kannst du dich nicht vom Einzelhandel abhängig machen. Meistens kann man den Geschäftsführer nicht einmal davon überzeugen einen Platz im Regal für das komische kleine Spiel zu 'verschwenden', von dem er noch nie etwas gehört hat. Alles, was ich sagen kann, ist Gott sei Dank für den digitalen Vertrieb.“

Sundance der Gamer

Durch verstärkte digitale Verbreitung haben sich die Verhältnisse für unabhängige Entwickler verbessert und auch dem Treffpunkt der Szene, das Independent Games Festival (IGF), kommt immer mehr Aufmerksamkeit zu. Dieses Festival, in Anlehnung an das Independent-Filmfestival „Sundance“, wurde 1998 gegründet um Innovation in der Spieleentwicklung zu erkennen, zu fördern und die besten Entwickler zu würdigen. Das IGF ist Teil der Game Developers Conference und wird einmal jährlich im März in San Francisco durchgeführt.

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Als Kristallisationspunkt der Indie-Szene hat sich das Festival vorgenommen, unabhängige Entwickler zu fördern und die Besten zu würdigen.
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Im Vorfeld der Veranstaltung werden in sieben Kategorien Entwickler und ihre Spiele zu den Kategorien Audio, Design, Visuell, Innovation, Technik, Publikumsliebling und Seumas McNally's Grand Prize nominiert. Die Awards sind mit jeweils 2500 Dollar dotiert, mit Ausnahme des Grand Prize – wer diesen abräumt, darf sogar 20.000 Dollar mit nach Hause nehmen.

In Anbetracht der Entwicklung der Spielindustrie, der Fokussierung auf Bekanntem und auf Verkaufszahlen, muss dem IGF als Kristallisationspunkt der Indie-Szene große Beachtung zugesprochen werden. Dafür plädiert natürlich auch Simon Carless, Präsident des IGF: „Die diesjährigen Gewinner (2008) des IGF zeigen, wie wichtig Independent-Spiele sind – als künstlerische Bewegung und als zugängliche Titel, die verdammt viel Spass machen“.

Der Einfluss des IGF auf die Spielbranche hat in den letzten Jahren zugenommen. Die Bedeutung des Festivals – angesichts latentem Originalitätsverlust und Innovationsarmut im Massenmarkt – unbestreitbar. Jedoch profitiert nicht nur die Branche vom IGF. Auch jeder Gamer zuhause kann sich durch den Internetauftritt des Festivals anhand der Finalisten und Nominierten ohne großen Aufwand die Sahnehäubchen der Indie-Szene rauspicken. Einige besondere Perlen, wollen wir euch hiermit nicht vorenthalten.

Die besten Indie-Spiele

Braid

Tim sucht eine Prinzessin. Tim kann laufen, springen, klettern, Knöpfe drücken, Türen öffnen und Gegnern auf den Kopf springen – kann Mario auch, werden sich viele denken. Was der übergewichtige Klempner aber nicht kann, ist Zeitmanipulation. Nur damit kann Tim Rätsel lösen und somit ein Puzzle vervollständigen, um die Prinzessin zu retten. Das 2D-Jump&Run überzeugt dabei neben der innovativen Zeitmanipulation mit ausgefallenem Leveldesign, einem charmantem Grafikstil und tollem Soundtrack. Braidist über XBox Live Arcade und Steam erhältlich.

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David Lynch lässt grüßen. Abseits bekannter Design-Pfade schickt uns The Path ins Unbekannte - spielerisch wie auch erzählerisch.
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The Path

Rotkäppchen mal anders – spielen mal anders. Als Rotkäppchen müsst ihr eure Großmutter besuchen, könnt dabei weder gewinnen noch überleben und die einzige Spielregel – folge dem Pfad – muss gebrochen werden. The Path kann irgendwo zwischen interaktiver Erzählung, Kunstwerk und Spiel eingeordnet werden. Es überzeugt dabei mit einer David-Lynch-artigen Atmosphäre und passender Musik. Die größte Stärke des Titels liegt im verstörend-unkonventionellen Umgang mit dem Medium Spiel - wer sich hier nur unterhalten lassen will, wird enttäuscht sein. The Path findet ihr auf Steam oder auf der Homepage von Tale of Tales.

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Drei Klassen auf einmal, Physik-Rätsel und wunderschöne Grafik – Trine sorgt für reichlich Spielspaß, vor allem im Koop-Modus.
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Trine

Magier, Krieger oder Dieb? Bei Trine, dem Physik-Puzzle-Spiel von Frozenbyte, vereint euer Avatar alle drei Klassen. Per Klick kann zwischen den verschiedenen Klassen mit unterschiedlichen Fähigkeiten gemorpht werden, um zahlreiche Physik-Rätsel zu lösen und anstürmende Monsterhorden zu besiegen. Dabei gewinnt euer Charakter mit schizophrenen Neigungen jedes Mal an Erfahrung und lernt neue Skills kennen. Sorgt der Titel bereits im Einzelspielermodus für jede Menge Spielspaß, wird der Spaß im Koop-Modus mit bis zu drei Spielern vervielfacht. Darüber hinaus überzeugt Trinemit einer fast schon verschwenderisch-schönen Präsentation. Erhältlich über das PlaystationNetwork und Steam.

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Blueberry Garden - der diesjährige Sieger des IGF besticht durch minimalistisches Design und einer verschroben-taumartigen Atmosphäre.
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Blueberry Garden

Last but not least – der diesjährige Gewinner des Seumas McNally Grand Prize des IGF: Blueberry Garden. Das Einmann-Projekt vom Schweden Erik Svedäng schickt euch auf eine surreal-traumhafte Entdeckungsreise durch einen bezaubernden 2D-Garten, in dem man – begleitet von ruhiger Pianomusik – hüpfen, fliegen, Bäume anpflanzen und Früchte naschen kann. Einziger Malus ist der knappe Spielumfang – bei einem Preis von 5 $ ist das jedoch verschmerzbar. Für den PC, erhältlich über Steam.

Das Independent Games Festival und die Indie-Szene haben in den letzten Jahren dank verstärkter digitaler Distribution und Erfolgen wie Portal an Bedeutung gewonnen. Für die Spielbranche und den Gamer kann das nur Gutes bedeuten, bringen diese Entwickler doch neue Ideen in den von Originalität und Innovation verlassenen Massenmarkt. Spiele wie Portal, World of Goo oder Little Big Planet zählen da wohl zu den bekannten Vertretern, die es ohne eine Indie-Szene nie geben würde.

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Little Big Planet: Ohne die Indie-Szene hätten auch die geliebten Sackgesichter nie den Weg auf die PS3 gefunden.
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Independent-Spiele sind heutzutage in vielerlei Hinsicht wichtiger Bestandteil unserer Game-Kultur. Viele dieser Titel sind verschroben, teils schwer zugänglich, ja manchmal liegt nicht einmal der Spielspaß im Vordergrund – siehe The Path. Doch gerade deswegen sind sie unverzichtbar. Denn nur so zeigen solche Spiele, dass das Medium Computerspiel noch unzählige, bisher aufgrund destruktiver Marktzwänge unerforschte Möglichkeiten zu bieten hat. Man darf als Gamer also gespannt sein, was in Zukunft noch alles aus dieser Ecke auf einen zukommt.