Außenstehende übersehen es gerne oder haben nie darüber nachgedacht, doch jeder Zocker weiß: Es gibt mehr als einen Zugang zum Spielen. Für manch einen ist es die Entdeckerfreude, wieder anderen geht es um den Sieg oder den Wettkampf. Während sich beim klassischen E-Sport-Profis um ein bestimmtes Spiel scharen, um dann in Ligen und Turnieren gegeneinander anzutreten, stellt Speed-Running eine völlig andere, doch ebenso fordernde Disziplin dar.

Das Ziel ist einfach formuliert: Bezwinge ein Spiel so schnell wie möglich. Um diese simple Idee hat sich über die Jahre ein enormer Komplex von Anhängern und Methoden entwickelt, sodass man mittlerweile von einer Subkultur in der Subkultur reden muss, einer eigenen Art des Spielens, die selbst Spielern nicht immer vertraut ist.

Um das Verständnis und die Begeisterung für diese reizvolle Disziplin zu steigern, lud das Computerspielemuseum Berlin letzten Samstag zu einem besonderen Ereignis. Im Rahmen des ersten Gamefests, bei dem unter anderem auch die Sieger des Deutschen Computerspielpreises und des Deutschen Games-Awards LARA zelebriert wurden, traten hier drei tapfere Recken dazu an, drei Weltrekorde zu brechen, nämlich jeweils für die Speed-Runs in Maniac Mansion, Mega Man und GTA Vice City. Unter den wachsamen Augen mehrerer offizieller Zeugen und der Webcam des Guinness-Komitees ging es darum, sich in der nächsten Ausgabe von Guinness World Records Gamer's Edition zu verewigen.

Im Vorfeld konnten sich einige der zahlreichen Besucher jedoch zunächst selbst am Speed-Running versuchen. In einem Amateurturnier ging es darum, durch die ersten vier Level von Super Mario World auf dem SNES zu heizen. Schon nach kurzer Zeit ließ sich beobachten, wie sich die Herangehensweise änderte, wie die ersten Tricks und Kniffe in das Repertoire der vorher unbescholtenen Besucher wanderten.

Speed-Running - Vom Nerd-Hobby ins Guinness-Buch

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Vice City innerhalb von knapp zwei Stunden - der Holländer Adam „AdamAK“ Kuczinsky schafft das.
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Denn nur mit „laufe möglichst schnell“ ist es beim Speed-Running nicht getan. In einer kleinen Präsentation wurde das Konzept genauer vorgestellt und einige Beispiele genannt. Die Liebe zum Spiel und geradezu intime Kenntnis jeder seiner Ecken und Kanten ist nämlich nur der Anfang. Allerspätestens, wenn es um die korrekte Ausnutzung von Glitches und Spielfehlern geht, also Punktlandungen bei Elementen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, ist hartes und langes Training vonnöten.

Was auch die Erklärung dafür ist, dass der erste Speed-Run für Maniac Mansion, also ein in vielerlei Hinsicht klassisches Point-and-Click-Adventure, unternommen wurde. Man mag zunächst denken, dass in einem so ruhigen und linearem Genre gar kein echter Wettbewerb möglich sei. Immerhin spielen Reaktionszeiten und dergleichen ja gar keine Rolle, oder?

Speed-Running - Speedrun-Weltrekord

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Nino „El-Nino“ Kappmayer sieht das ein bisschen anders. Als Mitglied des Teams von adventure-speedruns.com hat sich der Österreicher sogar darauf spezialisiert, die Rätselorgien mit Höchstgeschwindigkeit zu schlagen. Seinen alten Rekord von 9 Minuten 14 Sekunden hat auf der Seite bereits der User pa1ny geschlagen, mit unglaublichen 6 Minuten 38 Sekunden – da behaupte noch einer, man könne sich in diesem Genre nicht verbessern.

Und... schafft er's?

Das Glück ist an diesem Tag allerdings nicht auf El-Ninos Seite. Die Methodik ist gut und routiniert, wie im Schlaf spaziert er durch die Räume und selbst ein komplett abgedunkeltes Zimmer ist für ihn kein Problem. An einer Stelle, an der er am grünen Tentakel vorbei will, scheint der angepeilte Glitch nicht richtig zu greifen, doch ansonsten ist für einen Laien kaum ein Patzer zu erkennen.

Schwerwiegend aber ist, dass El-Nino leider die deutsche Version von Maniac Mansion spielt – die längeren Wörter und somit ausgiebigeren Texttafeln machen am Ende einen gewaltigen Unterschied aus. So landet Nino doch deutlich jenseits der Zehn-Minuten-Marke, ist aber nicht vergrämt. Lächelnd erklärt er, dass er stolz auf seinen Run ist – zu Recht, wie das Publikum findet und mit Applaus quittiert.

Max „coolkid“ Lundberg ist selbst auf dieser Veranstaltung etwas Besonderes. Der junge Schwede, der aktuell den Rekord für Half-Life mit 36 Minuten und 38 Sekunden hält, ist nämlich mit Unterstützung seiner Regierung angereist – seine Reisekosten wurden von der schwedischen Botschaft übernommen. Ein schönes Zeichen der Akzeptanz von Gaming als kulturelle Institution.

Auch bei ihm gibt es ein technisches Problem, das Max aber in Kauf nimmt: Er spielt die PAL-Version von Mega Man, die im Vergleich zur NTSC-Version eine Spur langsamer ist. Über solche Kleinigkeiten macht sich Otto-Normalzocker höchstens Gedanken, wenn es um die Kompatibilität seiner Games geht, für einen Speed-Runner jedoch sind derlei Fragen von enormer Wichtigkeit.

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Adam bei seinem Weltrekordversuch.
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Max ist zuversichtlich, trotz dieses Handicaps den Rekord holen zu können, doch die Aufgabe ist nicht leicht – in dem klassischen Plattformer sind Zeiten von unter 24 Minuten möglich. Max hat definitiv die notwendigen Fähigkeiten. Jeder der zahlreichen Bosse fällt in einem Affenzahn und wird von der Menge bejubelt. Relativ früh jedoch beginnt er, die Schultern hängen zu lassen – ob er wohl Fehler in seiner Vorgehensweise hatte, die Normalsterbliche nicht sehen können?

Auch Max verfehlt den Rekord. Im Gespräch nach seinem Run frage ich ihn, ob er deprimiert oder traurig sei. „Nein, eher müde“, entgegnet er. Er sei den Trubel nicht gewohnt, denn normalerweise werde um Speed-Runner kein solcher Wirbel gemacht. Rechnet man zu diesem Umstand noch Faktoren wie Jet-Lag oder Nervosität hinzu, wird seine Leistung nur noch beeindruckender – und sein knappes Vorbeischlittern am Rekord fast schon nebensächlich.

Der letzte Athlet, Adam „AdamAK“ Kuczinsky, ist aus den Niederlanden angereist und hat sich einen besonderen Leckerbissen ausgesucht: das legendäre GTA Vice City. Adam spielt und streamt privat viel, und das zeigt sich: Er moderiert und erklärt jede Menge während seines Runs, macht Witze oder kommentiert, wenn etwas mal nicht optimal läuft.

GTA in unter zwei Stunden

Seine Bestzeiten liegen bei etwa 1 Stunde und 40 Minuten, der aktuelle Rekord bei 1:52:59, Adam hat also einen gewissen Puffer, Spielraum für Fehler. Zu Beginn des Runs bedient er sich einer Farm-Methode, um schnell an Geld zu kommen, das er später noch brauchen wird.

Immer wieder zeigt sich, was Adam im Vorfeld schon erklärt hatte: Vice City hat eine Zufallskomponente, nämlich das Spawnen des Verkehrs und der Passanten, sodass eine Portion Glück nicht schaden kann. Im richtigen Moment das schnelle Auto zu bekommen oder eine Mission schneller abschließen zu können, bei der Fußgänger wichtig sind, macht viel aus.

In der zweiten Hälfte seines Runs kommt es zweimal zu dramatischen Szenen. Zuerst spawnt ein bestimmtes Auto für eine Mission nicht, weil ein Fußgänger an der Stelle steht – Adam muss in einem anderen Wagen erst ein Stück wegfahren und dann zurückkehren. Wertvolle Sekunden gehen verloren.

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Dann kommt es zu einem Problem, das Protagonist Tommy Vercetti sogar das virtuelle Leben kosten könnte. Nach einer Bootsverfolgung muss Adam aus seinem Wasserfahrzeug aussteigen, doch leider hat Vice City keine vernünftige Mechanik dafür – und Tommy kann nicht schwimmen. Ein Tod würde zu viel Zeit kosten. Adam hat zwei Möglichkeiten: entweder das Boot mit Höchstgeschwindigkeit auf den Steg fahren und auf das Beste hoffen oder es vorsichtig auffahren und anschrägen, um es als improvisierte Rampe zu benutzen.

Adam entscheidet sich für zweitere Variante – der Run läuft bis hierhin ganz gut und er muss daher nicht die potenziell schnellere, aber riskantere Version wählen. Der erste Versuch scheitert, erst nach etwas Nachjustieren kommt Tommy sicher auf Terra Firma an und Adam erntet einen Erleichterungsapplaus vom Publikum.

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Fürs Schlendern blieb ihm leider keine Zeit.
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Der Rest des Spieldurchgangs läuft flüssig und der Moment, in dem Adam den Endgegner erschießt, liegt knapp über einer Stunde und 48 Minuten. Der sichtlich erfreute Weltrekordler wird gefragt, ob er sich vorstellen könne, das noch besser zu machen. „Ich weiß, dass ich das noch schneller kann. Aber man hat nur diese eine Gelegenheit, da spielt man nicht so riskant.“ Adam grinst und erntet einen finalen Beifall. Sein Name wird im nächsten Guinness-Buch der Games stehen.

Selbst wer nicht regelmäßig auf Speedrun-Portalen wie speeddemosarchive.com unterwegs ist, konnte an diesem Tag drei erstklassige Leistungen erleben, auf die jeder der Beteiligten stolz sein kann. Und für Außenstehende gab es hier mal eine Welt zu sehen, die sie so nicht kennen, an der sie vielleicht aber doch Gefallen finden werden, eine weitere Facette dieses so abwechslungsreichen Hobbys.