„NIE OHNE KONDOM!“ – Wer die zugehörige Spielsituation nicht selbst gesehen hat, in der diese Worte fielen, hätte wohl kaum geglaubt, dass sie aus einem Zelda-Spiel stammen. Es mag schon kurios anmuten, wie dieser aus dem Kontext gerissene Kommentar ausgerechnet von Nintendo, einem der familienfreundlichsten Videospielunternehmen, übersehen wurde. Aus Sicht vieler Fans hat die deutsche Übersetzung zum Kultstatus von „The Legend of Zelda - Link’s Awakening“ beigetragen. Zugleich ist sie beispielhaft für die Kontroverse bezüglich der Lokalisation japanischer Spiele. Ein Herzensthema, aber auch ein leidiges.

Für die deutsche Lokalisation der frühen Game-Boy-Version von 1993 hatte sich Nintendo-Mitarbeiter Claude M. Moyse verantwortlich gezeichnet, der zu damaliger Zeit auch als Chefredakteur des hauseigenen „Club Nintendo“-Magazins tätig war. Eines seiner unverkennbaren Markenzeichen war der ausgedachte Ausruf „Holerö!“, der in einigen älteren Videospielen von den Spielfiguren benutzt wird. Zu den Titeln zählen unter anderem Link’s Awakening und auch Secret of Mana.

Lokalisation japanischer Spiele - Fluch und Segen zugleich?

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Bestreut man die gegnerischen Elektroblobs bei Link’s Awakening mit Zauberpulver, verwandeln sie sich und geben lustige Kommentare von sich wie beispielsweise: „Du gibst mir deinen Saft, ich geb’ dir meinen...”.
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Die Freiheiten, die sich Moyse in seinen Übersetzungen nahm, hatten aufgrund des sehr eigenwilligen Humors durchaus ihren Charme. Für viele der damaligen Spieler war es immerhin auch die erste Berührung mit ungewöhnlich textlastigen Spielen. Rückblickend sehen Fans die Übersetzung mit gemischten Gefühlen. Teils mit einer verklärten Nostalgie-Brille und der Meinung, dass heutige Spiele die unterhaltsame Art der Dialoge wie bei den obigen Beispielen vermissen lassen. Teils mit weniger Wohlwollen, weil die erzählerischen Freiheiten mit Anachronismen und deutschen Popkultur-Referenzen etwas über die Stränge schlugen. Gerade bei Spielen, deren Geschichte überwiegend durch Dialoge erzählt wird, würde die Glaubwürdigkeit auf Kosten des Humors verloren gehen. Dieses Für und Wider bezüglich des Übersetzungsspielraumes ist auch unter JRPG-Fans ein oftmals heiß diskutiertes Thema, bei dem meist immer die Frage im Raum steht, inwieweit gewisse Abweichungen toleriert werden können.

Translateception - Das Stille-Post-Prinzip

Im Falle von Secret of Mana (in Japan „Seiken Densetsu 2“) war der Übersetzungsprozess schon ein Kuriosum für sich, da der gesamte Inhalt im Grunde frei übersetzt wurde. Als man Moyse mit dem Textinhalt betraute, hatte man aufgrund missverständlicher Kommunikation angenommen, dass er die japanischen Sprache sehr gut beherrscht. Da das nicht der Fall war, stellte man ihm spontan einen Japaner zur Seite, der mittelmäßige Englischkenntnisse besaß und ihm bei den Übersetzungsarbeiten aushelfen sollte. Moyse musste also englische Texte ins Deutsche übersetzen, die wiederum zuvor von dem japanischen Mitarbeiter grob übersetzt wurden – ein Stille-Post-Prinzip.

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Claude M. Moyse musste sich aufgrund des fehlenden Kontextes einen Grund ausdenken, warum die Goblins den Ort verlassen mussten. Und was könnte nachvollziehbarer sein, als die neueste Folge der Lindenstraße nicht zu verpassen?!
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Erschwerend kam hinzu, dass ihm die Texte als einzelne Fetzen und nicht in chronologischer Reihenfolge der tatsächlichen Spielhandlung vorlagen – was im Übrigen aufgrund von Arbeitsaufteilungen verschiedener Lokalisationsabteilungen nicht unüblich ist. Durch den doppelten Übersetzungsprozess war folglich die Wahrscheinlichkeit für den Verlust von Details aus dem Originaltext recht hoch. Zusätzlich fehlte ihm bei den meisten Textstellen durch das Durcheinander ein Großteil des Kontextes, wodurch es ihm schwerfiel, allein die Handlungen oder die erwähnten Ereignisse der Figuren nachzuvollziehen.

Das Resultat fiel bei weitem nicht so schlecht aus, wie es der Ablauf vielleicht vermuten lässt. Das Spiel wurde immerhin von Fans auch retroperspektiv nicht nur für seine visuelle Aufmachung und die Multiplayer-Option, die damals eine Seltenheit bei Rollenspielen darstellte, gelobt. Auch die Narration empfand man als dramaturgisch sehr gelungen. Unbestreitbar ist dennoch, dass die Übersetzung einer bereits vorhandenen zweifelhaften Übersetzung immer zu Abweichungen führt und eine qualitative Beeinträchtigung des vermittelten Ursprungsinhalts mit sich bringt. Das spricht im Grunde aber vor allem gegen die schlechte Organisation und stellt eher die Ausnahme dar.

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