Ich weiß ja nicht, wem von euch der Finne Simo Häyhä irgendetwas sagt, aber dieser Mann hat aufseiten der finnischen Armee im Zweiten Weltkrieg in 100 Tagen 700 russische Soldaten eliminiert, 500 davon mit einem Scharfschützengewehr. Man kann sich vorstellen, dass dazu schon einiges an Können nötig ist, um wochenlang allein im Schnee zu verharren und diese Abschüsse nur mit Kimme und Korn zu erzielen.

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Scharfschützen müssen nicht nur anvisieren und abdrücken. Die eigene Atmung, die Position des Gewehres, die Windstärke und Windrichtung, die Bewegung des Zieles – all diese Faktoren müssen berücksichtigt werden, um allein einen Schuss perfekt zu platzieren.

Das erklärt vielleicht auch, warum „Sniper: Ghost Warrior“ weltweit so viele Anhänger gefunden und sich laut Publisher City Interactive über zwei Millionen Mal verkauft hat. Das Spiel hat also offenbar einen Nerv getroffen, bei dem das Belohnungszentrum im Hirn meldete: „Jawoll, endlich mal, mehr davon!“. Und dem ist City Interactive nun nachgekommen und schickt den Nachfolger auf den Schießstand, der vieles besser machen soll als der doch ziemlich verbuggte Vorgänger, der die entscheidenden Ansätze mitgebracht, in der Umsetzung dann aber doch zu großen Teilen seine Deckung verlassen hat.

Ihr spielt "Sandman", einen Elite-Marine. Sein Vater im Vietnam gefallen, mit zehn Jahren schon für sich und die Mama Tiere für den heimischen Herd gejagt. Ein amerikanischer, patriotischer Standardheld eben. Aber für tiefgreifende, packende Hintergrundgeschichten inklusive Mitfühlfaktor war auch schon der erste Teil nicht bekannt, also wird das jetzt auch niemanden überraschen. City Interactive hat sich für den neuen Teil an der Cry-Engine3 bedient.

Sniper: Ghost Warrior 2 - Sniper Hyper! Der Nachfolger will alles besser machen

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Auch in Sarajevo wird jetzt scharf geschossen.
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Das sieht natürlich erst mal sehr hübsch aus, auch wenn diese in der jetzigen Phase noch genug Raum für Verbesserungen lässt. Viel wichtiger aber ist, dass uns wie im ersten Teil nicht nur Palmen um die Ohren wedeln, sondern wir jetzt in unterschiedlichen Schauplätzen auf die Pirsch gehen. Ich habe beim Hands-on zumindest Sarajevo schon mal sehen dürfen, das mit seinen verwinkelten Gassen und zerbombten Häusern gar nicht schlecht aussieht. Hier mit Messer und Pistole durch eine Bibliothek meucheln, dort unter gegnerischen Lastern hindurchkriechen. Endlich mal „fester“ Boden unter den Füßen. Zumindest festerer als im durchweg matschigen Dschungel des Vorgängers.

Den Wurzeln treu, alles andere neu

Was die Waffenauswahl betrifft, bleiben das Messer und die Pistole die einzigen Alternativen zum Scharfschützengewehr, und im Ernst: Sehr viel mehr wäre ja für den Kern des Spiels nicht wirklich nachvollziehbar. Dafür bekommt ihr jetzt neue Gadgets in die Hand gedrückt, etwa das Fernglas, mit dem ihr Gegner auf eurer Minimap markieren könnt, oder der Wärmebildkamera, die Gegner auch hinter Mauern, Wänden und anderen Hindernissen sichtbar macht.

Packshot zu Sniper: Ghost Warrior 2Sniper: Ghost Warrior 2Erschienen für PlayStation Vita, Wii U, PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Von vielen Spielern wurde im Vorgänger auch bemängelt, dass man oft ohne Vorwarnung und nachvollziehbarem Grund entdeckt wurde und dann dem gegnerischen Dauerfeuer ausgeliefert war. Makel erkannt, Konsequenz ist nun ein Sichtbarkeitsrand um die Minimap herum, der sich bei akuter Entdeckungsgefahr füllt und bei erfolgreicher Deckung wieder entleert.

Diese Sichtbarkeitsanzeige ist aber nicht nur für eure Deckung beim Stellungbeziehen hilfreich, sondern auch bei Stealth-Kills, die sich jetzt mit dem Messer ausführen lassen. Die KI macht in dieser Phase des Spiels noch einen leicht dümmlichen Eindruck. Egon juckt es hier nämlich nicht die Bohne, dass Waldemar zwei Meter neben ihm mit großem Gekreische zu Boden geht, nachdem wir ihm eine Kugel in sein Knie gejagt hatten.

Neue Schauplätze, neue Gadgets und die Cry-Engine 3 - wenn die Entwickler aus den Fehlern des Vorgängers gelernt haben, ist dem Titel einiges zuzutrauen.Ausblick lesen

Als meine Tarnung aufgeflogen war und ich unter Dauerbeschuss stand, waren die Treffer aufseiten der gegnerischen Übermacht auch überschaubar, mangelndem Zielwasser sei Dank. Schön anzusehen ist dann aber auch, wenn eben erwähnter, noch quicklebendiger Egon von uns den perfekt platzierten Schuss zwischen die Glubscher bekommt und die Kugel durch eine Killcam verfolgt cineastisch in der Brütbirne einschlägt.

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Horch, was kommt von draußen rein...
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Aber das ist hoffentlich noch dem frühen Stadium der Version geschuldet und ich bin auch der Meinung, dass „Sniper: Ghost Warrior 2“ sich erst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad voll spielerisch entfalten wird. Wenn die im Zielfernrohr angegebene Windrichtung und Windgeschwindigkeit in den Schuss miteinbezogen und zum richtigen Zeitpunkt der Atem angehalten werden muss. Wenn jeder Treffer des Gegners euch schwer zusetzt und aus dem Konzept bringt. Erst dann werden wir wissen, ob der Nachfolger die Faszination des Vorgängers beibehalten und die Kinderkrankheiten erfolgreich ausmerzen konnte.

Bleibt abzuwarten, ob City Interactive es schafft, den Eindruck zu vermeiden, dass Nahkämpfe nur als Alibi eingestreut werden. Auch die Schauplätze sollten nicht so gestaltet werden, dass sich nach ein paar Missionen eine allgemeingültige Vorgehensweise im Kopf festsetzt, die aus der im Vorgänger schon sehr kurzweiligen Sniper-Erfahrung mit fortlaufender Spielzeit nur ein Tontaubenschießen auf lebende Ziele macht. Sollte das gut umgesetzt werden und die Grafik noch ein wenig mehr Liebe zum Detail bieten, kann „Sniper: Ghost Warrior 2“ ein sehr viel besseres „Sniper: Ghost Warrior“ und somit ein mehr als würdiger Nachfolger werden.