Dass der neue Ableger der Sniper-Reihe positiv aus der Reihe tanzen würde, machte sich schon bei der Präsentation bemerkbar. Jess Lebow und Michal Raczy nisteten sich in unseren Redaktionsräumen ein, um uns die erste Pre-Alpha des im Frühjahr 2016 erscheinenden Spiels zu präsentieren. Zwei Männer mit viel Erfahrung – und viel zu erzählen.

Wir sind (endlich wirklich) allein allein...

Leider durften uns die Jungs noch nicht allzu viel über die hintergrundgeschichtliche Bandbreite des Konflikts im neuen Teil verraten, Fakt ist aber, dass der Spieler als amerikanischer Scharfschütze als Ein-Mann-Armee in einem Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland zunächst auf georgischem Boden wirkt. Wenn CI Games die Handlung gut durchdenkt und die offensichtlichen Parallelen zum existierenden Konflikt der beiden Großmächte clever ausarbeitet, könnte das der erste Teil der Serie werden, der das Potenzial zu einem guten Politthriller auch nutzt.

Wo sich die Jungs in Bezug auf die Narration bedeckt halten mussten, durfte spielerisch nach Gusto die gezeigte Karte erkundet werden. Und da fällt vor allem sofort eines auf: die schiere Größe. In der mir gezeigten Georgien-Mission überblicke ich steile Gebirgsketten, die sich mit dichtem Wald und unwegsamen Trampelpfaden bei dynamischem Wetter über die Karte erstrecken. War es eben noch sonnig und trotz erdiger Farbgestaltung sogar schon ziemlich idyllisch im dichten Wald, verwandelt der einsetzende Platzregen alles in ein Matschmoloch, das nicht nur visuelle Auswirkungen hat.

Schließlich lässt laut prasselnder Regen auch so manchen Schuss unerhört, während Fußspuren im Gegenzug deutlich sichtbarer sind. Sowohl die des Gegners als auch die meinen. CI Games nutzt dafür die CryEngine 4, die während der Präsentation noch unter unter ziemlichem Bildeinbrüchen litt, die aber der Alpha geschuldet sein sollen. Dafür sieht das Spiel schon im jetzigen Stadion sehr stimmig und authentisch aus und zeigt auch farbgestalterisch, dass der neue Teil Ambitionen hat, als authentische Simulation wahrgenommen zu werden.

Sniper: Ghost Warrior 3 - Wenn der Jäger zum Gejagten wird

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Jess Lebow ist ein Storywriter mit 15 Jahren Spielerfahrung, der Handlungsstränge für Magic: The Gathering, Dungeons and Dragons, Far Cry oder League of Legends geschrieben hat, während Michal Raczy in seiner Vita Titel wie Lords of the Fallen, Silent Hill: Downpour oder die Dead-Island-Reihe verbucht hat.
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Zweite sehr auffällige Neuerung: Es ist ruhig. Vögel, Baumwipfelrauschen. Kein nerviger Spotter, der mich von einem Brennpunkt zum nächsten peitscht und mich mit seinem Gelaber zubafelt. Während der Vorgänger an meinen Nerven gezehrt hat, bin ich jetzt im positiven Sinne mit der freien Hand, die ich habe, fast schon überfordert. Ihr bekommt euer Ziel – in dem Fall einen General bei der Inspektion einer besetzten Mine – und dürft nun zusehen, wie ihr ihn eliminiert. Und auch das ist jetzt anders: Ihr seid kein Rambo, der 25 arme Wichte mit zwei Magazinen innerhalb von zehn Minuten niedermäht, um sich das finale Ziel für den genüsslichen letzten Schuss aufzuheben.

Nein, jetzt reichen schon drei Gegner, die euch entdecken, damit ihr in arge Bredrouille geratet und froh sein könnt, sie beim schlagartigen Rückzug zumindest abgehängt zu haben. Nicht nur der Weg zum Ziel und dessen Eliminierung, sondern auch den darauffolgenden Rückzug planen, lautet jetzt die Devise. Einen General inmitten von 50 unterstellten Soldaten, Spürhunden und über dem Gebiet kreisenden Helikoptern auszuschalten, hat jetzt spürbare Konsequenzen und will wohlüberlegt werden. Die Mittel werden euch bereitgestellt – nun heißt es Auskundschaften, Planen, Spots suchen... Nachdenken!

Sniper: Ghost Warrior 3 - E3 2015 Teaser Trailer

Go Go Gadget!

Aber man lässt den einsamen Wolf nicht komplett sich selbst überlassen. Wichtigstes Hilfsmittel ist nun eine Drohne, die dem Scharfschützen das Leben um einiges erleichtern kann. Richtig ausgespielt klärt diese das feindliche Gebiet auf, markiert Feinde und kann sich sogar in die gegnerischen Sicherheitssysteme hacken. Allerdings sind auch die Feinde nicht blöd und schon gar nicht blind, holen euer fliegendes Auge bei Kontakt sofort vom Himmel, sodass ihr dann in einen eurer Unterschlüpfe zurück müsst, um euch eine neue Drohne herzustellen. In diesen Unterschlüpfen, die nun eure Checkpoints darstellen, kann nicht nur die Drohne repariert werden, sondern auch Verbesserungen für eure Primär- und Sekundärwaffen gebastelt werden. Außerdem könnt ihr euch den Anforderungen entsprechend neu ausstaffieren oder per Schnellreise zwischen den Unterschlüpfen auf der Karte hin und her reisen.

Neben der Drohne besitzt euer Einzelkämpfer einen Scout-Modus, der die visualisierte Ausbildung eines Scharfschützen darstellt. So entdeckt ihr in diesem Modus nicht nur Minen, die entschärft werden, sondern analysiert auch Laufwege von Feinden und detailliertere Informationen. Führt die Spur zu einem oder mehreren Soldaten? Haben sie Hunde dabei? Haben sie hier eine Geisel entlanggeschleift, die bei einer Rettung vielleicht nützliche Informationen für euer weiteres Vorgehen bereithalten könnte? Ignoriere ich diese Hinweise und zieh meinen Auftrag durch oder geh ich der Spur im wortwörtlichen Sinne nach?

Sniper: Ghost Warrior 3 - Wenn der Jäger zum Gejagten wird

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Im Gegensatz zu vielen anderen Fortsetzungen sitzt hieran in weiten Teilen dasselbe Team wie am Vorgänger.
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Aber auch Spots auf Felsen, auf denen sich euer Gewehr zwecks Stabilisierung gut anlegen lässt, oder Fels- und Mauerfassaden, die erklommen werden können, werden hiermit sichtbar. Ihr wollt euch von Bergwänden abseilen? Auch kein Problem. Nie zuvor wurde dem Spieler so viel freie Hand in Sachen Bewegungsfreiheit gelassen wie in Sniper: Ghost Warrior 3. Bei unserem Aufklärungsflug mit der Drohne passieren wir ein verlassenes Hotel, das sich auf dem Minengelände befindet und stellen erstaunt fest, dass wir in jedes Zimmer des Hotels fliegen konnten, die durchweg modelliert sind und nicht nur hohle Skyline-Fassade darstellen.

Sniper: Ghost Warrior 3 hat das Potenzial, die Grenzen der Scharfschützen-Simulationen neu auszuloten und auch seinen eigenen Ansprüchen endlich gerecht zu werden.Ausblick lesen

Mit der Drohne ins Sicherheitsnetz eingeloggt, machen wir die Position unseres Generals ausfindig und markieren diesen. Nun bietet uns das Spiels mehrere mögliche Spots an, die wir wählen könnten, um unsere Zielperson auszuschalten. Hier muss man nun entscheiden: Wage ich mich näher an das Ziel heran, habe dafür aber eine geringere Schussdistanz oder versuch ich den riskanteren Schuss aus größerer Entfernung, habe dafür aber mehr Abstand zum Ziel und kann so bei Erfolg oder Misserfolg schneller den geordneten Rückzug antreten?

Wo wir beim Schusssystem wären, das bis dato keine unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade bereitstellt, sondern ein einheitliches System stellt. Ziel anvisieren und die Entfernung feststellen. Nun den Entfernungsmesser des Zielfernrohrs auf diese Distanz kalibrieren und den Wind im Auge behalten. Je größer die Entfernung, desto ausschlaggebender Windstärke und -richtung. Alles physikalische Grundkenntnisse, die jedem virtuellen Scharfschützen vertraut sein dürften, aber jedes Mal aufs Neue ein erleichterndes Gefühl vermitteln, wenn der Schuss nach sorgsamem Auskundschaften, in Position bringen, Luft anhalten und zwischen den Herzschlägen abdrücken sein Ziel findet und die eigene Überlebenschance, die nun endlich auch diese Bezeichnung verdient, um einen Bruchteil gestiegen ist.