Eigentlich gibt es das Computerspielemuseum bereits seit 1997 – doch in Ermangelung eines mutigen Investors rottete die stattliche Sammlung klassischer Spiele und „antiker“ Hardware bislang in einem Keller vor sich hin und wurde nur kurzfristig mal für Sonderausstellungen, z.B. auf der gamescom, entstaubt. (wir berichteten)

Erst jetzt, nach einer langen und teils auch bewegten Zeit, hat das Museum der etwas anderen Art eine neue, angemessene Bleibe im ehemaligen Café Warschau auf der Karl-Marx-Allee in Berlin, gar nicht weit von den gamona-Büros, gefunden. Auf über 500 Quadratmetern und mit 300 Exponaten will man ein breites Publikum ansprechen – und sowohl Verständnis als auch Interesse am Medium fördern.

Heute ist die offizielle Eröffnung – gamona durfte sich vorab bereits die Ausstellung anschauen.

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Unerwartet voll ist der kleine Veranstaltungsraum, zahlreiche Journalisten haben sich eingefunden, dabei sind Räumlichkeiten und Führungen für Gruppen von höchstens 20 Personen ausgelegt. Freudige Verlegenheit ergreift zunächst Dr. Klaus Spieler, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft gameshouse, man habe nicht mit solcherlei Andrang gerechnet, sei jedoch verständlicherweise glücklich über das rege Medieninteresse.

Spielekultur - Link to the Past: Das erste Spielemuseum hat eröffnet

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Klassizismus trifft auf Pixel Art – das Computerspielemuseum auf der Karl-Marx-Allee.
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Zumal Spieler betont, dass sich das Museum ausschließlich durch Einnahmen finanziere – öffentliche Gelder gebe es nicht, insbesondere die Industrie sei knauserig. Damit ist das Computerspielemuseum das einzige Museum in Berlin, das sich vollständig aus eigenen Mitteln trägt – neben dem DDR-Museum übrigens. Ein Blick auf die Wand des Eingangsbereichs verrät, dass eine Karte 8 Euro kostet, ermäßigt immerhin 5 Euro.

Die obligatorische Absegnung von Seiten der Politik wird von Barbara Kisseler vorgenommen, Chefin der Berliner Senatskanzlei. Sie betont die Rolle Berlins als zentralem Standort, sowohl kulturell als auch industriell und hebt zur selben Zeit die Rolle des Mediums Spiele hervor. „Spiele spiegeln die Welt wieder“ heißt es da, die Frage ist vielleicht erlaubt, inwiefern sie das von anderen Erzeugnissen der Kultur unterscheiden soll.

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Die Ruhmeshalle und der Elefantenfriedhof der Videospiele.
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Doch gerade Computerspiele, so Kisseler, haben eine große ökonomische Zukunft vor sich und emanzipieren sich von ihrem einstigen Nischendasein. Eine zentrale Anlaufstelle wie das Computerspielemuseum sei daher geeignet zum Zelebrieren dieses so wichtigen Feldes und Hobbys, gebe gleichzeitig aber auch Gelegenheit, einen kritischen Blick auf das Feld zu werfen und über kontroverse Themen wie Spielesucht oder medialen Missbrauch zu reflektieren. Somit sei die permanente Ausstellung auch und gerade dazu geeignet, Medienkompetenz aufzubauen.

Ein Schrein für Pixel

Andreas Lange, seines Zeichens Direktor und geistiger Vater des Museums, ist die Glückseligkeit über die Neueröffnung und die Präsenz der Presse ins Gesicht geschrieben, lächelnd erklärt er das Konzept der Ausstellung: Das Spielen sei ein dem Menschen innewohnendes Bedürfnis, das von immenser kultureller Wichtigkeit ist. Daher wolle man mit dem Museum nicht nur die „Fans“ ansprechen, nicht nur die leidenschaftlichen Liebhaber interaktiver Unterhaltung, sondern die breite Masse an das Thema heranführen, insbesondere auch diejenigen, die nicht so tief in der Materie drinstecken, aber die Faszination, z.B. ihrer Kinder, verstehen und nachvollziehen wollen.

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Museumsdirektor Andreas Lange erklärt den vielleicht längsten Joystick der Welt.
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Man habe sich gerade deshalb bemüht, das Museum in mehrerlei Hinsicht unterhaltsam zu gestalten, zum einen durch eine attraktive optische Gestaltung als auch durch interessante, zum Teil interaktive Exponate. Als zentrales optisches Motiv halten, eher wenig überraschend, Pixel her, sowohl die Beschriftung der Exponate als auch künstlerisch verfremdete Bilder und Fotos kommen im nostalgischen Kästchenlook daher. Man wolle bewusst vermeiden, „Game Art“ zu separieren und sie stattdessen lieber organisch in die Ausstellung integrieren.

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Ralph Baers Magnavox Odyssey, Urgroßvater aller Heimkonsolen.
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Das Museum ist thematisch strukturiert und berührt verschiedenste Bereiche der Computerspielhistorie. Der erste Abschnitt widmet sich der Untersuchung des Spiels an sich – was ist der Spieltrieb, wie drückte er sich in der Vergangenheit aus? Ist es Zufall, dass wir das hinduistische Wort „Avatar“ so selbstverständlich in Rollenspielen verwenden?

Von den Olympioniken der griechischen Antike über den legendären automatisierten „Schachtürken“ des 18. Jahrhunderts bis zu den frühen 50er-Jahren, als der erste kommerzielle Computer „Nimrod“ auftauchte, erfährt man zahlreiche interessante Fakten über die Geschichte des Mediums und des „Homo Ludens“, des spielenden Menschen. Sowohl Texte als auch Fotos und seltene Exponate führen durch die Kindheitsgeschichte der Spiele.

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Monkey Island, Zork, Dance Dance Evolution... Viele der "Ausstellungsstücke" dürfen selbst gespielt werden.
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Es folgt eine sehr plastische, greifbare Zeitlinie jener Ära, in der die Computer und Spiele kommerzialisiert wurden: Dutzende Konsolen und Heimcomputer prangen an den Wänden, zahlreiche Arcade-Automaten und Spielvideos auf Bildschirmen sorgen für nostalgische Atmosphäre. An viele der Exponate darf man selbst Hand anlegen, teils bedeutet das eher konventionelle Unterhaltung bei Klassikern wie Asteroids, ein großer Teil der Ausstellungsstücke besitzt allerdings auch echten Seltenheits- oder zumindest Kuriositätswert.

Sowohl Blickfang als auch Spielspaß vereint zum Beispiel eine Installation des amerikanischen Künstlers Jason Torchinsky, der einen überdimensionalen und doch vollkommen funktionstüchtigen Joystick gebaut hat (siehe Foto oben). Er erzwingt quasi eine Art von Mehrspielermodus, da man Knopf und Steuerungshebel nicht alleine bedienen kann.

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Poly-Play: In der DDR spielte man putzige Spiele wie "Schmetterling" und "Wasserrohrbruch".
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Zwar kein Unikat, aber doch eine echte Rarität stellt auch ein bespielbares Exemplar des einzigen Arcade-Automaten der DDR dar, des „Poly-Play“. Und auch dem Thema USK und Indizierung ist eine eigene Sektion gewidmet: Hier erfahrt ihr, welches Spiel das erste war, das in Deutschland indiziert wurde: River Raid. Das Spiel wurde übrigens vor wenigen Jahren einer Neubewertung unterzogen und erhielt dort eine Freigabe ab 0 Jahren. Die lesenswerte Indizierungsschrift ist übrigens ebenfalls ausgestellt. Unsere Lieblingspassage: River Raid führt "zu physischer Verkrampfung, Ärger, Aggressivität, Fahrigkeit im Denken (!), Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen".

Mario für die Ewigkeit

Wer ganz hart drauf ist und ein Erlebnis wünscht, mit dem er zuhause einige Lacher erzielen dürfte, der legt mit einem Freund oder Feind eine Runde Pong an der „Painstation“ hin – ein mittlerweile auch international bekannter Automat, der schlechtes Abschneiden beim Spiel mit Elektroschock, Hitzeentwicklung oder Peitschenschlägen auf die Hand ahndet.

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Ralph Baer, Erfinder der ersten Spielkonsole, war auf der Pressekonferenz live aus Florida zugeschaltet.
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Doch auch, wer weniger masochistische Museumsbesuche bevorzugt, kommt auf seine Kosten – ob Virtual-Reality-Maschinen, Interviews mit Größen der Geschichte wie Computerpionier Ralph Baer (der auch Schirmherr der Ausstellung ist), Fakten zum globalen Spielkonsum oder wehmütige Rückblicke in die Vergangenheit verschiedener Genres – Interessenten werden bestens unterhalten und können problemlos einige Stunden in den nerdigen Hallen der Ausstellung verbringen.

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Zeitdokument: Die Begründung für die allererste Indizierung in Deutschland, das Spiel River Raid.
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Doch das ist eine der zentralen Fragen: Kann das Museum, bei allem Vorsatz und aller Vielseitigkeit der Exponate und Informationen, langfristig wirklich auf eine breite Klientel bauen? Denn das Einzige, was man der Ausstellung vorwerfen könnte, ist, dass sie für Nerds zu ernsthaft, zu museal geraten sein mag und für alle anderen ohnehin uninteressant ist.

Es wäre eine Schande, denn im Computerspielemuseum steckt ganz offensichtlich echte Liebe zum Zocken, echter Wissensdrang und der aufrichtige Wunsch, die Masse zu amüsieren und weiterzubilden.

Mit der ständigen Ausstellung in Berlin ist jedenfalls ein wichtiger Meilenstein erreicht bei der Wertschätzung digitaler Spielkultur. Dass die Exponate nicht hinter Vitrinenscheiben vergammeln, sondern aktiv bespielt werden, zeigt die Lebendigkeit dieses Gegenstands und auch des Museums, denn im Gegensatz zu manch anderer Geschichtsschreibung steht diejenige des Computerspiels erst an ihrem Anfang.

Momentan sei er aber einfach froh, dass man nach so langer Zeit endlich in diesem Haus in der Karl-Marx-Allee angekommen sei, erklärt Andreas Lange. Wir gratulieren und wünschen für die Zukunft alles Gute. Und kommen ganz bestimmt wieder.

Museumsrundgang in Bildern - in unserer Fotoreportage:

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