Machen wir uns nichts vor: Sniper Elite polarisiert. Viele von uns lieben die Serie, aber der Anteil der Hater ist mindestens genau so groß. Das dicke Alleinstellungsmerkmal des WW2-Shooters waren immer die effektvollen Kamerafahrten, welche jeden Treffer mit dem Scharfschützengewehr in eine Zelebration des Todes verwandeln – inklusive Röntgenblick, der die Zerstörung der Knochen und inneren Organe fokussiert. Im Rahmen der nicht enden wollenden Killerspiele-Diskussion gießt diese explizite Gewaltdarstellung natürlich Wasser auf die Mühlen jener Parteien, die eine stärkere Zensur von Videospielen fordern. Begriffe wie „Todesorgie“ oder „Gewaltporno“ tauchen in Verbindung mit Sniper Elite immer wieder auf.

Ich kann nur für mich sprechen. Mir macht Sniper Elite einfach Spaß und zwar nicht nur wegen der heftigen Kill-Cam, sondern weil das Drumherum gelungen ist. Ich finde, wer Sniper Elite nur auf den Gewaltfaktor reduziert, tut der Serie und ihren Fans Unrecht. Zumal die Gewalt derart überzogen ist, dass es manchmal fast schon komisch wirkt. Das mag jetzt absurd klingen, aber ich finde, dass der zunehmende grafische Realismus den Sniper-Abschüssen einen comic-artigen Charakter verleiht. Zumal die Pixel-Leichen, die unser Scharfschütze zuhauf produziert, keine nennenswerten Schäden mehr aufweisen.

Sniper Elite 4 - Metal Gear Sniper

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Eure Kugel verschlägt dem Soldaten glatt den Atem!
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Beispiel: Die Kill-Cam zeigt wie die Kugel den Unterkiefer eines Soldaten zerstört, das Schlüsselbein durchschlägt, die Lunge perforiert und durch den Rücken wieder austritt. Der Leichnam sieht danach aber unversehrt aus, so als wäre der Soldat einfach in Ohnmacht gefallen. Eigentlich ist das völlig bescheuert, so als hätte man sich die Gewaltorgie nur eingebildet. Vielleicht empfinde ich die Kill-Cam deshalb nicht als grenzwertig? Würde ich mich schlechter fühlen, wenn realistisch zerfetzte Körper meinen Weg pflastern? Keine Ahnung. Was ich aber mit Gewissheit sagen kann: Sniper Elite 4 hätte mich auch ohne Kill-Cam sehr gut unterhalten, denn es stellt in jeder Hinsicht den qualitativen Höhepunkt der Serie dar.

Hausaufgaben gemacht

Ich finde Sniper Elite V2, das im Endeffekt ein Remake von Teil 1 ist, immer noch super. Sniper Elite 3 sagt mir weniger zu. Es wirkt stellenweise uninspiriert, holprig und hingeschludert. Das Wüstenszenario empfinde ich als öde, die einzelnen Missionen und Umgebungen lassen Diversität vermissen. Teil 4 spielt technisch und spielerisch in einer ganz anderen Liga. Die Kampagne findet 1943 in Italien statt, wo der snipernde Agent Karl Fairburne die Resistenza unterstützen soll. Wir kämpfen also nicht nur gegen deutsche Nazis, sondern auch gegen italienische Faschisten. Karl wird wie gewohnt hinter feindlichen Linien abgesetzt – in der Regel, um Schlüsselpersonen oder feindliches Gerät auszuschalten. Die große Neuerung sind die gigantischen Einsatzgebiete, mit deutlich mehr Umfang und Tiefe. Man könnte es auch eine vertikale Erweiterung des Schlachtfelds nennen, denn Karl muss neuerdings sehr viel klettern. Die akrobatischen Einlagen erreichen keine Tomb Raider- oder Assassin’s Creed-Ausmaße, aber zumindest darf Karl jetzt auch mal richtig hohe Felswände und Bauten erklimmen sowie über tiefe Abgründe springen.

Sniper Elite 4 - Metal Gear Sniper

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Die Trabantenstadt? In Sniper Elite 4 erkundet ihr einige schicke Gebäude und Umgebungen
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Die Entwickler haben es zum Glück nicht mit der Kletterei übertrieben und setzen das Element wohldosiert ein. Hin und wieder habe ich mich allerdings gefragt, warum ich Regenrinne A hochklettern kann, aber Regenrinne B nicht. Zudem wirken die Kletteranimationen etwas steif, aber insgesamt ist die Kraxelei eine echte Bereicherung, da sie die taktischen Möglichkeiten sinnvoll erweitert. Die Entwickler haben auch in anderen Bereichen ihre Hausaufgaben gemacht. Jeder Einsatz bietet, neben den Hauptzielen, große und kleine Nebenaufgaben, die sich glaubwürdig ins jeweilige Szenario einfügen. Es sind deutlich mehr als früher und dennoch hat man nicht das Gefühl, eine To-Do-List abzuarbeiten. Nice: Zu Beginn jedes Einsatzes befindet Ihr euch in einem neutralen Gebiet, das relativ enge Grenzen hat und von einer Handvoll Verbündeter bevölkert wird. Ihr könnt diese Personen ansprechen, um Informationen und Befehle zu erhalten. Das ist eigentlich keine große Sache, aber dass mich ein italienischer Freiheitskämpfer in einem Gespräch um einen Gefallen bittet, macht die Sache viel stimmungsvoller als meine Aufgaben bloß im Menü abzulesen.

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