Autor: Volker Schütz

Spiele verblöden, vereinsamen, erzeugen Gewalt und Abhängigkeit. Darüber hinaus hört man zunehmend von körperlichen Schäden. Den addierten Vorurteilen zufolge sind wir ausnahmslos weiße, nur durch Monitorflackern beleuchtete Fleischberge. Allein die Augen und Hände bewegen sich, der Rest eine schmerzende Masse, die Verwesung hat bereits vor dem Tod begonnen.

Wir mögen über die zunehmend überzogene Wahrnehmung der Öffentlichkeit lachen. Doch trotzdem fragt eine leise Stimme im Hinterkopf: Haben sie Recht? Sollten wir unser Leben ändern? Weg mit den Spielen und her mit den Joggingschuhen?

Es führt kein Weg daran vorbei: Computerspiele können krank machen. Angefangen von Blasen an den Fingern vom Joypad-Marathoneinsatz und einer krächzenden Sing-Star-Stimme über eine verspannte Sitzhaltung, die zu Kopfschmerzen und Rückenproblemen führt, bis zu sich verschlechternden Augen wegen permanenter Bildschirm"arbeit". Was die schleichende Verfettung angeht, wissen wir tief im Innersten: Sport bringt Waschbrett-, Sportspiele nur Waschmaschinenbauch.

Manche Krankheitsbilder sind dagegen weniger bekannt. Zu den mäßig tragischen Vertretern gehört die ohne Langzeitfolgen bleibende Motion Sickness oder Reisekrankheit. Sie entsteht durch ein Auseinanderfallen optisch wahrgenommener und körperlich erlebter Empfindung von Bewegung und resultiert in einer erhöhten Histaminproduktion. Nun muss man sich Histamin als chemisches Äquivalent zu Take That's "Patience" vorstellen. Zuviel davon erzeugt Schwindel, Schweißausbrüche, Übelkeit, Erbrechen und im schlimmsten Fall Kreislaufkollaps - Vergiftungserscheinungen eben.

Spielekrankheiten - Debil durchs Spiel – Zerstören Games unsere Körper?

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Das zu spielen, kann nicht gesund sein: "Rocket Racer".
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Besonders stark tritt dieser Effekt bei Ego-Shootern zu Tage, vor allem bei aktiviertem Bewegungs-Bobbing. Abhilfe verschaffen regelmäßige Spielpausen, Vitamin C, Ingwer und Antihistaminika aus der Reiseapotheke. In hartnäckigen Fällen hilft der Umstieg auf "Tetris" oder meine patentierte "Eimer neben dem PC"-Lösung. Gerüchteweise leiden Japaner in besonderem Maße unter solch spielinduzierter Seekrankheit. Was der wahre Grund dafür sei, warum Ego-Shooter sich im fernen Osten so schlecht verkauften. Nun ja. Das und die Super Mario Brothers.

Weitaus schwerwiegender sind die Repetetive Strain Injuries, kurz RSI oder auch "Nintendenitis". Es handelt sich um Beschwerden im Bereich der Hand oder des Unterarmes, welche durch gleichartige, wiederholende Belastung des Gewebes entstehen. Symptome sind neben massivem Schmerz auch Taubheit, Steifheit, Kraftverlust oder Kältegefühle. Solange RSI noch nicht chronisch ist, helfen häufige Pausen, entspannte Sitz- und Armhaltung sowie Abwechslung im Bewegungsablauf. Danach bedarf es Medikamente oder chirurgischer Eingriffe.

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Diagnose: Kleiderbügel verschluckt. Eine von vielen Nebenwirkungen des "EyeToy".
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Bizarrer wird es beim HAVS oder Hand-Arm-Vibration-Syndrome. Was nach Sex ohne Partner klingt, ist in Wahrheit ein Krampf der weniger erfreulichen Art, ausgelöst durch Controller mit Rumble Pack. Die Finger verfärben sich wegen massiver Durchblutungsstörungen zur Freude aller US-Patrioten von rot, zu weiß, zu blau. Beim Wiedereintritt des Blutes brennt die Hand wie Feuer. Derartiges kannte man in Deutschland bisher, kein Scherz, nur als Erkrankung im Sinne von Nr. 2104 des Anhangs zur Berufskrankheiten-Verordnung: Eine Schädigung, welche ausschließlich bei Menschen auftrat, die ein Leben lang mit Presslufthämmern, beziehungsweise ähnlich schwerem Gerät arbeiteten. Soviel zum Thema "Good Vibrations".

Last not least bliebe noch die gute, alte Epilepsie zu nennen. Für manche ist sie "ein Krampfanfall aufgrund erhöhter Photosensibilität", für andere eine Chance, endlich mal beim "EyeToy"-Sprintwettbewerb vernünftig zu punkten.

Nach Gesagtem gäbe es tatsächlich ausreichend Gründe, unser geliebtes Hobby drastisch einzuschränken und mehr für unser Wohlbefinden zu tun. Man könnte zwar versuchen, mit dem Gegenargument zu kontern, auch Sport sei bekanntermaßen Mord. Wo verbeulen sich die Leute denn regelmäßig die Gliedmaßen? Wo betrachten sie "Kreuzbandriss" als Synonym für "Spielpause"? Handball-, Basketball- oder Footballspieler mit Schädelbasisbruch gab es zu Hauf'. Beim eSports-Contest passiert das schlimmstenfalls, wenn man vom Siegertreppchen fällt.

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Und digitaler Sport ist doch gesünder: "Madden NFL 07".
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Der Ehrlichkeit halber müssten wir dann zugeben, dass es sich dort lediglich um Unfälle bei einer grundsätzlich gesunden Tätigkeit handelt, bei uns aber um die Regelfolge eines ungesunden Tuns. Wenn wir uns fit fühlen, dann nicht wegen unseres Hobbies, sondern trotz diesem. Obendrein müssten nach vorstehender Logik im Gegenzug auch die klassischen Desaster Erwähnungen finden, die sich Geeks erzählen, wenn sie um den Lagerfeuer-Screensaver sitzen.

Also die abenteuerlichen Geschichten von Blessuren, die wir uns zuzogen, obwohl wir risikofreier Lethargie gefrönt haben. Ich kann von derartigem ein Lied singen. Wer war es denn, der während des PvP bei "Ultima Online" seiner an die Haustür bummernden Freundin möglichst schnell öffnen wollte, das Tischbein übersah und den Rest des Abends im Krankenhaus verbrachte? Selbstverständlich, yours truly. Und bevor ihr fragt: Natürlich, verloren habe ich auch.

Hinzu kommt, dass die neuen Controllergenerationen die Verletzungsrisiken noch weitergehend erhöhen:

"Ausgeschlagener Schneidezahn, Angel von 'Sega Bass Fishing'. Und du?"
"Drei gebrochene Rippen, auf 'Donkey Kong'-Bongos gefallen. Du?"
"Ausgekugelte Arme, Milzriss und Schädelfraktur."
"Wow! Buzzer explodiert?"
"Nee. 'EyeToy' vor Nachbars Schlafzimmerfenster aufgestellt."

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Beste Kunden beim HNO-Arzt: "Singstar"-Spieler.
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Die Frage ist allerdings: Was erreicht man bei der Zockerspezies mit der Erkenntnis, die eigene Gesundheit am laufenden Band zu gefährden? Ein schlechtes Gewissen? Vermutlich. Verunsicherung? Definitiv. War da ein Ziehen in meiner Schulter? Warum habe ich so kalte Hände? Sitze ich richtig? Stimmt der Winkel zum Monitor? Wie lange ist die letzte Pause her?

Allerdings macht mich eine Sache erfahrungsgemäß ganz besonders schnell krank: unentwegte Besorgnis. Also schnell ein Bier auf, Zigarette an und "Neverwinter Nights 2" gespielt. Irgendwie muss man sich ja ablenken.