Schönheit liegt im Auge des Betrachters”, aber sicher nicht im Auge des Spielers. Denn wenn es um AAA-Titel von den großen Industrie-Moguln wie Bethesda, Ubisoft oder EA geht, scheint sich die Masse an Zockern einig zu sein: Schöner, besser, schneller, schärfer - sonst wird das Spiel gar nicht erst angefasst. Kann es sein, dass die Stories und Spielmechaniken von Blockbustern bereits aufgegeben wurden; oder ist das Publikum von Triple-A’s einzig an einem hübschen Krach-Bumm-Effekt interessiert, der sie ab Spielbeginn vom Hocker katapultiert?

Härter! Schneller! Schöner! Puff, puff, puff!

Far Cry 5 - E3 2017: Gameplay Trailer11 weitere Videos

Was, wenn Far Cry 6 genauso aussieht wie Far Cry 5?

Ich dachte, ich werfe die Frage kurz in den Raum. Würde Ubisoft ein Staatsverbrechen begehen, sollten sie ein neues Far Cry mit exakt derselben Grafik basteln; aber natürlich einer anderen – nehmen wir einmal an: guten – Story? Nun ist Far Cry nicht bekannt für herzzerreißende Geschichten, da habt ihr natürlich Recht. Aber was ist mit Gameplay, Action-Szenen und skurrilen Charakteren, welche die Fans der Ubisoft-Serie lieben und genießen?

Far Cry 5: Ist die Grafik des Spiels alles, was zählt?

Aufhänger für diesen Artikel ist ein kleiner Shitstorm unter diversen Gameplay-Videos von Far Cry 5 auf Youtube; mit Kommentaren wie “Was für eine Grafik? Dieser Mist sieht wie das letzte Far Cry aus, mit einer zu hohen Sättigung und schrecklichen Texturen.” Nun ist es mir im Zuge dieses Artikels gleich, ob Far Cry 5 eine bessere Auflösung mit besseren Texturen bietet, als Far Cry 4. Die Frage ist eher: Muss es das?

Wir können auch über Mass Effect Andromeda reden. Es gab etliche Probleme mit dem Spiel; angefangen von Bugs über Sammelquest bis hin zu Charakteren, die teils klischeebehaftet waren und die Fans der Serie nicht zufriedenstellen konnten. Nun ist ein Spiel wie Far Cry vielleicht tatsächlich messbar an seiner Grafik; ihr dürft mir natürlich gern widersprechen. Aber Mass Effect? Was genau hat den endlosen Hass gegenüber Andromeda gerechtfertigt, als die vielleicht nicht so schönen Augen der Charaktere ganze Horden von Spielern und Journalisten auf die Barrikaden trieben?

Es sah nicht wundervoll aus; aber es waren Augen. Sie waren okay. Ist das Hauptkriterium für ein neues Triple-A-Spiel, die Grafik auf einen neuen Stand zu bringen? Und sollte es diesen Fortschritt nicht liefern; ist es damit automatisch ein schlechtes Spiel?

Watch Dogs: Erinnert ihr euch?

Reingelegt! Oder wie Ubisoft sich unbeliebt macht

Zurück zu Far Cry 5: Der Unmut einiger Fans ist in diesem Fall nicht nur auf die Auflösung und die Texturen im Spiel zurückzuführen. Ubisoft wurde nach Release vom Xbox-One-Vorzeige-Spiel Watch Dogs bezichtigt, die Grafik des Spiels besser in Trailern und Videos präsentiert zu haben, als es der Hacker-Thriller in Wirklichkeit hergab. Ein mutwilliger Grafik-Downgrade? Das dachten zumindest einige enttäuschte Fans, während Eurogamer darauf hinwies, dass Ubisoft eventuell nur Änderungen vornahm, damit das Spiel flüssig auf der damals neuen Konsolengeneration läuft.

Wie sagt man so schön? Ist der Ruf einmal ruiniert… – Einige Fans vermuten also erneut eine Herabstufung der Grafik, wobei sicher weniger die Grafik selbst Auslöser des Unmuts ist, als das Gefühl, reingelegt worden zu sein. Was Kingdom-Come-Deliverance-Besitzer im Übrigen nicht zu interessieren scheint – dabei wurde das Mittelalter-RPG aktiv über eine herausragende Grafik beworben, die schließlich keineswegs geliefert wurde.

Wie kommt’s? Haben Spiele von Indie-Entwicklern eher das Recht darauf, grafisch keine Höchstleistungen zu erbringen, als AAA-Titel? Selbst, wenn sie es im Vorfeld ankündigen? Es erscheint mir beinahe, als wäre die Industrie hinter den Triple-A’s oft dafür verantwortlich, technischen Fortschritt zu liefern, während sich eher kleinere Spiele um originelle Stories und interessantes Gameplay kümmern. Wie wir alle wissen, produzieren gerade große Konzerne in diesem Feld immer das, was die Masse zu mögen scheint (EA einmal ausgeschlossen…Scherz); und das bringt mich auf meine eigentliche Frage zurück: Mag die Masse an Gamern nur hübsche Spiele?

Spiele-Realismus: Je realistischer, desto besser?

Die Ära des Spiele-Realismus

Falls es euch bis jetzt entgangen ist: Innerhalb der letzten Jahre hat sich ein Trend unter den großen AAA-Publishern herauskristallisiert; ein Trend in Richtung einer nicht nur immer hochauflösenderen Grafik, sondern ebenso einer immer echteren. Kein Wunder, denn auch alle anderen Medien wie Film (poetischer Realismus), Buch (Realismus in der Literatur), Fotografie und Kunst (verschiedene Realismus-Epochen) haben ähnliche, manchmal unterschiedlich pointierte Phasen durchgemacht und Videospiele sind ein bis jetzt äußerst junges Medium. In einer Zeit, die VIRTUELLE REALITÄT groß schreibt, überrascht ein Fokus auf eine fotorealistische Grafik nicht wirklich. Ganz besonders, da neben der Videospielkultur noch andere Industriezweige von realistischen Animationen und Effekten profitieren, wie Medizin und die Erotik-Industrie (Artikel).

Dann gibt es da noch die Blockbuster-Kultur. Sie fasst indes einen weiteren Faktor zusammen; die Lust auf ein Adrenalin-geladenes, heftiges Spektakel, das uns mit seinen Special-Effects, seiner atemberaubenden Magie und den grafischen Wundern wortwörtlich den Atem raubt. Was in der Vergangenheit der Zirkus war oder das Theater (und auch dort gab es verschiedene Foki, etwa auf die Geschichte, die Moral oder eben einzig auf die Unterhaltung), findet heutzutage auch in den ‘neuen’ Medien, wie Film und Videospiel, ein Zuhause.

Schließlich muss ein effekthaschender Blockbuster grafisch glänzen, um beeindrucken zu können – was ihn nicht davon abhält, auch eine interessante Geschichte oder gutes Gameplay zu besitzen. Aber scheinbar kann darauf verzichtet werden, solange Entwickler und Publisher genug Ressourcen für herausragende Animationen in die Produktion des Werks stecken (und stecken können). Hier unterscheidet sich die Triple-A-Riege kaum vom Blockbusterkino.

Gameplay, Story, Grafik?

Gameplay ist wichtiger. Sagt zumindest eine kleine Umfrage des Spiele-Magazins Escapist. Auch ein Autor bei Games Skinny wertet Gameplay höher als die Grafik eines Spiels; und falls ihr euch bezüglich des Themas durch das Netz wühlt, scheint die überwiegende Mehrheit eine ähnliche Meinung verlauten zu lassen. Am Ende kann ein Charakteristikum eines Spiels kaum völlig über die anderen gestellt werden, das ist klar, aber ich persönlich würde ein Spiel mit zurückgeschraubter Auflösung und besserer Story bevorzugen, als andersherum.

Was würdet ihr sagen? Die ewige Frage: Was macht ein gutes Spiel aus? Und warum war der Augen-Aussetzer von Mass Effect: Andromeda so unverzeihlich, während in Kingdom Come: Deliverance kein Hahn mehr nach den versprochenen grafischen Wundern kräht? Weil ein großer Publisher sich grafische Makel nicht leisten darf, vielleicht? Noch mehr Fragen: Warum sprechen die Far-Cry-Fans unter einem Youtube-Video zu Far Cry 5 mehrheitlich über die Grafik anstatt darüber, dass Far Cry 5 ein Ghost Recon Wildlands mit anderer Story ist? Oder darüber, dass Ubisoft hier nicht zum ersten Mal völlig auf Originalität verzichtet?

Grafische Bomben erscheinen auch im April - freut ihr euch schon?

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Und schließlich: Ist die Blockbuster-Kultur der Triple-As vielleicht sogar wichtig, um den technischen Fortschritt zu fördern? Tja, wer würde es auch sonst machen; sicherlich nicht kleine Indie-Entwickler, die notgedrungen nicht darauf hoffen können, den Spieler mit einem grafischen Hammerschlag K.O. gehen zu lassen. Filme haben es leichter, wenn sie in dunklen, hohen Hallen über riesige Leinwände krabbeln; in leiser Erwartung eines Publikums, das für den Moment alle Freiheit fahren lässt, um mit offenen Augen träumen zu können.