Karaoke im eigenen Wohnzimmer, mit blendend aussehenden Freunden, Stimmung pur, über 300 Songs, kabellosen Mikros und glänzender Online-Funktion... Hätte Sony zudem behauptet »Singstar« (PS3) führe zu multiplen Orgasmen und produziere saubere Energie, wer hätte widersprechen wollen.

Doch nach der Politikmaxime »Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?« versetzte sich SCEE nach dem Europa-Release in selbst bestimmte Demenz. Angekündigte Features vergaß man dabei schneller als eine neu gewählte, afrikanische Regierung das Demokratieprinzip. Während die eigene Community schäumt und wütet, behält Sony die Ruhe und betreibt gezielte Nichtinformation. Denn man weiß: Solange irgendwo eine dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende.

Singstar - Sexy Werbespot

Es hätte alles so schön sein können. Schön, wie es nur in der Bacardi-Werbung oder halt einem Singstar-Intro ist. Will sagen, mit einer Gruppe strahlender Keksgesichter saufen, feiern, nach Herzenslust rocken, rappen, jazzen und … „poppen“. Fröhliche Menschen, die ihre Lieblingslieder schmettern und dabei allen Spaß der Welt haben. Die Arme und Beine so überhaupt nicht verwickelt in Mikrofon- und USB-Verlängerungskabel, die Chevignon-Jeans am Hintern, weil Singstar-Backgrounds nicht den Monatslohn eines chinesischen Gartenzwerglackierers kosten. Wahres Glück eben.

Singstar - Singstar 3 Nachlese – Sony sucht die Superdeppen

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Nicht nur wir sehen offenbar "rot"...
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Doch leider ist Sony das Reich des Bösen, wo Hoffnungen zerschmettert, Wünsche zerfetzt und Träume anschaffen geschickt werden. Wo selbst blutfreie Spiele Gewalt erzeugen. Wer etwa das Singstarkonzept als Positivbeispiel gegenüber »Killerspielen« nennt, sollte bedenken: Auch der 100.000ste Headshot wird nie den Mordtrieb anstacheln können wie ein Belinda-Carlisle-Titel für 1,49 €. Nicht umsonst lautet das vollständige Firmenmotto der Japaner: Made for entertainment (and beating little puppies senseless with a sharp stick). Ok, ok, ich gebe zu, Letzteres ist frei erfunden. Es sind Kätzchen und sie nehmen einen Hammer.

Aber noch schlimmer: SCEE führt die eigenen Kunden irrer als die es von Natur aus schon sind. Verkündet der Konzern doch bis zum heutigen Tag: „Dir steht nicht nur die gesamte Liedersammlung von PlayStation 2 mit über 300 Liedern online zum Herunterladen zur Verfügung, sondern auch brandneue Titel.“ Tatsächlich finden sich über einen Monat nach dem Release 66 Titel im Singstore. Dadurch fühle ich mich derart verkaspert, ich möchte fast von verseppelt sprechen.

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18 Lieder Coldplay? Jaa nee … is klaaa!
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Allein das Fehlen der alten Songs… Wer das freie »Ultrastar« für den PC kennt, weiß, wie einfach selbst begabte Laien ein beliebiges Lied innerhalb eines Tages »karaokefertig« herausputzen können. Sony hat für diese Aufgabe nicht nur Profis, sondern die gesamten »Oldies« bereits fix und fertig vorliegen. Trotz Blu-ray hat sich nicht einmal die Videoqualität gegenüber der letzten Spielgeneration verbessert, so dass dies auch nicht als Erklärung für die Veröffentlichungsträgheit nutzbar zu machen ist. Selbst der gerüchteweise eingetretene Streit um Verwertungsrechte erscheint wenig glaubhaft, denkt man an die identischen Vorversionen und daran, bei wem die betroffenen Künstler unter Vertrag stehen, nämlich Sony/BMG.

Als einzig schlüssige Begründung drängt sich auf: Sony fixt Spieler mit dem neuen Singstar an und hofft aufgrund der Abwärtskompatibilität den Markt von den »Altlasten« freizuräumen, sprich »Singstar R&B« und Co. für die PS 2 zu verkaufen.

Denn es dürfte die Hoffnung existieren, sobald irgendwann in der fernen Zukunft der Singstore entsprechend geupdatet ist, Kunden zum Zweitkauf ihrer Lieblingslieder zu bewegen. Dass der Verdacht nicht so unbegründet ist, wie er zunächst klingt, hängt mit einem anderen Ärgernis zusammen: Während es beim alten Singstar ohne weiteres möglich war, im laufenden Betrieb die Disc für den Zugriff auf andere Lieder zu wechseln, ist das auf der PS 3 nicht mehr der Fall. Man spielt mit der gekauften Version und den herunter geladenen Liedern – Basta!

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Wir wollen nicht nur Bösartigkeit unterstellen. Auch Dummheit ist ein wichtiger Faktor.
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D.h. aber: Der Wechsel zwischen den alten und dem aktuellen Spiel ist immer mit einem Neustart verbunden. Ein Schelm, wer denkt, hier habe der Hersteller willkürlich eine Unbequemlichkeit eingebaut, welche den Anreiz zum Neukauf bereits vorhandener Titel schafft. Was vor allem dann sauer aufstößt, wenn man sich vor Augen - und sinnvollerweise vor Ohren - führt, wie Sony sich mit dem in Rede stehenden Gedüdel bereits in Film, Funk, Fernsehen und Internet goldene Gliedmaßen verdient hat, bei denen es sich kaum nur noch um Nasen handeln kann.

Ich werde mich andererseits aber hüten, Publishern und Entwicklern ausschließlich Berechnung und Bösartigkeit zu unterstellen. Dummheit ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. Anders lassen sich einige Entscheidungen kaum erklären, welche nicht nur der bekannte Schuss ins Knie und – noch schlimmer – durch die eigene Geldbörse sind. Mehrsprachigen Sangesfreunden wird aufgefallen sein: Wer in den Spracheinstellungen von Singstar von Deutsch auf eine andere Sprache wechselt, entdeckt im Singstore plötzlich aufs Wundersamste eine Reihe bis dato nicht erhältlicher Titel.

Etwa im Spanischen »Héroes del Silencio«, deren »Entre dos Tierras« zumindest Fans der Serie »Niedrig und Kuhnt« kennen. Warum uns Teutonen dies vorenthalten? Wo doch bekanntermaßen die meisten Deutschen perfekt des Spanischen mächtig sind (der Mallorcaveteran weiß, „Schnitzel“ heißt auch auf und neben der iberischen Halbinsel „Schnitzel“, man muss es nur wesentlich lauter aussprechen).

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Europa wächst zusammen - aber nicht bei SingStar.
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Warum Europa trennen, wo es gerade zusammenwächst? Vielleicht bekommen die Italiener ihre Schwierigkeiten mit Maschinengewehrdeutsch à la „Sie ist weg“. Na und? Fantastische Vier, Dreimächtepakt, Zweitverwertung, Einheitsmusik - Schwund ist immer in der Völkergemeinschaft. Warum nicht jeden selbst entscheiden lassen?

Schleierhaft bleibt für mich zudem, warum »America« von »Razorlight« nur auf den deutschfreien Versionen mit Altersfreigabe 12+ enthalten, allerdings nicht im Singstore zu kaufen ist. Ich wurde mit deren Geschrammel den letzten Radiosommer durchgehend beschallt. 10.000 Punkte schaffe ich daher selbst dann, wenn ihr mich mit dem Nasenring an Björks Intimpiercing kettet.

Die einzige Verzögerung, die es mit der des Singstore Updates aufnehmen kann, ist die bei manchen HDMI-Ausgängen auftretende. Hier klingen aufgrund eines technischen Fehlers die Sänger, als hielten sie das Mikro vor Körperöffnungen, aus denen landläufig nur die Jungs von »Knorkator« singen. Neue Bugs in alte Produkte einbauen – eine respektable Leistung und Grundqualifikation für eine Bewerbung bei EA.

Letztlich finde ich aber besonders bezeichnend: Trotz des massiven Unbills macht sich die Online-Community einfach ihr eigenes Späßchen. Die beste Unterhaltung am Produkt ist somit nicht Sonys Verdienst.

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Gorillaz: Gottes Zoo in denkbar schräger Form.
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Auf den Servern findet sich Gottes Zoo in denkbar schräger Form. Es gibt die wirklich guten Sänger und Sängerinnen, die vollkommen bekloppten Nerds, Großmütter, die sich abrollen vor Lachen, harte Männer, die „Something Stupid“ mit Nicole Kidman und Robbie Williams fisteln, eine Dame, die zur vermuteten Freude des Tierarztes ihrem Hund Coldplays „I will fix you“ prophezeit, die pubertierende Tochter, die peinlich berührt mit ihrem sichtlich begeisterten Vater im Duett singt, ein junger Mann, der sich mit seinem bettlägerigen Bruder ein Mikro teilt oder die Kinder des Users „Monkeys-Vomit“.

Entgegen aller Vorurteile gegenüber Spielern im Allgemeinen, sowie Suggestionen durch dessen Nick im Speziellen, wirken seine Zöglinge sehr glücklich, zufrieden und in bester Doppelnegation schlecht verzogen.

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Geöffnete Blusen und kurze Hosen.
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Es gibt die Tussis, die schräges Gekiekse durch geöffnete Blusen und kurze Hosen wettmachen wollen, und die Typen, denen nur Wookie- oder »Darth Vader«-Maske aus dem Quotentief helfen. Aber alle haben tatsächlich Freude. Vermutlich sogar mehr als die durchgestylten MTV-Zombies, die im Intro die Vorhüpfer mimen.

Um diese Zufriedenheit nicht zu verlieren, muss man die oben ausgeführten Kritikpunkte vielleicht einfach ein wenig positiver formulieren: 65,95 € - wo wird man heute noch so billig gefickt?