Was bist du für ein Typ? Wer hier glaubt, ehrliche Antworten geben zu müssen, sollte sich lieber ein Facebook-Profil statt Silent Hill: Shattered Memories zulegen. Persönliche Fragen werden hier dennoch gestellt: Finden Sie leicht Freunde? Waren Sie schon mal untreu? Man sollte darauf nicht mit einer empörten „Erlauben Sie mal!“-Attitüde eingehen, sondern mit einem spielerischen Ansatz – klar war ich untreu und so ein Gläschen ab und zu schadet auch nicht. Schließlich habe ich gerade meine Tochter verloren.

Harry Mason wird in meinen Händen zu einem Soziopathen, der sich gerne mit Frauen und Alkohol einlässt und nicht mal auf seine Tochter aufpassen kann. Passiert, vor allem da er gerade aus einem schrottreifen Wagen taumelt, den er eben amtlich gegen einen Pfosten gesetzt hat. Vielleicht war da ja auch Alk im Spiel… Egal, die Tochter ist weg und Harry macht sich auf die Suche nach ihr, in Silent Hill natürlich.

Klingt bekannt? Silent Hill: Shattered Memories ist die Redux-Version des Klassikers für die PlayStation. Das mag zunächst einmal etwas befremdlich wirken – der Remix ist ein Kulturwerkzeug der Musik, der Literatur und natürlich auch des Films, aber bislang blieben Spiele davon weitestgehend verschont, sieht man einmal von den ständigen Neuerfindungen eines Super Mario Bros ab.

Silent Hill: Shattered Memories - Grusel Deluxe Trailer

Wo in der Welt ist Cheryl?

Doch ja, warum eigentlich nicht? Silent Hill: Shattered Memories versucht nämlich nicht nur ein Grafik-Update und ein paar Wiimote-typische Gimmicks einzubauen, sondern setzt von Anfang an auf Neuinterpretation. Wohl dem, der also bereits vor der PlayStation schlotternd seine Nächte mit Harry Mason verbracht hat – denn Shattered Memories verweist zwar gelegentlich auf das Original, ist allerdings ein gänzlich anderes Spiel. An der Prämisse hat sich jedoch nichts geändert: Cheryl ist verschwunden.

Silent Hill: Shattered Memories - Psycho-Trip ins Albtraumland

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Es schneit mal wieder in Silent Hill.
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So rennt Harry also durch Silent Hill und sucht verzweifelt nach seiner Tochter. Derzeit sind schlechte Väter in Spielen en vogue, siehe Heavy Rain oder BioShock 2. Was wollen uns diese Spiele sagen, ist die männliche Spielerschaft gerade im Begriff zu einer Generation schlechter Väter zu verkommen, weil wir zuviel Zeit mit Konsolen verbringen? Oder liegt es an den Horror-Adventures, die uns zu schreckhaften Nervenbündeln werden lassen? Zunächst setzt Silent Hill nämlich wieder auf eine Tugend des Genres, welche Resident Evil schon lange aus dem Blick verloren hat: Atmosphäre.

Das Örtchen Silent Hill ist verlassen wie eh und je. Der Spieler muss sich durch diverse Distrikte schlagen, um eines der zahlreichen Enden zu erreichen, die eine herbe Überraschung bereithalten und dem Spiel eine ganz neue Wendung geben, die Dinge begreifbarer machen. Dazwischen überwacht das Spiel jede Bewegung, registriert unbemerkt, welche Dinge man am längsten angeschaut hat. Ein Psychiater stellt zwischendrin immer wieder aufdringliche Fragen, die auch intime Details beleuchten – der Mann weiß eben, was in einem Harry Mason vorgeht.

Packshot zu Silent Hill: Shattered MemoriesSilent Hill: Shattered MemoriesErschienen für PS2, PSP und Wii kaufen: Jetzt kaufen:

Sag mir, wer du bist

Zugegeben: Im Nachhinein ist das Psychogram ein recht einfacher Taschenspielertrick und doch kann man die Handlung fundamental durch das Verhalten während des Spielens beeinflussen. Je nachdem, wie das psychoanalytische Urteil ausfällt, gibt es Veränderungen in der Storyline, die Charaktere und deren Verhalten werden angepasst und selbst die Umgebung kann eine andere Gestalt annehmen. Die Spielmechanismen bleiben jedoch gleich, so weit ist Silent Hill also leider noch nicht.

Silent Hill: Shattered Memories - Psycho-Trip ins Albtraumland

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Oha, das wird sich nicht gut auf das psychische Profil auswirken.
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Das muss es auch nicht sein. Shattered Memories bietet einen interessanten Ansatz, über den sich lange diskutieren lässt – etwas, was die Reihe seit dem legendären zweiten Teil nicht mehr erreicht hat. Der ganze Mystikmumpitz wurde hier weitestgehend entfernt, zurück bleibt das Gefühl der Isolation, Einsamkeit und eine surreale, albtraumhafte Atmosphäre, die auch ohne das Zusammenknüppeln von irgendwelchen kriechenden Kreaturen funktioniert. Leider ist die Vorgehensweise innerhalb des Spiels manchmal etwas zu programmatisch, denn Shattered Memories zerfällt in zwei Elemente: Einmal wäre da das Adventure, in dem man die Gegend durchforstet und Schlüssel sucht. Dazu kann man mit der Wiimote Schränke und Türen öffnen, die üblichen Gesten werden bemüht. Außerdem sollt man immer die Gegend im Auge behalten, um keine wichtigen Hinweise zu verpassen.

Typisch für Silent Hill sind die Rätsel von lächerlicher Einfachheit oder einer verdrehten Logik. Sie sind es aber nicht, die den Ton angeben: Vielmehr begegnet man immer wieder übernatürlichen Begebenheiten und merkwürdigen Schatten. Statt des Radios rauscht diesmal das Handy, wenn etwas Unheimliches in der Nähe zu finden ist.

Freud hätte seine Freude: Je nachdem, wie man spielt, entwickelt sich der Verlauf der Story – ein tiefer Blick in psychische Abgründe. Silent Hill befindet sich mit Shattered Memories definitiv wieder auf der richtigen Spur.Fazit lesen

Echos aus der Vergangenheit

Dazu gehören auch die seltsamen Fragmente einer anderen Realität, die man über die Bildfunktion des Handys festhalten kann. Diese Echos erzählen von merkwürdigen Geschehnissen, aber auch von alltäglicher Gewalt und menschlichem Leid. Überall finden sich diese Erinnerungen, der Spieler muss die Puzzle-Teile allerdings selbst zusammenfügen: Wer hat die Deutungshoheit über Erinnerungen, wie subjektiv sind sie?

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Dank dem Handy kann man sich orientieren und empfängt zudem geheimnisvolle Botschaften.
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Die Atmosphäre von Silent Hill: Shattered Memories ist enorm dicht – wenn man sich darauf einlässt. Nicht jeder wird sich von dem eher gemächlichen Tempo beeindrucken lassen, wer Horror über Splatter oder Saw definiert, könnte hier ein wenig unruhig werden. Das Handy rauscht, die Taschenlampe flackert und eine Stimme jammert oder winselt von fatalistischen Geschehnissen – das wirkt manchmal auch einfach nur grotesk.

Dennoch fügt sich das Ganze im Laufe des Spiels zu einem stimmungsvollen Bild einer psychischen Ausnahmesituation und steht ganz in der Tradition des Klassikers Silent Hill 2. Denn erst das Finale gibt die Antwort auf die Frage, was Shattered Memories eigentlich erzählen will. Doch vor dem Ende gibt es leider noch ein paar Albträume zu durchstehen – und das ist nicht ganz einfach.

Flieh, du Narr!

Denn nach jeder eher unaufgeregten Erforschung eines Distrikts bricht die Hölle los. Die Umgebung verändert sich, das „andere“ Silent Hill wird manifest und die typischen amorphen, menschenähnlichen Kreaturen des Örtchens haben es auf Harry abgesehen – Waffen hat er allerdings diesmal keine, um sich der Angreifer zu erwehren. Bleibt also nur noch die Flucht durch dunkle Räume und unübersichtliche Landschaften. Leider verliert man schnell die Orientierung, läuft im Kreis und damit den Kreaturen in die Arme.

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Diesmal muss Harry ohne Eisenstange klar kommen.
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Zwar kann man sich verstecken – allerdings nützt dies nur für eine kurze Zeit. Ist Harry von einem Trupp Angreifer befallen, kann man diese durch Wiimote-Bewegungen abschütteln –doch schnell haben die Monster die Verfolgung wieder aufgenommen und eh man sich versieht, steht man wieder am Anfang der Sequenz.

Es wird deutlich, was die Programmierer beabsichtigten: Eine albtraumhafte Szenerie, in der man voller Panik flieht und immer das Gefühl hat, nicht weiter zu kommen. Leider ist das allerdings sehr häufig der Fall und der Spieler muss diese Pflichtübungen absolvieren, um den Fortgang der Geschichte zu erfahren.

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Taschenlampe, Schlüssel, Schnee und Blut: Der Grundstock jedes ordentlichen Silent Hill-Abenteuers.
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Diese Szenen funktionieren einfach nicht richtig. Zu sehr gleichen sich alle Räume, zu oft scheitert die Flucht und statt seine Tochter zu suchen flucht man die Wiimote an. So stirbt die vorher so gründlich aufgebaute Stimmung, die Atmosphäre sinkt auf den Tiefpunkt und der Wille, das Spiel einfach abzubrechen, wächst mit jedem gescheiterten Versuch. Das, was anfing als Rückkehr zur alten Form, also zu dem, was Silent Hill zu etwas Besonderem machte, wird durch ein nerviges Prozedere leider gebremst – es hätte so schön sein können.