Nach dem verkorksten „Spider-Man: Freund oder Feind“ tritt Peter Parker aka Spider-Man zur Wiedergutmachung an. Features wie eine ungebundene, da nicht-filmbasierte Story, akrobatische Kampfeinlagen und die moralische Entscheidungsfreiheit – spiele ich den netten Spider-Man oder folge ich der verführerischen Macht der Symbionten-Masse? – lassen einen Toptitel erhoffen. Ob das Spiel tatsächlich hält, was Activision vollmundig verspricht, erfahrt ihr in unserem Xbox 360-Test.

Spider-Man: Web of Shadows - Trailer: Rhino6 weitere Videos

Das stimmige Intro-Video von „Web of Shadows“ macht Lust auf mehr: Auf einem New Yorker Wolkenkratzer schreitet Spider-Man teilnahmslos durch eine chaotische Kampfszenerie - S.H.I.E.L.D.-Soldaten und Symbionten bekämpfen sich mit allen Mitteln. Untermalt von Beethovens melancholischer Mondscheinsonate erblickt man in dieser Anfangsszene einen gebrochenen Spider-Man, über den man mehr erfahren möchte. Was ist geschehen, das unserem Helden so zugesetzt hat?

Spider-Man: Web of Shadows - Der spinnt doch! Diesmal ohne Filmvorlage tritt Spider-Man zur Wiedergutmachung an

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 51/561/56
Führe ihn nicht in Versuchung! Spider-Man steht vor der Wahl zwischen Gut und Böse.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Aufklärung zu leisten, ist Inhalt des Spiels: Nach dem Prolog folgt ein erzählerischer Zeitsprung zurück um genau die vier Tage, die zu diesem dramatischen Augenblick geführt haben. Was als spannende Ausgangssituation Auftakt zu einer komplexen Ereigniskette hätte sein können, entwickelt sich leider allzu schnell zur zweitklassigen Geschichte um die Invasion Manhattans durch Symbionten und Venom, die noch dazu kühl und mit wenig Atmosphäre erzählt wird. Die Freiheit, losgelöst von Comic- und Filmvorlage eine speziell auf das Spiel zugeschnittene Geschichte zu erzählen, wurde offensichtlich nicht genutzt – dazu ist der erzählerische Kontext zu löchrig und atmosphärische Story-Hintergründe sind zu spärlich gesät.

Guter Spidey – böser Spidey

Aufgewertet wird die Geschichte durch die Entscheidungsfreiheit, in gewissen Situationen im Spiel dem roten (guten) oder schwarzen (bösen) Pfad zu folgen. Verschreibt ihr euch der dunklen Seite, interagiert ihr stärker mit Superschurken wie Black Cat, wohingegen der rote Pfad Spidey an die Seite moralisch integrer Superhelden führt. Die Auswirkungen auf das Spiel halten sich jedoch in Grenzen, sind die Missionen doch weithin dieselben. Die Gesinnung führt aber zu verschiedenen Cut-Scenes und vier alternativen Enden.

Spider-Man: Web of Shadows - Der spinnt doch! Diesmal ohne Filmvorlage tritt Spider-Man zur Wiedergutmachung an

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder
Die Zwischensequenzen vermitteln nur wenig Atmosphäre.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ein weiteres Feature in diesem Zusammenhang sind die Verbündeten des Spinnenmanns, die der Superheld bei gefülltem „Special-Balken“ zu Hilfe holen kann – je nach Gesinnung helfen euch dann Helden oder Schurken. Leider braucht man dieses Feature nie wirklich.

Der Gesinnungs-Aspekt wirkt sich in der Theorie auch auf das Gameplay aus. Durch die Möglichkeit, zwischen rotem oder schwarzem Anzug zu wählen - jeder mit eigenen Fähigkeiten verbunden - und der Charakterentwicklung, bei der man Erfahrungspunkte im schwarzen oder roten Talentbaum verteilt, stehen dem Spieler unzählige Kampfoptionen und Kombinationen zur Verfügung. Bedauerlicherweise führt einfaches Knöpfehämmern ebenso zum Erfolg – wirkliches Kombinations- und Kampfgeschick wird nie gefordert.

Spider-Man: Web of Shadows - Der spinnt doch! Diesmal ohne Filmvorlage tritt Spider-Man zur Wiedergutmachung an

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 51/561/56
Die Kämpfe sind spektakulär inszeniert - aber zu einfach.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dennoch machen die akrobatischen Kämpfe eine Zeitlang einen Heidenspaß; von der Wand weg springen, einen Gangster zu sich hoch in die Luft ziehen, um ihn kurzerhand wieder auf den Boden zu schmeißen – das alles ist toll inszeniert und funktioniert dank zugänglicher Steuerung und etwas Übung erfreulich gut. Einen Höhepunkt des Spiels stellt der Bosskampf gegen Vulture in Schwindel erregender Höhe dar. Von einem fliegenden Hovercraft-Lakaien zum anderen kämpft und hangelt man sich bis zu Vulture durch, um ihm dann den Rest zu geben. Permanent droht einem dabei der Absturz in die Wolkenkratzerschlucht - klasse.

Redundanz bis zum Geht-nicht-mehr

Leider trüben gravierende Fehler den Kampfspaß. Zum einen sorgt die teils katastrophale Kameraführung immer wieder für Frust. Vor allem wenn man Fassaden bekrabbelt oder in engen Gassen kämpft, wird die Kamera bei Kanten und Ecken zum Gräuel und setzt bisweilen ganz aus - die Orientierung fällt schwer und jegliche Übersichtlichkeit geht verloren. Zum anderen artet das an sich umfangreiche Kampfsystem in ein ständiges Wiederholen der effektivsten Angriffe aus.

Spider-Man: Web of Shadows - Der spinnt doch! Diesmal ohne Filmvorlage tritt Spider-Man zur Wiedergutmachung an

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden5 Bilder
Trotz zahlreicher Möglichkeiten: Die meisten Missionen laufen nach Schema F ab.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Überhaupt steht bei „Web of Shadows“ die unglaubliche Redundanz des Titels dem Spielspaß im Weg. Neben den immer gleichen Kampfmoves besticht auch das Missionsdesign durch ermüdende Monotonie: Spider-Man schwingt von einem Auftraggeber zum anderen, sucht danach mittels übersichtlicher Karte die 50 Gegner und sorgt dafür, dass deren Untaten ein Ende finden. Missionsbeschreibungen wie „Erledige die 1. Scharfschützenwelle (0/22)“, gefolgt von dem Auftrag „Erledige die 2. Scharfschützenwelle (0/21)“ sind nicht Ausnahme, sondern Regel.

Gute Absichten machen noch kein gutes Spiel. Nur frustresistente Comicfans dürften Spider-Man ins Netz der Schatten gehen.Fazit lesen

In der „Scharfschützen-Mission“ muss der Move „Netzhieb“ rund 40 Mal eingesetzt werden, nachdem man den Trick im Training mit Luke Cage bereits zehn Mal geübt hat und auf der Strasse mehrfach, auch im Rahmen des obligatorischen Trainings, einsetzen musste. Die optionalen Missionen sind alle nach dem gleichen Muster - „Töte 50/100/150 Gegner der Sorte X“ – gestrickt und bieten somit wenig Anreiz, sich abseits vom Hauptstrang der Handlung zu bewegen.

Spider-Man: Web of Shadows - Der spinnt doch! Diesmal ohne Filmvorlage tritt Spider-Man zur Wiedergutmachung an

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 51/561/56
Kämpfe in luftiger Höhe bilden den wörtlich zu nehmenden Höhepunkt des Spiels.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Trotz all dieser, teils gravierenden, Schwächen, hat „Web of Shadows“ auch seine schönen Seiten. Sich von einem riesigen Wolkenkratzer in die Straßenschluchten Manhattans fallen zu lassen, mit einem Netzwurf den Sturz abzufangen, um schwingend die Metropole zu durchqueren, macht dank gelungener Netzphysik unglaublichen Spaß. In diesen Momenten zeigt sich das Spiel auch grafisch von seiner Schokoladenseite – die beeindruckenden Panoramaansichten der offenen Spielwelt, tolle Charaktermodelle sowie die akrobatischen Animationen des elegant schwingenden Spinnenmanns überzeugen auf ganzer Linie. Auch während der Kämpfe macht Spider-Man eine gute Figur - Slow-Motion-Effekte und geschmeidige Kampfanimationen in Kombination mit den akrobatischen Moves lassen die Prügeleien toll aussehen.

Sieht die Spielwelt von oben schön aus, offenbart die Stadt von nahem aber auch Schattenseiten: Obwohl Manhattan realistisch nachgebildet wurde und zahlreiche Gegenstände inkl. Autos zerstörbar sind, fehlt es den Gebäuden an Details und die an sich gut bevölkerten Straßen warten mit den immergleichen Passanten und Autos auf. Darüber hinaus stören Grafikfehler wie sich verändernde Texturen und Pop-Ups und sorgen somit für Einbußen bei der Atmosphäre. Im dritten Kapitel, wo die Gegnerzahl rapide in die Höhe schnellt, kommt es gar zu FPS-Einbrüchen.

Das Rauschen des Windes beim Umherhangeln oder die dramatische Musikuntermalung während der Kämpfe – an der stimmigen Soundkulisse gibt es kaum was zu bemängeln. Einzig die fipsige Stimme des deutschen Spider-Man nervt von Anfang an. Darüber hinaus ist auch die Lippensynchronität während der Dialoge der Cut-Scenes teils nicht gegeben. Hier ist - für diejenigen unter euch, die des Englischen mächtig sind – eine Umstellung im Optionsmenü empfehlenswert.