Gregor Thomanek




Hut ab, Square Enix! Die Japaner haben den richtigen Riecher bewiesen und das 2010 von Activision fallengelassene Projekt kurzerhand übernommen, umbenannt und ordentlich aufpoliert. Gemeinsam mit United Front Games hat man der Versuchung widerstanden, aus der mehr oder minder bekannten Lizenz ein liebloses GTA-Derivat in der Hoffnung auf das schnelle Geld zusammenzuschustern und sich nicht gescheut, die notwendigen Ressourcen für eine ambitionierte Arbeit aufzuwenden.
Zum Glück, muss ich nach über dreißig Stunden in der Millionenmetropole Hongkong sagen. Es war eine aufregende Zeit, ohne Durchhänger, ohne Durststrecken. Verschnaufpausen waren Mangelware, während ich gemeinsam mit Undercover-Cop Wei Shen hin- und hergerissen zwischen der polizeilichen Pflicht und der Loyalität den Triadenmitgliedern gegenüber Aufträge erledigt, Verfolgungsjagden absolviert und Straßenkämpfe mit blauen Flecken übersät, aber wenigstens lebendig überstanden habe.
„Sleeping Dogs“ gibt sich alle Mühe, mit eigenen Ideen und überbordenden Möglichkeiten aus der Masse hervorzustechen, opfert im Umkehrschluss aber viele vielversprechende Mechaniken der Zugänglichkeit und schieren Masse. Hongkong ist ein Spielplatz mit Straßenzügen voller Ereignisse, eine Spielwiese für Entdecker. Im Gedächtnis bleibt davon allerdings kaum etwas. Einzig das Schicksal des ambivalenten Protagonisten weiß langfristig zu fesseln, obgleich auch dessen Inszenierung unter einigen dramaturgischen Fehlern leidet. Unterm Strich bleibt ein kurzweiliges, packendes Abenteuer, das sich angenehm vom üblichen Einheitsbrei abhebt.
Sleeping Dogs - E3 2012 TrailerEin weiteres VideoHongkongs Vielfältigkeit wird authentisch vermittelt: In düsteren Hinterhöfen ist es dreckig und versifft, noblere Viertel erstrahlen im korrupten Glanz ihrer Bewohner. Alles wirkt wie aus einem Guss. Großes Augenmerk wurde zudem auf die plastischen, glaubhaften Charaktere gesetzt, die nach schlagkräftige Auseinandersetzung schwer gezeichnet sind. An der Hochglanz-Optik eines GTA wird aber höchstens gekratzt und auch gelegentliche Ruckeleinlagen sowie regelmäßige Pop-ups trüben das sonst positive Gesamtbild.
„Sleeping Dogs“ ist laut und genau so sollte es gespielt werden. An jeder Ecke plaudern Passanten, die Wucht der Schlaggeräusche lässt die Hände am Controller beinahe vor Phantomschmerz verkrampfen und jedes Schießeisen hat seinen eigenen, unverwechselbaren Klang. Das i-Tüpfelchen sind die durchweg überzeugenden englischsprachigen Synchronsprecher sowie der abwechslungsreiche Soundtrack.
Wei rennt, schießt, fährt, klettert und schlägt, wie es sich für einen Martial-Arts-Experten gehört. Die grundlegenden Kernelemente sind äußerst durchdacht und gehen durchweg präzise von der Hand, auch wenn es weniger automatische Animationen ebenfalls getan hätten – gelegentlich agiert der Undercover-Cop nämlich wie auf Schienen. Die etwas unpräzise Fahrzeugsteuerung kann mit den knackigen Keilereien und spritzen Schusswechseln allerdings nicht ganz mithalten und viele Minispiele wie das Hacken von Kameras sind schnell nur noch nervig.
Ein waschechter Mehrspielermodus hat es nicht in den Hongkong-Krimi geschafft, stattdessen müssen sich gesellige Naturen mit verschiedenen Online-Ranglisten vergnügen – diese können aber durchaus unterhaltsam und ein echter Zeitfresser sein. Auf der Jagd nach dem weitesten Sprung, der längsten Kombo oder der schnellsten Hatz von A nach B kann der neueste Rekord jederzeit an Freunde geschickt werden. Ehrgeizige Wettkämpfe sind damit vorprogrammiert.
von Square Enix, United Front Games
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