Videospiele sind Kunst. Angeblich.

Wenn es nach der Meinung vieler Kunstkritiker geht - allen voran Roger Ebert - ist das nicht der Fall. Aufgrund der prinzipiellen Strukturierung von Videospielen, in der das “spielerische Element” immer vor der künstlerischen Erfahrung als solche steht, ist es schwer, Videospiele als Kunst zu sehen, so die Kritiker. Aus meiner Sicht haben selbige damit unrecht, wenn sie das Medium Videospiele als Kunstform allerdings nicht ernst nehmen, könnte ich es ihnen nicht übelnehmen. Denn wir Gamer tun dies selber nicht.

In jedem künstlerischen Medium, ob Film, Musik oder anderen Kunst-Richtungen, ist ein kritischer Umgang mit dem Medium und ihren Ablegern gang und gebe. Wenn ein Film analysiert und kritisiert wird, dann wird nicht nur über die Kameraführung oder das Schauspiel des Films gesprochen, sondern über Leitmotive des Films und die roten Fäden und ob die Motivation der Charaktere nachvollziehbar ist oder eben nicht.

Bei der Kritik von Videospielen stößt man mit solcher Kritik häufig auf taube Ohren. Es scheint Spieler kaum zu interessieren, dass in Call of Duty eine Aneinanderreihung von Kriegsverbrechen vom Spieler selbst ausgeführt wird, dass ständig eine Prinzessin oder Ehefrau entführt und als Druckmittel benutzt wird, dass die Darstellung von LGBTQ-Menschen meist nicht existent oder immer wieder problematisch ist. Hauptsache, das Gameplay ist gut. Eine kritische Auseinandersetzung gibt es fast nie. Und wenn es sie doch gibt, wird sie von der Gamergemeinschaft, welche doch eigentlich die Anerkennung von Videospielen als künstlerisches Medium stets einfordert, niedergeschlagen. Ironisch. Und traurig.

Tatsächlich kann man die Anzahl an ernsthaften Videospiel-Kritiker/innen an einer Hand abzählen: Extra Credits, Leigh Alexander, MatPat, Anita Sarkeesian. Alle von diesen Kritiker/innen mussten für ihre wichtige Kritik an Videospielen eine Flut von Hassmails und Kommentaren über sich ergehen lassen – und das obwohl sie auf derselben Seite stehen wie ihre Kritiker: Sie wollen, dass das Medium Videospiele als Kunst anerkannt wird und auch als solches begutachtet werden kann. Dass selbiges einen kritischen Blick auf das Medium erfordert, scheinen die meisten Gamer nicht zu wollen.

Ich stimme nicht oft mit Anita Sarkeesian überein. Aber als Fan von Videospielen und als jemand, der den künstlerischen Aspekt dieses Mediums schätzt, muss ich ihre Arbeit respektieren. Sie ist wichtig, besonders da sie eine der wenigen kritischen Stimmen in der Welt der Videospiele ist. Weil sie die Darstellung von Frauen in Videospielen kritisiert, wird ihr häufig vorgeworfen, sie wäre sie gar kein Fan von Videospielen. Ich bin ein großer Fan von Anime - ändert sich das. wenn ich den fünfzigsten Pantyshot oder die einhundertste Super-Transformation des Hauptcharakters in einem Shonen-Anime kritisiere? Nein. Diese Abwehrhaltung gegenüber inhaltlicher Kritik ist kindisch. Und leider zu oft gerade unter Gamern zu finden. Wenn Videospiele allerdings den kulturellen Status von anderen künstlerischen Medien erhalten sollen, muss sich diese Denkweise ändern.

Sicherlich, viele Videospiele sollen zunächst erst einmal Spaß machen. Spiele wie FIFA, Pong oder Mario Kart können natürlich nur sehr schwer aus einem künstlerisch kritischen Augenwinkel beobachtet werden. Der Spaß steht im Vordergrund, gibt es technische Mängel die diesem im Weg stehen, wären diese die größten und wichtigsten Kritikpunkte. Aber Spiele wie Papers Please, Journey oder The Witness verdienen es, so kritisch beäugt zu werden wie es der Fall ist bei Filmen wie Akira, Metropolis oder Blade Runner. Diese Spiele stellen die Erfahrung in den Vordergrund, und muss daher anhand anderer Punkte als “Gameplay” und “Grafik” bewertet werden. Das Gameplay ist bei diesen Spielen ein Werkzeug um die Erfahrung zu verinnerlichen, nicht der Kern des Spiels selbst, eine Bewertung anhand dieses Kritikpunktes also an der Intention des Spiels vorbei. Aber auch Titel wie Call of Duty sind in ihrer Essenz politisch und müssen damit rechnen inhaltlich kritisiert zu werden, wenn in diesen Spielen Kriegsverbrechen gegen alles, was nicht amerikanisch ist, verherrlicht werden.

Natürlich können wir diese Art der künstlerischen Kritik auch ausblenden. Sie sogar eindämmen. Wir können so tun, als wären Videospiele weiterhin ein schlichtes Unterhaltungsmedium und einfordern in den Museen Videospiele wie Super Mario Bros und FIFA anstatt Papers Please oder The Stanley Parable auszustellen - erstere machen ja eh viel mehr Spaß und darum geht’s doch in Videospielen? Wir können weiterhin sämtliche Titel lediglich anhand ihrer Grafik oder ihrem Gameplay bewerten und Titel, die wenig "Spaß" machen wie killer7 als "schlechte" Videospiele abtun.

Wir können diese Haltung beibehalten. Aber dann müssen wir uns auch nicht wundern, wenn etablierte Kritiker anderer künstlerischer Medien “unser” Medium nicht ernst nehmen. Wo wir es doch nicht einmal selbst tun.