Die Spieleszene meckert in Einigkeit, weil Maxis weder sich noch der Kundschaft einen Gefallen tut. Sim Citys Online-Zwang und damit verbundene Server-Querelen schlugen in den letzten Tagen hohe Wellen. Inzwischen ist das Problem mit den Servern aber beinahe vollständig behoben, sodass endlich das Spiel in den Fokus rückt.

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Was für ein idyllisches Nest Rattenloch doch sein kann. Zwar völlig falsch konzipiert und viel zu großzügig aufgeteilt, aber immerhin wohnen hier glückliche Bürger, die mit Freude ihre Steuern zahlen. Ich beobachte, wie sie jeden Morgen im Zeitraffer zur Arbeit wuseln, geduldig im Stau stehen, die Stadt gar kurzzeitig verlassen. Doch am Abend kehrt jeder in seine trauten vier Wände zurück, ganz ohne Arztbehandlung oder sonstige Bedürfnisse. Ganz im Gegensatz zu ihren sensiblen Nachbarn aus Buckelstadt, die wegen jedes Wehwehchens zu Onkel Doktor rennen. Nur wegen so eines bisschen unreinen Wassers.

Diese Weicheier. Sie sollten sich freuen, dass sie in einer echten Metropole wohnen, mit einem Flughafen, touristischen Attraktionen und einem schönen Fluss. Aber nein, stattdessen protestieren sie in Hundertschaften vor dem Rathaus und zerlegen vor Wut den Brunnen meiner bescheidenen kleinen Millionärsvilla am grünen Stadtrand. Mensch, was kann ich denn dafür, dass der blöde Fluss die Region zukleistert?

Als ich mit der Stadtgründung Buckelstadts begann, hatte ich nicht genug Finanzmittel, um teure Brücken zu bauen und Wassertanks am gegenüberliegenden Ufer zu platzieren. Inzwischen ist der Ort zu stark angewachsen, als dass Platz für ein riesiges Wasserwerk bereitstünde. Es sei denn, ich mache schöne Wohn- und Gewerbeblocks platt, deren Spitzen stolz in den Himmel ragen. Nein und nochmals nein, ich verschwende derart wertvolle Grundstücke nicht für schnöde Stadtwerke!

SimCity - Die Online-Querelen mögen nervig sein, aber das Spiel dahinter macht unglaublich süchtig

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Rattenloch ist ein verschlafenes Nest mit zufriedenen Bürgern. Das organische wirkende Straßennetz verschwendet zwar Unmengen Platz, sieht aber schön aus.
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Hier wohnen Gutbetuchte, denen ich Steuern aus der Nase presse. Mein finanzielles Rückgrat. Die Anderen sollen sich nicht so anstellen, immerhin geht es den Leuten hier immer noch besser als den beiden westwärts gelegenen Siedlungen, deren Kohle- und Ölförderung an der Stelle stattfindet, wo es etwas zu holen gibt: mitten im Stadtzentrum. Folglich gilt Husten dort als Hausmusik. Ich kann es als Bürgermeister bei bestem Willen nicht allen recht machen.

Bürgermeister? Diese Berufsbezeichnung ist eine Untertreibung. Ich bin alles. Der Obermotz, der ganz große Käse, der Klops der Klopse, Nummero Uno Ocho. Stadtplaner, Kassenmeister, politischer Entscheidungsträger und Katastrophenmanager in einem. Bleibt dazwischen noch ein wenig Zeit, dann bin ich selbstverständlich auch der bevölkerungsnahe, gut gelaunte Bürgermeister, der darüber hinwegsieht, dass die Feuerwehr heute mal lieber selbst zündelt, als Brände zu löschen.

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Ich genehmige Blockpartys, obwohl sie die hiesige Müllabfuhr tierisch auf Trab halten, finanziere sündhaft teure Forschungsprojekte, die meiner Stadt überhaupt nichts einbringen, aber das Studentenvolk bei Laune halten, und blase der Wirtschaft Zucker in den Allerwertesten.

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Verständliche Grafikebenen zeigen ganz genau, wo in einer Stadt Probleme bestehen.
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Erstaunlich, wie unkompliziert die Handhabung all dieser Aufgaben ausfällt. Eine kleine Menüleiste am unteren Bildschirmrand liefert mannigfaltige Optionen, die abseits einiger freischaltbarer Spezialgebäude völlig freie Hand gewährt. Ich ziehe Straßennetze, die sich organisch an Berg und Tal schmiegen, wenn ich es wünsche, teile Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete zu, koordiniere mit wenigen Klicks Müll, Abwasser und Energieversorgung. Einmal platziert, läuft vieles davon automatisch ab, daher bleibt mir ein Babysitterjob erspart.

Dennoch führt eine Aufgabe zur nächsten und das Hundertsel ins Tausendstel. Eine Stadt braucht Bewohner, Bewohner brauchen Häuser und Arbeit, Arbeitgeber benötigen eine gute Infrastruktur, die wiederum vom Verkehrsnetz, dem Handel und der Bildung meiner Bürger abhängt. Ressourcen wollen herangeschafft, Schulkinder transportiert, Patienten behandelt, Touristen angelockt, Brände gelöscht und Verbrecher gefangen werden. Wenn dann noch eine Katastrophe naht, etwa ein Tornado, ein Meteoritenschauer oder gar eine Zombie-Seuche, scheint die Aufgabenliste ins Unendliche zu wachsen.

Da lacht der Denkapparat

Grund zur Panik besteht keinesfalls, mag mein virtueller Arbeitstag noch so chaotisch ausfallen. Sim City verlangt nie flinke Reflexe. Wenn es sein muss, halte ich die Zeit einfach an, zoome bis zum Anschlag in die Tiefen der Stadt hinein und schaue mir jedes Häusle einzeln an. Das Krankenhaus weist Patienten ab? Na, dann baue ich doch einfach einen weiteren Flügel dran und finanziere zwei weitere Krankenwagen.

EA wurde genug abgestraft. Belohnt euch lieber selbst mit Nächten voller Stadtplanung.Fazit lesen

Wo der Schuh drückt, zeigen unzählige Statistiken und zuschaltbare Grafikschichten, die trotz ihrer Komplexität nie überladen wirken. Das neue Sim City ist so zugänglich wie einst auf dem C64 oder dem Super Nintendo. Alles, was man braucht, ist Geduld, Hingabe und eine Menge Saft im Oberstübchen.

Mein Hirn rattert jedenfalls unaufhörlich. Wann, wo und wie man eine Einrichtung aufstellt, verändert sich mit den Erfahrungswerten auf unterschiedlichen Terrains. Ökostrom mag für eine gesunde Stadt attraktiv sein, aber wenn der Rubel in der Wirtschaft rollen soll, müssen Verbrennungskraftwerke oder ein Atom-Meiler ran. So manche Erkenntnis über strukturelle Vorteile wird redundant, wenn Berge und Flüsse Wege versperren. Keine Stadt gleicht der nächsten, weil die Möglichkeiten so vielfältig sind. Ich komme mir vor wie ein Kind vor einer Kiste Lego-Steinen. Lebende Lego-Steine, die von selbst wachsen, wenn man sie nur richtig anordnet.

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Wer ganz weit in die Stadt hereinzoomt, kann seinen Sims bei Alltagsbeschäftigungen zusehen. Sim Citys liebevoll vermittelte Illusion einer lebenden Miniaturwelt fasziniert ungemein.
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Im Gegensatz zu vielen anderen Simulationen erfreut Sim City somit nicht nur den Denkapparat, sondern auch Auge und Ohr. Nicht mit epischer HD-Grafik und akustischem Brimborium. Die sind durchaus nett anzusehen, aber darum geht es nicht. Sim City pendelt liebevoll zwischen Funktionalität und Pflegegetüttel. Manchmal lasse ich Fünfe gerade sein und beobachte einfach nur, wie meine Siedlung wächst, lasse feinfühlige, dynamische, exzellent ausgearbeitete Musik auf mich wirken und versinke in einer faszinierenden Trance zwischen Neugierde und Allmachtskomplex.

Sim City ist so vielseitig wie ein Ball. Obwohl mit dem Bau eines regionalen Großprojekts – etwa ein internationaler Flughafen oder gar ein Raketenbahnhof – ein hohes Spielziel gesteckt wurde, gibt es keinen Zwang, dem Ruf zu folgen. Am Anfang versucht man natürlich alles zu maximieren. Dicht besiedelte Metropolen will man bauen, Rohstoffe der Region fördern, Technologien entwickeln.

Doch die Pflege eine kleinen Dorfs kann genauso spannend sein. Was passiert, wenn ich eine kleine Siedlung nicht weiter ausbaue? Schaffe ich es, ein umweltfreundliches und gesundheitlich unbedenkliches Utopia zu errichten? Oder ich lasse die Würfel sprechen und halse meinem Örtchen permanent Katastrophen auf, um mich an der Zerstörung zu ergötzen?

Nicht jede Kleinigkeit misst sich an realistischen Verhältnissen, und im Vergleich mit früheren Sim-City-Spielen vereinfacht Maxis einige Zusammenhänge. Das Rezept ist jedoch stimmig, weil es Kreativität und Management in ausgewogenem Verhältnis zulässt. Lediglich die stumpfe Pathfinding-Routine des Personenverkehrs kann ganz schön nerven, weil Sims trotz ausreichender Umgehungsmöglichkeiten immer Straßen mit Sehenswürdigkeiten bevorzugen und ansonsten schnurstracks ihrem Ziel entgegenfahren.

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Panik, ein Meteoritenschauer! Katastrophen geschehen zufällig, können aber auch absichtlich herbeigeführt werden.
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Staus, die unsinnigerweise alle Blaulichtkolonnen aufhalten, verhindert man nicht durch geschickte Stadtplanung, sondern durch Verdichtung des Straßennetzes und kleine Tricks. Etwa durch absichtliches Abschneiden direkter Routen, wodurch Zwangsumleitungen zustande kommen. Schade.

Ebenfalls nicht vollends gelungen scheint mir das Größenverhältnis einiger Bauten im Zusammenhang mit den auferlegten Stadtgrenzen. Es mag witzig sein, berühmte Attraktionen wie den Kölner Dom oder Sidneys Opernhaus aufzustellen. Zumal sie jede Menge Touristen anlocken. Aber das Verhältnis zwischen Platzanspruch und finanzieller wie strategischer Ausbeute ist oft zu unausgeglichen.

Dass Maxis diesmal arg begrenzte Flächen zur Verfügung stellt, wurde im Vorfeld oft kritisiert, stellt aber nicht zwingend ein Problem dar. Es hilft, alle Mühen auf die Steigerung der Grundstückswerte zu verlagern und Bürger zum Errichten riesiger Hochhäuser zu verleiten. Klar, ein wenig mehr Platz wäre der Kreativität noch zuträglicher gewesen, aber grundsätzlich genügt jede Baufläche.

Und online so?

Nicht zuletzt, weil man diesmal bis zu vier Städte einer großen Region kontrolliert. Wer seine Ortschaften spezialisiert und regionalen Austausch von Rohstoffen und Arbeitern fördert, spart Platz, regt die Wirtschaft an und bekommt auch eines der Großprojekte gestemmt. Dazu gehört allerdings viel Organisation.

Das neue Sim City lässt mir die Wahl zwischen Alleinherrschaft und kooperativer Regionsplanung. Soll heißen: Weitere Spieler dürfen sich online in eine Sitzung einloggen, um Teile eine Region in Zusammenarbeit zu verplanen. Jeder übernimmt in dem Fall eine bis zwei Städte – mehr ist allein aufgrund des Aufwands nicht drin.

Der Mehrspielergedanke ist nicht schlecht, aber unheimlich kommunikationsabhängig. Spielen nicht mehrere Vollprofis von selbst in eine gemeinsame Richtung, ist gezielte Planung nur durch ständige verbale Absprache möglich, weil die Regionsübersicht nur anzeigt, was eine andere Stadt dringend braucht, nicht aber, auf welche Strategie sich der Mitspieler einstellt. Zudem sind alle Interaktionen indirekt. Innerhalb von Sim City kommt man nie mit einem Gegenüber in Berührung. Man kann allenfalls andere Städte als Zuschauer besuchen oder von sich aus Arbeitskräfte zur Verfügung stellen. Da wäre mehr möglich gewesen.

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Auf dieser Multiplayer-Map liegen die drei Berliner Stadtteile Charlottenburg, Marzahn und Schöneberg erstaunlich dicht beieinander. Ohne gezielte Zusammenarbeit kommt ein Großflughafen wohl nie zustande.
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Leider unterliegen auch Einzelspieler einem Online-Zwang, der durch Maxis hintergründige Simulationsanteil begründet ist. EAs Server übernehmen sämtliche Berechnungen und überlassen dem heimischen PC lediglich den grafischen Anteil der Darstellung. Das mag schwachen Rechnern zugutekommen,wirkt aber unnötig. Sim City funktionierte schon vorher prima, als es noch lokal berechnet wurde – sogar mit komplexerem Simulationsanteil. Siehe Sim City 2000, da sollte man sogar Abwasserkanäle und U-Bahn-Tunnel selbst verlegen. Das bleibt mir diesmal erspart, da alle Spielelemente oberirdisch ablaufen.

Angesichts allen Ärgers, den Server-Ausfälle und Kapazitätsengpässe bislang verursachten, ist der Vorteil der konstanten Berechnungsgeschwindigkeit zu vernachlässigen. Das alleine reicht als Argument für einen Online-Zwang nicht aus. Zumal ein gewaltiger Schnitzer den Spaß trübt. EA mag nun mehr Server aufgestellt haben, um Spielzugänge zu garantieren, aber deren Kapazität ist weiterhin gering.

Die Maßnahme nützt also überhaupt nichts, wenn mein bisher genutzter Server voll ausgelastet ist. Ähnlich wie bei einem MMO liegen werden alle Daten extern gespeichert. Ein Server-Wechsel bedeutet, in einer neuen Region komplett von vorne anzufangen.

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Sidney hat Asphaltia mal schnell das berühmte Opernhaus geliehen. Könnte aber auch ein chinesisches Plagiat sein.
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Dieses Manko sollte Maxis unbedingt beheben. Vielleicht könnte ein Patch auch die Stadtgrenzen ein wenig erweitern. Anderweitig bleibt meine Kritik jedoch wohlwollend. Ich hatte in letzter Zeit selten mehr Spaß mit einem PC-Spiel. Und vor allem selten länger am Stück. Sechs Stunden am Stück fesseln mich sonst höchstens Online-Rollenspiele.

Klar, es gäbe durchaus ein paar allgemeine Verbesserungsmöglichkeiten. Neben erweiterten Stadtgrenzen und optimierter Pfadberechnung für den Verkehr gehört eine Art zentrale Mega-Metropole dazu. So wie Frankfurt als Zentrale für das Rhein-Main-Gebiet fungiert, könnte eine Mega-Metropole den Zweck des wirtschaftlichen Zusammenschlusses mehrerer Orte interessanter machen.

Es würde auch den Bau von Großprojekten wie einen internationalen Flughafen einen verständlichere Zweck unterjubeln. Aber das sind nur Details. Der Weg, den Maxis gestalterisch eingeschlagen hat, ist definitiv der Richtige.