Politische Meinungen gehören nicht in Spiele. Hier geht’s um Unterhaltung, um Spaß; um das Eintauchen in eine fremde Welt weit, weit weg von den Schwierigkeiten unseres Alltags. Richtig? Nicht richtig, denn genauso wie andere Medien, wie Bücher und Filme, befinden sich auch Spiele in der Verantwortung nicht nur politische Fauxpas zu vermeiden, sondern ebenso aktiv als Meinungsführer in der Gesellschaft mitzumischen.

South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe geht mit extremem Beispiel voran und setzt den Schwierigkeitsgrad des Spiels mit der Hautfarbe eures Charakters gleich. Seht den Trailer zum Spiel:

South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe - Offizieller unzensierter Launch-Trailer11 weitere Videos

Spielekultur - Games können und sollen politische Statements setzen

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Seit 1992 gegen das Regime
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Klare Aussage gegen Nationalsozialisten und Neo-Nazis

Wolfenstein 2: The New Colossus sowie seine Vorgänger sind uns allen ein Begriff; zynisch-parodische Action-Shooter, in denen ihr an der Seite von J.B. Blazkowicz gegen das Regim kämpft. Sicher zeigt uns die Serie eine alternative Realität, die jedoch ganz klar von realen politischen Ereignissen inspiriert wurde:

Während das Endprodukt also keine Geschichtsstunde darstellt, zeigen Story und Figuren sehr viele Parallelen zu den schrecklichen Dingen, die tatsächlich passiert sind”, erzählt Tommy Tordsson Björk (Artikel). The New Colossus ist damit ein Mainstream-Blockbuster, der eine glasklare Botschaft vermittelt – und das ist auch gut so.

Aber auch kleinere Titel setzen starke politische Statements. Am stärksten vertreten sind sie im Subgenre der Serious Games (dt.: “ernsthafte Spiele”); wo Titel wie Spec Ops: The Line, Papers, Please oder Bury me, my Love gegen Krieg einstehen oder auf unmenschliche Zustände aufmerksam machen, die große Teile unserer Bevölkerung betreffen.

Auch Handväska (dt.: “Handtasche”) bemüht sich um eine solche Botschaft und das, obwohl ein Spiel gerade einmal 15 Sekunden geht. Eine kurze Zeitspanne, in der ihr Neo-Nazis mit einer Handtasche zu Leibe rückt. Klingt im ersten Moment absurd, aber tatsächlich möchte Handväska an einen realen Vorfall erinnern: Auf diesem Schwarz-Weiß-Foto ist eine ältere Frau abgebildet, die einen Neo-Nazi 1983 mit ihrer Handtasche schlägt. Sie stammt aus einer polnischen Familie; ihre Mutter wurde im zweiten Weltkrieg in einem Konzentrationslager gefangen gehalten. Die Fotografie ist schnell ikonisch geworden.

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Football Manager 2018: Coming-Out-Event wurde extra eingebaut
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Come out & play

FM2018: Werdet zum Manager eures eigenen Fußball-Clubs, plant die Spieltaktik und übernehmt die PR für euer Team.

Homosexualität und Fußball sorgen immer dann für Schwierigkeiten, wenn sie im selben Satz erwähnt werden. Während Fußballspieler auch heutzutage noch mit dem Aus ihrer Karriere rechnen, sobald sie sich outen – und das leider nicht ungerechtfertigt – sprechen die Entwickler von FM2018 darüber, das Coming-Out eines Spielers positiv darstellen zu wollen:

Ich finde es seltsam, dass diese Sache noch immer ein Problem im Fußball ist und deswegen haben wir uns entschieden, den Leuten zu zeigen, dass es keine große Sache ist und positiv sein kann.

Deswegen gibt es im Spiel nun ein Coming-Out-Event, bei dem ihr als Manager darüber informiert werdet, dass einer eurer Spieler sich geoutet hat: “Es ist keine Nachricht, die jeder Spieler sehen wird. Es ist ziemlich selten, aber wir wollen, dass es als eine positive Sache gesehen wird.

Ihr denkt vielleicht, das Spiel würde sich damit von der Realität entfernen, immerhin sieht es im Fußball ein wenig anders aus. Es gibt einen Grund, warum sich Thomas Hitzlsperger erst nach seiner Karriere als Nationalspieler geoutet hat. Aber genau deswegen ist es ein positiver Schritt in Sachen Toleranz; indem FM2018 zeigt, wie es sein könnte.

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Klein, aber fein: Alle Frisuren in Dragon's Dogma gelten für beide Geschlechter
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Und nein, ich spreche nicht nur von harten, politischen Statements

Dragon’s Dogma glänzt mit einem Charakter-Editor, der dieselben Frisuren für männliche und weibliche Avatare anbietet. Selbst die Gangart der Figur kann auf einer Skala zwischen weiblich und männlich eingestellt werden – die unterliegende Botschaft: Euer Charakter kann Attribute beider Geschlechter besitzen. Selbst die hochgelobte The-Elder-Scrolls-Reihe ist im Gegensatz dazu konservativ eingestellt.

South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe geht einen Schritt weiter und verknüpft eine andere Spielmechanik mit einem politischen Statement: Je dunkler die Hautfarbe eurer Figur, desto höher ist der Schwierigkeitsgrad. Zwar wirkt der sich überhaupt nicht auf das Spiel aus, aber umso klarer ist die Nachricht dahinter: Dieses Feature wurde nur eingebaut, um Aufmerksamkeit zu erregen – und parodisch darauf hinzuweisen, wie schwierig das Leben ohne schneeweiße Haut sein kann.

Games sind selbst dann gesellschaftlich engagiert, wenn sie nicht mit einer politischen Agenda gefüttert in den Mainstream einschlagen. Charakter-Editoren, Spielwelten – ja, selbst das Design von NPCs – entsprechen Entscheidungen der Entwickler, denen Aussagen wie “Es gibt / gibt keine Menschen mit dieser Hautfarbe in unserem Universum” oder “In der gesellschaftlichen Struktur unseres Spiels sind NPCs mit diesem Geschlecht Entscheidungsträger” zugrunde liegen.

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Finn & Poe in Star Wars 7 (Quelle: Kino.de)
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Mein liebstes Beispiel ist noch immer Star Wars. In George Lucas’ Reich gibt es einzig heterosexuelle Beziehungen zwischen den Charakteren. Vielleicht hatten sie also nur vergessen, gleichgeschlechtliche Paare zu zeigen? Wer jedoch nicht vergisst, das sind die Fans. In einem KOTOR-Forum diskutierten sie das Thema, bevor plötzlich all ihre Threads geschlossen wurden. Die Begründung? BioWare-Mitarbeiter Sean Dahlberg stellt klar: “Wie ich zuvor schon gesagt habe, existieren diese Begriffe (bezüglich Homosexualität) nicht in Star Wars.

Es gab also schlicht und ergreifend keine Homosexualität im Star-Wars-Universum. Bis jetzt. Denn seitdem Disney Star Wars übernommen hat und J.J. Abrahams am Zepter sitzt, wird das sicher bald anders aussehen.

Trotzdem war es ein Statement, das BioWare damals setzte. Und das, ohne sich expliziet für oder gegen gleichgeschlechtliche Liebe auszuprechen.

“Das interessiert mich nicht, ich will nur zocken”

Solche Kommentare existieren zuhauf im Internet. “Warum zwingt mir dieses Spiel eine politische Meinung auf?” Weil auch Videospiele Kulturgut sind, die unsere Gesellschaft widerspiegeln, ganz egal, wie fantastisch oder ‘irreal’ die Welt im Spiel ist. Damit liegen viele von ihnen in der Verantwortung, politische Aussagen zu treffen; und das nicht nur im Bezug auf die vordergründige Story. Wenn es in einem Rollenspiel nur möglich ist, einen muskelbepackten Mann oder eine dürre Frau zu spielen, ist das bereits ein Statement. Ganz besonders, wenn das Spiel damit wirbt, dass ihr euren Helden ganz nach euren Wünschen (oder eurem Ebenbild) formen könnt.

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Videospiele können und sollen politische Statements setzen, weil sie ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft sind. Ebenso wie anderen Medien liegt es in ihrer Verantwortung, sich darüber bewusst zu sein. Und es liegt in unserer Verantwortung, zu kritisieren und natürlich zu diskutieren. Also los: Bitte kritisieren und diskutieren; das Schlachtfeld ist eröffnet!