Rainer Werner Fassbinder verfilmte in den siebziger Jahren den Roman „Simulacron 3“ und nannte den Streifen „Welt am Draht“. Was das mit dem neuen SimCity von Maxis zu tun hat? Nun, angesichts des auferlegten Online-Zwangs und der heftigen Server-Probleme seitens EA erhält die Referenz eine doppelte Bedeutung.

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In Fassbinders „Welt am Draht“ simuliert ein Supercomputer eine Kleinstadt inklusive seiner Bewohner. Der Autor der Romanvorlage, Daniel F. Galouye, war sich offensichtlich nicht im Klaren, dass seine philosophisch tiefgründige Science-Fiction-Vision gar keinen Supercomputer benötigt. Nicht einmal ein Vierteljahrhundert später simulierte jeder handelsübliche Commodore 64 bereits viele nachvollziehbare Entwicklungsstufen einer Stadt in Maxis Videospielknüller Sim City.

Zugegeben, dessen Bewohner hatten kein eigenes Bewusstsein, drohten nie mit Selbstmord und versuchten auch nie, in eine andere Realität vorzudringen. Trotzdem versprühten sie eine ähnlich gespenstige Faszination: Man spielte nicht nur, man herrschte über seine kleinen Stadtbewohner, beobachtete, pflegte und säuberte ihren virtuellen Heimatort, auf dass der Wohlstand sprieße.

Richtig gern hatte man seine kleinen Bürger, auch wenn man sie nie antraf. Schwarze Striche auf von Stau verstopften Straßen waren ihr einziges Lebenszeichen, wenn man von allerhand Umfragewerten und den nackten Einwohnerzahlen absieht.

Nun ist ein weiteres Vierteljahrhundert seit der Romanvorlage vergangen und es hat sich nicht viel geändert. Aus der Perspektive der siebziger Jahre sitzen wir längst an Supercomputern und ergötzen uns an simulierter göttlicher Allmacht. „Am Draht“ hängen wir sowieso alle. In diesem Fall hängt die Welt wie ein Rudel Wolfsjunge an der Zitze der EA-Server. Jeder darf ein paar Minuten zum Säugen ran, aber da der Wurf viel größer ausfällt als erwartet, müssen manche Verzicht üben. Ich als Vertreter von gamona genauso wie jeder andere.

SimCity - Nach dem 'Abdate': Die Welt dreht sich. Mal sehen, wie lange

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Der Start war einer mit vielen Problemen, Schreibfehlern und ordentlich Ärger. Noch immer verweigern die Server hin und wieder den Dienst. Aber wenn es läuft, kann man sich leicht darin verlieren.
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Ständige Serverausfälle, asynchrone Serverdaten und Warteschlangen beim Einloggen sind Probleme, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Welch ein Paradebeispiel für überambitionierten Kopierschutz, der den Spaß mit dem neuen Sim City erheblich beeinträchtigt. Als Solo-Städteplaner zieht man aus der obligatorischen Internet-Anbindung nicht den geringsten Vorteil. Nur warten darf man, ausgiebig warten.

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Nachts um zwei ebbte der Ansturm auf die Server endlich ab: Huch, das Spiel funktioniert ja doch! Also schnell das Tutorial bewältigt und ins Getümmel gestürzt, bevor der Spaß wieder vorbei ist oder die Augen zufallen. Vier Stunden hielt es mich in Maxis Miniaturwelt, fast am Stück, mit kleinen Unterbrechungen, bis um kurz nach sechs Uhr morgens. Auf einem Spielball, der sich immer weiterdreht.

Man purzelt von einer Aufgabe in die nächste, vom Hundertsten in Tausendste. Und die Zeit verfliegt. Ich kann nicht leugnen, dass mich schon jetzt dieselbe Faszination einholt wie beim allerersten Sim City.

Richtig gemütlich hier

Obwohl wesentlich komplexer, gibt es sich so unbekümmert wie einst auf dem Super Nintendo. Leicht verständliche Menüs, vereinfachte, aber schlüssige Zusammenhänge und zuvorkommende Steuerung lassen mich schnell vergessen, dass es um eine gewissermaßen trockene Simulation geht. Ich ziehe meine ersten Straßen, weise Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete zu, kümmere mich um Strom, Wasser, Kanäle und Müll und beobachte inzwischen, wie meine kleinen Sims ihre neue Heimat aufbauen.

Weiche orchestrale Klänge umsäuseln mein Ohr, während die Stadt zu leben beginnt. Eine Illusion, der ich mich gerne hingebe, weil sie subtil vermittelt wird. Und ist die 3D-Grafik noch so bunt – sie ist authentischer und mitreißender als vieles, was Maxis davor ablieferte. Kleine Lastwagen bringen Güter, Kleine Männchen irren über Gehwege, Schornsteine qualmen... es ist richtig gemütlich hier.

Das neue Sim City macht von der ersten Minute an alles richtig, wenn es um die Präsentation geht. Obwohl genauso dreidimensional dargestellt wie einst SimCity2000 verliert es sich nicht im technischen Detail. Man darf jederzeit weit herauszoomen, um die Übersicht zu behalten, aber auch ganz nah heran, um sich am Stadtleben zu ergötzen. Das im Zeitraffer pulsierende Herz der Siedlung ist ein Erlebnis für sich, das mich gelegentlich an den Film Koyaanisqatsi erinnert. Auch ohne Phillip Glass in den Ohren gleitet man schleichend in eine Art Konstruktions-Trance.

Was nicht heißt, dass alles automatisch abliefe. Mein Hirn pocht auf Hochtouren und versucht etliche Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Zu kapieren, wovon eine Stadtstruktur profitiert, wie man Gelder oder Bauplatz einspart, wie die Umwelt Einfluss die Menschen nimmt.

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Das kann durchaus zu einem Neustart der Szenerie führen, mit neuem Wissen im Hinterkopf und der Vorfreude auf wertvolle Optimierung für den nächsten Versuch. Erst recht, wenn man herausfindet, wie mehrere nebeneinanderliegende Siedlungen sich gegenseitig aushelfen.

Alle Zusammenhänge offenbaren sich nach einiger Zeit eindeutig. Mögen eure Sims die Umweltverschmutzung nicht, so ist es recht einfach, dem entgegenzuwirken. Sie aber nicht nur zufrieden, sondern auch Glücklich zu machen, ist Feinarbeit.

Per Mausklick gibt jeder Haushalt Auskunft über Vor- und Nachteile des Stadtlebens, wobei manche sogar Sonderwünsche äußern. Mikromanagement heißt hier also nicht nur Schalten und Walten, sondern auch Zuhören und Bitten erfüllen. In gewisser Weise rückt SimCity näher an die Sims heran als zuvor – und somit auch an den eingangs erwähnten Film „Welt am Draht“.

Sie haben noch keine eigene Persönlichkeit, die kleinen Sims, aber Anspruche entwickeln sie durchaus. Die Stadt schläft nie, und ob ich als Berliner innerhalb der geplanten Zeit noch einen Flughafen gebaut bekomme, seht ihr in unserem Test Anfang nächster Woche. Oder vielleicht auch erst nächsten Monat. Auf jeden Fall noch vor 2015.