Es gibt zwei Urteile, die Videospiele nicht überleben: Indizierung und Beschlagnahmung. Während ein indizierter Titel gleich einem Pornoheft unter der Ladentheke legal gehandelt werden kann, im Internet aber den Maulkorb bekommt, ist eine Beschlagnahmung die Todesstrafe.

Gibt es Inhalte, die der Staat verbieten oder zensieren sollte? Agony lotet die Grenzen des Horrorgenres aus, wurde aber in letzter Minute noch mit einem USK-Kennzeichen versehen – ohne das hätte es zu einer Indizierung kommen können.

Agony - Announce Trailer DE12 weitere Videos

Auf den gesetzlichen Stuhl kommen einzig Medien, die gegen einen oder mehrere Paragrafen im Strafgesetzbuch verstoßen. Das hat nichts mehr mit Jugendschutz zutun, sondern gilt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen: Ein beschlagnahmtes Videospiel darf nicht medial beworben, verkauft oder verliehen werden, einzig besitzen dürft ihr es, insofern es keine Inhalte zeigt, die ihr per se nicht konsumieren dürft. Eine Indizierung jedoch – was ist sie überhaupt? Warum gibt es sie? Und was bedeutet es für ein Spiel, in Deutschland indiziert zu werden?

Videospiele gehören noch immer nicht zu “Kunst und Bildung”

“Im Jugendschutzgesetz (JuSchG) werden bestimmte Fallgruppen jugendgefährdender Medien genannt, die von der BPjM zu indizieren sind. Dies sind unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medien sowie Medien, in denen Gewalthandlungen wie Mord- und Metzelszenen selbstzweckhaft und detailliert dargestellt werden oder Selbstjustiz als einzig bewährtes Mittel zur Durchsetzung der vermeintlichen Gerechtigkeit nahe gelegt wird (§ 18 Abs. 1 Satz 2 JuSchG).” – Auszug von der Homepage der BPjM.

Wolfenstein 2: The New Colossus in Deutschland noch immer ohne Hakenkreuze

Kunst und Bildung – das sind Videospiele im Gegensatz zu Filmen und anderen Medien nicht. Deswegen darf Wolfenstein auch keine Hakenkreuze zeigen, so prüde und seltsam diese Zensur auch anmuten mag. Auf der anderen Seite der Schere steht die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), die immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) keinen “Ab 18”-Stempel mehr vergeben möchte. Die BPjM prüft die sogenannte Indizierung sowie eine mögliche Beschlagnahmung; Gründe für eine Indizierung werden auf der Homepage nur indirekt genannt, wie ihr im oberen Zitat lesen könnt. Während die Gewaltdebatte (“Spiele bringen Kinder dazu, gewalttätig zu werden!”) in der deutschen Medienlandschaft immer seltener aufploppt, ist sie weiterhin im Gesetz verankert, wo von “zu Gewalttätigkeit anreizende(n) Medien” gesprochen wird.

Alle medialen Inhalte mit dem Kunst-und-Bildungs-Zuspruch können dagegen eben aus diesem Topf löffeln; Gewalt und Hakenkreuze dürfen hier im Kontext einer der beiden Kategorien stehen und schaffen es durch die vermeintliche Nicht-Zensur. Wie die PC Games bereits treffend formuliert hat, ist Deutschland eines der strengsten demokratischen Länder in Bezug auf den Verkauf von Videospielen.

Jugendschutz ist wichtig und richtig. Ob die Darstellung von Hakenkreuzen in Videospielen die heutige Jugend gefährdet, ist eine ebenso dringende Debatte, die ich hier und heute allerdings nicht führen möchte. Eine Indizierung jedoch, wie oben bereits erwähnt, schützt eben nicht nur die Jugend, sondern jedermann in Deutschland – und sie bedeutet schwerwiegende Konsequenzen für Entwickler und Publisher, unterstützt durch weitere Stolpersteine in der Gesetzgebung.

“Agony” – Indie-Horror wird geschnitten erscheinen

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich ein Interview mit dem CEO von Madmind Studios geführt; jenes Studio, das mit Agony eines der ohne Frage brutalsten, blutigsten und bizarrsten Spiele ins Horrorgenre wirft. Hinter Madmind stehen im Moment neun Entwickler, die ihre Version der ultimativen Hölle in Agony verwirklichen wollen – eine Vision, die von Klassikern wie Dantes “Die Göttliche Komödie” inspiriert wurde.

Agony wird nichts für schwache Nerven

Agony ist kein Spiel, in dem du ein paar Stunden durch ein leeres Gebäude läufst und am Ende eine Leiche im Klo findest. In der ersten Stunde wirst du Wege beschreiten, die aus dem Fleisch und den Knochen von zahllosen Märtyrern bestehen. Du wirst ein endloses Labyrinth des Wahnsinns sehen, voll mit gequälten Menschen und schreienden Dämonen”, erzählt mir Agony-CEO Tomasz Dutkiewicz.

Dass Agony nichts für Kinder sein würde, war von Anfang an klar. Spätestens aber in jenem Moment, als Madmind mit Ach und Krach am US-amerikanischen AO-Rating (Adult Only) vorbeischrammte, das ähnlich wie die Indizierung Werbung zum Spiel verbietet und eine Portierung auf die PS4 verhindert. Für einen Indie-Entwickler, der den Release auf Konsolen geplant hatte, ist das ein Todesurteil. Und Madmind wollte Agony nicht zensieren oder ändern, sie wollten ihre Vision durch die Gesetze der Länder drücken, komme was wolle; selbst, wenn das Spiel hier und da verboten würde. Aber gar kein Release auf der PS4? Schwierig.

Brutalität ist nicht wirklich ein großes Thema in der Industrie… Nacktheit ist schwierig. Wir haben ein Spiel ohne Grenzen erschaffen, aber nun müssen wir doch einige Teile zensieren, damit Agony auf den Konsolen erscheinen darf. Wir haben uns dazu entschieden, einige Szenen zu ändern, bis ihnen ein ‘M’-Rating zugestanden wurde, denn wir hatten nicht wirklich eine Wahl. Wir sind nur ein kleiner Entwickler ohne Armeen von Anwälten, die für unsere Vision kämpfen könnten”, gab Dutkiewicz schließlich zu, das volle Interview findet ihr in meiner Vorschau zu Agony.

Agony Artwork: Selbst der Teufel darf nicht nackt sein

Um dem AO-Rating zu entgehen, werden nun höchstwahrscheinlich jegliche Dämonen-Brüste aus dem Spiel geschnitten oder bedeckt; der Indizierung selbst ist
Agony jedoch entgangen: Gerade, während ich diesen Artikel am 18. Mai schreibe, erhielt der Titel die Kennzeichnung “Keine Jugendfreigabe”. Eine nachträgliche Indizierung ist nicht unmöglich. Aufgrund der extrem späten Altersfreigabe kurz vor Release kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass weiter am Spiel herumgeschnitten wurde, um es durch die Gremien der Prüfstellen zu quetschen.

Kinder spielen Videospiele – falsche Annahmen und eine altbekannte Doppelmoral

Videospiele sind keine Kunst, gehören nicht zur Bildung und werden generell eher von Kindern als Erwachsenen konsumiert. Polygon schreibt über das Adult-Only-Rating, welches sie als den “Kuss des Todes für Videospiele” bezeichnen; im Interview mit ihnen spricht Volition-CEO Dan Cermak über The Punisher, ein Spiel, das 2005 auch in Deutschland indiziert wurde.

Obwohl es (das Videospiel als Medium) eine Kunstform ist, oder wie auch immer man selbst es einordnet, hat es eine eigene … es gibt verschiedene Level von Gewalt in Filmen, und sie bekommen nicht alle ein AO-Rating, deswegen fühle ich mich, als sei es immer noch etwas anderes, denn wir arbeiten hier mit Spielen, was sofort Kinder bedeutet. Und ich denke, das bedeutet es auch heute noch.

Menschen umbringen in Videospielen? Das war in den 90ern noch nicht erlaubt

Weniger als 26 Prozent aller Videospieler in Deutschland sind unter 18 Jahre alt (“Verteilung der Videogamer in Deutschland nach Alter im Jahr 2017” - Statistik auf statista.com). Die restlichen 64 Prozent gehören zur Altersgruppe derjenigen, die 20 Jahre oder älter sind. Videospiele heißen gleichsam Kinder? Nicht mehr. Und hier beginnen erst die nebulösen Vorurteile gegen Videospiele, welche zwar nirgends schwarz auf weiß festgehalten sind, aber stets im Tenor unserer Gesellschaft mitschwingen. Schließlich mussten sich Spiele wie Half-Life für etwas verantworten, das Filme (und andere Medien) seit Jahren zelebrieren: Menschen im Medium töten.

Half-Life wurde in den 90ern indiziert; es gab eine deutsche, völlig überarbeitete Fassung des hochgepriesenen Klassikers, in dem ihr gegen Roboter statt Menschen kämpfen musstet. Die Indizierung wurde letztes Jahr im April aufgehoben. Wäre Half-Life in die Versenkung der toten Spiele verschwunden, stände damals nicht ein großes Studio wie Valve hinter dem Shooter? Wer weiß.

Wieso werden Indizierungen überhaupt aufgehoben? Es scheint, als sei das, was heute zu krass ist, morgen völlig in Ordnung. Ist Gewalt nur eine Frage der Zeit? Müssen wir einfach noch fünf Jahre warten, bis auch DOOM ab 16 Jahren freigegeben wird? Wer weiß.

Zu viel Gewalt hat seinen Preis

Steht die USK einem Spiel keine Alterskennzeichnung zu, prüft die BPjM eine mögliche Indizierung (oder Beschlagnahmung). Wird besagtes Spiel indiziert, können sich die Urheber des Titels melden und einen Antrag auf Streichung des Spiels aus der Liste der jugendgefährdenden Medien stellen. Das jedoch hat seinen Preis:

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kann ab dem 1. Januar 2004 für Verfahren, die auf Antrag der in Absatz 7 genannten Personen eingeleitet werden und die auf die Entscheidung gerichtet sind, dass ein Medium

1. nicht mit einem bereits in die Liste für jugendgefährdende Medien aufgenommenen Medium ganz oder im Wesentlichen inhaltsgleich ist oder
2. aus der Liste für jugendgefährdende Medien zu streichen ist

Kosten (Gebühren und Auslagen) erheben.” (Jugendmedienschutz)

Wenngleich verständlich ist, dass eine solche Wiederaufnahme des Verfahrens einen Mehraufwand bedeutet, schlägt die Geldschranke all denjenigen auf die Finger, die keine Armeen von Anwälten im Hinterfäustchen haben – wie etwa die Entwickler bei Madmind Studio. Zwar ist Agony dieser Tortur entgangen, doch andere, kleinere Studios werden sich besonders hüten, der Bundesprüfstelle in die Quere zu kommen.

Bilderstrecke starten
(14 Bilder)

Ich habe anfangs die Frage gestellt, welche Bedeutung eine derartige Indizierung für Videospiele hat. Neben den tatsächlichen Maßnahmen und Beschränkungen, die ein solches Urteil mit sich bringt, sorgt sie gleichsam für eine mentale Schranke in den Köpfen der Entwickler, ein “Wir können das nicht machen, so können wir unser Spiel nicht verkaufen” – und das in einer Welt, welche diese Inhalte, von rollenden Köpfen über Hakenkreuzen bis hin zu intensiven, gewalttätigen Szenen, in Filmen und Büchern erlaubt, sie als Kunst oder Bildung zulässt, sie sogar bei den Oscars würdigt. Lasst uns an Stanley Kubricks Uhrwerk Orange denken, eine Gewaltorgie, die Gewaltorgien kritisiert, an Funny Games von Michael Haneke; ebenso ein Film, der Gewalt kritisiert und zelebriert, an Battle Royale, Drive, Antichrist, Sin City, Kill Bill, Oldboy, Full Metal Jacket, Taxi Driver, The Thing, Inglorious Bastards – gut, alle Filme von Quentin Tarantino – denken. Vielleicht sollten wir uns eine Welt ausmalen, in der all diese Filme auf dem Index gelandet sind und uns gleichsam die Frage stellen, ob eine gewaltfreie Medienwelt eine Welt ohne Gewalt bedeutet. Ich persönlich bezweifle es.