Es gab mal eine Zeit, in der Sonic the Hedgehog einen deutlichen Kontrast zum Jump-and-Run-König Super Mario zeichnen sollte. Er sollte flotter, cooler und schlitzohriger sein als der wohlbeleibte Klempner. Diese Zeit scheint nun endgültig vorbei. Sonic Lost World bedient sich derart auffällig bei Super Mario Galaxy, dass der Eindruck einer inhaltlichen Kapitulation entsteht. Dem Spielspaß tut das keinen Abbruch.

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Mario und Sonic sind schon lange keine Feinde mehr. Mit dem Ausscheiden aus dem Konsolenmarkt reichte Sega allen ehemaligen Konkurrenten die Hand zur Freundschaft, schließlich wollten sich die Japaner alle Möglichkeiten offen halten.

Sonic rannte und hüpfte plötzlich auf allen erdenklichen Systemen, wobei die Qualität der Igelsaga kontinuierlich abnahm. Und obwohl die Marke in den letzten Jahren zur Hoffnung anregte, erholte sie sich nie komplett vom Sturz in die Tiefen des Mittelmaßes.

Das neue und Wii-U-exklusive „Sonic Lost World“ beweist in aller Deutlichkeit, dass die Entwicklung der Igelhüpfspiele eine Sackgasse erreichte. Warum sonst sollte man das altbekannte System sonst so stark umkrempeln, dass selbst Fans es kaum noch erkennen? Ja, der blaue Sprinter hüpft und rennt noch immer dem fiesen Dr. Robotnik alias Dr. Eggman hinterher.

Goldene Ringe bleiben ebenfalls als Lebensversicherung erhalten. In den meisten anderen Belangen büßt er jedoch einiges von seiner unverkennbarer Identität ein. Das fängt bereits bei der Umgebung an, denn die namensgebende verlorene Welt des neuesten Ablegers scheint eine unerforschte Ecke der Super-Mario-Galaxie zu sein.

Sonic Lost World - Gut geklaut ist besser als schlecht erfunden

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Lost World ist das abwechlungsreichste Sonic aller Zeiten - und der beste 3D-Ableger obendrein.
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An die Stelle von weiten Flächen mit Korkenzieherschrauben und Loopings treten nun frei schwebende Planetoiden, von allen Seiten begehbare Landschaftsklumpen und viele weitere abstrakte Gebilde, die sämtliche Anzeichen von Schwerkraft und irdischer Physik über den Haufen werfen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Packshot zu Sonic Lost WorldSonic Lost WorldErschienen für 3DS und Wii U kaufen: ab 38,00€

Schlimm? Für beinharte Fans womöglich schon, denn Sonic ist nicht mehr Sonic. Alle anderen, die lediglich nach brauchbarer Wii-U-Software suchen, werden sich jedoch über den Sinneswandel freuen. Selten wirkte ein Sonic-Spiel so abwechslungsreich. Und so konstant schnell.

Es ist kein Geheimnis, dass die Stärke des blauen Wunders in seiner berauschenden Laufgeschwindigkeit liegt. Das war schon immer so, doch stand ihm die dreidimensionale Darstellung moderner Konsolengrafik meist im Weg. Diesmal nicht. Ganz im Gegenteil. Nie war eine Visualisierung besser für ausgiebige Spurts geeignet als die scheinbar sinnlose Zusammenstellung frei schwebender Landschaftsstreifen.

Einen Innovationspreis räumt Sonic Lost World garantiert nicht ab. Und doch: Gäbe es so manche Macke nicht, wäre dies wohl das beste Sonic aller Zeiten.Fazit lesen

Endlich macht das konstante Rennen wieder Spaß, endlich stehen keine ausbremsenden Hindernisse mehr im Weg und endlich – ich danke Sega auf Knien –, endlich muss man nicht mehr ganze Topografien in Sekundenbruchteilen analysieren, um zu erkennen, wo es langgeht.

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Viele Elemente wurden aus Mario Galaxy ausgeliehen, ohne den Qualitätsstandard des Vorbilds zu erreichen. Spaß macht's trotzdem.
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Schon in Sonic Generation verkürzten Segas Grafiker viel von der Levelstruktur, um dem Spieler die Übersicht zu vereinfachen. In Lost World findet der Ansatz seine Beinahe-Perfektion, denn was in der Breite fehlt, macht die Tiefe wieder wett. Kurz gesagt: Wenn es geradeaus nicht mehr weitergeht, hilft immer ein Schwenk nach links oder rechts, und der führt genau wie bei Mario Galaxy auf die Seite einer Plattform.

Zu wissen, wo es langgeht, ist noch keine Garantie für nahtlose Erfolge. Blitzschnelle Reaktion wird noch immer benötigt, sonst knutscht der Held Loony-Toons-mäßig die nächste Wand und muss mit einem Spachtel abgekratzt werden. Oder er fliegt einen Abgrund hinunter. Aber es ist unheimlich beruhigend zu wissen, dass ein Bildschirmtod in den allermeisten Fällen selbst verschuldet ist.

Na gut, ein paar verbüßte Leben sind hin und wieder der überaus empfindlichen Steuerung zuzuschreiben, denn nur einige Millisekunde zu lange in eine Richtung zu drücken, das endet nicht selten mit dem Verpassen der richtigen Abzweigung.

Liebesgrüße aus Kyoto

Für Besitzer eines latenzstarken HDTVs ein Albtraum. Wer seine Wii U an einen rechenzeitlastigen Monitor angeschlossen hat, sollte sich das Programm vorsichtshalber vor dem Kauf ausleihen, denn mit einer Verzögerung von 120ms und mehr wird Lost World so gut wie unspielbar, sofern man nicht sämtliche möglichen Laufwege und Feindpositionen auswendig lernt. Das ist kein Spruch.

Diesen Test musste das Spiel in der Praxis über sich ergehen lassen und versagte mit Pauken und Trompeten. Schon die standardmäßigen 50ms üblicher Geräte im „Spiele-Modus“ verengen die Reaktionszeit ungemein. So richtig reibungslos funktioniert das Spiel nur unter Verwendung eines latenzarmen PC-Monitors.

Der Igel rennt in vielen Passagen schlichtweg so geschwind, dass jedes Kommando sitzen muss. Unter Idealbedingungen ist jedoch genau dieser Umstand die ergiebigste Spielspaßquelle, denn mit der rechten Reaktion kann man den Segas Maskottchen überreden, an steilen Wänden entlangzulaufen, auf winzigen Kanten zu balancieren, Bäume zu erklimmen und von einem Gegner zum nächsten zu hüpfen.

Zumindest sofern die Technik mitspielt. Manchmal verweigert die altbekannte automatische Zielfunktion ihren Dienst, sodass Feinde gar nicht oder nur teilweise anvisiert werden. Besonders ärgerlich, wenn das Spiel in eine 2-D-Seitenperspektive schwenkt, denn dann ist der nahtlose Sprung von Gegner zu Gegner meist überlebensnotwendig. Zum Glück ist dieser Lapsus nicht allzu oft anzutreffen.

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Die Oberwelt ist recht simpel gehalten. Zweckmäßig und übersichtlich - mehr braucht es gar nicht.
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Apropos seitwärts: Auch in der klassischen Hüpfspielansicht lässt Sonic Lost World viele Traditionen fallen und setzt auf abstrakte Levelstrukturen. Manchmal weiß man nicht einmal, ob man den flinken Igel um die Landschaft herumbewegt oder ob man die Plattformen dreht, damit der Held auf Kurs bleibt.

Das weckt Erinnerungen an den Super-Nintendo-Klassiker Cameltry oder das Bonuslevel aus Sonic 1 auf dem Mega Drive. Im Gegenzug trifft man die typischen Loopings und verschachtelte Pfade sehr selten an. Gibt es mal eine mehr oder minder gut erkennbare Abzweigung, führt sie in der Regel zu einem roten Stern. Fünf davon wurden in jedem Level versteckt.

Sie dienen nicht nur der Komplettierungssucht, sondern halten als Währung zum Freischalten zusätzlicher Level her. Mit ausreichender Anzahl in den Taschen, darf man auf der einfach gestrickten Oberwelt Bonuslevel betreten, die Freileben versprechen.

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Fünf Sterne je Level, so, so. Zwei mehr als bei den Mario-Hüpfern, aber bei weitem nicht die einzige Parallele. Wenn in dunklen Gemäuern Riesenwürmer blind nach Sonic fischen, verfolgende Wirbelstürme eine angemessene Laufgeschwindigkeit vorgeben und nummerierte Ringe für das Einhalten eines bestimmten Kurses Freileben springen lassen, werden die Ähnlichkeiten zu Nintendos Klempnergespann unverkennbar. Sogar das Öffnen der altbekannten Tiergefängnisse wird abhängig von der Sprungweite mit Sonderpunkten entlohnt – offensichtlich eine Abwandlung der Mario-Fahnenstange am Ende einer Spielstufe.

An dieser Stelle finden die Parallelen noch lange kein Ende. Von den belanglosen Bosskämpfen bis hin zu strategisch einsetzbaren Bonusgegenständen auf der Oberwelt legt Sonic sämtliche eigene Charakterzüge ab, um die des Nintendo-Schnauzbarts zu übernehmen. Sonic rennt ja nicht einmal mehr von alleine, sondern wird erst durch Knopfdruck zum Spurten überredet. Wer genau hinhört, vernimmt in der musikalischen Begleitung einen Mix aus Mario Sunshine und Galaxy, eingeleitet von orchestralen Fanfaren, abgeschlossen mit frechen und quirligen Mitpfeifmelodien in Ziehharmonika-Arrangement.

Hoffnungsträger der Wii U?

Das klingt alles derbe abgekupfert. Ist es auch, stört aber keineswegs, denn mit der Präsentation übernahm Sega ebenfalls den Abwechslungsreichtum des Vorbilds. Hier bohrt man sich mithilfe des Touchscreens durch das Erdreich, an anderer Stelle folgt man Donkey Kongs Pfaden und lässt sich von Kanone zu Kanone schleudern oder gleitet auf Lorenschienen durch die Unterwelt. Kurze Raketenflug- und Freier-Fall-Passagen mit voller Kurskontrolle inklusive.

Eigene Duftnoten setzten die Programmierer leider sehr selten, aber es kommt durchaus vor. Witzig sind etwa kleine Unteraufgaben, bei denen man Früchte in rotierende Klingen hinein manövriert. Die daraufhin sprudelnde Fruchtsaftfontäne dient als Beförderungsmittel zum nächsten Planetoiden. Klasse gemacht, vor allem grafisch.

Beim Thema Grafik gibt sich Sonic Lost World sowieso keine Blöße. Obwohl viele Texturen und Oberflächen vergleichsweise simpel angelegt wurden, übertrifft die Optik an gewissen Stellen die Kapazitäten der Xbox 360 und der PS3. Zwar nicht im Detailreichtum, denn hier bleibt das Vergnügen unter dem aktuell etablierten Standard, aber definitiv bei den verwendeten Grafikeffekten aus der DirectX-10-Trickkiste.

Besonders auffällig wären etwa Glasverzerrungen, die selbst auf der PS3 nicht in dieser Form machbar sind. Unter einer Softwarelösung würde die halbe Rechenzeit der Maschine draufgehen, da der Inhalt von transparenten Blasen oder den erwähnten Fontänen optisch korrekt und ganz ohne Mogelei verzerrt wird.

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An einigen wenigen Stellen überrascht die Grafik mit netten Spezialeffekten.
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Der Grafikchip der Wii U schüttelt diesen Effekt ungemein lässig mehrfach aus dem Ärmel, und zwar ohne jemals ins Stottern zu kommen. Schick, zumal es beweist, dass in Nintendos Maschine tatsächlich modernere Hardware steckt als in den alternden Kisten der sterbenden Konsolengeneration. Klar, einem Vergleich mit Forza 5 oder Killzone hält das Programm nicht stand. Wahrscheinlich würde sich Wii U an einem Titel wie „Beyond: Two Souls“ einen Bruch heben, weil es an purer Rechenkraft fehlt. Sonic Lost World zeigt allerdings, dass der Grafikchip immerhin so manchen ungesehenen Effekt auf Lager hat.

Schade, dass SLW nicht überall so hohe Ansprüche pflegt. Die Designer bedienen sich schamlos bei Mario Galaxy, aber so ausgefeilt und rund wie das Original spielt es sich leider nicht. Sonic wirkt manchmal ungewohnt steif und sprungfaul. Zudem wirken levelspezifische Feinheiten nicht immer gut ausbalanciert. Der zuvor erwähnte Wirbelsturm, der in einem Level die Laufgeschwindigkeit vorgibt, verhält sich zum Beispiel an einigen Stellen unvorhersehbar und beschleunigt plötzlich ohne erkennbaren Grund.

Auch fehlt dem Programm der unsichtbare rote Faden, der den Spieler von Hindernis zu Hindernis führt. So kann es passieren, dass man sämtliche beschleunigenden Extras übersieht, weil man an einer Stelle ungeschickt auf eine tiefere Ebene gefallen ist. Es gibt keinen Hinweis, der vermittelt, dass man sich auf einem unbrauchbaren Pfad befindet, obwohl sich die Absolvierungszeit daraufhin verdreifacht.

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Außerdem fehlt es dem Zwei-Spieler-Modus abseits der Vs.-Rennen an Tiefgang. Der zweite Spieler darf nämlich lediglich einen Modellhelikopter steuern, um Ringe zu sammeln und kleine Bomben abzuwerfen, deren Nachladezeit leider viel zu lange dauert.

Und als ob das noch nicht genug der Macken wären, fehlt obendrein die Sprachausgabe bei Aussteuerung über 5.1 Anlagen. Die deutsche Tonspur ist zwar vorhanden (man kann sie über den Wii-U-Controller-Bildschirm vernehmen, wenn man zwischen den Bildschirmen wechselt, zudem ist die Sprachausgabe im laufenden Spiel zu hören), aber im 5.1-Klang hört man lediglich das Echo des Sprechers.

Nicht dass man irgendwas verpasste. Die Handlung ist grausam schlecht, peinlich verkitscht und bringt sogar einem Sechsjährigen das Fremdschämen bei. Aber da die Story problemlos übersprungen werden kann und keinerlei Bedeutung für das eigentliche Spiel mitbringt, kann man sie ohne schlechtes Gewissen ausklammern.