Das Spielmusikkonzert der Symphonic-Reihe scheint eine erfreuliche Tradition zu werden. Eine fantasiereiche Aufbereitung digitalen Nintendo-Gassenhauer mit der Eindruckskraft weit gefächterter Klangfarben und das bewundernswerte Virtuosentum des WDR-Rundfunkorchesters lockten zum dritten Mal in die jecke Stadt am Rhein.

Doch nach den selbst auferlegten Ansprüchen der letzten beiden Darbietungen rund um Square-Enix und Chris Hülsbeck hinterließ Symphonic Legends leider einen durchwachsenen Eindruck. Super Mario, Metroid und Zelda sind eben kein Garant für ein tolles Arrangement, sondern eine riesige Herausforderung.

Spielekultur - Verschwendete Legenden - Big N auf dem hohen C

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Der Lettische Staatschor und das WDR-Rundfunkorchester gehorchten jedem Handstreich des vergnügt wippenden Dirigenten.
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Die Enttäuschung ist spürbar, die Luft ein wenig raus. Vielleicht lag es an den hohen Erwartungen, die nach Symphonic Shades und Symphonic Fantasies aufkamen. Handwerklich souverän wie immer hatte das WDR-Rundfunkorchester sich alle Mühe gegeben, nicht nur unterhaltsame, sondern auch anspruchvolle Musik aufzuführen. Der Lettische Staatschor sang mit aller Inbrunst, Streicher, Bläser, Zupfer und Percussionisten folgten gehorsam jedem Schwung des vergnügt im Takt tänzelnden Dirigenten Niklas Willén, und doch kam nicht dieselbe Stimmung, dieselbe Faszination auf wie noch in den beiden Jahren zuvor.

Beide vorausgegangenen Konzerte waren einzigartig und umwerfend, wenn auch nicht ohne kleine Schwächen. Im überschwänglichen Eifer der Orchestrierung ging zum Beispiel so manche geliebte Square-Enix-Melodie unter, weil sie lediglich einen kleinen Teil einer zwanzigminütigen, an der Konzentration zehrenden Suite ausmachte. Chris Hülsbecks Werke wurden hingegen hier und da zu kurz behandelt. Beim Nintendo-zentrischen Symphonic Legends in der theoretisch ausverkauften Kölner Philharmonie versuchten es die Veranstalter in Folge dessen mit einem Mix aus beiden Varianten.

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Was hatte eigentlich der Commodore-Brotkasten auf einem Nintendo-Konzert zu suchen?
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Kurz gehaltene Medleys diverser Daddelklassiker sollten die erste Hälfte des Konzerts locker und verdaulich gestalten, um der halbstündigen Zelda-Suite zum Ende nicht die Show zu stehlen. Ein gut gemeinter Kompromiss, der die Klangwelt der Nintendo-Historie allerdings genauso unvollkommen widerspiegelte, wie die Schweizer-Käse-Sitzreihen in der Philharmonie das ungünstig gewählte Aufführungsdatum als Konzeptschwäche zementierten.

Während Jonne Valtonens Einleitung „Fanfare for the common 8-Bit Hero“ noch mit komplexer Melodieführung und grandioser Varianz beim Ausmalen des imaginären, vor Mut strahlenden Pixeljünglings glänzte, ja sogar seine abenteuerlustige Blauäugigkeit und die Aufbruchstimmung der damals noch jungen Videospielbranche in einem Thema vereinte, tappte man bei den Adaptionen der Nintendo-Originale oft im Dunkeln, wenn man nach einer Ausrichtung suchte. Wohin will der Arrangeur eigentlich? Wie hat er das Werk oder vielmehr das Spiel, das von der Musik begleitet wird, verstanden?

Es sei bei dieser Kritik nochmals betont, dass am handwerklichen Können nichts auszusetzen war. Alle sieben Suiten erfüllten die Anforderungen, wenn es darum geht, Stilmittel aus Klassik und Moderne auszukosten. Jedes Werk ging zweifellos als kompositorisch interessante Darbietung durch, gemessen an dem, was das Original vorlegen konnte. Allerdings das ist bei Nintendos musikalischer Historie nicht übermäßig viel, weil sich die Komponisten von Super Mario, F-Zero, Metroid und Co. sehr oft auf die Wirkung von Klangfarben und einfachen Motiven verließen.

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Man braucht es nicht herunterzuspielen: Abseits einiger Ausnahmen wie dem jazzigen Super-Mario-Bros.-Hauptthema sind Nintendo-Tunes meist einfach gestrickt. Man kann sie höchstens aufblähen, bis sie entweder unkenntlich werden oder genau das verlieren, was sie so charmant macht - nämlich ihre klaren, einfachen Figuren, die jeder verstehen und deuten kann. Und genau das ist bei Symphonic Legends bei einigen Werken passiert.

Mutlose Auswahl

Das beste Beispiel wäre die „Racing Suite“ (F-Zero), arrangiert von Shiro Hamaguchi. Die ursprünglichen Komponisten Naoto Ishida und Yumiko Kanki legten anno 1990 mehr Wert auf eine pompöse Premiere für den brandneuen Sony-Soundchip als auf eine besonders anspruchsvolle Melodieführung. Anders wäre es nicht zu erklären, warum die Bässe in „Mute City“ mächtig wummern, aber das vordergründige Thema einer Tonleiterübung für Fortgeschrittene gleicht. Mit Ausnahme einer einzigen herabgesetzten Note ein pur diatonisches Auf und Ab in Dreierketten, zusammengesetzt aus überwiegend punktierten Viertelnoten, bei denen rein gar nichts passiert.

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Schweizer-Käse-Sitzreihen, die auch später nicht komplett gefüllt wurden. Ein ungewohntes Bild für die Symphonic-Reihe.
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Bei aller Liebe, da kann auch das beste Orchester der Welt nichts ausrichten, völlig gleich, wie man die Komposition durch den Mixer schickt. Ob man die Harmonie nun phrygisch oder lydisch transponiert, sie verjazzt, als Rocktune runternudelt, sie elektronisch durch zig Sequenzer jagt oder zu Hause auf dem Keyboard zusammenfuchtelt. Sie bleibt eine Tonleiterübung im jeweiligen Stil.

Bei der Symphonic-Legends-Adaption, die das Mute-City-Thema kanonartig mit Bläsern und Streichern verschachtelte, war zumindest der kurze Sprung in den B-Teil als Erlösung anzusehen. „Big Blue“ hat von Haus aus deutlich mehr Profil, kam aber trotzdem viel zu kurz. Allein deswegen bleibt die Frage offen, warum Big Blue nicht aufgrund seiner groovigen Nuancen als Aufhänger genommen wurde. Oder „Silence“, oder „Port Town“, oder, wenn es sein muss, sogar das von der Fangemeinde völlig überschätzte „Fire Field“. Alles Stücke, die nicht nur mehr Greifbares bieten, sondern je nach Adaption auch erlaubt hätten, zwischenzeitlich die Geschwindigkeit zu drosseln und hintergründige Seiten des Formel-Null-Universums aufzudecken. Dass Rony Barraks Darbuka-Untermalung diesmal deplatziert und übermotiviert wirkte, fällt da gar nicht so sehr ins Gewicht.

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Der Moderator war sichtlich bemüht, dem Konzert ein jugendliches Ambiente zu verpassen.
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Ganz anders hingegen die „Super Mario Bros. Retro Suite“, an die sich Roger Wanamo wagte. Schon bei der aus Super Mario 64 entliehenen Unterwasserwelt-Einleitung wurde klar, dass sich der Arrangeur im Stoff auskennt und die belanglosen Themen gekonnt aussieben würde. Und so kam es auch, denn es folgte ein Best-of-Medley mit Anleihen aus diversen Ablegern der 25 Jahre alten Serie. Wunderbar effektiv auf das Nötigste reduziert, gelang es dem Orchester sogar, NES-ähnliche Klangfarben anzustimmen und sie in „Super Mario Bros 3“ mit einem aufrüttelnden Tuba-Kontrapunkt zu garnieren. Nie merkte man deutlicher, dass Marios musikalischen Abenteuer den musikalischen Wurzeln des frühen 20. Jahrhunderts entliehen sind. Es brauchte nicht einmal eine Gleitpfeife zur Verdeutlichung Slapstick-typischer Tonmalerei, dennoch machte sie es auch dem letzten Zuschauer im Saal klar.

Schade nur, dass der Bläser, der „New Super Mario Bros.“ unter das klassische Thema mischte, offenbar nicht den besten Tag hatte. Es ist jedenfalls schwer vorzustellen, dass er die einleitenden acht Noten der dreimal alternierten Figur absichtlich derart schleppend neben dem Takt einreihte, wenn sie im Takt genau gepasst hätten. Arrangeur, Interpret, Produzent und Dirigent können mir gerne den Kopf abreißen, wenn es sich hier um einen Irrtum handelt und es tatsächlich so vorgesehen war. Nichtsdestotrotz gehörte die „Retro-Suite“ zu den gelungensten und schönsten Darbietungen des Abends und stellte einen herben Kontrast zu Shiro Hamaguchis Arrangements dar.

Herbe Kontraste, die innerhalb weniger Minuten auf den Hörer einwirkten. Doch die Achterbahnfahrt zwischen „Wow“ und „Das kann nicht deren Ernst sein“ wollte nicht enden. Mitunter, weil der Moderator bereits alles gab, um dem Konzert einen Teenager-kompatiblen Event-Charakter zu verleihen.

Auf Kommando vom Sitz hüpfen, lächerliche Astronautenverkleidung, zusammenhanglose Anmoderation, die zum Beispiel den elfjährigen Sprung zwischen Marios ersten Pixelabenteuern und Nintendos Sprung in die 3-D-Technologie in einem Satz abhandelten. Ganz ehrlich: Das alles wissen die meisten bereits, darum sind sie ja angereist. Und solche halbgaren Beschreibungen interessieren die meisten Hörer am Radio wahrscheinlich genauso wenig wie das Publikum im Saal.

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Neben den unausweichlichen Details wie Spielname, Erscheinungsjahr und Komponist wäre viel interessanter zu wissen, was denn die Musik ausmacht, mit der sich der Arrangeur auseinandersetzte. War Nintendo eine Pflichtstation wegen des Bekanntheitsgrads oder wollte man sich wirklich mit den musikalischen Vorzügen der Komponisten beschäftigen? Selbst nach wiederholtem Hören der Webstream-Aufnahmen lässt sich das kaum mit Sicherheit bestimmen.

Entlarvt statt geehrt

Symphonic Legends machte es den Hörern manchmal auch unnötig schwer. Nicht auszudenken, was man alles aus den gruseligen Themen von Metroid (NES, 1986) hätte herausholen können. Derart dankbares Material gibt es in kaum einem anderen Nintendo-Inhouse-Produkt – The Legend of Zelda eingeschlossen. Doch die Suite wurde nicht einmal angekündigt, weder verbal noch durch einen Hinweis vom Orchester. Im Nachhinein über den Webstream vernommen, wird schnell klar, was der Arrangeur Torsten Rasch mit seiner verworrenen Programmmusik bezweckte. Sie sollte offenbar wie ein Film wirken, bei dem man sich die Bilder selbst im Kopf zusammenspinnen muss. Solange man weiß, worum es geht, funktioniert das sogar. Man sieht Samus auf bizarren, verwaisten Planeten stöbern, mit der Angst im Nacken.

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Unvorbereitet rätselte man hingegen ständig, worum es eigentlich geht. Die Suite benötigte ganze vier Minuten, um eine eindeutige Figur aus dem „Samus Theme“ beiläufig zu zitieren und kehrt erst viel Später noch einmal zu ihr zurück. Man muss einige Male aufmerksam hinhören, um den Zusammenhang zu verstehen, und kann dann auch den düsteren Chorpsalmen, deren Libretto allerdings in mehrer Hinsicht unverständlich war, etwas abgewinnen. Eine ausreichende Erklärung, warum für das einleitende Getöse nicht mit dem Zaunpfahl gewunken wurde, bleibt der Arrangeur dem Publikum trotzdem schuldig. Die ersten vier Takte von Kraids Thema oder das wunderbar dissonante “Norfair“ hätten an mehreren Stellen prima verflochten werden können. Chance vertan.

Die Aquatic-Suite aus Donkey Kong versuchte es hingegen genau umgekehrt. Masashi Hamauzu hielt sich überwiegend an die Originalkomposition und es gelang ihm auch, die ursprüngliche Stimmung eins zu eins auf das Orchester zu übertragen. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass das Aquatic Theme vornehmlich auf markante Synthi-Klangfarben und Halleffekte setzt, um das Gefühl für die Tiefe des Wassers zu beschreiben. Besonders auffällig war dabei das Klavierspiel von Benyamin Nuss, das offenbar die Turbulenzen an der Wasseroberfläche beschreiben sollte.

Klavier und Orchester zeichneten somit die Grenzen zwischen Wasserspiegel und Meeresgrund auf. Sozusagen ein kleines Aquarium, dem die erste Geige Leben einhauchte. Eine klasse Darbietung, auch wenn sie gen Schluss nach einer vollständigen und unverschnörkelten Reprise schrie. Der Arrangeur entschied sich nämlich dazu, das Thema nicht so zu alternieren wie der Originalkomponist, wodurch es wie eine abgeschnittene Sparversion rüberkam.

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Für Notenkundige: Das ließ der Arrangeur vom Aquatic-Theme übrig. Er entlarvt es bis auf die Knochen, aber ein Kompliment ist das nicht.
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Schaut man sich die Melodieführung an, so wird schnell klar, dass zwischen A und A' (siehe Bild) kaum ein Unterschied besteht, was Masashi Hamauzu offenbar dazu einlud, den zweiten Teil gleich komplett zu streichen. Er entlarvt das Originalwerk auf clevere Weise, aber es fällt schwer, diese Maßnahme als Ehrung zu verstehen, weil schlichtweg etwas fehlt. Hätte die Super-Mario-Galaxy-Suite vor der Pause nicht noch den Abend gerettet, wären manche Hörer wohl unruhig auf den Sitzen herumgerutscht, als ob das Orchester vergessen hätte, die Schlusskadenz eines beliebigen anderen Stücks zu spielen.

Zumindest Jonne Valtonen konnte das Niveau der letzten Konzerte halten. Seine Zelda-Adaption, die sich bei den wichtigsten Teilen der Saga bediente und dabei sämtliche hölzernen Einleitungen der Originale geschickt umging, war ein großes Trostpflaster. Mal pur und ohne Schnörkel, mal galoppierend, mal mit heftigen Winden oder fanfarischem Geleit inszeniert, nahm er sich sogar die Zeit, das Originalthema viermal in voller Länge Revue passieren zu lassen, bis er das Orchester zum Kokiri-Dorf überleiten ließ.

Das Erwachen des fiesen Ganondorf Dragmire wirkte hingegen, als ob der Teufel persönlich aus dem Untergrund hochfahren würde. Dramatisch in die Länge gezogen und vom Schrecken warnender Höllenchöre begleitet donnerte sich jede einzelne Note in die Ohren des Publikums. Wahnsinn! Ein Eindruck, der vom Potpourri der Zugabe fast schon entkräftet wurde.

Fazit

Symphonic Legends war ein einziges Auf und Ab. Ein Wechselbad zwischen purer Begeisterung und schwer verdaulicher Enttäuschung. Wie heißt es so schön: Viele Köche verderben den Brei, speziell, wenn man so manchem Arrangeur intuitiv die Kenntnis der Vorlagen abspricht. Es schlich sich das Gefühl ein, die Veranstalter scherten sich weniger um kitschige Nintendo-Tunes als um ausladende Square-Enix-Balladen oder Hülsbeck-Klassiker, dabei fehlte es eigentlich nur am Mut, die bekannteren Melodien links liegen zu lassen.

Symphonic Fantasies forderte viel mehr Aufmerksamkeit vom Hörer, destillierte dabei jedoch die interessantesten Werke heraus und ließ immer erkennen, was der ursprüngliche Komponist im Sinn hatte. Das mag für manche Hörer vielleicht zu anstrengend gewesen sein, weil Jonne Valtonen letztes Jahr bei seltenen Gelegenheiten über das Ziel hinausschoss, aber insgesamt war das Konzept deutlich gehaltvoller und unterhaltsamer als bei Symphonic Legends. Nach den herausragenden Konzerten der letzten beiden Jahre ist das leider ein bedauerlicher Tiefpunkt. Und das ausgerechnet bei Nintendo, der wohl bekanntesten Marke der Branche.

Es sei nochmals betont, dass das Niveau des Symphonic-Legends-Konzerts trotz der angekreideten Kritikpunkte ausgesprochen hoch war. Definitiv höher als vieles, was in den USA beispielsweise als hochtrabende Kunst verkauft wird.