Vor rund zwei Jahren lud der Deutsche Bundestag erstmals zu einer „Politiker-LAN“. Damals noch „um Berührungsängste abzubauen“, den Politikern und konservativen Medien auf einem traurigen neuen Höhepunkt der „Killerspiel“-Debatte das junge Medium nahezubringen, zu demonstrieren, dass es um mehr geht als Gewalt, nämlich um Spaß und Wettbewerb. Nun, zwei Jahre später, könnten die Unterschiede kaum größer sein. Bei der 2. Bundestags-LAN waren die Gefahren durch Spiele allenfalls Randthema, die Chancen und die Bedeutung von Spielen als Wirtschaftsfaktor und Technologietreiber standen im Mittelpunkt. Darum hielt auch niemand Geringeres als Wirtschaftsminister Philipp Rösler persönlich die Keynote.

Die Zeiten ändern sich

„Ich oute mich“, war wahrscheinlich die am häufigsten gebrauchte Formulierung des Nachmittages im Bundestag, gebraucht von Politikern, die zugaben, man spiele auch Computerspiele, man zocke oder daddle, „wie es früher auch genannt wurde“. Wirtschaftsminister Philipp Rösler habe seinerzeit mit einem ZX81 angefangen, spiele heutzutage hin und wieder Tower Defense auf dem Handy, ansonsten sei er aber „aus dem Alter raus“.

LAN-Party im Bundestag - Spiele sind wie Schokolade: Sie tun gut

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Wirtschaftsminister Philipp Rösler: "Sich als Spieler zu outen, würde bedeuten, dass man sich dafür schämen müsse."
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Sich zu „outen“, fügt er gleich hinzu, sei eigentlich unangebracht, denn es unterstellt, dass es um etwas geht, für das man sich schämen müsse. Muss man aber nicht. Es sei der Politik ein „echtes Anliegen“ den Stellenwert der Games als Kulturgut zu stärken, ihre Bedeutung als Wirtschaftszweig in den Vordergrund zu stellen. Mitinitiator der Politiker-LAN, der Abgeordnete Jimmy Schulz, war gar selbst mal ein Kollege von uns: Er begann seinerzeit als Redakteur beim Joker-Verlag, älteren Semestern unter unseren Lesern bestimmt durch die Magazine Amiga Joker und PC Joker bekannt.

Dass da auch viel Koketterie „im Spiel“ ist, lässt Rösler kurz darauf durch einen Versprecher durchblicken: Er freue sich besonders auf das neue „Assin’s Greeg“, das Ubisoft mit im Gepäck hätte. Dieses Doom kenne er natürlich auch, aber „als Politiker“ habe er das natürlich nie gespielt – man beachte die wohlüberlegte Wortwahl.

Über Gefahren, Gewalt oder Sucht spricht an diesem Tage kaum jemand. Spiele seien wie Schokolade, zieht Prof. Alexander Moutchnik von der FU München einen Vergleich. Manche sagen, Schokolade sei schlecht, manche sagen, sie sei gut. Aber das sei letztlich egal, denn „jeder mag Schokolade. Wenn es einem gut geht. Aber erst recht, wenn es einem schlecht geht, denn dann geht es einem besser.“

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Die Initiatoren der Politiker-LAN: Die Abgeordneten Jimmy Schulz (FDP, früher selber Spieleredakteur), Dorothee Bär (CSU) und Manuel Höferlin (FDP).
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Spiele als Allheilmittel also? Ein bisschen, muss auch Dr. Philipp Rösler feststellen: Als Mediziner habe er sich vorhin begeistert vorführen lassen, wie Spiele-Engines dazu benutzt werden, die komplizierte Innenohranatomie dreidimensional darzustellen, und sie so regelrecht greifbar zum Anschauungsobjekt werden lassen. Die Spieleindustrie sei mittlerweile ein bedeutender Wirtschaftszweig mit Milliardenumsätzen. Doch eben nicht nur das: Spiele sind wie kein anderes Unterhaltungsmedium technologiegetrieben, deren Innovationen der gesamten Wirtschaft zugutekommt.

Games als treibende Wirtschaftskraft

Dies war denn auch das grundlegende Thema der verschiedenen Aussteller, die auf der Fraktionsebene des Bundestages mit ihren Firmen zu Gast waren und präsentierten, welch unterschiedliche Gesellschaftszweige von den Spielen und ihren Technologien profitieren. Die Filmbranche ebenso wie die Medizintechnik, Anwendungen mit Augmented Reality, Hersteller von Flugsimulatoren und sogar die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz kommt beim Bau von Robotern zum Einsatz, wie anhand zwei fußballspielender Blechkameraden vorgeführt wurde.

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Nichts ist wahr, alles ist erlaubt: Assassin's Creed im Deutschen Bundestag.
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Was denn besser laufen könne, kommt die Frage während der Podiumsdiskussion auf, und „eigentlich nichts“ lautet die überraschende Antwort, es habe sich in den letzten Jahren vieles gebessert, es laufe alles sehr gut, wie vor allem auch Ubisoft-Gesandte Odile Limpach aus eigener Erfahrung von ihren deutschen Erfolgsgeschichten „Die Siedler“ und „Anno“ zu berichten weiß. Die deutsche Spieleindustrie sei gut aufgestellt. Auch die Akzeptanz von Games als Kulturgut sei mittlerweile weit verbreitet, die Gamer der 1. Generation seien erwachsen und kennen sich mit der Materie aus, nur ein paar ältere Semester, die wenig mit dem jungen Medium in Berührung kamen, seien noch skeptisch.

Vor allem aber in der Politik sei noch erheblicher Verbesserungsbedarf, wirft Maximilian Schenk vom BIU, dem Spieleverband, ein. Besonders wenn man die Spiele- mit der Filmbranche vergleicht, tut sich eine Kluft auf, die angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung der Games schlicht unverständlich sei. Von der finanziellen Unterstützung, wie sie beispielsweise die Filmförderung leistet, oder auch der Relevanz des Deutschen Computerspielpreises im Vergleich zum Deutschen Filmpreis ist die Spieleindustrie noch weit entfernt.

Ebenso in der Nachwuchsförderung. Zwar gibt es mittlerweile Hochschulen, die Game-Design auf dem Lehrplan haben, doch die Branche sucht händeringend nach Fachkräften, die vor Ort in Deutschland noch immer schwer zu finden sind. Da könne nur die Politik helfen.

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LAN-Party im Bundestag: Fehlt eigentlich nur Club Mate.
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Um das zu ändern, sei er aber ja genau am richtigen Ort, wirft er schmunzelnd ein – doch leider fehlt dazu heute ein wenig das passende Publikum. Denn Abgeordnete, für die die Veranstaltung eigentlich gedacht war, finden sich nur wenige im Zuschauerraum. Grüne und SPD boykottierten sie gleich völlig, und auch sonst verlieren sich nur wenige Neugierige an die Stände, um sich zu informieren. Die meisten der durchaus zahlreichen Gäste sind nicht Politiker, sondern Journalisten.

Aber auch das darf als Teilerfolg gewertet werden: Denn wann sieht man schon mal einen Kollegen mit Phoenix-Mikrofon in der Hand, der sich das neue (USK-18-Spiel) Tomb Raider erklären lässt oder über die filmreife Inszenierung von Heavy Rain staunt?

LAN-Party im Bundestag - 2. Politiker-LAN im Bundestag

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