Gregor ThomanekDie Authentizität der von Hollywood-Größen vertonten Charaktere setzt sich jedoch aus vielen Fragmenten zusammen. Handelnde Personen können stets nur so glaubwürdig agieren, wie es ihre Umgebung, in diesem Fall die Millionenmetropole Hongkong, zulässt – und diese bietet in diesem Fall einen überzeugenden Schauplatz.
Anstatt die Vorlage möglichst realitätsgetreu in eine digitale Form zu gießen, nahmen sich die Designer einige kreative Freiheiten bei der Stadtgestaltung, wobei sie den leicht überzogenen Stil der Handlung beibehielten. Alles ist etwas greller, verrückter und kruder, ohne dass der Bezug zur Wirklichkeit dabei auf der Strecke geblieben ist. Nach unzähligen Ausflügen in ein virtuelles Manhattan oder Los Angeles zeigt sich Hongkong erfrischend spritzig, unverbraucht – trotz kleinerer Logiklücken und Mankos wie der großteils englischsprachigen Bevölkerung oder weniger architektonischer Höhepunkte im Stadtbild, die sich langfristig ins Großhirn fräsen.
Nein, das ist nicht New York: Hongkong ist ein herrlich erfrischender Schauplatz für ein Open-World-Abenteuer.Aber diese Fehler sind verzeihlich und haben mich nur selten aus der vereinnahmenden Welt gerissen, als ich durch neonbeleuchtete, verwinkelte Straßen gefahren bin, vorbei an unzähligen Passanten, die verträumt ihren eigenen Gedanken nachhingen oder hitzig miteinander debattierten. Als ich zum ersten Mal mit meinem mühselig vom Mund abgesparten Sportwagen an der Küste entlanggerast bin, während die untergehende Sonne das Meer in eine glühendes, feuerrotes Licht getaucht hat.
Hongkong ist der heimliche Star des Spiels und mehr als pure Staffage. Gerade innerhalb der Missionen macht sich „Sleeping Dogs“ die vielseitigen Areale auf eine geschickte Art zunutze. Wei wird nicht nur wie ein Tourist an verschiedenen Sehenswürdigkeiten vorbeigeführt; häufig ist die Umgebung ein unmittelbarer, essenzieller Bestandteil der aktuellen Aufgabe und bringt enorm viel Abwechslung in den ohnehin schon facettenreichen Alltag des Undercover-Cops.
Wer wirklich jeden Winkel der Spielwelt erforschen will, sollte schon einmal die Schwimmweste entstauben.Dieser verlangt dem akrobatischen Protagonist ohnehin einiges ab und versetzt ihn in die Rolle eines Einbrechers, Karaokestars, Rennfahrers oder sogar falschen Chefarztes. Durch einen etwas höheren Anspruch und knackigere Auseinandersetzungen wäre allerdings noch deutlich mehr möglich gewesen. Stattdessen beschränken sich Weis Maskeraden allzu häufig auf simples Knöpfchendrücken, das der bedeutungsschwangeren Inszenierung im Regelfall nicht standhalten kann.
Einzig die Schusswechsel und Faustkämpfe verlangen ein konzentrierteres Vorgehen, um dem virtuellen Scheitern zu entgehen. Trotz ansehnlicher Zeitlupen-Hechtsprünge und Knochenbrecheraktionen in bester John-Woo-Manier gehen bei zu rabiater Vorgehensweise schnell die Lichter aus. Endlich kitzelt das Adrenalin die nervösen Finger am Controller.
In diesen Momenten schöpft „Sleeping Dogs“ aus dem Vollen. Mit einer Waffe im Anschlag geht Wei auf Knopfdruck hinter der nächstbesten Deckung in Sicherheit, während der Kugelhagel jede nachlässige Bewegung mit einem schmerzhaften Treffer bestraft. Ein Gegner nach dem anderen sinkt schreiend zu Boden; die Anwesenden sind deutlich von den Spuren des Kampfes gezeichnet.
von Square Enix, United Front Games
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