Die Zeit, in der Videospiele noch als Zeitvertreib pubertierender Nerds, brotlose Kunst und Zündholz für die x-te Killerspieldebatte verschrien waren, ist endgültig vorbei. Videospiele sind längst im Mainstream angelangt, erobern Schulen wie Universitätssäle und Kliniken gleichermaßen - und seit neuestem auch Museumshallen. Wir waren zu Gast in Paris und haben uns die Ausstellung L'Art dans le Jeu Vidéo, l'inspiration française ('Die Kunst im Videospiel, eine französische Inspiration') für euch angesehen.

Dass Videospiele Kunst seien, hat irgendwie jeder schon mal gehört. Aber was dazugehört, welche Spiele das einbezieht und wie man sich der ganzen Thematik allgemein nähern kann, darüber hat man sich bis jetzt noch nicht so recht, zumindest nicht im althergebrachten Kultursektor, Gedanken gemacht. Sicher habt ihr schon einmal mit Freunden über den großartigen Artstyle eines Tearaway oder die phänomenale Präsentation von Journey gesprochen. Spiele, die ohne Weiteres als Kunst- und Kulturgut durchgewunken werden können. Aber wie verhält es sich mit dem Stahlgewitter der Call-of-Duty-Serie? Oder – Extrembeispiel – der scheußlichen Pixelgrütze von E.T. (Gott habe es selig...)? Die Kunstdebatte ist längst nicht da angekommen, wo man sie vielleicht gerne hätte.

Spielekultur – Ist das Kunst oder kann das weg? - Zu Besuch in der europaweit ersten Ausstellung zu Kunst in Videospielen

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Die Pariser wissen, was wichtig ist – an jeder zweiten Straßenecke findet ihr dieser Tage Wegweiser zu der Ausstellung.
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Uns passionierten Zockern kommen Ausstellungen, die sich nicht nur mit ausladenden Kunstinstallationen und expressionistischen Leinwandkritzeleien, sondern auch mit den digitalen Bewegtbildern beschäftigen, die wir so lieben, also gerade recht. Das Pariser Art Ludique-Le Musée rühmt sich damit, als weltweit erstes Museum eine Ausstellung zu ebendieser Kunst in Videospielen hervorgebracht zu haben. Auch wenn da jemand seine Hausaufgaben nicht ganz gewissenhaft gemacht hat doch Grund genug, mich einmal in den Flieger zu setzen und mir das Ganze aus nächster Nähe anzuschauen.

Eine Ausstellung von Gamern für Gamer

Vorab sei bemerkt, Art Ludique windet sich ein wenig um diese Debatte. Als Ausstellungsgrundlage hat man sich auf die kunstvollen Artworks konzentriert, die in der Konzeptionsphase der Videospielproduktion jedem grafischen Gerüst vorausgehen und in Form (hoffentlich) aufwendiger Artbooks schließlich auch uns Spieler erreichen. Ein Ansatz mit dem sich jeder gut zufriedengeben sollte, vereinen sie doch die klassische Vorstellung des künstlerischen Gemäldes mit den eigentümlichen Welten und Ideen der digitalen Sphäre.

Über 700 dieser Artworks könnt ihr in den Ausstellungssälen bestaunen. Von schrulligen Konzeptzeichnungen über markige Charakterporträts bis hin zu aufwendigen Landschaftsmalereien ist hier alles vertreten; das Aufgebot der ausgestellten Stücke ist wirklich erstklassig und sehr abwechslungsreich. Dabei kommt der Untertitel nicht von ungefähr – die Veranstalter haben ausschließlich ihre französischen und französischsprachigen Kollegen bemüht, ein Gros der Artworks stammt also aus den Federn von Ubisoft, Quantic Dream, Dontnod und den Arkane Studios. Fast ein wenig schade, dass hier keine multinationalere Auswahl getroffen wurde, mit Franchises wie Assassin's Creed, Rayman, Far Cry, Heavy Rain und Dishonored hätte es da aber eine deutlich schlechtere Auswahl treffen können.

Die feinsinnige Auswahl der ausgestellten Spiele ist auch einer der größten Pluspunkte von L'Art dans le Jeu Vidéo. Neben einigen durchaus bekannten Motiven speziell auf Seiten von Assassin's Creed und den Quantic-Dream-Titeln stechen nämlich besonders jene Artworks hervor, die bislang noch gar nicht an die Öffentlichkeit gelangt sind. So habt ihr in der Ausstellung die Möglichkeit, exklusiv erste Blicke auf die Konzeptzeichnungen zu Michel Ancels Wild, Dioramen des verfallenen New Yorks aus The Division oder die düstere, eigenwillige Kulisse von Dishonored 2 zu werfen.

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Von virtuosen Gemälden ubisoftscher Blockbusterproduktionen zu den liebevollen Skizzen unbekannterer Titel ist alles dabei.
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Aufgelockert werden die einzelnen Säle durch verschiedene Bildschirminstallationen, in denen Mitarbeiter aus dem Nähkästchen plaudern und auf verschiedene handwerkliche oder konzeptionelle Schritte eingehen, die die Entwicklung eines Videospiels begleiten. Alles ganz nett anzusehen und anzuhören, aber ganz klar an die Masse an Interessierten gerichtet, die ohne einen Videospielhintergrund auskommt – ich hätte mir da tiefer gehende Einblicke gewünscht.

Zwei kleine Highlights sind unterdessen in der zweiten Hälfte des Rundgangs anzufinden. Zum einen ist das eine riesige gewölbte Leinwand, in der aus der Egoperspektive ein Rundgang durch das virtuelle Paris von Assassin's Creed Unity, von der Pont Rouge bis ins Innere der Notre Dame, nachvollzogen wird – staunende Münder bei den anwesenden Parisern – zum anderen ein Saal, in welchem den grob-verzerrten Fratzen ausgewählter Charaktere aus Dishonored 2 jeweils ihr aus Ton geformtes Büstenpendant gewidmet ist. Videospielkunst zum Anfassen.

Ein Thema unserer Zeit

Abgeschlossen wird die Ausstellung übrigens – wie könnte es anders sein – mit einem ausladenden Merchandising-Bereich, in dem ihr Tassen, Postkarten und das ganze Pipapo mit Motiven aus der Ausstellung mit nach Hause nehmen könnt. Ein wirkliches Fundstück ist an dieser Stelle aber das hauseigene Artbook, mit dem sich für den fairen Preis von 32 Euro auf über 200 Seiten die besuchte Ausstellung für sich konservieren lässt.

Spielekultur – Ist das Kunst oder kann das weg? - Zu Besuch in der europaweit ersten Ausstellung zu Kunst in Videospielen

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Die Ausstellung war bei unserem Besuch sehr ausgelastet, über verschiedenen Altersgruppen hinweg gab es eine große Anteilnahme. Gut so.
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Alles in allem lässt mich das Art Ludique-Le Musée mit einem wirklich guten Eindruck zurück. Die ausgestellten Artworks sind bis auf wenige Ausnahmen allesamt sehr sehenswert und zusammen mit der digitalen Komponente in Form verschiedener Interviews entgeht man einer allzu trockenen Museumsatmosphäre. Trotz der Beschränkung auf die Werke einer einzelnen Nationalität erwartet euch ein breiter Fundus an Spielen – hier beweist Frankreich als größte Spieleschmiede neben Japan und den USA seine Vorzüge – und besonders das bisher unveröffentlichte Material belohnt den Besuch. Natürlich ist das alles nichts, was eigenhändig eine Reise nach Paris rechtfertigen dürfte, aber wenn es euch zufällig bis spätestens kommenden März in die Stadt der Liebe verschlagen sollte, nehmt das hier auf jeden Fall mit.

L'Art dans le Jeu Vidéo, l'inspiration française dient mehr als erstes leuchtendes Beispiel für viele noch folgende Zugänge zum Videospiel in seinem Status als Kulturgut denn als ultimativen Beitrag zur eingangs dargestellten Debatte. Videospiele sind aus der gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeit unserer Zeit nicht mehr wegzudenken, das macht sich immer stärker bemerkbar und erste Ausstellungen wie diese zollen diesem Umstand Respekt.

Toll mitanzusehen, wie weit unser Medium schon gekommen ist.