Es ist eine Krux mit den abgewatschten Genrebezeichnungen. Jede Neuerscheinung muss sich einen analytischen Stempel aufdrücken und in eine Schublade mit ähnlichen Titeln stecken lassen. Vergleiche sind vorprogrammiert, ob gerechtfertigt oder nicht. Auch „Sleeping Dogs“ muss sich am schier übermächtigen Open-World-Kollegen „Grand Theft Auto“ messen lassen. Will es aber gar nicht. Also vergesst Liberty City: willkommen in Hongkong!

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Oder besser gesagt: willkommen zurück! Der Frauenheld, Martial-Arts-Experte, Undercover-Polizist und überhaupt Mädchen für alles, Wei Shen, ist nach mehreren Jahren in Amerika über den großen Teich in seine alte Heimat zurückgekehrt. Ganz freiwillig tritt der Protagonist die Rückkehr zwar nicht an, doch während sein Abwesenheit hat sich einiges geändert – und nur weniges zum Guten.

Aus alten Freunden wurden erbitterte Feinde, die sich bis aufs Blut bekämpfen. Aus Kleinganoven wurden gerissene, skrupellose Despoten, die mit Drogenhandel, Prostitution, Erpressung und anderen schmutzigen Geschäften nicht minder schmutzige Geldberge anhäuften. Respekt und Ehre sind nicht mehr als nostalgische Erinnerungen an bessere Zeiten, die sich der schier endlosen Gier nach Macht beugen mussten.

In diesen Straßen ist Wei aufgewachsen. Haus an Haus mit den Männern, deren Wort nun Gesetz ist. Doch während seine Sandkastenfreunde zusehends auf die schiefe Bahn geraten sind, absolvierte Herr Shen eine Polizeikarriere nach Maß, die ihn nun als idealen Undercover-Cop wieder an alte Wirkungsstätte schickt. Seine Aufgabe: die mächtige Hongkong-Triade Sun On Yee infiltrieren und von innen heraus zerstören.

Sleeping Dogs - Bellende Hunde beißen nicht - schlafende schon

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Wiedersehen bereitet Freude: In Gewahrsam trifft Wei seinen alten Sandkastenfreund Jackie. Was dieser nicht weiß: Sein alter Kumpel spielt ein doppeltes Spiel.
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Was im Vorfeld nur mäßig interessant anmutet und gerade zu Beginn durch überzeichnete Charaktere transportiert wird, die selten mehr als ein simples Abziehbild der stereotypen Vorlagen aus Film und Spiel sind, nimmt aufgrund der inneren Zerrissenheit des Protagonisten schnell an Fahrt auf. Mehr noch als Niko Bellic ist Wei eine ambivalente Persönlichkeit, gefangen zwischen zwei Stühlen, mit zwei Herzen in der Brust. In seinem westlich geprägten Denken verurteilt er die Machenschaften der Triaden, ohne sich jedoch völlig von seinen kriminellen Wurzeln distanzieren zu können. Ok, gut herausgearbeitet! Gibt es da noch mehr Beispiele, die du anführen möchtest?

Auf diesem Fundament aufbauend, geht die Jagd auf beiden Seiten des Gesetzes kreuz und quer durch die Straßen von Hongkong. Und nun kommt er doch: der Punkt, an dem ich einen Vergleich mit „Grand Theft Auto 4“ bemühen muss. Denn wo es Rockstars Schreiberlinge meisterlich verstehen, den Spannungsbogen über zahlreiche Stunden nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern sogar kontinuierlich auf die entscheidende Klimax aufzubauen, wirkt Weis Geschichte ungefähr so stringent wie eine Achterbahnfahrt.

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Die Charaktere bewegen sich zwischen skrupellos bis völlig durchgeknallt. Im Gedächtnis bleibt bis auf Wei selbst jedoch kaum einer.
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„Sleeping Dogs“ weiß um die Faszination seines beinahe schizophren anmutenden Protagonisten und scheitert doch am Drahtseilakt, diese mit subtilen Untertönen weiter auszubauen. Stattdessen spannt man seine Unsicherheit wie eine Feder immer und immer wieder, bis sie an Sprungkraft verloren hat und nur noch sachte auf und ab hüpft.

Ein kurzweiliger, packender Hongkong-Krimi mit vielen guten Ansätzen, der aber zu viel Potenzial ungenutzt lässt.Fazit lesen

Trotz dieser Umstände war es mir ein großes Vergnügen, mich vom unwichtigen Handlanger zum Triaden-Oberhaupt nach oben zu arbeiten. Denn auch wenn an einigen Stellen Potenzial verschenkt wurde, war allein Weis innere Zerrissenheit für mich Antrieb genug, immer tiefer in die hinterletzten Ecken von Hongkong einzutauchen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Geschichte stets mit einem latenten Augenzwinkern präsentiert wird und es dennoch schafft, glaubwürdige, wenn auch zum Teil sehr eindimensionale Figuren aufzubauen.

Als Geisterfahrer durch Hongkongs Linksverkehr

Die Authentizität der von Hollywood-Größen vertonten Charaktere setzt sich jedoch aus vielen Fragmenten zusammen. Handelnde Personen können stets nur so glaubwürdig agieren, wie es ihre Umgebung, in diesem Fall die Millionenmetropole Hongkong, zulässt – und diese bietet in diesem Fall einen überzeugenden Schauplatz.

Anstatt die Vorlage möglichst realitätsgetreu in eine digitale Form zu gießen, nahmen sich die Designer einige kreative Freiheiten bei der Stadtgestaltung, wobei sie den leicht überzogenen Stil der Handlung beibehielten. Alles ist etwas greller, verrückter und kruder, ohne dass der Bezug zur Wirklichkeit dabei auf der Strecke geblieben ist. Nach unzähligen Ausflügen in ein virtuelles Manhattan oder Los Angeles zeigt sich Hongkong erfrischend spritzig, unverbraucht – trotz kleinerer Logiklücken und Mankos wie der großteils englischsprachigen Bevölkerung oder weniger architektonischer Höhepunkte im Stadtbild, die sich langfristig ins Großhirn fräsen.

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Nein, das ist nicht New York: Hongkong ist ein herrlich erfrischender Schauplatz für ein Open-World-Abenteuer.
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Aber diese Fehler sind verzeihlich und haben mich nur selten aus der vereinnahmenden Welt gerissen, als ich durch neonbeleuchtete, verwinkelte Straßen gefahren bin, vorbei an unzähligen Passanten, die verträumt ihren eigenen Gedanken nachhingen oder hitzig miteinander debattierten. Als ich zum ersten Mal mit meinem mühselig vom Mund abgesparten Sportwagen an der Küste entlanggerast bin, während die untergehende Sonne das Meer in eine glühendes, feuerrotes Licht getaucht hat.

Hongkong ist der heimliche Star des Spiels und mehr als pure Staffage. Gerade innerhalb der Missionen macht sich „Sleeping Dogs“ die vielseitigen Areale auf eine geschickte Art zunutze. Wei wird nicht nur wie ein Tourist an verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorbeigeführt; häufig ist die Umgebung ein unmittelbarer, essenzieller Bestandteil der aktuellen Aufgabe und bringt enorm viel Abwechslung in den ohnehin schon facettenreichen Alltag des Undercover-Cops.

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Wer wirklich jeden Winkel der Spielwelt erforschen will, sollte schon einmal die Schwimmweste entstauben.
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Dieser verlangt dem akrobatischen Protagonist ohnehin einiges ab und versetzt ihn in die Rolle eines Einbrechers, Karaokestars, Rennfahrers oder sogar falschen Chefarztes. Durch einen etwas höheren Anspruch und knackigere Auseinandersetzungen wäre allerdings noch deutlich mehr möglich gewesen. Stattdessen beschränken sich Weis Maskeraden allzu häufig auf simples Knöpfchendrücken, das der bedeutungsschwangeren Inszenierung im Regelfall nicht standhalten kann.

Einzig die Schusswechsel und Faustkämpfe verlangen ein konzentrierteres Vorgehen, um dem virtuellen Scheitern zu entgehen. Trotz ansehnlicher Zeitlupen-Hechtsprünge und Knochenbrecheraktionen in bester John-Woo-Manier gehen bei zu rabiater Vorgehensweise schnell die Lichter aus. Endlich kitzelt das Adrenalin die nervösen Finger am Controller.

In diesen Momenten schöpft „Sleeping Dogs“ aus dem Vollen. Mit einer Waffe im Anschlag geht Wei auf Knopfdruck hinter der nächstbesten Deckung in Sicherheit, während der Kugelhagel jede nachlässige Bewegung mit einem schmerzhaften Treffer bestraft. Ein Gegner nach dem anderen sinkt schreiend zu Boden; die Anwesenden sind deutlich von den Spuren des Kampfes gezeichnet.

Wer sich langweilt, ist selbst schuld

Erstaunlich ist, wie behände der Einsatz von Schusswaffen vorgeben wird. Diese sind in Hongkong ein rares Gut und nicht jeder Kleinganove läuft mit einer entsicherten Kanone durch die Gassen. Schießereien finden außerhalb von einigen Missionen quasi nicht statt, weshalb jede bleihaltige Auseinandersetzungen ein neues Abenteuer darstellt.

Im täglichen Überlebenskampf auf Hongkongs Straßen sind Körperbeherrschung, Kraft und Technik deshalb von weitaus größerer Bedeutung als eine ruhige Hand am Abzug. Nur wer sich und seinen Körper zu kontrollieren weiß, kann langfristig überleben. Das Schlachtfeld der Triaden ist ein skrupelloses. Anerkennung gibt es nicht geschenkt. Erfolg schon gar nicht.

Diese Härte spiegelt sich in den zahllosen Schlägereien wider, in denen sich Wei ein ums andere Mal beweisen muss. Jeder Faustschlag findet knallend sein Ziel, lässt den roten Lebenssaft spritzen und zeichnet die arme Seele deutlich, die nun ein paar Zähne weniger im Kiefer hat. Es ist die konsequente wuchtige Inszenierung, die mir mehr als einmal ein morbides Grinsen auf die verkniffenen Lippen gezaubert hat, während Wei wie ein Berserker auf seine Gegner losgegangen ist.

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Wei weiß sich sichtlich zu wehren. Mehr als einmal haben mich die wuchtigen Schläge zusammenzucken lassen.
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Geräuschkulisse, Animationen, Angriffe: Alles fügt sich zu gnadenlosen, befriedigenden waffenlosen Keilereien, die nicht von ungefähr an jene eines Flattermanns aus Arkham City erinnern. Auch in Hongkong gilt es, sich den Eigenheiten der verschiedenen Gegner anzupassen. Unüberlegtes Zuschlagen resultiert schnell in einem Konterangriff, wodurch die Auseinandersetzungen durchweg fordernd, wenngleich nicht übermäßig schwer ausfallen. Umgebungsangriffe, die in der deutschen USK-Version deutlich eingeschränkt wurden, und freischaltbare Fähigkeiten tragen ihren Teil dazu bei, auch bei der hundertsten Keilerei nicht genervt die Augen zu verdrehen.

Überhaupt gibt sich „Sleeping Dogs“ alle Mühe, den Spieler bei der Stange zu halten. In den vier verschiedenen Bezirken der Stadt gibt es allerhand zu erledigen: Sammelgegenstände wollen gefunden, illegale Straßenrennen gewonnen, Kameras gehackt und kleine Gefälligkeiten erledigt werden. Für das erfolgreiche Abschließen winken verschiedene Extras, deren Erwerb sich mit fortlaufender Spielzeit deutlich auszahlt und einen ernstzunehmenden Anreiz darstellt, zwischen den Handlungsmissionen immer mal wieder einen Abstecher in abgelegene Winkel Hongkongs zu unternehmen.

Durch kleine Details wird so ein nicht zu unterschätzender Mehrwert geschaffen, an dem sich viele Genrekollegen regelmäßig die Zähne ausbeißen. Weis beeindruckendes Fähigkeitenrepertoire etwa lässt sich fast ausschließlich durch ein hohes Ansehen bei Triaden, Polizei und Bekannten erweitern. Das steigt mit fortschreitender Handlung zwar ohnehin, aber nicht genug, um Zugang zu den besonders reizvollen Fertigkeiten zu erlangen.

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Zwar fahren edle Luxuskarossen immer mal wieder über Hongkongs Straßen, wer aber ein eigenes Exemplar in der Garage möchte, muss tief in die Tasche greifen.
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Auch das Geld liegt nicht einfach auf der Straße. Das Befüllen des eigenen Kleiderschranks mit unterschiedlichen Klamotten und Accessoires, die verschiedene Boni mit sich bringen können, lässt den Inhalt der Brieftasche schnell zusammenschrumpfen. Noch kostenintensiver sind die verschiedenen Luxuskarossen, deren Anschaffung in Sekundenschnelle ein klaffendes Loch in die Haushaltskasse reißt. Ich kann auf der Straße entliehene Vehikel nicht in einer Garage abstellen, wo sie wie durch Zauberhand jederzeit für eine Spritztour zur Verfügung stehen. Stattdessen motiviert mich „Sleeping Dogs“ auf clevere Art dazu, ein paar Nebenmissionen anzugehen, um mir endlich das langersehnte Cabrio leisten zu können, mit dem ich vielleicht endlich in dem einen, besonders knackigen Rennen als Erstplatzierter über die Ziellinie presche.

Mit dem Neuwagengeruch in der Nase wage ich mich auch optimistischer an neue Rekorde der ständig aktualisierten Online-Ranglisten. Wer schafft den weitesten Sprung, den längsten Wheelie, die längste Vollgasfahrt? Bei speziellen Aktionen liefert mir eine Einblendung Aufschluss darüber, wie ich mich im Vergleich zu anderen geschlagen habe.