"Hören Sie mal, Schütz", sagte mein alter Freund Heise zu mir, "Sie waren noch gar nicht bei mir draußen, im Simulationshaus. Ich erwarte Sie morgen Nachmittag!" Simulationshaus? dachte ich. Ist der Mann jetzt auf "Second Life" umgestiegen? Was mag das sein? Aber ich war doch neugierig und ging hin.

Professor Heise ist ein sehr gelehrter Mensch und einer der größten Virtual-Reality-Forscher der Zunft. Sein Laboratorium liegt weit draußen im Grünen, in der Mark, wo sie am stillsten und wo sie am sandigsten ist. Flach ist das Land, am Horizont immer derselbe braune Kiefernstrich, graue Chausseen und hier und da ein See, stilles Auge der Landschaft - aber was ist es mit Heise?

"Guten Tag, Herr Professor!" begrüßte ich ihn.

"Mensch, Schütz!" sagte er. "Endlich sehe ich Sie mal bei mir! Setzen Sie sich da in den Sessel. Nein, in den nicht! Auf dem hat Sid Meier mal gesessen, der ist geweiht - ja, ich werde Ihnen also meinen Laden vorführen. Passen Sie auf!"

Ich passte.

"Sie haben doch sicher schon von dem guten Grundsatz gehört: Zeit ist Geld!"

Simulation - Der Mann mit den Simulationen (frei geklaut bei Tucholsky)

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Professor Heise demonstriert seine Lebenssimulationstechnik.
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Ich konnte es nicht leugnen. "Nun sehen Sie, ich habe mir ausgerechnet, dass die Menschen viel zu viel Zeit in der Realität mit den Wegen verbringen, um zum Ziel zu gelangen. Ich gebe ihnen gleich das Ziel."

"Mit den Wegen?" sagte ich. "Und: gleich das Ziel? Haben Sie ein neues Automobil konstruiert?"

"Schnickschnack!" sagte er. "Aber so etwas Ähnliches schon. Die Menschen verschwenden Zeit und Mühe, um einen Effekt zu erreichen - aber der Effekt entspricht meist gar nicht der aufgewendeten Arbeit. Das goldene Gesetz der Mechanik besteht, aber das Produkt von Zeit und Kraft verlohnt oft kaum der Mühe. Hier musste eingeschritten werden!"

Ich bejahte höflich und nahm mir zur Belohnung eine wundervolle Zigarre.

"Wenn", fuhr der erfindungsreiche Heise fort, "wir vergleichen, wie lange und intensiv sich einer abplagen muss, um richtig betrunken zu werden, wieviel Geld, Zeit und Ärger er an dieses Bestreben wendet, so komme ich zu dem Ergebnis, dass es die oberste Aufgabe der Wissenschaft sein muss, hier helfend einzugreifen." Ich lauschte gespannt. Das ging auch mich an.

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Nie wieder Alkohol - endlich Digitalsuff inklusive virtuellem Kater.
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"Ich habe nun zu diesem Behufe", sagte der Professor, "eine Technik ersonnen, die es möglich macht, jedes gewünschte Ziel, ich will sagen, fast jedes, ohne Mühe und Kummer zu erreichen. Kommen Sie mit!" Wir gingen durch weißgetünchte Gänge in den Park hinaus, unter dem grauen, märkischen Himmel hin, durch Alleen und an Gebüschen vorbei, zu einem kleinen Haus. In das traten wir ein. "Hier ist Zimmer Nummer eins", sagte der Professor und öffnete eine Tür, "hier ist die Simulation für diejenigen, die sich betrinken wollen. Da kommt einer!"

Ein Ingenieur führte einen Mann herein, der unternehmungslustig die Basecap schief in die Stirn gedrückt hatte, er war völlig nüchtern und blinzelte heiter. "Darf ich bitten", sagte der Ingenieur und der Mann setzte sich. Der Ingenieur holte ein Brain-Computer-Interface aus einem Schrank, das er dem Professor reichte. Es handelte sich um ein Konstrukt aus verkabelten Elektroden, welches an einen brummenden Computer angeschlossen wurde. Der Professor näherte sich dem Herrn, setzte dessen Kappe ab und brachte die Kontakte des Interfaces an dessen Kopf an.

Augenblicklich war der Mann knüppeldicke besoffen. Er grinste freundlich, schloss halb die Augen, lallte etwas von: "Anna - warum liebst du mich nicht mehr?" und entschlummerte sanft in den Armen des bereitstehenden Ingenieurs. Der Professor strahlte. "Na?" sagte er. "Was sagen Sie nun? - Der Mann braucht nicht in die Kneipe zu gehen, er braucht sich nicht verhaften zu lassen, wenn er randaliert und Fensterscheiben entzweigeschlagen hat. Morgen früh erwacht er glücklich, zufrieden und mit einem Mordskater. Kommen Sie weiter!"

Wir gingen in das nächste Zimmer. "Hier können wir an Ihnen selbst einen Versuch machen", sagte Heise. "Setzen Sie sich und halten Sie ihren Kopf still."

"Um Gotteswillen ... " wollte ich sagen. Aber schon verspürte ich die kühlen Kontakte am Kopf. Grelle Blitze folgten. Als diese abebbten, sah mich der Professor triumphierend an: "Nun?"

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Sauber, schnell, stressfrei: Computerpimpern erspart das lästige "Frühstück danach".
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Ich war pumpssatt. Ich bin schon oft wirklich satt gewesen - als mein Freund Wunsch damals seine Geliebte losgeworden war, gab er seinen Bekannten ein Festessen. Damals war ich wirklich voll. Auch als ich auf ebay die gesamten Speisekammervorräte des Naturmenschen Hammerschmidt erstand (der laut Artikelbeschreibung von Pflanzenkost dahinvegetierte) - auch da war ich richtig satt - aber noch nie so wie jetzt. Ich hatte das angenehme Gefühl, ein richtiges Diner von drei Metern Höhe und vier Metern Breite hinter mir zu haben - es war so l'heure du café - die Stunde, da man aller Welt verzeiht. Ich ächzte leise.

"Mahlzeit!" sagte Heise. "Wie ist Ihnen?" - "Haben Sie einen Kognak?" fragte ich. Ich bekam ihn und durfte in das nächste Zimmer gehen. Da gab es Musiksimulationen, nach denen einem ganz benebelt im Kopf wurde - man brauchte nicht mehr zu denken, Töne wirbelten durch das innere Gehör, und die Welt versank - so herrlich war das. In einem anderen Zimmer wurde ›Lyrik‹ verzapft und in einem ›Politik‹ (von dieser Simulation wurde den meisten schwer übel) und ›Tanz‹ und ...

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Bulettenbräters Beitrag zum Welthunger: Simulationen, die schwer im Magen liegt.
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"Sagen Sie", fragte ich den Professor, "geht denn das Unternehmen gut?"

"Schütz", sagte er. "Berlin ist anderthalb Stunden weit weg. Kennen Sie den Berliner? Eine bessere Kundschaft ist nicht denkbar. Er will immer Neues haben. Ihm kann es nie schnell genug gehn. Er braucht Abwechslung ohne Sammlung, neue Ziele ohne Mühsal, Reisen ohne Zeitverlust, er ist ein moderner Mensch!"

Wir traten in ein neues Zimmer. "Sind Sie verheiratet, Schütz?" fragte Heise.

"Nein", sagte ich. Dabei bin ich es ein bisschen, aber was ging das ihn an? - "Dann kann ich Ihnen diese Simulation hier nicht so recht zeigen", sagte er. "Sehen Sie - hier - hier werden ... " - "Ich weiß schon", sagte ich und wurde rot. Er geleitete mich hinaus.

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Sehen, spielen, sterben: Lebenskonzentrat für Ungeduldige.
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"Die anderen Zimmer sind noch nicht in Betrieb", erklärte er. "Ich habe noch nicht die Lösung für alle Simulationen gefunden. Es ist eine mühselige Sache. Aber es lohnt sich, es lohnt sich. Wir hatten gestern 156 Kunden, und das steigt mit jedem Tag. Ja, es ist ein herrlicher Erfolg!"

"Herr Professor", sagte ich, "aber eine Simulation fehlt!"

"Welche?" rief er.

"Nun", sagte ich, "warum konstruieren Sie nicht eine für sich selbst, die Ihnen das Leben erspart? Eine, die das ganze Leben konzentriert enthält, so dass Sie nur noch zu sterben brauchen?" Ich sah ihn gespannt an.

"Wissen Sie", sagte er gedehnt, "das möchte ich doch lieber leben."

Und da schmunzelte ich mein schönstes Schmunzeln und fuhr heim zu Muttern.

(frei nach Tucholsky)