Spiele-Soundtracks sind mehr als bloßes Gedudel im Hintergrund, das die Stille zwischen den Schüssen und Phrasen übertönt. Sie sind in Schall gegossene Emotionen, die noch lange nachschwingen, wenn das Spiel schon längst vorbei ist. Regelmäßig verfallen Spieler daher in andächtiges Seufzen, wenn die Titelmelodie ihres Lieblingsspiels erklingt, sie kaufen Klingeltöne und Soundtrack-CDs und lassen sich zu zügelloser Begeisterung hinreißen, wenn auf dem Eröffnungskonzert der GC bekannte Spielemelodien von einem Sinfonieorchester dargeboten werden.

Diesem Kult huldigt seit letztem Jahr eine Veranstaltung der besonderen Art: Damals wurde der größte deutsche Spielekomponist, Chris Hülsbeck, mit dem bezaubernden Sinfoniekonzert Symphonic Shades geehrt. Dieses Jahr galt die musikalische Verbeugung des WDR-Rundfunkorchesters samt WDR-Chor gleich vier Künstlern, die uns seit Jahren mit unverwechelbaren Melodien vewöhnen: Im Mittelpunkt standen Yasunori Mitsuda, Hiroki Kikuta, Nobuo Uematsu und Frau Yoko Shimomura. Denn das Symphonic Fantasies-Konzert, das am 11. September in Oberhausen und am 12. September in der Kölner Philharmonie aufgeführt wurde, stand ganz im Zeichen der Spieleschmiede Square-Enix.

Konzerte mit Adaptionen von Spielesoundtracks sind heutzutage nichts Ungewöhnliches mehr. Sie sind in Europa nur recht selten zu finden, da die enthusiastischsten Interpreten ihr Publikum in den USA und im fernen Osten gefunden haben. In Folge des Ausbleibens der Eröffnungskonzerte für die Leipziger Games Convention schrumpft die Zahl der Gelegenheiten, sich auf hohem Niveau von Streichern, Bläsern, Zupfern und Pianisten in hohe Klangsphären beliebter Daddelhits entführen zu lassen, sogar noch weiter.

Symphonic Fantasies - Musikalische Verbeugung vor Final Fantasy & Co.: Orchester spielt die schönsten Spiele-Soundtracks

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 1937/19431/1943
Symphonic Fantasies: Das WDR Rundfunkorchester spielte Melodien aus Spielen von Square-Enix.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Glücklicherweise etabliert sich die Symphonic-Serie des WDR-Rundfunkorchesters derzeit als hochwertiger Ersatz für alle Veranstaltungen, die Musikfreunden unserer Breitengrade entgehen. Wobei das Anhängsel „Serie“ an dieser Stelle als reines Wunschdenken zu verstehen ist. Bisher wurden nur zwei Darbietungen unter diesem Namen aufgeführt, nämlich Symphonic Shades und Symphonic Fantasies. Doch angesichts des Erfolgs ist durchaus mit weiteren Konzerten unter diesem Namen zu rechnen. Volle Hallen, ein Publikum, das sich vor Begeisterung die Hände wund klatscht, und ausverkaufte CD-Aufnahmen lassen kaum einen anderen Schluss zu.

Nach beiden Events verließen hocherfreute Videospieler Säle, in denen normalerweise ernste klassische Werke aufgeführt werden, und in den strahlenden Gesichtern war das Verlangen nach mehr nicht zu übersehen.

Symphonic Fantasies - Musikalische Verbeugung vor Final Fantasy & Co.: Orchester spielt die schönsten Spiele-Soundtracks

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 1937/19431/1943
Preludium: Der Konzertsaal vor Beginn.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ein direkter Vergleich zwischen Symphonic Shades und Symphonic Fantasies wäre allerdings nicht fair. Symphonic Fantasies war eine ganz andere Veranstaltung als die Hommage an Chris Hülsbeck aus dem letzten Jahr – größerer Saal, neues Konzept, neues Repertoire und ein deutlich jüngeres, geschlechtlich ausgeglichenes Publikum. Soll heißen: Es waren ungewöhnlich viele weibliche Zuhörer anwesend.

Letzteres verwundert nicht sonderlich, schließlich sind die musikalischen Begleitwerke zu Spielen wie Kingdom Hearts, Secret of Mana, Final Fantasy, Chrono Trigger und Chrono Cross im Vergleich mit Hülsbecks Tunes aus den Kindertagen der Spielemusik deutlich aktueller. In der Zeit, als Jim Power und die Giana-Schwestern Joysticks von Commodore-64- und Amiga-Veteranen zum Glühen brachten, strampelte ein Teil des am letzten Wochenende anwesenden Publikums noch in den Windeln.

Fantasy I bis IV

Die vier in sich abgeschlossenen Werke, die das WDR-Orchester samt WDR-Chor unter den Anweisungen von Dirigent und Grammy-Preisträger Arnold Roth am vergangenen Samstag in der Kölner Philharmonie aufführte, wollten keinen streng stilistisch gebundenen neuen Blickwinkel auf die Vorlage gewähren, wie es noch bei Symphonic Shades bei einigen Stücken der Fall war. Produzent Thomas Böcker hatte vermutlich eine mit kleinen Abenteuern garnierte Wanderung durch die musikalischen Höhepunkte der beliebten Square-Enix-Rollenspiele im Sinn, mit deren Hilfe Erinnerungen an das Spielerlebnis als auch Wertschätzung für den Tiefgang eines echten orchestralen Arrangements entflammt werden konnten.

Symphonic Fantasies - Musikalische Verbeugung vor Final Fantasy & Co.: Orchester spielt die schönsten Spiele-Soundtracks

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 1937/19431/1943
Die Musik aus den FF7-Spielen bildete den Mittelpunkt des Konzerts.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Angesichts der technischen Bedingungen unter denen die Soundtracks der genannten Rollenspielklassiker entstanden, wirkt die Wahl des Aufführungsortes, der Stilmittel und der Herangehensweise an das klangliche Erbe von Square-Enix jedoch einleuchtend. Super Nintendo und PlayStation sind nicht nur Konsolen, die ein breites und junges Publikum ansprachen, sondern vor allem wesentlich modernere Technik zur Verwirklichung epischer Musik bereitstellten als ihre Vorläufer aus den Achtzigerjahren. Die bis zu acht Stimmen umfassenden Klänge aus Secret of Mana oder die noch dichter gewobenen Kompositionen eines Final Fantasy 7 waren sogar schon orchestral angelegt, auch wenn deren synthetische Klangfarben und vergleichsweise kurze Spieldauer an Tiefe vermissen lässt.

11 weitere Videos

Orchestrator Jonne Valtonen blieb somit nur wenig Platz für verspielte Interpretationen. Schließlich galt es den Wiedererkennungswert der Originale zu bewahren und gleichzeitig mehrere markante Melodien in vier großen Suiten zu vereinen. Dennoch versteckte der Finne in allen Partituren eine Wundertüte einfallsreicher Anspielungen auf angesehene zeitgenössische und klassische Komponisten.

Nach einer wunderschönen fanfarischen Einleitung mit kleinen seefahrerromantischen James-Horner-Anleihen aus der Feder von Jonne Valtonen, nahm das Orchester alle Zuhörer im Saal, zuhause am Radio oder am Video-Webstream an der Hand. Jede der vier offiziellen Suiten des Abends gab mit einem Grundthema eine andere Richtung vor und nutze kleinere Melodien oder Andeutungen als Brücke zum nächsten „großen“ Thema. Wie in einer spannenden Erzählung bestimmten Höhen und Tiefen die Bedeutung wichtiger Stationen des beleuchteten Soundtracks.

Symphonic Fantasies - Musikalische Verbeugung vor Final Fantasy & Co.: Orchester spielt die schönsten Spiele-Soundtracks

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 1937/19431/1943
Hautnah: Normalerweise spielt das WDR-Orchester klassische Sinfonien.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Den Anfang machte Kingdom Hearts von Komponistin Yoko Shimomura. Um genau zu sein, wurden Dearly Beloved, The Other Promise, A Fight to Death und Hand in Hand und weitere Stücke beider Ableger stilvoll miteinander verwoben. Zärtlich über Streicher eingeleitet und durch den zwanzig Jahre alten Klaviervirtuosen Benjamin Nuss ergänzt, steigerte sich das Orchester langsam in einen Bolero-Rhythmus hinein, um der Exposition einen roten Teppich auszurollen.

Zwischen disneytypischer Wärme und beharrlich mechanischen Warnsignalen Holst'scher Astronomie formten Bläserfanfaren die Umrisse eines neuen Horizonts. Mit pfiffigen, teils fröhlich verschachtelten Überleitungen hangelten sich die mit Hingabe involvierten Musiker von einem Thema zum nächsten und kitzelten das Publikum mit einem erfrischenden Wechselbad aus vertrauten und doch vielschichtig verfremdeten Klängen.

Steampunk mit Wal und Gänsehaut

Die dazu verwendeten Anpassungen waren manchmal so trickreich, dass man sehr genau hinhören musste. Ein Beispiel wäre Prophecy aus Hiroki Kikutas Secret of Mana-Soundtrack dessen eher exotischer Fünf-Viertel-Takt samt luftiger Querflötenschleife in ein überaus enges, weil schnelles Korsett geschnürt wurde. Die armen Holzbläser mussten die punktierten Sechzehntelnoten so fix herunterpusten, dass sie wie harmonische Vogelgesänge wirkten. Doch auch Klangeffekte setzten gezielt Spannungspunkte.

Symphonic Fantasies - Musikalische Verbeugung vor Final Fantasy & Co.: Orchester spielt die schönsten Spiele-Soundtracks

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 1937/19431/1943
Heiter bis wolkig: Auch Kingdom Hearts war mit dabei.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das Wal-ähnliche Heulen aus der Secret of Mana-Titelmelodie imitierten die Cellisten so glaubhaft, dass der Verdacht eines hintergründig eingeblendeten Playbacks aufkam. Mit den Hacken tretende Streicher sowie händereibende oder mit den Notenblättern wedelnde Chormitglieder erzeugten mit Unterstützung der Percussionisten steampunkige Dampflaute und knisternde, regengleiche Impressionen, die den ganzen Saal vor Gänsehaut erstarren ließen. Als dramaturgischen Kontrapunkt garantierten seitlich im Saal aufgestellte Pauken effektvollen Raumklang und bebende latainische Chorpassagen weitere Aha-Effekte mit jeder Menge Diskussionspotential für die anschließende Pause.

11 weitere Videos

Nach 20 Minuten Rast wurde die musikalische Stadtrundfahrt mit dem Medley aus Chrono Trigger- und Chrono Cross-Werken fortgesetzt. Darbuka-Profi Rony Barrak diente hier als Schlüssel für einen spürbaren Stilwechsel. Seine Darbietung passte diesmal sogar noch besser in das Konzept als bei seinem „Symphonic Shades“-Auftritt, was daran liegen könnte, dass ein interessanteres Wechselspiel zwischen Orchester, Chor und seinem arabischen Percussioninstrument zu vernehmen war. Sein von Tamburinschlägen unterstütztes und stellenweise durch Ausrufe des der Bläser untermaltes Spiel verlieh der Komposition von Yasunori Mitsuda den benötigten östlich orientierten Touch.

Einem Rallyfahrer gleich wechselte das Orchester die epochalen Gänge. Mal polytonal aufkratzend wie das Solo der ersten Geige für den Sprung zu Gale aus Chrono Cross, mal mit harmonischen Besänftigungswünschen durchdrungen wie in Prisoners of Fate, adaptierte die Suite rund um Squares Chrono-Saga das vorliegende Zeitreisethema, bis der Handschlag zwischen Wiener Klassik, Romantik und Moderne mit Battle with Margus und dem Galopp durch Frogs Theme ein krönendes Finale fand. In Spannung und Spitzfindigkeit war eine Steigerung kaum noch denkbar.

Symphonic Fantasies - Musikalische Verbeugung vor Final Fantasy & Co.: Orchester spielt die schönsten Spiele-Soundtracks

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 1937/19431/1943
Neben dem Orchester wirkte auch der WDR Chor mit (im Hintergrund).
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Aber sie kam doch, und zwar in Form einer Verwebung diverser „Final Fantasy“-Melodien, die laut Programm den Schluss des Abends bilden sollte. Das Gros der Darbietung stammte aus dem „Final Fantasy 7“-Soundtrack, angefangen mit der Prelude, die dank feinfühliger Harve und Chor voll zur Geltung kam, bis zur allseits bekannten Kampf-Fanfare. Obwohl mit Nobuo Uematsus Ursprungsmaterial vergleichsweise konservativ umgegangen wurde, dufteten Jonne Valtonens luftig gebackene Brotkrumen weiterhin für alle Parteien so schmackhaft, dass sie Spielefans wie Musikfreunde in die gleiche Richtung lockten.

11 weitere Videos

Darunter zum Beispiel der Chocobo-Song, dessen witzige und unerwartete Einflechtung das Publikum zu herzhaftem Lachen bewegte, oder das unheimliche und unscharf impressionistisch im Raum schwebende Phantom Forest aus Teil sechs, an dem Ravel seine helle Freude gehabt hätte. Auch wurde eine so rührende und herzerwärmend Variante des „Final Fantasy 1“-Themas selten vernommen. Daher dürfte es niemanden wundern, dass die Menge kaum noch auf den Sitzen zu halten war.

Fazit: pure Begeisterung

Das WDR Orchester ist sich seines Könnens und der Wertschätzung seiner Darbietungen gewiss absolut bewusst. Jeder dieser professionellen Musiker spielte bei anderen Gelegenheiten mit Sicherheit schon Werke, deren Komplexität und Eindruckskraft jede Videospielkomposition übersteigt. Trotzdem dürfte der Begeisterungssturm dieses jungen Publikums, das den darbietenden Künstlern und den ebenfalls anwesenden japanischen Komponisten nach derart anspruchsvoller Kost mit glänzenden Augen zujubelte, selbst die erfahrensten unter ihnen aus den Socken gehauen haben.

Und nach der unerwarteten Zugabe bebte der Saal geradezu. Die finale Verquirlung aus den beliebtesten Kompositionen aller vier Spiele – darunter World Revolution aus Chrono Trigger und One-Winged Angel (Das Sephiroth-Thema aus Final Fantasy VII) wurde mit Standing Ovations und vielen Minuten tosenden Beifalls quittiert. Dieser Abend wird lange in Erinnerung bleiben.

11 weitere Videos

Völlig zurecht, denn das gesamte Programm war durchweg unterhaltsam und hielt sich nie mit einer einfallslosen Aneinanderreihung der bekannten Titel auf. Für Klassik-Einsteiger war Symphonic Shades rein stilistisch etwas spannender, weil die mit spartanischen Mitteln verwirklichten Hülsbeck-Melodien eindeutiger interpretiert werden konnten. Zudem fühlte sich das Konzert letztes Jahr intimer, persönlicher an. Dafür erntete Symphonic Fantasies mit größerer Abwechslung und detailreicher ausgearbeiteten Arrangements viele Sympathiepunkte.

Hoffentlich beglückt uns das Dreamteam der Spielmusik-Konzerte auch nächstes Jahr wieder mit einem derart umwerfenden Programm. Spätestens nach dem Konzert von letzter Woche brauchen sich die Veranstalter keine Sorgen um ein interessiertes Publikum zu machen. Egal, was als nächstes kommt: Die Säle werden bis zum Anschlag gefüllt sein!