Lange Zeit, genauer gesagt in der guten, alten 2D-Ära, lieferte sich das stachelige Sega-Maskottchen Sonic regelmäßig erbitterte Kämpfe mit Nintendos übergewichtigem Klempner um die Genre-Krone der Jump & Run-Spiele. Der obligatorische Schritt in die dritte Dimension bekam dem flinken Igel dann allerdings gar nicht gut. Nach zahlreichen misslungenen Versuchen in der 3D-Welt Fuß zu fassen, will Sega mit „Sonic Unleashed“ diesmal alles richtig machen und dem Igel nach dem Motto „zurück zu den Wurzeln“ wieder den alten Glanz verleihen.

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Das planetare Puzzlespiel

1991 debütierte Sonic auf der 16-Bit-Konsole „Mega Drive“ und avancierte bald zu einem der beliebtesten Videospielcharakteren. Nun, knapp zwei Dekaden später, steht er in „Sonic Unleashed“ wiederum dem wahnsinnigen Wissenschaftler Dr. Ivo Robotnik aka Dr. Eggman gegenüber, der mit einer überdimensionierten Strahlenkanone aus dem Weltall dafür gesorgt hat, dass die Erde auseinander gebrochen ist.

Darüber hinaus hat Eggmans Tat die Emerald-Kristalle ihrer Kraft beraubt und Sonic in einen Werigel mutiert – reife Leistung! Logischerweise muss unser stacheliger Held nun zusammen mit seinen Kumpeln Chip und Tails die Emerald-Kristalle aufladen, die Erde wieder zusammenfügen und den Doktor in seine Schranken weisen.

Sonic Unleashed - Gebt dem Werigel die Silberkugel!

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Im schicken Intro zerlegt Dr. Eggman den halben Planeten und verwandelt Sonic nebenbei in einen Werigel.
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Sonics Mutation zum Werigel hat zur Folge, dass man bei „Unleashed“ zwei sich abwechselnde Spiele erlebt. Während der flinke Igel tagsüber in bekannter Igel-Form durch klassische Jump & Run-Abschnitte huscht, findet man sich in der Nacht als Werigel in einem Action-Adventure wieder. Was das mit dem „back to the Roots“-Konzept zu tun haben soll, sei nun mal dahingestellt. Fakt ist, bei beiden Spielkonzepten schwächelt „Unleashed“ zu großen Teilen.

Während der nächtlichen Eskapaden schlägt und hüpft man sich dank trägem Werigel nur zähen Fußes durch die repetitiven Action-Adventure-Abschnitte. Immer wieder trifft man auf die gleichen, stupiden Gegner, die mit kopflosem Knöpfehämmern problemlos besiegt werden können. Neue Kombinationen oder Finishing-Moves inklusive Quick-Time-Events sind zwar möglich, werden aber aufgrund des effizienteren Button-Mashings nicht eingesetzt. Auch die Möglichkeit, RPG-mässig Erfahrungspunkte zu verteilen, ändert kaum etwas an den monotonen Kämpfen.

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Die träge Steuerung und die miese Kameraführung sorgen permanent für Frust.
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Die Kletter- und Hüpfeinlagen sind aufgrund der trägen Steuerung und der unübersichtlichen Kameraführung eine Qual. Paradoxerweise ist die Kamera gerade in großräumigen Arealen frei ausrichtbar. Befindet man sich jedoch an Ecken oder an einer kniffligen Passage in einer Fassade bleibt die Kamera fix – viele an sich harmlose Sprünge verkommen so zu nervigen Hindernissen. Die dehnbaren Arme des Werigels helfen zwar über so manches Hindernis und verhindern auch Abstürze ins Bodenlose – jedoch kann man sich nur an vordefinierten Kanten festhalten. Immer wieder stürzt man ab, obwohl ein rettender Vorsprung in Reichweite liegt.

Sonic in der Identitätskrise

Neben den zu lang geratenen und nervigen Nacht-Passagen ist Sonic am Tag wieder der Alte und durchfetzt mit Highspeed die klassischen Jump & Run-Abschnitte. Gekonnt und flüssig wechselt die Kamera in den verschiedenen Abschnitten von der Schulteransicht in die klassische Seitenansicht und zurück. Mit einem Affentempo durch Loopings und Spiralen jagen, Ringe sammeln und mittels Boost dem Geschwindigkeitsgefühl noch einen draufzusetzen macht Spaß. Hier zeigt „Unleashed“ seine Stärke.

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Werigel mit Stretch-Armen? Auch die skurrilsten Einfälle können die einschläfernden Nacht-Level nicht aufpeppen.
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Dummerweise zeigt sich diese Stärke und der damit zusammenhängende Spielspaß nur dann, wenn man den Levelverlauf auswendig kennt, da man aufgrund der ungünstigen Positionierung der Kamera die Hindernisse nur im allerletzten Moment sieht. Bis man die Strecke einigermaßen intus hat, läuft man aber erstmal mit einem Heidenzahn in unzählige Abgründe, Stachelwände, Gegner oder gegen Wände. Man kommt sich wie bei einem Reaktionstest vor, bei dem erstmal Trial & Error angesagt ist - Frust inklusive.

Da verbessern auch die Quick-Time-Events, in denen man in begrenzter Zeit die richtigen Knöpfe drücken muss, um in Extra-Regionen zu gelangen, den Spielfluss nicht wirklich. Die teils nicht reagierende und träge Steuerung trägt ihren Teil dazu bei, dass auch dieser Abschnitt von „Unleashed“ oft mehr frustriert als motiviert.

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Oft irrt man in den Zwischenlevels orientierungslos rum - da helfen auch die ungenauen Angaben von Dr. Pickle nicht weiter.
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Zwischen den klassischen Jump & Run-Passagen und dem nächtlichen Action-Adventure bewegt man sich im Metaspiel durch Zwischenlevels in Form stereotypisierter Kleinstädte wie Apotos in Griechenland oder Chun-Nan, Asien. Ohne genaue Angaben muss man in den Städten unzählige belanglose Dialoge mit Bewohnern führen, nach versteckten Quests und Mond- oder Sonnensymbolen suchen und kann, ausreichend Symbole vorausgesetzt, die jeweiligen Level betreten.

Achterbahn Tycoon

Desorientierung steht hier auf der Tagesordnung. Schnell einmal findet man sich vor Leveleingängen ohne die dafür benötigten Symbole und ist gezwungen, sich seinen Weg in die bereits bestrittenen Levels und Städte zu bahnen. Auch wenn einem Doktor Pickle nach gemeisterten Herausforderungen zwar mitteilt, wo in etwa der nächste Einsatz stattfindet, irrt man immer wieder planlos in den Zwischenlevels herum.

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Die schicken Jump & Run-Abschnitte sind der einzige Lichtblick bei "Unleashed"...
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Wie im spielerischen, so schneiden die rasanten Achterbahnlevel auch bei der Präsentation am besten ab. Vorausgesetzt man schafft es nach zahlreichen Trial & Error-Einlagen endlich flüssig durch die farbenfrohen Levels zu huschen, kommt dank den passenden Effekten durchaus der ein oder andere superbe Geschwindigkeitsrausch auf - die Framerate bleibt in den detailliert gestalteten und abwechslungsreichen Levels dabei stabil. In diesen selten-schönen Augenblicken zeigt „Unleashed“, zu was es mit einer konsequenten Einhaltung des „Back to the Roots“-Konzepts gereicht hätte.

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... jedoch überwiegt in der Regel der Frust. Dafür sorgen die zu spät erkennbaren Fallen und Abgründe.
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Die restlichen Spielpassagen bieten zwar unterschiedliche Settings, machen jedoch insgesamt einen weniger gelungenen Eindruck. Des Öfteren ist die ein oder andere Matsch-Textur zu sehen und die nächtlichen Werigel-Eskapaden leiden teilweise an Detailarmut. Was beim Spielen jedoch so richtig nervt, sind die permanent wiederkehrenden, nicht nachzuvollziehenden Framerate-Einbußen und Ruckler in den Nachtpassagen und Zwischenlevels. Darüber hinaus stürzte unsere Xbox 360 beim Übergang vom städtischen Zwischenlevel in die Spielabschnitte mehrmals ab.