Peter Parker hat heute keinen Glückspenny gefunden: Seltsame Typen mit Masken bedrohen Manhattan, im Radio verbreitet jemand Lügen über Spider-Man, Mary Jane ist wütend auf ihn – mal wieder – er hat seinen Job verloren, ebenso wie er kein Geld hat, kein Essen und gerade auf der Suche nach seinem Hab und Gut in einem Müllcontainer wühlt, nachdem seine Wohnung zwangsgeräumt wurde. Wäre ich an Peters Stelle, würde ich schon längst in einer Ecke hocken und weinen, aber nicht er, nicht Spider-Man. Denn Spider-Man ist ein Superheld. Spider-Man hilft den Menschen auch dann, wenn sein Leben in Scherben liegt (und reißt dabei einen dummen Witz).

Das ist Manhattan – eine riesige Open-World, deren Problemchen ihr alle eigenhändig lösen müsst; ob es nun um Ganoven, ein verstopftes Abwassersystem oder Tauben geht, die ihr einfangen müsst. Ja: Tauben.

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Wenn ich an Peter Parker denke; an Spider-Man, an die freundliche Spinne von Nebenan, fühle ich mich, als müsste ich ein traurig-amüsiertes Lächeln verbergen – Spider-Man sponn seine Netze schon immer zwischen Humor, Schicksalsschlägen und einer gewissen Naivität; alles etwas, das Insomniac Games gut in den PS4-Exklusivtitel Marvel’s Spider-Man verpackt. Während ihr euch konstant zwischen den Wolkenkratzer hindurch schwingt, von Dach zu Dach hopst und Verbrechen über den Polizeifunk ortet, trudelt Peters Privatleben dem Abgrund entgegen – und so viel Spaß die akrobatischen Meisterleistungen in der Luft machen, so befriedigend die Verbrechensbekämpfung auch ist, bleibt immer ein leicht bitterer Beigeschmack.

Peter Parker alias Spider-Man

Es hat mich einen halben Tag im Spiel gekostet, um mein Flug-High zu überwinden und mich auf andere Dinge zu konzentrieren, als Kämpfen, Schwingen, Kämpfen, sich badass Fühlen, Ganoven in Autos Verfolgen, Menschen Retten, Menschen Helfen, Manhattan zu einer besseren Stadt Machen. Ich weiß jetzt, wie süchtig jemand danach sein kann, Gutes zu tun; ich verstehe Peter. Aber ich will ihn auch an die Hand nehmen und ihm erklären, dass Spider-Man-Sein nicht ausreicht, um ein erfülltes Leben zu führen.

Das High in der Luft

Wir alle wissen: Wenn sie das mit dem Schwingen und Netz-Schießen nicht hinbekommen, war’s das. Es kann kein Spider-Man-Spiel geben, in dem Spider-Man durch die Straßen läuft – und es muss schließlich auch spaßig sein, an den Wolkenkratzern vorbei zu schwingen. Richtig?

Richtig. Und wenn Entwickler Insomniac Games eines geschafft hat, dann die Mechanik des Schwingens und Spinnens und Akrobatisch-an-Häusern-entlang-laufens zu perfektionieren: Nichts ist schöner in Spider-Man, als durch das große, offene Manhattan zu schwingen; und das mit einem individualisierbaren Spider-Man, dessen Kunststückchen intuitiv, aber nicht zu einfach von eurem Controller ins Spiel übertragen werden.

In Manhattan durch die Lüfte schwingen ist wundervoll.

Versteht mich nicht falsch, ihr braucht eine kleine Weile, um alle Knöpfchen-Kombinationen auswendig zu lernen und nicht mitten im nächsten Schwung abzustürzen. Genauso, wie ihr im Kampf etliche – etliche – Kombos lernen und ausprobieren könnt; aber selbst, wenn ihr nicht von Anfang an der Pro im Spiel seid, gleitet ihr flüssig zwischen den Gegnern hin und her, weicht den Kugeln in actionreichen Manövern aus, spinnt böser Männer ein und kämpft, als wärt ihr ein waschechter Held.

Es hat sich selten so gut angefühlt, Spider-Man zu sein.

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Und nicht nur der Spider-Man, den ihr vom Cover des letzten Films kennt: Sondern auch jeder andere Spider-Man im Universum (und ein paar mehr); der im schwarzen Anzug, der radioaktive, der katzige mit den langen Krallen, der mit dem Stark-Anzug und und und – was das Spiel ist, lässt sich nicht mit der Hauptstory zusammenfassen. Die spielt ihr nur nebenbei, während ihr viele Objekte, Gadgets, Spider-Man-Anzüge und Nebenaufgaben freischaltet. Viele. Viele, viele, viele. Habt ihr mich gehört? VIELE.

Gehen wir Tauben retten im Park?

Schau’, die Sammelquest ist da und die Lüfte sind klar, gehen wir Tauben retten im Park? Die Wolkenkratzer sind hoch und der Himmel ist grau, wollen wir Tauben retten im Park? Wir schwingen zusammen durch die Laube – und retten jeder eine Taube! Bis zur nächsten Sammelquest ist’s kaum noch ein Tag, also lass’ uns Tauben retten im Park.

Es gibt jede Menge Jobs in der Stadt zu erledigen.

Was? Nein, das war ich nicht, die da gerade gesungen hat. Ihr müsst mich verwechseln. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Spider-Man ist der Meister der Sammelquest-Arien, die gleich einer stundenlangen Oper auf euch niederprasseln und euch wieder und wieder und wieder durch Manhattan schicken; solange, bis ihr all diese elendigen Tauben, die ihr retten sollt, am liebsten vergiftet würdet.

Und das Schlimmste an alledem? Es macht auch noch Spaß.

Ein Spiel darf nicht unterhalten, indem es mich mit Sammelaufgaben überschüttet. Es ist nicht erlaubt. Das weiß ich, weil es im Videospiel-Strafgesetzbuch steht. Dennoch – Spider-Man ist nicht öde; tatsächlich sind die Sammelquests in meinen Augen das Beste am gesamten Spiel, ohne damit den Rest verunglimpfen zu wollen. Sie machen mich high, jeder niedergeschlagene Verbrecher, jedes nicht mehr verstopfte Abflussrohr und jede vermaledeite gerettete Taube erfüllen mich mit einem weiteren Tropfen Heldentum und der Gewissheit, etwas Gutes getan zu haben.

Es ist die perfekte Superhelden-Fantasie, in einer Open-World-Map, durch die ich mich gerne schwinge. Und das ist Spider-Mans größte Stärke. Die Story ist es nicht.

Na, erkennt ihr es? Easter-Eggs sind überall in der Stadt verteilt.

Mary Jane Watson vs. die typische Superhelden-Story

So sehr ich Superhelden-Geschichten liebe, so öde können sie sein: Stadt in Gefahr, böse Männer, Mann hat Superkraft, Mann tötet böse Männer, Stadt sicher, Mann bekommt Mädchen und küsst sie. Yay!

In den Superhelden-Universen gibt es viele derartige Story-Arcs und ja, sie haben etwas an sich, das uns gefällt; sie funktionieren wunderbar nach dem Heldenreise-Prinzip. Insomniacs Spider-Man unterscheidet sich nicht vollkommen davon; es gibt die bösen Männer und noch mehr böse Männer, und irgendwann hat die Story mich ein bisschen verloren, wenngleich es Spaß macht, sich mit den bösen Jungs zu prügeln. Die tatsächlich alle Männer sind. Hm?

Nichtsdestotrotz weiß Insomniac Games, zumindest Mary Jane Watson aus der Damsel-In-Distress-Versenkung zu ziehen und ihr Charakter, Stärke sowie einen eigenen Abschnitt im Spiel zu vermachen: Ihr könnt Mary Jane spielen. Zwar nur in Stealth-Szenarien, die nicht derart actionreich sind, wie Spider-Mans Kämpfe, aber dennoch. Neben Spider-Man, der im Spiel über zwanzig Jahre alt ist, scheinen die anderen Charaktere, wie Mary Jane und Tante May gereift zu sein: Zu erwachsenen Menschen, die für sich selbst sorgen können und nicht ständig gerettet werden müssen.

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Wobei wir wieder bei Peter Parker wären, der junge Mann hinter der Spinnenmaske – immer ein Witz auf den Lippen, einen coolen Spruch; und was könnte besser in ein unterhaltendes Action-Spiel passen, als sein Charakter? Insomniac Games haben ihn gut getroffen, so gut tatsächlicher, dass er neben den anderen Figuren plötzlich heraussticht, als jener Protagonist, der im Gegensatz zu allen noch dabei ist, erwachsen zu werden – ohne Job, Wohnung, Geld; ohne zu wissen, wie ein Mensch in der Welt überlebt. Spider-Mans Coming-of-Age-Geschichte im Spiel ist nicht tragisch erzählt. Aber sie ist es; auf eine tragikomische Art.