Latzhose, Oberlippenbart, Klempnerkappe, Bauchansatz. Rein auf optischer Ebene ist kein Unterschied zwischen Mario und Super Mario auszumachen, teilen sie doch alle äußerlichen Attribute. Geht ja auch um dieselbe fiktive Persönlichkeit, die sich gar nicht erst bemüht, eine geheime Identität vorzutäuschen, wie es andere Helden mit übernatürlichen Kräften zu tun pflegen. Warum auch, war es in den letzten 30 Jahren doch nicht der schnauzbärtige Held, der sich die Super-Auszeichnung verdiente, sondern die Spiele um ihn herum.

Als Mario und Luigi 1983 als Quasi-Kammerjäger durch eine pixelige Ein-Bildschirm- Kanalisation rannten, war von Super noch keine Rede. Mario Bros. hatte abseits vom Springen und Rennen nichts mit dem extrem erfolgreichen ersten Auftritt in Donkey Kong gemeinsam. Der inoffizielle Nachfolger des Affentheaters stach nicht einmal aus der Masse damaliger Spielhallentitel heraus, auch wenn eines seiner berühmtesten Talente hier Premiere feierte, nämlich der Fausthieb im Sprung an die Unterseite einer Plattform. Eben jene Bewegung, mit der er später Pilze, Blumen und Sterne aus Geheimnisblöcken boxen würde.

Denkt mal darüber nach, was dieses Spielelement suggeriert. Wer würde schon in vollem Karacho gegen die Decke springen, um im darüber liegenden Stockwerk Schildkröten, Krabben und monströse Fliegen zu betäuben? Allein der Gedanke verursacht Phantomschmerzen in den Knöcheln. Wobei zu ergänzen wäre, dass viele Spieler von damals wegen farbarmer Pixelgrafik eher von einem Kopfstoß als von einem Fausthieb ausgingen, was ebenfalls kaum nach einer heroischen Tat klingt. Eher ziemlich bescheuert.

Mit dem Kopf durch die Wand

Glaubt ihr nicht? Na dann schaut euch mal einige Klone an, die das spätere Super-Mario-Spielprinzip mit dem Kopf voran umsetzen. In The Great Giana Sisters lässt die Heldin sich gar eine stachelige Punkfrisur wachsen, damit der Schädel nicht so sehr unter den Attacken leiden muss. Ein anderes Beispiel wäre Kid Chamelion, der auf auf dem Mega Drive mit Köpfchen agierte.

30 Jahre Super Mario - Als Mario plötzlich „Super“ wurde

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Da ist sie, die Hand Gottes Marios. Der Klempner ist also gar nicht mit seinem Dickschädel gegen die Blöcke gedonnert.
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Ob Schädelbasisbruch oder Knöchelschaden macht aber kaum einen Unterschied. Mario Bros. gehörte zu den ersten Videospielen, die beinahe real wirkende, aber völlig abstrakte Tätigkeit als normale Handlung verkauften. Vergleicht das zum Beispiel mit Pac-Man. Die Geisterhatz des Pillenmampfers war grafisch abstrakt, aber nicht inhaltlich. Man sammelt irgendetwas und bekommt dank Superpillen kurzzeitig eine Superwaffe zum Bekämpfen der Geister. Grobe Darstellung hin oder her, das ist ein uraltes Erzählprinzip, das Ziele, Gegner und Waffen klar definiert. Wenn man will, kann man das in alle erdenklichen Erzählungen umwandeln, bis zurück zu den Sagen des antiken Griechenland, siehe die Abenteuer des Perseus, von Odysseus und wenn man es mit ein wenig Humor nimmt, sogar das Leid der armen Sau Sysifos.

Die allermeisten Videospiele der „Golden Age“ genannten Epoche orientierten sich sehr stark an der Realität und verzerrten sie lediglich im Setting, selbst wenn sie versuchten, ein futuristisches Design in den Vordergrund zu stellen. Kampf und Wettbewerb äußerten sich meist in Schussprojektilen oder im sportlichen Vergleich, und da ist es völlig egal, ob ein Raumschiff ballert oder ob es um die Wette fliegt. Mit der Faust (oder dem Kopf) gegen eine Wand donnern klingt dagegen genauso plausibel wie Supermans Hitzeblick.

Was nicht heißen soll, dass Mario Bros. seinerzeit das erste und einzige Spiel mit abstraktem Spielaufbau war. Stetig steigende Hardware-Leistung regte die Programmierfreude und Fantasie vieler Entwickler an, was allein die frühe Softwarepalette des Commodore 64 wunderbar belegt. Nintendo bzw. Schöpfer Shigeru Miyamoto war allerdings sehr geschickt im Ausreizen der vorhandenen Möglichkeiten. Nur zwei Jahre später würden er und sein Team die gesamte Branche neu inspirieren.

Spielspaß im Überfluss

Super Mario Bros. vereinte anno 1985 unglaublich viele Ideen in einem einzigen Spiel. Einige davon hatte man schon zuvor gesehen. So waren Level mit mehreren Bildschirmen Spannweite längst etabliert. Selbst mit flüssigem Scrolling, siehe Moon Patrol.

Der Unterschied: Super Mario Bros. erwartete in beinahe allen Tätigkeiten aktive Teilnahme vom Spieler. Die Grafik scrollte flüssig und für damals unglaublich schnell von links nach rechts, sofern der Spieler es veranlasste. Feinde konnte man bekämpfen, aber auch ignorieren, ebenso wie die berühmten Power-ups, die der Klempner aus Fragezeichen-Blöcken boxte. Zauberschwammerl (ja, so hieß der Super Pilz im hiesigen Original), Feuerblume und Unverwundbarkeits-Stern visualisierten erstmals die Stärkung des Hauptcharakters mit tragenden Konsequenzen und einem Hauch Strategie, ganz ohne Zufallskomponente. Unzählige Geheimnisse, angefangen bei unsichtbaren Blöcken über mysteriöse Rätselpfade in den Schlössern bis hin zu versteckten Warpzonen taten ihr Übriges, um den Sprung jenseits der etablierten Videospielgrenzen greifbar zu machen. An der Highscore-Anzeige entlang hinter den Ausgang springen und so bis zu drei Welten überspringen? Wo gibt’s denn so was?

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Ha, es gibt doch ein Spiel, in dem man mit dem Kopf statt der Faust auf Blöcke schlägt: Super Mario World 2: Yoshi's Island.
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Erzählerisch war Super Mario natürlich nicht tiefgründiger als andere Spiele derselben Ära. Wenn wir den Vergleich mit den Griechen aufgreifen, dann steckt dahinter gar die simpelste aller Geschichten, nämlich die von der entführten Maid, die es zu retten gilt. Der Spielinhalt war seinerzeit jedoch um so viele Dichter gewoben, dass man diesen Fakt unter Umständen gar nicht wahrnahm. Das Spiel selbst war Geschehen genug, gerade beim allerersten Ausprobieren. Da steckt eine Menge Alice im Wunderland drin, nicht nur weil man dank eines verspeisten Zauberpilzes auf doppelte Größe anwächst. Sieht man besonders deutlich in Super Mario Bros. 3 und Super Mario World. Bei diesen geradezu perfektionierten Klassikern klapperte man nicht einfach ein Level nach dem anderen ab. Man war auf einer wundersamen Reise mit immer neuen Überraschungen.

In Kombination mit exzellenter Spielbarkeit dank exakter Sprungsteuerung sowie Kniffen, wie etwa dem Überbrücken kleinerer Bodenspalten per Spurt, ließ schon das erste Super Mario Bros. beinahe alle festgefahrenen Konventionen der Branche hinter sich, ohne dem Spieler zur Last zu fallen. Es brauchte eben doch keine Handicaps und in die Höhe geschraubte Schwierigkeitsgrade, um den Spaß an interaktiven Programmen zu vertiefen. Im Gegenteil, mehr Freiheit, mehr eigene Entscheidung, mehr Abenteuer und Entdeckung – das würde die Zukunft der Videospiele sein. Zwingend notwendige Informationen erklärte die allererste Spielstufe dank ihres behutsam angelegten Layouts, das (beinahe) alle Spielelemente und möglichen Konsequenzen der Reihe nach auflistete. Alles dahinter musste man sich mit Geschick und Erfahrung erarbeiten. Klingt irgendwie bekannt? Ja, siehe das ursprüngliche Legend of Zelda, das den gleichen Regeln folgte – sowie eine geschätzte Trillion Werke der kommenden 30 Jahre.

Präfix für das Spiel, nicht für den Helden

Der Spieltitel Super Mario Bros. ist nicht eindeutig, aber die Vermutung liegt nahe, dass das hervorhebende lateinische Präfix, dessen Bedeutung mit dem deutschen „Über“ gleichzusetzen ist, ursprünglich nicht zum Helden gehörte. Stattdessen sollte es ausdrücken, dass es um eine extrem verbesserte Version von Mario Bros. ging. Um eine Super-Fassung von Mario Bros., so wie das Super Nintendo eine übermäßige Verbesserung der alten NES-Konsole sein wollte. Erst spielte man Mario Bros. dann Über-Mario Bros. Erst Nintendo, dann „Über-Nintendo“.

Diese Vermutung wird in einer chronologischen Auflistung der Mario-Auftritte erhärtet. Es gibt viele Spiele aus der 8- und 16-Bit-Ära, in denen das Wort „Super“ gar nicht vorkommt, obwohl Mario beteiligt und als solcher in der Spielanleitung ausgewiesen wird. Angefangen beim langweiligen Wrecking Crew, das im selben Jahr erschien wie Super Mario Bros., über zahlreiche Gastauftritte als Schiedsrichter, Golfer und Pseudo-Mediziner, bis hin zur Welterkundung mit seinem Bruder Luigi in Mario is Missing. Letzteres stammt ebenso wenig von Nintendo wie das berüchtigt miese Hotel Mario auf dem Philips CDi, bestätigt aber umso mehr, wie sparsam Nintendo einst mit der Steigerungsform in Verbindung mit dem eigenen Maskottchen umging. Und das selbst im inflationär überfluteten 16-Bit-Zeitalter, als man selbst Castlevania IV ein bescheuert klingendes „Super“ anheftete.

Witzig, dass genau dieses Präfix inzwischen fest zu unserem liebsten Jump-and-Run-Helden gehört, selbst wenn Titel wie Mario Kart, Mario Party und Mario Tennis ohne ein Super daherkommen. Ist womöglich eine nicht eingeplante, aber nachvollziehbare Marken-Mutation auf Seiten der Fans, wie die Jungs von How it should have ended in ihrem Spin-off „Super Café“ verdeutlichen.

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Wenn ein Spiel wie Super Mario Sunshine das schwarze Schaf einer Reihe ist, sagt das einiges über dessen Qualität aus.
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Stetige Steigerung?

Blendet man die beiden schwarzen Schafe der Serie aus (Super Mario Bros. 2 aka Doki Doki Panic und Super Mario Sunshine) so hielt Nintendo bis zum Galaxy-Ableger immer Wort. Jedes Jump-and-Run-Abenteuer mit dem pummeligen Schnauzbart-Gespann baute auf dem uralten Faust-an-die-Wand-Prinzip von Mario Bros. auf und steigerte dennoch den Spielwert durch unzählige Verfeinerungen, Abwandlungen und universelle Ideen. Verkleidungen, Steuerungsmethoden, Sammelwahnsinn...

Super Mario lehrte Videospieler des öfteren, wie sie mit neuen Technologien, etwa dem Analogstick des N64, umzugehen hatten. Jedes einzelne Abenteuer sprengte den Erwartungshorizont auf eigene Weise, selbst wenn es auf einige Basiseigenschaften verzichtete. So gab es weder in Super Mario World 2 noch in in Super Mario 64 einen Pilz oder eine Feuerblume. Der Held schrumpfte nicht und wuchs auch nicht auf doppelte Größe heran, wodurch die Basis der Superhelden-Theorie seitens der Fans ein wenig bröckelt.

Leider nagt Nintendos Politik der letzten Jahre zusätzlich am einstigen Ruf. An den klassisch gestalteten New-Super-Mario-Bros.-Titeln ist selten etwas revolutionär oder aufsehenerregend. Kein Beschwerdegrund angesichts des gebotenen Spielspaßes und dennoch schade, denn so verblasst nach 30 Jahren ein wenig der Mythos hinter dem großen Namen. Das Super hinter den Über-Abenteuern der Mario-Brüder hat seinen Glanz verloren, weil es zu oft zitiert wird. Aber wer sollte sich nach 30 Jahren beschweren wollen. So viel kreative Energie über derart lange Zeit versprühte keine andere Serie unserer Branche – und so wie es aussieht, wird es auch keine andere jemals schaffen, das Super in Super Mario zu übertrumpfen.

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