Wenn Chaos das halbe Leben ist, so ist man geneigt zu fragen, woraus wohl die andere Hälfte bestehen mag. Vermutlich aus dem vergeblichen Versuch, Ordnung in eben jenes zu bringen… Womit wir beim Thema »Simon the Sorcerer« wären, in dem ein reinlichkeitsfanatischer Doppelgänger des dreifachen Adventure-Helden die Weltherrschaft anstrebt - oder war es die Weltordnung?

Simon the Sorcerer - Chaos ist das halbe Leben - Trailer

Aller guten Dinge sind Vier minus Eins
Guybrush Threepwood, Larry Laffer, Simon the Sorcerer - bei der Frage nach den drei komischsten Spielehelden der Adventure-Geschichte dürften diese Namen nicht nur Nostalgikern wie aus der Pistole geschossen über die Lippen gehen. Aller guten Dinge sind eben diese drei, und alle drei sind guter Dinge - und derer Drei Spiele sind alle gut.

Simon the Sorcerer - Chaos ist das halbe Leben - Der Mann mit der dämlichen Mütze ist zurück!

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In Simon 4 sind nur die Charaktere in 3D. Der Rest besteht aus 2D-Hintergründen.
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Nicht so, wenn es um Simon geht. Nach seinen beiden legendären Auftritten im zweidimensionalen VGA-Gewand Anfang der 90er wirkte er in seinem letztmaligen 3D-Auftritt eher wie ein pubertärer Nussknacker im Schlafanzug. Diesen Fauxpas ungeschehen zu machen, geloben nun die Berliner Entwickler von Silver Style, die zuvor unter anderem mit dem Rollenspiel »The Fall« auf sich aufmerksam machten. Aber werden mit »Simon the Sorcerer 4« wirklich aller guten Dinge Vier minus Eins?

Ordnung ist die andere Hälfte vom halben Leben
Wer von seinem kleinen Bruder eine Fernbedienung an den Kopf geworfen bekommt, weil dieser partout nicht auf eine neue Folge von »Flischflauschi-Girl« verzichten möchte, hat es schon nicht leicht im Leben. Wer daraufhin aber in einer Vision mitgeteilt bekommt, er möge doch bitte eine Zauberwelt vor der drohenden Vernichtung retten, befindet sich in echten Schwierigkeiten. Und wenn dann noch die Freundin mit einem Schluss macht, ohne dass man überhaupt mit ihr zusammen war, kann der werte Name eigentlich nur noch Simon lauten und die beschriebene Szene den Auftakt zu seinem neuesten Abenteuer markieren.

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Mit dem Rotkäppchen ist nicht zu spaßen...
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Doch nach seiner Ankunft in der Märchenwelt fehlt erstmal jedes Anzeichen einer Bedrohung. Im Gegenteil scheint alles in bester Ordnung zu sein - genauer: in viel zu viel Ordnung. Denn seit geraumer Zeit geht ein Simon-Doppelgänger dort um, der so ganz das Gegenteil des Adventure-Helden zu sein scheint: höflich, hilfsbereit und ordnungsliebend. Kurz gesagt, ein Schwiegersohn, wie er im Buche steht. Aber wie immer bei Spießern werden die Leichen nicht auf dem offensichtlichen Silbertablett serviert, sondern sind vorschriftsgemäß und fein säuberlich im Keller vergraben.

Vor den Kellerschlüssel hat Gott allerdings - wie in Adventurespielen so üblich - über hundert Rätsel gesetzt, die es zu lösen gilt. Gleich eines der ersten zeigt ganz gut, welche Marschrichtung die »Simon«-Serie in dieser Hinsicht eingeschlagen hat: So müsst ihr dem Rotkäppchen helfen, seine schwarze Baseballkappe wiederzuerlangen, die ihm von einem blutrünstigen Killer-Karnickel geklaut wurde - die Ritter der Kokosnuss winken mit dem Zaunpfahl ihres Gebüschs. Das Rotkäppchen ist nämlich in Wirklichkeit gar nicht süß - es wird nur aufgrund seiner roten Behelfsmütze dafür gehalten. Eigentlich ist es eine rotzfreche Göre, die mit Vorliebe ambitionierte Möchtegern-Zauberer drangsaliert und dem Rest der Welt auf den Geist geht.

Es dem Luder heimzahlen kann selbstverständlich nur der Böse Wolf, der allerdings lieber flaschenweise Alkohol statt Großmüttern vertilgt und dafür im Selbstmitleid statt im Blut seiner Opfer badet. Aber Simon wäre nicht Simon, wenn er dem Japperlappen nicht wieder auf die Sprünge helfen könnte…

Märchenonkel auf Sliwowitz
Mit seinen zahlreichen Anspielungen auf bekannte Märchen trifft »Simon the Sorcerer« 14 Jahre nach seinem ersten Auftritt überraschend genau den Nerv der Zeit. Glücklicherweise bewegt sich der Humor eher in ehrfürchtigen »Monkey Island«-Regionen, statt in den Klamauk eines »7 Zwerge« abzudriften. Auch die vornehmlich pubertären und dennoch äußerst bärtigen Witze des dritten Teils wurden im neuesten Streich durch gekonnten Wortwitz und treffsichere Pointen ersetzt. Besonders beliebt bei den Gagschreibern waren offensichtlich Seitenhiebe auf das Spiel selbst und sein Genre. So bedauert Simon beispielsweise des Öfteren, nicht in einem Rollenspiel zu sein - denn dort könnte er seine wenig ausgeprägten Skills verbessern. An anderer Stelle kommentiert er etwa das Auffinden eines Strickes mit den Worten: "Wenn du ein Seil findest, nimm es mit! Alte Adventure-Regel."

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Blutrünstiger Wolf in der Midlife Crisis. Simon weiß Rat.
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Eine alte Adventure-Regel besagt auch, dass Rätsel anspruchsvoll genug sein sollten, um zu fordern, aber dennoch so logisch auszufallen haben, dass sie durch rein geistige Anstrengungen lösbar sind. Hier wandelt »Simon« auf einem schmalen Grat, der gelegentlich zur scharfen Kante wird. Denn des Öfteren ist gehöriges Um-die-Ecke-Denken erforderlich, um auf die richtige Lösung zu kommen. Hinzu kommt, dass von Zeit und Zeit an bereits bereisten Orten Veränderungen eintreten, auf die der Spieler aber keinerlei oder kaum Hinweise erhält. Daher bleibt ihm nichts anderes übrig, als regelmäßig sämtliche Orte aufzusuchen.

Diese lassen sich glücklicherweise auf einer komfortablen Übersichtskarte bereisen. Ganz Eilige nutzen den mittlerweile zum Standard-Repertoire gehörenden Doppelklick mit Teleportations-Garantie. Da stehen dem Geschwindigkeitsrausch nur noch die für ein Adventure verhältnismäßig langen Ladezeiten im Weg.

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Malen nach Zahlen: Der Marktplatz wirkt wie mit dem Lineal gezogen.
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Woher die rühren, ist uns ehrlich gesagt das größte Rätsel am vierten Simon-Abenteuer: Denn die Grafik ist zwar solide gerendert, aber nicht sonderlich aufwändig. Leider wirken einige Schauplätze etwas lieblos und zu formstreng, um eine Welt zu suggerieren, in der Chaos angeblich das halbe Leben sein soll. Vor allem die Animationen der ansonsten schön detaillierten 3D-Charaktere machen den Eindruck von Klotz am Bein auf Füßen.

In Sachen Sprachausgabe bleibt »Simon 4« der Tradition der Serie treu: Teil 1 gilt als eines der ersten PC-Spiele überhaupt, für die eine aufwändige und höchst gelungene Vertonung betrieben wurde, und die jüngste Folge steht dem in nichts nach. Leider orientierte man sich aber auch bei der Musik an den »Tugenden« der ersten Episode: Denn schon dort dudelte eine gelangweilte Melodie die immer gleichen Töne uninspiriert vor sich hin.