Kennt ihr auch jemanden, der permanent „Sniper: Ghost Warrior“ und „Sniper Elite“ verwechselt? Oder seid ihr vielleicht selbst so jemand? Falls ja, liegt es sicherlich daran, dass ihr keine der beiden Liebhaberreihen gespielt habt, denn kennt man die eine, ist die andere auch deutlich identifizierbar. Während man also in Sniper Elite im Zweiten Weltkrieg rumheizt und nichtsahnenden Wehrmachtssoldaten die Innereien mittels großkalibrigen Kugeln neu anordnet, ist auch der dritte Teil der beliebten Ghost-Warrior-Reihe ein modernes Schleichspiel... zumindest, was sein Szenario angeht.

Sniper: Ghost Warrior 3 - E3 2015 Teaser Trailer

Auf einem kürzlichen Event konnten wir uns neben einem bekannten Areal, einer georgischen Bergbausiedlung mit zugehöriger Open World, auch ein neues Level angucken, das am Ende des fertigen Spiels auftauchen wird. In der Minenstadt war alles wie gehabt. Sniper: Ghost Warrior 3 wird mit einer Open World aufwarten, in der man zwar einzelne Missionen ansteuern, sich aber auch ganz gepflegt austoben kann. Zu entdecken bzw. sammeln gibt es unter anderem Materialien zum Anfertigen neuer Ausrüstung; leider hatten wir noch keine Gelegenheit, tiefer hinter das System zu steigen. Von mehreren Munitionsarten bis hin zu komplett neuer Ausrüstung scheint jedoch alles dabei zu sein.

Nach etwas Spielerei treten relativ schnell die Stärken und leider auch Schwächen des Spiels zutage. Erste Feststellung: Selbst, wenn man einige Erfahrung mit Schleichspielen hat, ist SGW3 schwer. Verdammt schwer sogar. Man wird schneller entdeckt als einem lieb ist, und schon nach wenigen Sekunden umschwärmen einen Wachen wie ein Schwarm bewaffneter Hornissen. Zu dem Zeitpunkt ist de facto neuladen angesagt, denn auch, wenn man standardmäßig ein Sturmgewehr dabei hat, ist das Gunplay weder sehr spaßig noch eine wirklich valide Lösung – unser Held ist gefühlt zerbrechlich wie ein Fabergé-Ei, was die Frage in den Raum stellt, wozu er überhaupt nicht-schallgedämpfte Waffen und automatische Bleipusten dabei hat, die ungefähr so laut wie Flugzeugturbinen sind.

Sniper: Ghost Warrior 3 - Für Scharf- und Stumpfschützen geeignet

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Große Areale mit ordentlich Möglichkeiten, sich von den Gegnern entdecken zu lassen.
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Fragt dabei bitte nicht nach einer Motivation. Von dem, was man als Hintergrundrauschen während der Präsentation mitbekommen hat, ist unser gespielter Scharfschütze ein amerikanischer Brusttrommler mit einer Frauenstimme als Knopf im Ohr, und seine Missionen beschränken sich auf „Dort und dort sind Bad Guys. Nimm dein Gewehr und...“ et cetera. Ich weiß nicht, ob ein Open-World-Game davon getragen werden kann, aber wir werden es herausfinden, wenn das Spiel erscheint.

Ihr habt von der Bergbaustadt und den anderen Features wahrscheinlich schon gehört. Neu an dieser Präsentation war die Ankündigung, dass Sniper: Ghost Warrior 3 auch einen Multiplayer haben wird. Und nicht nur findet sich in diesem die Normalo-Aerobic Deathmatch und Team Deathmatch, sondern wohl auch mindestens einen Spielmodus, der sich wirklich um die Scharfschützenmechaniken drehen soll. So etwas sieht man viel zu selten, und weil diese Ankündigung für alle Anwesenden viel zu aufregend war und man uns nicht überfordern wollte, gab es dann vom Mehrspielermodus auch nichts zu sehen.

Dafür aber wie gesagt eines der letzten Level des Spiels, liebevoll „Slaughterhouse“ genannt – letztendlich aber auch nur die Eroberung bzw. Infiltration einer Militärbasis oder eines Foltergefängnisses. Man müsste mal eine Strichliste machen, wie oft man derlei sieht. Ich hätte aber misstrauisch werden sollen, als ein Kollege, der früher als ich da war, das Erlebnis mit Dark Souls verglich. Moment, was?!

Sniper: Ghost Warrior 3 - Für Scharf- und Stumpfschützen geeignet

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An diese Ansicht solltet ihr euch schon mal gewöhnen.
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Ja nee, es geht hauptsächlich um den Schwierigkeitsgrad. Es ist ja toll, wenn man Schleichspiele nicht sofort durchschaut, wirklich vorsichtig sein muss und leicht entdeckt werden kann. Doch bislang macht SGW3 eher den Eindruck, als setze es in dieser Hinsicht auf Masse statt Klasse, denn die Feinde, wenn auch mit einer äußerst scharfen Wahrnehmung gesegnet, sind dumm wie Semmelknödel. Ihr einseitiges Verhaltensmuster beschränkt sich darauf, unsere Spielfigur entweder gar nicht zu sehen oder wie ein Huhn ohne Kopp in rauen Massen auf seine Position zuzustürmen. Da hat man dann im offenen Kampf verdammt schlechte Karten. Doch auch das anschließende Verstecken wirkt, zumindest für einen unerfahrenen Spieler wie mich, eher wie Glückssache. Allzu oft schoss mir jedenfalls der Gedanke durch den Kopf „Wie hat der mich denn jetzt bitte gefunden?“. Das ist nicht die Verbesserung der bekannten „War wohl nur der Wind“-Holzköpfigkeit in Schleichspielen, sondern ihr krasses Gegenteil und insofern genauso falsch. Vielleicht täuscht hier aber auch nur meine mangelnde Erfahrung und ich muss, wie das Internet es formuliert, „gud gitten“.

Es gibt ein paar spielerische Optionen, aber viele waren nicht zu sichten. Im Voraus die Basis mit einer Flugdrohne auszuspionieren und Wachen zu markieren macht Laune und ist hilfreich, zumal das Biest nicht unsichtbar ist und also Vorsicht gewahrt werden will. Eigentümlich hingegen ist die Entscheidung, nach einem Neuladen alle bereits markierten Widersacher auch markiert zu lassen – sollte nicht eigentlich alles auf Anfang zurückgesetzt werden? Neben Wald- und Wiesensoldaten finden sich in der Basis auch schwer gepanzerte Exemplare mit Maschinengewehren und ballistischen Schutzmasken, denen man nur zum schnellen Exitus verhelfen kann, indem man ihnen in den Hinterkopf schießt. Oder in die Augenlöcher der Maske. Ein schönes Auge für Details hatten die Macher da! Haha, versteht ihr?!

Sniper: Ghost Warrior 3 - Für Scharf- und Stumpfschützen geeignet

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Lasst euch von Screenshots wie diesem nicht irritieren: Sniper ist kein üblicher Ego-Shooter und will auch keinesfalls so gespielt werden.
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Doch insgesamt ist die Erfahrung bislang einfach nicht sehr singulär. Das Scharfschützengewehr zum Beispiel schießt auch in einem Blizzard schnurgerade, gerade einmal etwas „Bullet Drop“ muss man mit einberechnen – das kennt man aus anderen Spielen schon besser. Ob ich Menschen oder Sicherheitskameras ausweiche, ist mir auch relativ schnuppe. Und fangt mir gar nicht erst mit dem generischen Mumpitz von Szenario an – ob ich meine seit den 80ern abgestandene Michael-Dudikoff-Fantasie in Georgien oder sonstwo auslebe und dabei ein Minimum an Antrieb und spielerischer Möglichkeit erhalte, ist mir strunzwurst. Euch auch. Einfach jedem.

In der Tradition der Reihe wird auch der dritte Teil eher etwas für Fans – für den Massenmarkt ist alles eine Spur zu kantig.Ausblick lesen

Es entsteht ein eher ambivalenter Gesamteindruck, eine Liste von abgehakten Standard-Features, gegen die man nichts sagen kann, weil sich gar nicht über sie zu sprechen lohnt. Das wird Fans nicht stören, alle anderen kratzt Ghost Warrior eh nicht. Freut euch also darauf, im Tarnanzug vor Rechner und Konsole zu hocken, vielleicht im Multiplayer ein paar andere Hardcore-Scharfschützen über den Jordan bzw. die Kura zu schicken und macht euch ansonsten keine Sorgen. Sniper: Ghost Warrior ist, was es immer war: Kein Spiel für jeden, aber vielleicht ja eines für euch.