Egoshooter gibt es wie Sand am Meer und nur wenigen gelingt es, sich von der Masse an durchschnittlichen Titeln abzusetzen. Beispielsweise Bioshock oder Half Life 2, die mit innovativen Ideen oder außergewöhnlichem Artdesign neue Maßstäbe setzten. Singularity aus dem Hause Raven (u.a. Black Crypt, Quake 4, Wolfenstein) ist wiederum weniger originell, vielmehr nutzen die Entwickler die beiden oben genannten Musterbeispiele als Inspirationsquellen. Wenn man es böse mit den Machern meint, könnte man ihnen auch vorwerfen, sie hätten dreist abgeguckt. Auf der anderen Seite: Besser gut kopiert als schlecht selbst gemacht. Oder?

Klassisches Baukastensystem

Vieles an Singularity wirkt wie aus dem Shooter-Baukasten entnommen. Da wäre beispielsweise die abstruse Sci-Fi-Story: Die Russen haben in den 50er Jahren auf einem abgelegenen Eiland namens Katorga-12 das neue und seltene Mineral Element 99 (aka E99) entdeckt und basteln eine Reihe außergewöhnlicher Technologien auf dessen Grundlage zusammen. Natürlich geht dabei etwas schief.

Singularity - Cause and Affect Trailer9 weitere Videos

Und wer darf die Suppe auslöffeln, die sich irgendwelche depperten Wissenschaftler aufgetischt haben? Natürlich ihr! Unser Held, ein gewisser Nate Renko, wird allerdings erst im Jahr 2010 aktiv und stolpert als Elitesoldat nicht nur über ungeheuerliche Entdeckungen, sondern auch durch die Zeit. E99 hat nämlich die Fähigkeit, die Zeit zu manipulieren. So weit, so gut.

Baukastensatz Teil 2 entstammt der Schublade "Bioshock". Die Handlung von Singularity wird nämlich zu erheblichen Anteilen über herumliegende Notizen, Tonbänder, Videos, Projektionen und gelungen inszenierten Flashbacks erzählt, die in ihrer Machart sehr an das große Vorbild erinnern. Dabei handelt es sich zwar überwiegend um Fundstücke, die nicht unbedingt benötigt werden, um das große Ganze zu verstehen. Trotzdem sind vor allem die Videomedien interessant genug, um nicht missachtet zu werden. Die Aufmachung ist sogar häufig recht amüsant und sorgt für entspannte Abwechslung von den Gefechten.

Singularity - Spiel mit der Zeit: Unterhaltsamer Sommer-Shooter zwischen Half-Life 2 und Bioshock

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In eine derartige Bedrängnis geratet ihr aufgrund der dummen KI-Gegner nur selten.
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Diese bewältigt ihr mit einem nicht uninteressanten Waffenarsenal, mit dem ihr euch zwischen Schublade "Bioshock" und "Half Life 2" befindet. Das Design der Knarren (von denen ihr immer nur zwei gleichzeitig bei euch tragen dürft) ist durchweg gelungen. Von normalem Sturmgewehr und Schrotflinte über Minigun, Pistole und Scharfschützengewehr bis hin zu Raketenwerfer ist eine Reihe von durchschlagskräftigen Modellen vertreten.

Einige verfügen zudem über Sonderfunktionen, beispielsweise die Seeker-Gun, mit der ihr Projektile in Zeitlupe abschießt und diese sogar selbstständig ins Ziel lenken dürft. Ähnliche Slowmo-Effekte vereinfachen euch mit der Sniperwumme das Erledigen von Feinden, cool ist außerdem auch der Granatwerfer, mit dessen Alternativfeuer ihr ein lenkbares Projektil erhaltet, das ihr beispielsweise durch Lücken im Mauerwerk lotst, um dort etwa fiese Mutanten auszulöschen.

Packshot zu SingularitySingularityErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Zeitmanipulationsgerät

Die endgültige Brücke zu HL 2 schlägt jedoch das coole Zeitmanipulationsgerät, kurz ZMG. Mit diesem, an eurem linken Arm angebrachten Gadget, erhaltet ihr ein im Verlauf des Spiels zusehends mächtiger werdendes Werkzeug, mit dem ihr u.a. die Zeit beeinflusst, Gegenstände wie mit der berühmten Gravity Gun durch die Luft schweben und Widersacher alt aussehen lasst.

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Das Zeitmanipulationsgerät erweist sich als sehr mächtiges Multifunktionstool.
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Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit dem ZMG könnt ihr nicht nur zerfallene Treppen und andere Konstrukte wiederaufbauen (oder einreißen), Bilder und andere Objekte blitzschnell wieder in den Ursprungszustand versetzen, sondern auch Feinde in Sekundenschnelle zu Skeletten verarbeiten.

Das ZMG ist ein nützliches Multifunktionstool, mit dem ihr immer wieder kleinere Rätsel löst: Versperrt euch ein Ventilator den Weg, errichtet ihr flugs eine temporale Blockade und spaziert durch das Hindernis oder ihr setzt Kisten ein, um euch sonst unpassierbare Wege zu erschließen.

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Einige Waffen bieten bequeme Sonderfunktionen - wie dieses lenkbare Geschoss beweist!
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Singularity bietet mit seiner strengen Linearität zwar kaum Raum für erkundungshungrige Abenteurer, dafür aber jede Menge Geheimräume, in denen sich E99-Depots, Healthkits, Waffentechnologien, Bioformeln und Munitionslager verstecken. Mit all diesem Zeug erhaltet ihr verschiedene Währungen für Upgrades der Waffen und des ZMG in unterschiedlichen Kategorien. So teilt ihr bald nicht nur mehr Schaden aus, ihr verkraftet mehr Nahkampfattacken oder bleihaltige Angriffe, könnt mehr transportieren, greift effektiver an und so weiter.

Allmächtig?

Das Aufwerten der eigenen Fertigkeiten geht so weit, dass Renko am Ende eigentlich schon zu mächtig ist. Die ohnehin mit nur sehr wenig Intelligenz ausgestatteten Mutanten und Soldaten liefern bis dahin eh schon ziemlich schwachen Widerstand. Während sich die Mutationen und Monster wenigstens noch mit dem einen oder anderen Schockmoment oder Teleportfähigkeiten gefährlich machen, sind die meisten russischen Soldaten nicht mehr als Kanonenfutter, das sich häufig kaum wehrt oder auch noch auf der falschen Seite in Deckung geht.

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Alle Waffen und das TMG lassen sich in unterschiedlichen Kategorien upgraden.
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Sobald das ZMG jedoch sein letztes Upgrade erhalten hat und über unendlich Energie verfügt, seid ihr de facto unbesiegbar. Einen ähnlichen Designschnitzer gab es damals bei The Darkness, in Singularity kommt dieser Punkt glücklicherweise recht spät und hat daher recht wenig negative Auswirkungen auf den ansonsten mit einem guten Pacing ausgestatteten Spielablauf.

Die unterhaltsame Melange erfolgreicher Elemente aus Bioshock und Half-Life 2 ergibt noch keinen Toptitel, aber einen netten Sommer-Shooter.Fazit lesen

Raven versteht es gut, immer wieder dynamisch zwischen ruhigeren Rätseleinlagen und ausgedehnten Gefechtssituationen zu wechseln und so das Spannungsmoment über weite Strecken der ca. acht Stunden Spielzeit aufrechtzuerhalten. Durch den abwechslungsreichen Mix der Bewaffnung, des ZMG und verschiedener Mini-Rätsel kommt so selten Langeweile auf.

Zusätzlich sorgen die Soundeffekte sowie musikalischen Tracks für ein ansprechendes Horrorszenario, bei dem euch das eine oder andere Mal ein passabler Schrecken erwartet. Etwas übertrieben ist dagegen der Einsatz russischer Akzente bei den Sprechern, die von diesem Schnitzer abgesehen einen guten Job abliefern. Wie in Half Life 2 bleibt Renko hier auch das ganze Spiel über stumm.

Zwischen klassisch und altbacken

Singularity besteht nicht nur aus Versatzstücken bekannter Shooter und baut diese zu einem über weite Strecken gelungenen Actionspiel zusammen, Spieldesign und Optik sind überdies ziemlich altbacken. Aus der Unreal Engine 3 lässt sich heutzutage vermutlich nicht viel mehr rausholen, die Schwankung zwischen netter und überdurchschnittlich schöner Grafik und teils sehr verwaschenen und matschigen Texturen sowie leblos wirkenden Umgebungen hätten aber trotzdem nicht sein müssen - dafür läuft das Spiel durchgehend mit einer sehr konstanten Framerate.

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Am Ende werdet ihr dank ZMG fast schon übermächtig und räumt alle Feinde spielend aus dem Weg.
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Ähnlich angestaubt wirkt das ständige manuelle Aufheben von Munition und anderen Versorgungsgütern, die Abwesenheit eigener Speicherstände oder der Fakt, dass sich Türen an vielen Stellen automatisch hinter der Spielfigur schließen und so das weitere "Erforschen" verbauen. Dafür werden euch gleich drei unterschiedliche Endsequenzen geboten, die sogar ohne Weiteres abgerufen werden können.

Sobald ihr das erste Ende gesehen habt, müsst ihr lediglich das Game erneut mit "Spiel fortsetzen" starten und die beiden anderen Varianten ausprobieren. Der Epilog (nach den Credits) könnte sogar ein Hinweis auf eine eventuelle Fortsetzung enthalten...

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Dutzende Hinweise wie dieser sollen die Story vorantreiben und euch in die Irre führen - oder sagen sie die Wahrheit?
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Anders als Metro 2033, das ein ähnliches Szenario bietet, verlängert Singularity euer Spielvergnügen mit einem soliden Mehrspielermodus. Zwei Modi sorgen für Onlineunterhaltung. Neben "Kreaturen gegen Soldaten", das euch nichts anderes als Team-Deathmatch-Einsätze ermöglicht, wartet auch ein recht interessanter "Extermination"-Modus. Hier kämpfen Monster und Soldaten um eine Reihe von strategischen Punkten, die erobert und gehalten werden müssen. Ihr dürft den Charakteren sogar unterschiedliche Fertigkeiten zuweisen und das Spielerlebnis damit individualisieren. Auch hier gilt: weder innovativ noch Weltklasse, aber durchaus unterhaltsam.