Ein paar unserer Leser waren vor 20 Jahren noch nicht auf der Welt. Umso beeindruckender muss es für diese Leser sein, dass es das Computerspielmuseum in Berlin seit mittlerweile schon 20 Jahren gibt. Grund genug, um einen Blick in die Vergangenheit zu werfen – und auf das, was noch kommt.

In der Nähe des Berliner Fernsehturms, an der Karl-Marx-Allee 93a, steht seit 20 Jahren das Berliner Computerspielmuseum. Dort treffen sich vor allen Dingen Zocker, die sich über das Spielen hinaus noch für Computerspiele interessieren. Hier geht es um das Wissen, die Erhaltung - nicht den Konsum an sich. Etwa 100.000 Besucher strömen jährlich an diesen Ort, um mehr über Computerspiele zu erfahren. Über den Ursprung der Videospiele, ihre Wandlungen, ihren sich stetig verändernden Status in Deutschland. Unter diesen Besuchern sind nicht wenige Schüler, wie uns Andreas Lange, Direktor des Museums, verrät.

„Viele Schüler stöhnen natürlich erstmal, wenn sie das Wort ‚Museum‘ hören. Wenn sie dann aber erfahren, dass es ins Computerspielmuseum geht, ist die Begeisterung groß“, so der Museumsdirektor. Denn den Schulklassen wird auch einiges geboten, wie etwa eine interaktive Schatzsuche, eine Zeitreise an die Spiel-Orte verschiedener Epochen oder die PainStation. Obwohl diese eigentlich erst dann bespielbar ist, wenn man erwachsen ist, lockt sie doch sehr viele Schaulustige an. Eigentlich handelt es sich dabei nur um Pong. Jedoch müssen die Spieler ihre Hände dabei auf eine Metallfläche legen. Geht der Pixel dann ins Aus, wird derjenige bestraft, der gerade den Ball verpasst hat. Mit Hitze, Peitschenhieben oder Stromschlägen wird die Hand des Verlierers malträtiert. Schadenfreude vorprogrammiert.

Im Rahmen dieser Veranstaltung haben wir ein besonderes Video vorbereitet. Schaut doch mal rein!

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Insgesamt bietet das Computerspielmuseum also an sich schon genug Stoff für den gut gebildeten Nerd. Aufgrund des Jubiläums, bei dem das 20-jährige Bestehen des Museums gefeiert wird, gibt es aktuell zusätzlich eine Sonderausstellung. Diese wurde unter dem Titel „20 Meilensteine aus Deutschland“ ins Leben gerufen. Hier rücken gerade Spiele aus deutscher Produktion in den Vordergrund, Titel wie Moorhuhn oder Spec Ops: The Line. Eben alles, was in den letzten 20 Jahren in deutschen Landen so entstanden ist. Einige dieser Meilensteine stehen den Besuchern als Ausstellungsstück zur Verfügung, andere können sie direkt ausprobieren.

Passend zum Thema "20 Meilensteine aus Deutschland" haben wir auch eine Bilderstrecke zum Thema Videospiele aus Deutschland gemacht. Schaut doch mal rein!

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Ein besonderes Schmankerl für Rennspiel-Fans: Diese können zurück durch die Zeit – pardon – rasen und zwar ins Jahr 1975. Mit dem Nürburgring Fahrsimulator entstand zu der Zeit nämlich das erste Rennspiel aus der Ego-Perspektive, inklusive eines Automaten, in den die Spieler sich setzen konnten – und noch heute können, wenn sie das Computerspielmuseum besuchen. Das Gefährt schleudert euch dann von links nach rechts und zurück, während ihr die, aus heutiger Sicht, äußerst rudimentäre Grafik bestaunt.

Außerdem anspielbar ist das 1989 erschienene Turrican, das damals für den C64 erschien, später auch für Amiga. Einige von euch werden das Spiel vielleicht noch von damals kennen, das Spiel von Manfred Trentz galt als Antwort zu Mega Man und Contra. Grafik und Sound beeindruckten damals nicht wenige Spieler.
Die Siedler hingegen sollten wohl fast alle Spieler schonmal gespielt haben. 1993 ist das Strategie-Spiel erstmals erschienen, entwickelt vom deutschen Studio Blue Byte, und wird noch heute fortgesetzt.

Darüber hinaus können interessierte Spieler Moorhuhn (1999), Gothic (2001) oder Landwirtschafts-Simulator (2008) anspielen und damit die Entwicklung von Videospielen in Deutschland nachvollziehen.

Einen Einblick in eine andere Geschichte gewährt derweil das Poly-Play aus dem Jahr 1986. Dabei handelt es sich um einen Videospielautomaten aus der DDR, den wir übrigens auch auf der gamescom anspielen konnten. Womit sich auch wieder der Kreis zur Karl-Marx-Allee, ehemals Stalin-Allee schließt. Ortswechsel.

Und zwar zum Roten Rathaus in Berlin-Mitte. Um das 20-jährige Bestehen des Computerspielmuseums kulturtheoretisch und -praktisch zu begleiten, fand hier am 14. Und 15. September 2017 eine Tagung mit dem Titel „Kulturgut Computerspiel...“ statt. Die Punkte seien dabei bewusst gewählt, wie Andreas Lange betont. „Ein Fragezeichen steht hinter dem Satz schon lange nicht mehr. Die Punkte sollen bedeuten: Wie geht es nun weiter?“.

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, fanden an beiden Tagen verschiedene Panels und Gesprächsrunden statt. Die Sprecher stammten aus verschiedenen Fachbereichen und Ländern. Felix Falk, Direktor des BIU, Olaf Zimmermann, Direktor des Deutschen Kulturrates, Prof. Dr. Linda Breitlauch von der Trier Universität oder Prof. Dr. Margarete Jahrmann sind nur einige der vielen illustren Gäste, die zum Thema Videospiele und Kultur sprachen.

Als wäre es nie anders gewesen, als wären Videospiele schon seit Jahrzehnten als Kulturgut anerkannt, wurde an diesen Tagen an diesem historischen Ort über ganz moderne Themen gesprochen. Wie sieht die gesellschaftliche Verantwortung von Videospielen aus? Wie kann man Videospiele am besten archivieren, um sie zukünftiger Geschichtsschreibung zugänglich zu machen? Und wie sieht es eigentlich mit Ideologie und Politik in Videospielen aus? Diese und andere komplexer Themen waren Teil der Debatte.

Bereits am ersten Abend kam es zu einer hitzigen Diskussionsrunde, als die Frage erörtert wurde, wie viel gesellschaftliche Verantwortung Videospiele eigentlich tragen. Dort wurde etwa die Frage aufgeworfen, ob ein Spiel wie „America‘s Army“ auch als Kulturgut deklariert werden kann, wenn es doch nur der Ausbildung US-Amerikanischer Soldaten dient. Ebenso steht noch zur Debatte, welche Gestaltungshöhe einzelne Videospiele erreichen sollten, damit man sie als Kunst bezeichnen kann. Alles Fragen, die freilich nicht endgültig beantwortet werden konnten, die zu fragen aber wichtig und richtig ist.

Zur Eröffnung der Tagung hat Felix Falk vom BIU in die Zukunft geschaut. In zehn Jahren, zum 30-jährigen Bestehen des Computerspielmuseums, würde er gerne mindestens fünf weitere Meilensteine aus Deutschland sehen. Seine Wünsche sehen wie folgt aus:

  1. Gamesförderung auf Bundesebene
  2. Triple A-Spiele aus Deutschland
  3. Augmented Reality aus Deutschland
  4. Deutschland als führender Standort für Spiele-Entwicklung
  5. Deutsche Computerspielsammlung

Von der Karl-Marx-Allee zum Roten Rathaus sind es etwa elf Minuten mit der U-Bahn. Vom 20-jährigen Jubiläum des Computerspielmuseums hin zu den oben genannten fünf Meilensteinen ist es hingegen noch ein weiter Weg. Am besten fangen wir direkt an ihn zu gehen.