Fühlt ihr es schon? Die vorweihnachtlichen Explosionen in der Ferne, den Ruß im Gesicht? Mit halb erfrorenen Fingern tippe ich auf meiner extra für das Schlachtfeld aufgerüsteten Tastatur; mein kleiner Schreibtisch plus PC mitten im Kriegsgebiet zwischen Lootboxen, Hasstiraden auf Reddit und dem leisen Weinen derjeniger, die ihren wundervoll einsamen Singleplayer-Erfahrungen hinterhertrauern. Bethesda will Einzelspieler-Titel retten. Mit Skyrim für mein Handy? Dabei gibt es nur einen, der mein Player1-Herz dieses Jahr höherschlagen ließ: Kamerad Zussman aus Call of Duty: WW2. Richtig gehört.

Bethesda will den Singleplayer retten und zeigt uns Katzen:

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2017 ist das Jahr, in dem sich die Ableger von Assassin's Creed oder Mittelerde mit Lootboxen in den Taschen anschleichen. Es ist das Jahr, in dem scheinbar jeder angekündigte Einzelspieler-Titel mit kommenden Multiplayer-Features gepriesen wird; Cyberpunk 2077, Death Stranding, Red Dead Redemption 2. Ich sage nicht, diese Spiele würden schlecht werden oder zu MMOs mutieren, doch pure, Soziophobie-freundliche Einzelspieler-Erfahrungen – wo seid ihr?

2017 ist auch das Jahr, in dem Mass Effect Andromeda in den Läden landete; das Jahr, in dem der schlechteste Teil einer heißgeliebten Singleplayer-Serie auf den Markt kam und doch so viel besse war, als uns Medien und Reddit-Kommentare weismachen wollten. Ihr stimmt nicht zu? Lasst uns in den Kommentaren diskutieren, doch nein, es soll hier gar nicht um Andromeda gehen.

Denn 2017 ist schließlich das Jahr, in dem Kampagnen von Online-Shootern bessere Singleplayer-Storys liefern als manche reine Einzelspieler-Titel.

Es war mir eine Ehre, Kamerad Zussman

Call of Duty: WW2 ist meine erste CoD-Kampagnen-Erfahrung überhaupt. Zerreißt mich in der Luft, federt und verbrennt mich, GO! Zum einen bin ich froh, mit CoD: WW2 eingestiegen zu sein; zum anderen liegt genau das wohl nur daran, dass ich einen Funken Singleplayer-Liebe in den Ankündigungen und Vorschauen zum Spiel gespürt habe. Ich dachte, es könnte mir gefallen. Aber ich wusste nicht, dass eine siebenstündige Shooter-Kampagne mich derart überzeugen würde.

Aus der Sicht eines 1Players, um bei dem etwas lächerlichen Begriff zu bleiben, ist CoDs Annäherung an den zweiten Weltkrieg überraschend feinfühlig. Mit differenzierten Charakteren, die sich über die Story hinweg sogar entwickeln, wie Sergeant William Pierson: Er führt das Bataillon des Protagonisten Private Ronald “Red” Daniels, unser Bataillon also und trifft immer wieder gnadenlose Entscheidungen, welche die Gruppe zum Teil in große Gefahr bringen.

Pierson ist der typische, harte Befehlshaber, der zu Beginn des zweiten Weltkriegs bei der Schlacht am Kasserinpass all seine Männer verloren hat. Während er zu Anfang der Kampagne sehr gut darin ist, die Ungunst des Spielers auf sich zu ziehen, wandelt er sich über weitere Missionen und neue Story-Einblicke in einen anderen Mann. Jemanden, der gar nicht so sehr Hollywood-Klischee ist und beeindruckend viel Tiefe für einen Charakter in einem Shooter aufweist.

Es gab diesen Herbst gute Singleplayer-Spiele - Nur nicht dort, wo wir sie erwartet hätten

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Call of Duty WW2: In der Kampagne fühlt ihr euch zumeist nicht wie der Held, sondern wie ein einfacher kleiner Soldat
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Da ist aber auch Zussman, der Waffenbruder und Freund von Daniels; die Person, die dem Spieler über die Kampagne hinweg am nächsten steht. Während sich seine Figur nicht wirklich wandelt, schafft es CoD doch zumindest, eine Bindung zwischen Spieler und Zussman aufzubauen, die in den Eindrücken im Konzentrationslager am Ende kulminiert. Ich werde euch nicht mehr spoilern, als ich muss, aber: Diese ruhigen Szenen zusammen mit ihrer cinematischen Aufmachung, die relativ tiefen Charaktere und das Gefühl, ein Soldat unter vielen zu sein – sterben zu können – sowie die gesamte Story überraschten mich, denn nein, das hatte ich von einer CoD-Kampagne nicht erwartet. Nicht zur heutigen Zeit, in der überall geschrieben steht, CoD- und andere Shooter-Serien würden sich immer weiter von der guten alten Zeit entfernen.

Auch die Einzelspieler-Story von Star Wars: Battlefront 2 beeindruckte mich (was ihr hier nachlesen könnt), und ja, sie ist stereotyp, kitschig, Hollywood-lässt-grüßen, schwarz-weiß-Denken-olé. Sicher. Genauso wie alle anderen Star-Wars-Filme und -werke, nicht umsonst wird es ein Sci-Fi-Märchen genannt. Das ist Star Wars. Das war Star Wars schon immer. Das lieben wir an Star Wars.

Jetzt: Lasst uns einen Moment innehalten und darüber nachdenken, was hier eigentlich passiert. Während sich Singelplayer-Spiele mehr und mehr in Richtung ‘Online-Erfahrung’ entwickeln und entwickeln wollen, fressen sich die Kampagnen zu Multiplayer-Shootern so viel Story-Speck an, dass sie als Vollpreis-Spiel durchgehen könnten. Würden sie nur etwas an der Spiellänge feilen, wohlgemerkt. Ist das die Richtung, in die es geht? Und werden sich die beiden Lager in der Mitte treffen?

Es gab diesen Herbst gute Singleplayer-Spiele - Nur nicht dort, wo wir sie erwartet hätten

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Die Frage ist auch: Wird Bethesda weiterhin pure Singleplayer entwickeln?
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Die Zukunft der Singleplayer-Spiele

Es gibt es eine Theorie in den Medienwissenschaften (Rieplsches Gesetz), die besagt, kein Medium würde jemals aussterben – es würde sich nur verändern. Es wird immer Bücher geben, aber vielleicht bald ohne Papier und Einband. Es wird immer Radio geben, vielleicht nennen wir es nur bald Podcast und streamen es über das Internet. Wer weiß?

Werden Singleplayer-Spiele aussterben? Ich denke, nein. Werden sie sich verändern? Sicherlich, und schließlich kann das Rieplsche Gesetz nicht gänzlich auf Genre angewandt werden, aber dafür wissen wir alle, dass es immer soziophobische, seltsame von-der-Ecke-beobachten-wir-Menschen-ohne-in-Kontakt-zu-treten-Spieler geben wird, wie mich, wie vielleicht euch, die auch in Games keinen Drang nach Gesellschaft verspüren.

Besteht die Zukunft aus einzelnen Spielewelten, die ein Netzwerk aus mehrere Singleplayer-Teilen mit einer umgreifenden Online-Erfahrung würzen? Ein The Elder Scrolls, das Hand in Hand geht mit TESO? Ein Marvel Cinematic Universe in Spielform? Wir sehen derartige Konzentrationen bereits im Kino; ein Universum, aber mehrere Filme und Genre, die darin verknüpft werden. Eine Story, eine Welt und dazu Singleplayer- sowie Multiplayer-Erfahrungen. Anthem von den Mass-Effect-Machern sieht ganz danach aus.

Call of Duty: Black Ops 3

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Die Frage ist nur – ist es das, was wir wollen? Wollt ihr das? Schließlich wird es gerade im Indie-Bereich weiterhin pure Einzelspieler-Titel geben, doch wie sich die Gewässer des Mainstreams färben werden, steht in den Sternen. Und nun, schließlich war das Synthese-Ende in Mass Effect 3 ohnehin das beste, nicht?